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Immanuel Wallerstein

Mit verschiedenen Veröffentlichungen schrieb er (zusammen mit E. Balibar) die Smash-Hits der frühen 90er. Seine Position wird hier kurz und abstrakt dargestellt anhand der Veröffentlichung "Rasse, Klasse, Nation - ambivalente Identitäten".

Ausgehend von einem mir eklektizistisch erscheinenden Ansatz entwickelt der Autor seine Hauptthesen. Die heutige Situation wird nach I.W. durch ein auffallendes Paradoxon gekennzeichnet: Andauernde Ausbreitung universalistischer Auffassungen auf der einen, und fortdauernde rassistische und sexistische Unterdrückung auf der anderen Seite. (Kraft Selbstdefinition enthält der Universalismus die Einschränkung auf das männliche Geschlecht - all men are created equal).

Hauptthese des Autors:
Dieses angebliche Paradoxon beschreibt realiter eine symbiotische Beziehung zweier gegensätzlicher Ideologien, welche beide für das historische System Kapitalismus charakteristisch und in ihrer Beziehung konstitutiv sind.

Ideologiegeschichte des Universalismus
Der frühe Glaube an die moralische Höherwertigkeit des eigenen Gesellschaftsverbands, noch unberührt von abstrakten Gattungsbegriffen, wurde von den monotheistischen Religionen aufgeweicht. Diese öffneten den Zugang zur "In-Group" der "Erwählten" durch Bekehrung. Die Aufklärung radikalisierte diese Tendenz auf abstrakte Gattungsbegriffe und formulierte den modernen Universalismus, welcher seinen treffendsten Ausdruck in der französischen Revolution und ihrer Bürgerrechtsproklamation findet. Der Autor beschreibt die "stetig" wachsende Ausbreitung des Universalismus und führt diese auf die sich permanent ausbreitende kapitalistische Warenwirtschaft zurück, als deren Ideologie er den Universalismus ausmacht:

Des Kapitalismus hauptsächlicher Mechanismus - die Verwandlung aller Dinge in Waren zum Zwecke der Kapitalakkumulation - verdrängt jede andere Wertbestimmung außer der eigenen marktförmigen, als seinem Durchsetzungswillen und seinem Expansionsdrang hinderlich (Deren wohlfeile Waren sind die schwere Artillerie, welche die Mauern der Barbarei......). Leistungsgesellschaft ist das Schlagwort der ideologischen Legitimation für Reichtum und Armut. Eben diese ist nach I.W. äußerst instabil, da kein fatalistischer Glaube (Religion), gepaart mit außerökonomischem Zwang, die Benachteiligten bei der Stange hält. Deshalb können, so I.W., Rassismus und Sexismus auf der Bildfläche erscheinen.

Alsdann schiebt der Autor eine gegenläufige Beobachtung ein: Trotz der Ausbreitung universalistischer Ideen nehmen rassistische und sexistische Unterdrückung nicht ab sondern zu; es breiten sich anscheinend nur die Märkte aus.

Die Entstehung des modernen Rassismus
Die frühe Xenophobie mit ihrer "In-group" - Bildung (Reinheit der sozialen Umgebung, Naturrechtsvorstellungen) führte zum Verlust der Arbeitskraft. Genau diese aber wird zur Kapitalakkumulation gebraucht, ein solcher Verlust ist also aus modernen Verwertungsgesichtspunkten unannehmbar. Weiterhin ist es zur Maximierung der Akkumulation notwendig, sowohl die Produktionskosten als auch die politischen Kosten deutlich zu senken. Die politische Kosten können durch Entsolidarisierung gesenkt werden, wenn bestimmte Gruppen bevorzugt werden. Es entsteht dann eine hierarchische Ethnisierung der Arbeiterschaft, auf deren anderer Seite Lohnsenkungen durchgeführt werden können. Die Beschäftigung erfolgt dann proportional zum Lohn in bestimmten, historisch gewachsenen Bereichen unterschiedlicher Produktivität

Der moderne Rassismus ethnisiert die Arbeiterschaft nach kulturalistischen oder genetischen Kriterien (die dazugehörige Kriterienbildung kann flexibel sein) und bildet in dieser Funktion samt deren Zerstörungskraft ein konstantes Muster, nicht aber in den genauen Abgrenzungslinien, die flexibel und Teil des politischen Prozesses sind. Alsdann tangierte der Autor eine zentrale Frage des Seminars: Wie konnten alte internalisierte Abgrenzungsmuster immer wieder aufs neue reformiert und funktionalisiert werden?

Kapitalistische Notwendigkeiten (Surplus, Law + Order, Lohnsenkungen) korreliere aufs vortrefflichste mit traditionellen rassistischen Vorstellungen und gleichzeitig mit einem historisch gewachsenen hierarchischen System von Arbeitsleistungen und Vergütungen Gesellschaftlich schlägt der moderne Rassismus die Brücke zum Vergangenen durch die Verwendung alter internalisierter Abgrenzungsmuster, verlangt aber gleichzeitig Flexibilität (die nicht von allen aufgebracht wird) bei den genauen Verlaufslinien der jeweiligen Abgrenzung.

1. Durch Neudefinition von Abgrenzungslinien (z.B. EG-Bürger und ihre Stellung) oder durch gezielte Zuwanderungspolitik können die Lohn und Beschäftigungsstrukturen den Verwertungsinteressen angepasst werden, eben das Heer der Reservearmee und Billigarbeiter steuern. Meist ein hochpolitischer Prozess. Beispiele: EG/"Gastarbeiter", Abschaffung des Asylrechts und das von einigen Kapitalfraktionen gewünschte Einwanderungsgesetz.

2. Die Ethnisierung (rassistische Spaltung) der Arbeiterschaft führt zur Entsolidarisierung durch partiell differente Interessenlage (real oder eingebildet) und durch die allgegenwärtige Angst vor der politisch möglichen Deklassierung bei nichtkonformem Verhalten (Entzug der Aufenthaltsgenehmigung bei wildem Streik).

3. Die ethnische Hühnerleiter führt zu Auseinandersetzungen der einzelnen Gruppen untereinander.

4. Auf Dauer führt derartige rassistische Ausbeutung zu sich selbst reproduzierenden Gemeinschaften, deren Sozialisation die Nachwachsenden auf bestimmte Funktionen und Tätigkeiten vorbereitet.

Der Universalismus ist also die ideologische Absicherung der expandierenden Rohstoffmärkte und zudem das Credo der technischen Intelligenz, während der Rassismus zusätzliche (?) Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt rechtfertigt, denselben also strukturiert.

Und der Sexismus??? Dieser ist für IW eine Begleiterscheinung des Rassismus, nur das jedenfalls kann aus der Gewichtung des Themas gefolgert werden. Die besonders niedrigen Löhne für große Teile der Arbeiter sind nur durch deren Einbindung in aufwendige Hauhaltsstrukturen, oder direkt in Subsistenzwirtschaften, zu ermöglichen, welche, von wem sonst, von Frauen geführt werden. Deren Arbeit, die so indirekt zur Akkumulation beiträgt, wird als natürliche Aufgabe, als Pflicht usw. ausgegeben und ermöglicht so eine besonders günstige Reproduktion.

Wie beim Rassismus, so ist auch beim Sexismus das Muster konstant und die genaue Grenzziehung, was denn nun der Frauen "Pflicht" ist, flexibel. Diese äußerst effiziente symbiotische Beziehung gegensätzlicher Ideologien, deren genaue Gewichtung Teil des politischen Prozesses ist, eben diese Gleichgewicht ist ständig in "Gefahr", meist durch rassistischen Extremismus. Die "neuen" Nazis wollen eine im kapitalistischen Sinne unproduktive soziale Reinheit, sie wollen ihre Ausgangsposition in der allgegenwärtigen Konkurrenz verbessern, diese bringt die Gewalt hervor - MB. Demgegenüber demonstrieren einige Hunderttausend, die nicht wollen, dass ihre Putze erschlagen wird solange sie so schön und billig putzt. Die Herausstellung des Nutztiercharakter ist also die einzige ehrliche Reaktion der Zivilgesellschaft, der dem nazistischen Mob Verständnis signalisiert und Zurückhaltung fordert.