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5. Das Beispiel Wien

Der im vorhergehenden Kapitel zitierten Maxime folgend wurde für das 1938 gerade neu gewonnene Siedlungsgebiet Österreich, schon 15 Tage nach der Annexion, von Göring1  die Einleitung eines Arisierungsprogramms gefordert und der institutionelle Rahmen dazu bis Mitte Mai etabliert. Im Laufe des Jahres wurde zudem die Raumplanung durch eine Landesplanung für die Ostmark unter Vorsitz von Willi Richert etabliert, dessen Leiter sich hier für größere Aufgaben profilieren konnte (siehe dazu der Abschnitt über Stadtplanung in Polen).2

Im Gegensatz zum Deutschen Reich, das mittels Rüstungsboom und Plünderung des Weltmarktes einen Wirtschaftsaufschwung auf wackeligen Beinen erzeugt hatte, litt die österreichische Wirtschaft an mangelnder Auslastung und stagnierender Produktivität. Diese Mißstände zu beheben war aber nur ein Ziel des sog. Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, des ehemaligen saarpfälzischen Gauleiters Josef Bürckel. Denn die Ausrichtung auf die Interessen des Deutschen Reiches und die Funktionalisierung Österreichs als Tor für weitere Expansion nach Südosteuropa waren die erklärten Ziele der Reichsregierung.3

5.1. Wohnraum


Zudem herrschte, von einem vielbeachteten sozialdemokratischen Intermezzo (Bau des Marx- Hofes etc.) abgesehen, in Wien ein extremer Wohnraummangel.  Wegen des relativ großen Anteils der jüdischen Bevölkerung und der Dringlichkeit des Wohnungsproblems können "Studien über Wien (...) daher von einer gewissen exemplarischen Bedeutung für ganz Österreich, vielleicht auch für den ganzen Bereich des 'Großdeutschen Reiches' sein."4

Trotz des geringen Umfangs stellten die sozialdemokratischen Baumaßnahmen für die NSDAP eine Herausforderung dar, die sie mit nie verwirklichten Neubauplanungen und einem verkürzten Antikapitalismus ("Zinswucher" etc.) zu beantworten versuchte.

Gleichzeitig kam es im Frühjahr 1938 zu spontanen "Arisierungen", die der Gauleiter Bürckel durch verwaltungstechnische Maßnahmen und die Einsetzung des städtischen Planers Gerhard Laub (der in engem Kontakt zum Mitarbeiter der Reichstelle für Raumordnung und Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung5  Konrad Meyer stand) einzugrenzen versuchte.6  Bis Dezember 1938 war der gesamte Wohnungsbestand in Wien nach rassistischen Kriterien kartiert (auch die schon stattgefundenen Umsiedlungen), mindestens 50% waren schon "arisiert".7

Die Beraubten wurden räumlich zielgerichtet in "jüdische Halbghettos am Donaukanal"8  konzentriert. Denn obwohl schon die ersten Deportationszüge (vor allem mit staatenlosen Juden) rollten, waren die meisten Pauperisierten noch in der Stadt.9  Die Umsiedlung in Halbghettos konnte aus der Sicht der Ausführenden aber nur eine Zwischenlösung sein, denn diese bestanden ebenfalls aus Wohnungen, auf die wiederum "Bedarf" angemeldet wurde.10  Daraufhin ließ Bürckel im Juli 1939 einen Internierungsplan11  zur "Totalentjudung" entwickeln, der für die Wiener Juden als Vorstufe zur Deportation KZ- ähnliche Barackenlager außerhalb der Stadt vorsah, die dann nur deshalb nicht gebaut wurden, weil - unter anderem auch durch den Druck aus Wien - bereits die Deportation  in die bestehenden Lager begonnen hatte.12

 "Dies ist ein weiterer Beleg für die These, daß der in Österreich (...) praktizierte Antisemitismus der Judenverfolgung in Deutschland einige Grade vorauseilte und von hier aus starke Impulse auf das 'Altreich' ausgingen."13

 

5.2. Gewerbebetriebe


Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Politik der Vertreibung (und Vernichtung?) einerseits und der Politik der Modernisierung andererseits, stellt sich hier also neu.

 "Beide zusammen waren darauf gerichtet, dem Deutschen Reich und schließlich dem gesamten europäischen Kontinent neue politische, ökonomische und soziale Strukturen aufzuzwingen, und zwar binnen kürzester Frist."14

Dies wird auch dort deutlich, wo Raumplaner (neben anderen) an der "Arisierung" von Gewerbe und Handel beteiligt waren. Die ökonomische Auswahl der Reihenfolge der Enteignungen und der weiteren Verwendung errechneten Planer des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit.15  Während der "Entjudung" Wiens wurde zwischen Enteignung und Schließung aber auch nach Prinzipien der städtischen Raumplanung entschieden.

Federführend dafür war die nun auf die sog. Ostmark ausgedehnte Reichsstelle, wie anhand einer Gremientagung (siehe unten) festgestellt werden kann, die im September 1938 stattfand. Die Namen der ausführenden Planer sind in der dazugehörigen Veröffentlichung genausowenig zu finden wie entsprechende Karten. Dieses hier noch einmal deutlich werdende Quellenproblem kann aber kein Grund sein die Arbeit der Raumplaner in diesem Bereich für gänzlich unbedeutend zu halten (wie der nachstehende Artikel aus Raumforschung und Raumordnung zeigt), da davon auszugehen ist, daß diese (Halb)Geheimhaltung sehr bewußt erfolgte. Die Relevanz der Raumplaner im Vergleich zu anderen Technokraten ist auch hier nicht letztendlich zu klären; dieses Thema ist auch in Österreich nicht wirklich aufgearbeitet.16  Fest steht nur, daß sie an den Planungen beteiligt waren:

 "Sie ermittelten Standortverdichtungen, berücksichtigten 'künftige Änderungen des Stadtbildes' und geplante 'Straßenführungsbereinigungen'. Darüberhinaus versuchte man die Einzelhandelsgeschäfte und Handwerksbetriebe 'verbrauchsorientiert (...) nach den Bevölkerungsdichten gleichmäßig im Raum zu verteilen'. (...) Die Planer verstanden ihr Vorhaben als 'städtische Raumplanung'."17

 "Die heutige Tagung setzt die in wenigen Jahren seit Schaffung der Reichsstelle geleistete Arbeit auf ostmärkischem Boden fort. (...) Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Maßnahmen zur Entjudung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Raumes. Weil die Verjudung in der Ostmark ein unvergleichlich größeres Ausmaß angenommen hatte als im übrigen Reichsgebiet, waren hier besondere Maßnahmen notwendig und obwohl diese Maßnahmen in der Ostmark das schwierige Problem in der kurzen Zeit von sechs Monaten naturgemäß erst vorbereitend in Angriff genommen werden konnte, hat sich daraus eine entschlossene Inangriffnahme des Problems im gesamten Reich bereits in einer Weise entwickelt, die die völlige Entjudung des deutschen Raumes in wenigen Jahren in sichere Aussicht stellt."18

Sehr deutlich beschreibt der Autor hier die sich selbst in ihren Rückwirkungen verstärkenden Maßnahmen durch ihren Export (Gewaltfrage). Er weist ausdrücklich darauf hin, daß die "Entjudung" Wiens der im Deutschen Reich einen neuerlichen Aggressionsschub geben soll, also Studien über Wien tatsächlich eine exemplarische Bedeutung haben.

 "Eine einsichtige nationalsozialistische Führung ist daher auch heute schon an der Arbeit, diese Stadt räumlich auszugestalten, (...) (so daß) ein Stadtgebilde entsteht, das in der Lage ist, den zahlreichen Volksgenossen, die als Mitarbeiter an diesen Aufgaben Wiens tätig sein werden, würdige Wohn- und Lebensmöglichkeiten zu bieten. Diese Neugestaltung und Auflockerung der Stadt Wien (...) wird auch ihre Beziehung zu den anderen Gauen des Alpenlandes auf eine neue, in biologischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht fruchtbarere Grundlage stellen."19

Das Ziel dieser Planer war also die Durchsetzung/ Festigung eben jenes strukturellen Vorteils20  für die Volksgemeinschaft, der überhaupt Antrieb für diese Politik war. Die Entrechtung (später Vernichtung) einer Minderheit und die wirtschaftliche Sanierung sollten auch aus räumlicher Perspektive bruchlos ineinandergreifen.

Die ökonomischen Wirkungen solcher Beraubungen sollen hier einmal in ihrer Funktionsweise anschaulich beschrieben werden:
Zerstören Sie in der Marburger Oberstadt 10% der Geschäfte, haben die restlichen Ladenbesitzer erst einmal 10% mehr Umsatz. Enteignen Sie 30% der Ladenbesitzer (wie in Wien), schließen 25%  und verteilen den Rest unter den anderen Kaufleuten, schaffen Sie zudem mit den sonstigen enteigneten Vermögenswerten Nachfrage, dann erreichen Sie eine kurzfristige Ankurbelung der Wirtschaft. Enteignen Sie auch einen Teil der Betriebe des verarbeitenden Gewerbes, können Sie den entstandenen Spielraum zudem zur Rationalisierung nutzen. Ihre Komplizen sind dann alle diejenigen, die weiterhin ungestört am Wirtschaftsleben teilnehmen. Bricht allerdings der Prozeß der Beraubung ab, fällt diese Scheinblüte in sich zusammen, da Sie die Wertschöpfung um keinen Deut ausgeweitet haben und zudem die Versorgung der Pauperisierten Kosten verursacht. Nur die Senkung dieser Kosten und weitere Beraubungen können den so induzierten Wirtschaftsaufschwung retten. Innere und äußere Kolonisierung sind im Nazismus sowieso Teil eines umfassenden Konzepts, trotzdem sei hier noch einmal gezeigt, wie die innere die äußere Kolonisierung notwendig nach sich zieht und das Beispiel Wiens zeigt, wie die äußere die innere verschärft.
In Wien hatten deutsche Planer das erste Mal außerhalb der Reichsgrenzen Raub und strukturelle Sanierung im großen Stil angewandt.

 "Im Prinzip arbeiteten die deutschen Planer bis zum Jahr 1941 in allen besetzten Ländern auf dieser Linie weiter, wobei sie insbesondere in Westeuropa die Politik der 'Entjudung' mit der der Kapitalverflechtung kombinierten.Da der sozialpolitische Spielraum nicht durch eine prinzipielle Änderung der Eigentumsordnung erreicht werden konnte, wurde er auf Kosten der Menschen in den neu eroberten (oder annektierten, M.B.) Gebieten geschaffen: indem man sie vertrieb, enteignete und diskriminierte. Das Programm hatte seine profiliertesten Vertreter in Görings Vierjahresplanbehörde."21
Und auch um diese Behörde soll es im nächsten Kapitel gehen, da dort Raumplaner mitwirkten.


1 Vgl. Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 33.
2Vgl. Niels Gutschow: "Stadtplanung im Warthegau 1939 - 1944", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien nationalsozialistischer Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S. 232 - S. 258, S. 232.
3 Vgl. Wolfgang Schumann: "Griff nach Südosteuropa", Berlin 1973.
4Vgl. Gerhard Botz: "Wohnungspolitik und Judenverfolgung in Wien 1938 - 1945 - Zur Funktion des Antisemitismus als Ersatz nationalsozialistischer Sozialpolitik", Salzburg 1975, S. 14ff.
5Anm.: Die Reichsarbeitsgemeinschaft wird in Kap. 6. dargestellt. Zum Problem der Planerbiographien werden in der Nachschrift einige Angaben gemacht.
6Vgl. Ebd., S. 22 und S. 27 und S. 35.
7Vgl. Ebd., S. 59f.
8Vgl. Ebd., S. 77.
9 Vgl. Ebd., S. 72.
10Vgl. Gerhard Botz a.a.O., S. 89f.
11Vgl. Ebd., S. 90.
12Vgl. Ebd., S. 92f.
13Ebd., S. 103.
14Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 9.
15Anm.: Das ist dieselbe Institution, die auch die wirtschaftlichen Berechnungen für Auschwitz durchführte und in der BRD als Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft weitergeführt wurde. Siehe dazu auch: Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 36.
16Anm.: So auch Gerhard Botz in einem Telefonat mit dem Verfasser am 03. 07. 1996.
17Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 38f.
18 Walter Rafelsberger: "Die wirtschaftliche Eingliederung der Ostmark in den großdeutschen Raum", in: Raumforschung und Raumordnung, 10/ 1938, S. 481 - S. 487, 483ff.
19Ebd., 483ff.
20Anm.: Der eben auf allen Ebenen geplant wurde. Die verstaatlichten Arisierungsgewinne wurden zum wirtschaftlichen Strukturfonds.
21Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S.167, 276.