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7. Verschiedene Positionen zur Geschichte der Raumplanung

Was der Historiker Dietrich Eichholtz über die Wahrnehmung des Generalplans Ost schreibt, kann stellvertretend für die ganze Raumplanung im Nationalsozialismus gesagt werden. Zwar gibt es seit Mitte der 80er Jahre einige wenige Autoren, die zu diesem veröffentlichen, in der etablierten historischen Forschung ist dieses Thema jedoch unterrepräsentiert.

 "Dennoch fällt es nicht schwer, eine ganze Reihe stark vernachlässigter Forschungsfelder der Generalplan Ost- Thematik aufzuzählen: etwa das Problem der Singularität einerseits, der imperialistischen Kontinuität der in ihm gipfelnden dreieinigen Politik von Rassismus, Eroberung und Gewalt andererseits; (...) den Zusammenhang zwischen Generalplan Ost und 'Neuordnung Europas' einschließlich der Problematik des 'Großgermanischen Reiches'; den Zusammenhang zwischen Generalplan Ost und 'Endlösung der Judenfrage' (...).

Die Rezeption und Verarbeitung der Generalplan Ost- Thematik in der Öffentlichkeit ist gleich Null. Das ist kein Wunder, wo doch maßgebliche Vertreter der etablierten Geschichtswissenschaft die Planungen als 'Tagtraum' (Heiber) und 'Schimäre' (Graml), als Ausfluß Hitlerscher 'Monomanie' (Hildebrand) kennzeichneten und ihre praktische Bedeutung leugnen oder herunterstufen; wenn das Interesse an echter Aufarbeitung abgelenkt wird durch die Wiederbelebung der Totalitarismus- These, besonders durch die verzerrende Gleichsetzung des NS- Völkermords mit den stalinistischen Verbrechen."1

Behandelt werden in diesem Kapitel also nur solche Ansätze, die die imperialistische Expansion explizit als geplant (im Sinne von Raumplanungen) darstellen.

7.1. Die Selbstdarstellung der Disziplin

Da ist vor allen anderen der Mitarbeiter der Reichsstelle für Raumordnung, später der Reicharbeitsgemeinschaft für Raumforschung, der Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung, Oberbaurat beim Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums und enger Bekannter Konrad Meyers, eben Josef Umlauf, auch als Pensionär - nach seiner Weiterbeschäftigung in staatlichen Planungsinstanzen - noch bis mindestens 1986 zum Thema aktiv, der 1958 rückblickend formuliert:

 "Es war überhaupt das Schicksal der Reichsstelle für Raumordnung, daß ihre Entwicklung nach einem schwungvollen Anlauf auf halben Wege abbrach, und daß sie durch die Zeitumstände nicht nur in der Erfüllung ihrer Aufgaben behindert wurde, sondern daß auch ihre bedeutenden positiven Beiträge zur Entwicklung der Landesplanung mit dem Odium belastet wurden, das allen vom nationalsozialistischen Staat geschaffenen Institutionen anhaftete."2

Auf halbem Wege gestoppt und an der Erfüllung gehindert, sieht der Umvolkungsexperte noch 1958 die Raumplanung im Nationalsozialismus lediglich mit einem ihr abträglichen Odium belastet.  Über seine Leitungsfunktion bei der Unterabteilung für die polnischen Städte schreibt er nicht so gern. Seine diesbezüglichen Arbeiten sind für die Bearbeitung des gestellten Themas unbrauchbar, denn von einer in irgendeiner Form "mißbrauchten" Wissenschaft kann nun wirklich keine Rede sein.

Erst seit Mitte der 80er Jahre gibt es unter den jüngeren Raumplanern ein zunehmendes Interesse an der Geschichte der eigenen Disziplin, das allerdings seinen Ausdruck in der Darstellung einzelner Planungen findet; ihnen fehlt die Gesamtschau der Disziplin Raumplanung im Nationalsozialismus. 4

7.2. Strukturalistische Ansätze

7.2.1. Die Unzulänglichkeit der Diskursanalyse

Populäre Deutungsmuster zum rationalisierten Raub sehen diesen und seine Rationalisierung - mit besonderem Bezug auf den Nationalsozialismus - als die Kehrseite der Moderne an. Diesen Modernisierungsdiskurs gibt es in zwei Ausführungen:

Da sind zum einen die klassischen Modernisierungstheorien, die sich hierzulande meist auf Dahrendorf beziehen (keine nennenswerten Veröffentlichungen zur Raumplanung) und zum anderen die strukturalistische Kritik der Moderne, wie sie zum Thema exemplarisch von Mechtild Rössler formuliert wird:

 "Moderne - das sind widersprüchliche Prozesse: sowohl Industrialisierung und Agrartechnologie, als auch Agrarromantik, Taylorismus und Fordismus, neue Organisations- und Raumstrukturen; (...) damit sind auch neue Unterwerfungs- und Herrschaftsstrukturen verbunden, wie sie beispielhaft im 'Generalplan Ost' niedergelegt wurden."5

Die Autorin sieht in der Disziplin Raumplanung eine Entwicklung des NS:  "Zwischen 1935 und 1945 wurde mit den 42 Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung an den Universitäten eine neue Fächer- und Fakultäten übergreifende Disziplin institutionalisiert (...)." Mechtild Rössler sieht darin eine neue Wissenschaftskonzeption:

 "Die Besonderheit dieser reichsweiten Arbeitsgemeinschaft (...) lag darin, daß sie - über den Gemeinschaftsgedanken als Strukturprinzip hinaus - den Ideen einer nationalsozialistischen, volksbezogenen Wissenschaft entsprach und dabei gleichzeitig umfassende zweckrationale, technokratische Forschung für Planungsaufgaben betrieben wurde."6

Die Entstehung und Entwicklung dieser Disziplin zeichnet sie dann durch die Analyse der internen Diskurse nach. Dabei unterscheidet sie vor allem zwischen der Position der Agrarromantik und der der ökonomischen Rationalisierung. 8

In ihren Veröffentlichungen fehlt der Vergleich mit der amerikanischen Entwicklung gänzlich, denn ihre somit offensichtlich unzulängliche Untersuchungsmethode ist die Diskursanalyse.

 "'Lebensraum', 'Ostraum', 'Großwirtschaftsraum' - schon das geographische, geoökonomische und geopolitische Vokabular verweist auf neue Raumdimensionen (Unfug, es verweist auf neue Planungsdimensionen, M.B.) und impliziert territoriale, militärische und ökonomische Expansion. Mit dem Beginn des 'Dritten Reiches' kam es zu einer Kulmination der verschiedenen Raumdiskurse, die bereits während des Kaiserreiches und der Weimarer Republik entstanden und an unterschiedliche Interessenkreise gebunden waren."8

Ähnliches attestiert sie auch für die Entwicklung der statistischen Methoden der Volkszählung, etc..

In ihrer strukturalistischen Sicht besitzt Wissenschaft keinerlei Rationalität außerhalb - im Sinne einer möglichen dialektischen Aufhebung - des sie erzeugenden Herrschaftskonzepts. Herrschaft wird im Strukturalismus als Macht untersucht; und die wird nicht als einer Klasse eigen, sondern als Gesamtwirkung strategischer Positionen (deren Diskurse deshalb zu analysieren sind) und vor allem zur Erhaltung ihrer selbst aufgefaßt.9  Der Strukturalismus fragt nicht nach dem "warum?", sondern nur nach dem "wie?" einer einzelnen konkreten Machttechnik. Der prinzipielle Mangel dieses Ansatzes: Er kann (ganz allgemein) nicht erklären warum der Nationalsozialismus überhaupt, zu seiner Zeit und an seinem Ort entstanden ist; er kann dementsprechend auch nicht erklären, wie eine Wissenschaft von der Strukturplanung im Ruhrgebiet zur Vertreibung von Polen fand; er kann zudem nicht erklären, warum in den USA neue Industrieansiedlungen mittels friedlicher Methoden projektiert wurden (eben nicht Planungstechnik des Imperialismus), während hier die geordnete Beraubung geplant wurde.

Diesen historischen Scheideweg  in der Entwicklung der Raumplanung durch die Einbindung in den Imperialismus nicht erklären zu können ist - neben der untauglichen Fixierung auf Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie - aber ein derartiger Mangel, daß diesem Ansatz hier nicht zugestimmt werden kann.

 

7.2.2. Der soziologische Ansatz

Die zentrale Zusammenfassung und Aufarbeitung verschiedener Vorarbeiten unter dem Blickwinkel einer Soziologie des Raumes stammt von Dieter Münk: "Die Organisation des Raumes im Nationalsozialismus - eine soziologische Untersuchung ideologisch fundierter Leitbilder in Architektur, Städtebau und Raumplanung", Bonn 1993. Darin untersucht er, ob der Nationalsozialismus eine spezifisch nationalsozialistische Raumidee hatte und genau daraus die Organisation des Raumes ableitete. Nur soll dies allgemein unter dem Blickwinkel des Vergleichs verschiedener allgemeiner Herrschaftskonzepte geschehen.

 "Dieser Wunsch, das soziale Verhalten der Menschen zu kontrollieren und zu steuern, indem mit den Mitteln der Architektur und der Stadtplanung, d.h. mit der systematischen Organisation des 'Lebensraumes' Nutzungspotentiale angeboten werden, die das Entstehen bestimmter Formen sozialen Verhaltens und bestimmter Wertestrukturen fördern oder verhindern, gehört zu den ältesten Visionen der Stadtplaner und Architekten."10

 "Die von den Nationalsozialisten intendierte Organisation des Raumes, d.h. die Symbolisierung der 'Volksgemeinschaft' durch die immer zugleich auch einschüchternden 'Bauten der Gemeinschaft', konstituierte mit ihrem Wechselspiel von sozialer Integration und sozialer Exklusion (..) jenes 'Zusammenspiel von Anpassung und Ausmerze, von Ordnung und Terror', welches für den Nationalsozialismus so typisch war."11

Um dies weiter zu untersuchen rezipiert der Autor zuerst die klassischen Ansätze der Raumsoziologie und legt das Augenmerk besonders auf die frühen strukturalistischen Arbeiten (vor allem Halbwachs und Lévi- Stauss):

  • Raum als Abbild der sozialen Gliederung
  • als Abbild des wichtigsten Teils des Wertesystems
  • Raum als kollektives Gedächtnis
  • Machtdetermination des Raumes ermöglicht herrschaftliche Planung12

Die herrschaftliche Raumplanung der Nationalsozialisten ist nach Münk der Versuch die für den Nationalsozialismus zentralen ideologischen Topoi der Reagrarisierung, der industriellen Dezentralisierung und allgemein der Großstadtfeindschaft unter der Prämisse der Volksgemeinschaft (samt faschistischer Korporation) umzusetzen, was seinen konzentriertesten Ausdruck in der häufig wiederkehrenden Formulierung "Großhof Deutschland" findet.13  (Zu diesem Zweck unternimmt der Autor einen für diese Arbeit uninteressanten kunstgeschichtlichen Vergleich sämtlicher Planungskonzepte vor und weist deren Zivilisationsfeindschaft nach.) Aus seinem Ansatz folgt notwendig, daß er die rassistische Selektion, wie oben zitiert, als durch räumliche Gestaltung noch einmal manifestierte "soziale Exklusion" (samt deren mörderischer Konsequenz) beschreibt, aber kaum auf das Aneignungsinteresse verweist:

 "Der Schritt von einer in der politischen Praxis zunächst diffus bleibenden 'Lebensraumpolitik' zu einer systematischen und wissenschaftlich fundierten Raumplanung als institutioneller und organisatorischer Zusammenfassung der 'Gesamtheit aller zur Erarbeitung, Aufstellung und Durchsetzung der erstrebten strukturräumlichen Ordnung eingesetzen Mittel' war eine wesentliche Voraussetzung zur Umsetzung des totalitären Anspruchs der Organisation des Raumes gemäß der ideologisch geprägten Vorstellungen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems."14

Zur Analyse der Raumplanung vor allem im Kriegsverlauf greift dann auch Dieter Münk auf die Diskursanalyse, insbesondere auf die Auseinandersetzung zwischen kleinbürgerlicher Agrarromantik und technokratischer Rationalisierung zurück.15

 

 

7.2.3. "Vordenker der Vernichtung"?

Die AutorInnen Aly/Heim behaupten einen Selbstlauf der (verschiedensten) Planungen und Planer (nicht zu Verwechseln mit der These einer sich verselbständigenden Aggressivität), welcher sich aufgrund der in der Wissenschaft und ihren Prämissen selbst liegenden Methoden und Möglichkeiten vollzogen haben soll und somit zum Holocaust führte:

 "Dabei handelt es sich um zwei Seiten derselben Konzeption: So wie zeitgenössische Anthropologen, Mediziner und Biologen die Ausgrenzung und Vernichtung 'Minderwertiger' anhand rassistischer Kriterien und anhand von Leistungsnormen als eine wissenschaftliche Methode zur Verbesserung der Menschheit - zur 'Gesundung des Volkskörpers' - begriffen, so meinten Ökonomen, Agrar- und Raumplaner an einer 'Gesundung der Sozialstruktur' (das korporative Prinzip, M.B.) in den unterentwickelten Regionen Deutschlands und ganz Europas arbeiten zu müssen.(...)

Bevölkerungspolitik wurde nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern als Mittel zur Rationalisierung der Wirtschaft begriffen: Es ging darum, die 'toten Kosten' zu verringern, die gesamtgesellschaftliche Produktivität zu steigern (..).

In ihren Zukunftsentwürfen sahen die Planer Verkehrsadern, Rohstoffreserven, Gebiete und Menschen als gleichrangige 'Faktoren'. Transportprobleme, 'Ernährungsengpässe' und die Beseitigung der 'Überbevölkerung' stellten aus ihrer Perspektive gleichermaßen Sachzwänge dar, die mit den Mitteln moderner rationeller Planung und Verwaltung zu bewältigen seien.' (...)

Sie verstanden es, aus den Plänen für die militärische Eroberung des Ostens ernährungs- und wirtschaftspolitische Strategien zu entwickeln, die - weit über 'klassische' Eroberungsfeldzüge' und sadistische Mordlust hinaus - die Massenvernichtung zum 'Sachzwang' machten, zur Voraussetzung für langfristige Herrschaft und ökonomische Unterordnung."16

Diese Thesen des Duos lassen sich in zwei Bereiche aufgliedern:

 1. "Die Planer der Besatzungsherrschaft beispielsweise erarbeiteten ein Entwicklungsmodell, um die schwer kontrollier- und ausbeutbaren Subsistenzwirtschaften in Süd- und Osteuropa zu zerstören und im Sinne der Interessen der deutschen Wirtschaft eine funktionale ökonomische und soziale Ordnung zu schaffen."

 2. "Innerhalb dieses Modells wurde die Vernichtung von Menschen ein spezifisches Mittel der Entwicklungspolitik. Zwei Faktoren waren hierfür konstitutiv: zum einem die wissenschaftliche Abstraktion, die etwa die Zahl der Menschen zu einem beliebig manipulierbaren Zahlenfaktor gerinnen ließ; zum anderen ein politisches Klima, das die Umsetzung solcher Entwürfe uneingeschränkt möglich machte. (...)

Vor allem für die letzte dieser Thesen (...) sind Heim und Aly heftig angegriffen worden."17

Die Vernichtung (gemeint ist hier der Holocaust,  M.B.) ist nach Ansicht von Aly/ Heim also der zwangsläufige Schritt in einem bestimmten "social engineering" mit den Deutschen als Gewinnern.18

Demnach liegt also in der Planung von Bevölkerung und Ökonomie im Zusammenhang mit der Geographie eine mörderische Potenz, die unter bestimmten Bedingungen ("politisches Klima") notwendig zum Tragen kommt. Nur unter welchen?

 "Auschwitz ist in hohem Maße die Folge einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft."19

Auch dies eine strukturalistische Annahme.

Zudem unterschlägt diese Schlußfolgerung die zentrale Rolle des Antisemitismus bei der Vernichtung der europäischen Juden, weshalb diese Einschätzung hier nicht ganz ernst genommen werden kann. Die meisten Kritiker des Duos Aly/ Heim verweisen allerdings auch auf deren Verdienste:

 "Zunächst einmal belegen die Befunde, daß wesentlich mehr Personen und Institutionen für die Erforschung des Holocaust (und der Besatzungsherrschaft allgemein, M.B.) wichtig sind, als bisher angenommen wurde. Gleichzeitig heißt dies, und auch darauf weisen Heim und Aly ausdrücklich hin, daß die 'Entscheidungsabläufe in den Zentren des nationalsozialistischen Staates' noch längst nicht im vollen Umfang rekonstruiert sind."20

Auch wegen des somit notwendig spekulativen Charakters kann der Zusammenhang zwischen Planung und Holocaust hier nicht weiter verfolgt werden.

 

7.3. Kritische Geschichtswissenschaftler

Der Historiker Dietrich Eichholtz befaßt sich, was die Raumplanung betrifft, leider nur mit dem Generalplan Ost und fand dieses Thema über seine Beschäftigung mit der deutschen Kriegswirtschaft und ihrem Interessengeflecht.21  Er weist allerdings dem Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums bei den Planungen eine geringere als die hier angenommene Relevanz zu und sieht in Konrad Meyer vor allem den SS- Mann; diese Annahme kann nach dem bisher Gezeigten als widerlegt gelten, da ja gerade durch Konrad Meyers Planungen Himmler die politische Initiative übernehmen konnte (siehe Abs. 6.3.1.).

 "Wollen wir nun einen ersten Versuch machen, die wichtigsten Interessenstränge zu fixieren, die im Generalplan Ost zusammenflossen, die mitunter parallel, mitunter aber auch konträr zueinander und zur rassistischen Grundlinie verliefen, so lassen sich im wesentlichen wohl folgende zur Diskussion stellen:

- die politische und militärische 'Sicherung' des Eroberten auf lange Sicht durch 'Aussiedlungen' und 'Germanisierung des Bodens' (besondere Erscheinungsformen: 'Wehrbauern'- Idee; Vernichtungsabsicht gegenüber 'kommunistisch verseuchten' sowjetischen Groß- und Industriestädten),

- das sozialimperialistische Interesse an der dauerhaften Festigung der sozialen Basis (Massenbasis) des Regimes durch 'Siedlung', d.h. durch die Schaffung umfangreicher, regimeabhängiger, wirtschaftsstarker Schichten von deutschen und 'volksdeutschen' Bauern und größeren Grundbesitzern sowie Agglomeration deutscher städtischer Mittelschichten (unter Bevorzugung von 'Frontkämpfern'),

- Die Expansion des Großkapitals, verbunden mit ökonomischer 'Modernisierung' (...),

- das Interesse an unbegrenzten Nahrungsmittelquellen bzw. -überschüssen (nicht nur kurzfristiges Kriegsinteresse, sondern langfristig verknüpft mit den vorgenannten Interessensträngen).

Die beim Generalplan Ost dominierende rassistische Komponente der Ostexpansion konnte für alle diese Interessen integrativ wirken. Anders ausgedrückt: Diejenigen Kreise der herrschenden politischen, militärischen, wirtschaftlichen Eliten, die den Krieg um die Eroberung des 'Ostraums' wollten und führten, integrierten die rassistische Ideologie als nützlich in ihre Politik, in die Kriegsführung und in ihr Weltbild."22

Abgesehen von der Tatsache, daß die Weiterentwicklung des Rassismus just zu den beschriebenen Zwecken betrieben wurde, zeigt Eichholtz hier noch einmal das Aneignungsinteresse und negiert damit die Vorstellung von einer planlosen Gewaltorgie.

Und es ist auch dieser Historiker, der die Ostplanungen des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums ausdrücklich mit früheren kontinentalimperialistischen Konzepten in Zusammenhang setzt. So veröffentlichte der Alldeutsche Verband (Pressure Group der Imperialisten) schon 1911 geographische abgegrenzte Pläne für Kolonien in unmittelbarer Nachbarschaft und entwickelte diese Vorstellungen in unzähligen Parlamentseingaben weiter, ohne daß diese allerdings ein Konzept für die Planung der funktionalen Beziehungen enthielten, weshalb sie in dieser Arbeit nicht gesondert aufgeführt wurden.23

Bleibt für Eichholtz noch die Frage der Einzigartigkeit und/ oder Kontinuität imperialistischer Gewalt:

 "Durch die Geschichte unseres Jahrhunderts zieht sich eine Spur von Rassismus, Eroberung und Gewalt - Untaten, die trotz gewisser Ähnlichkeiten wenig mehr gemein haben mit den Verbrechen des Kapitalismus im 18. und 19. Jahrhundert an Schwarzen, an Indern und Indianern."24

Dies ist das übliche Unverständnis gegenüber der Despotie (siehe dazu "Grundlegung: Der Nationalsozialismus und seine Entstehung") des Imperialismus - die ja lange Zeit weit genug weg war - und der in ihr liegenden Dynamik im (völkisch legitimierten) kontinentalen Imperialismus Deutschlands.

Karl Heinz Roth, dessen Thema die Oststrategie des Reichssicherheitshauptamts ist, sieht in den Raumplanern des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums ein nachgeordnetes25  Instrument zur Durchführung der bekannten Pläne, verweist aber noch einmal ausdrücklich, daß zu jedem Zeitpunkt die Spitzen der deutschen Großindustrie der Oststrategie der SS sehr nahe standen und konzidiert eine informelle Auftragsdelegation.26

Seine Veröffentlichungen versteht Roth als solche aus laufender Forschungsarbeit; seine Schlußfolgerungen beziehen sich überwiegend auf die Darstellung der von ihm als bitter notwendig erachteten weiteren historischen Forschung, weswegen er auf eine Gesamtschau der nationalsozialistischen Oststrategie bisher verzichtete.



1 Vgl. Dietrich Eichholtz: Der 'Generalplan Ost' und die genozidale Variante der imperialistischen Ostexpansion", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S. 118 - S. 124, S. 118.
2 Josef Umlauf: "Wesen und Organisation der Raumordnung", Essen 1958, S. 111.
3Vgl. Niels Gutschow: a.a.O., S. 256. Josef Umlauf behauptete bis zu seinem Tode 1989 von den Vertreibungen und Beraubungen keine Kenntnis gehabt zu haben. Und tatsächlich sind seine Veröffentlichungen zwar von völkischer Ideologie geprägt, Gewaltmaßnahmen wurden dort jedoch nie angekündigt oder gefordert. Dennoch war er entgegen seinen Beteuerungen genau daran wissentlich beteiligt.
4 Niels Gutschow, Gert Gröning, Elke Pahl- Weber und Koos Bosma in den Niederlanden bearbeiten die ihrem Arbeitsfeld im Berufsleben nahen Themen. Ihre Arbeiten wurden in den einzelnen Kapiteln berücksichtigt. Siehe dazu auch die Fußnoten und die Literaturliste.
5 Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher a.a.O., S. 10.
6 Mechtild Rössler: "Die Institutionalisierung einer neuen Wissenschaft im Nationalsozialismus - Raumforschung und Raumordnung 1935 - 1945", in: Geographische Zeitschrift 75, 1987, S. 177 - S. 194, S. 180.
7Anm.: Diese Muster durchziehen sämtliche ihrer Veröffentlichungen. Vgl.: Mechtild Rössler: "Wissenschaft und Lebensraum - geographische Ostforschung im Nationalsozialismus, Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie", Berlin, Hamburg 1990.
8 Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher: "Der 'Generalplan Ost' und die 'Modernität' der Großraumordnung. Eine Einführung", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S. 7 - S. 11, S. 7. Anm.: Eben dies ist ein gutes Beispiel für die Problematik dieses Ansatzes. Die Raumplanungen des Kaiserreichs bleiben ihr Geheimnis, die der Weimarer Republik aber bezogen sich auf die Probleme großer Industrieagglomerationen. Selbstverständlich wurde die dort geplante Straßenführung auch an der Aufstandsbekämpfung und ihren Notwendigkeiten orientiert, wie schon viel früher in Paris; selbstverständlich waren insbesondere die infrastrukturellen Wünsche der Großbetriebe ausschlaggebend für die Entstehung dieser Disziplin. Nur implizierte diese Disziplin nicht schon die Plünderung ganzer Kontinente.
9 Vgl. Michel Foucault: "Überwachen und Strafen", Frankfurt 1976, S. 38f.
10Dieter Münk a.a.O., S. 13. Anm.: Er scheut dann nicht einmal einen Vergleich mit neueren Industriestädten in ehemals sozialistischen Ländern.
11 Ebd., S. 15.
12 Vgl. Ebd., S. 20ff.
13 Vgl. Ebd., S. 405ff.
14 Ebd., S. 413.
15 Vgl. Ebd., S. 426ff.
16 Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 482f.
17 Ludger Weß: "Wissenschaft und Massenmord - Einige Schlußfolgerungen aus der konzeptionellen Beteiligung der deutschen Intelligenz an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik", in: Wolfgang Schneider (HG): "'Vernichtungspolitik' - Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland", Hamburg 1991, S. 103 - S. 109, S. 104. Anm.: Daran entzündete sich eine Debatte unter verschiedenen Historikern, auf die hier nur einfach hingewiesen werden soll, da sie allenfalls mittelbar zum Thema gehört. Sie ist nachzulesen in: Wolfgang Schneider (HG): "'Vernichtungspolitik' - Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland", Hamburg 1991.
18 Vgl. Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 484 und S. 488. Anm.: Die AutorInnen sehen durchaus die kollektiven Vorteile 'der Deutschen', analysieren damit aber keinen Imperialismus nach klassischer Definition.
19 Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 485.
20 Ludger Weß a.a.O., S. 105.
21 Vgl. Dietrich Eichholtz: "Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 - 1945 Bd. II, Berlin 1985, S. 430ff.
22 Dietrich Eichholtz: "Der 'Generalplan Ost' und die genozidale Variante der imperialistischen Ostexpansion", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S.118 - S. 124, S. 121.
23 Vgl. Alldeutscher Verband, Flugschrift: "Marokko Deutsch", 03. 09. 1911, zitiert nach: Dietrich Eichholtz a.a.O., S. 122: "Es gibt nun Teile des französischen Gebietes, die wir sehr gut gebrauchen können - die uns mit einem Schlage vor Frankreich dauernd schützen und gleichzeitig England gegenüber eine unabhängige Stellung gewähren würde."
24 Dietrich Eichholtz a.a.O., 118.
25 Vgl. Karl Heinz Roth: " 'Generalplan Ost' - 'Gesamtplan Ost'. Forschungsstand, Quellenprobleme, neue Ergebnisse", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S. 25- S. 95, S. 58.
26 Vgl. Ebd., S. 53.
27 Vgl. Ebd., S. 26ff.