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4. Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag

Jenseits der bisher dargestellten Geschichte der "offiziellen" Raumplanung und ihrer Institutionalisierung, findet sich frühes (ansatzweise) raumplanerisches Denken allerdings auch beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag. Diese zur Raumplanung führenden Ansätze werden hier dargestellt, da die Perspektive die der heute entwickelten Disziplin ist und sein muß, wenn ihre Entstehung sinnvoll beschrieben werden soll.

Dieses 1924 in Wien gegründete und anfänglich international besetzte Diskussionsforum wurde Ende der 20er Jahre zu einem Sprachrohr deutscher Imperialisten.

 "Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag entwickelte sich in den folgenden Jahre zu einem brauchbaren Instrument des indirekten und verdeckten Eindringens des deutschen Imperialismus in die Länder des Balkans."1

Anfang der 30er Jahre wurde der Mitteleuropäische Wirtschaftstag zu einem staatsnahen Brain- Trust und zu einem Bindeglied zwischen Industrie und NSDAP.

 "Die Grundzüge der Großraumwirtschaft, die Aufteilung Europas in verschiedene mehr oder weniger von einander abhängige Wirtschaftszonen, denen das deutsche Reich ihre Funktion zuweisen und sie in seinem Sinne aufeinander abstimmen wollte, hatte der Mitteleuropäische Wirtschaftstag schon Ende der 20er Jahre entwickelt."2

Diese angestrebte Verbindung von Geographie und Ökonomie mit der klaren Perspektive der Planung der funktionalen Beziehungen ist als eine für diese Zeit durchaus neue Form imperialistischer Expansion anzusehen. Innerhalb des Großraums war zwar kapitalistische Arbeitsteilung vorgesehen, aber keine Konkurrenz, weshalb der substitutive Warenaustausch behindert und der komplementäre gefördert werden sollte.  Komplementärer Warentausch auf Clearing- Basis  bedeutet, daß jedes Land nur Produkte importiert, die es selber nicht herstellen kann oder soll. Mit der Konkurrenz entfällt aber auch der Markt und damit die Wertermittlung, die jetzt von der Hegemonialmacht in einem Willkürakt  durchgeführt wird, indem sie Volumen, Standorte, Verfahren etc. reguliert. Dadurch aber wird der freie Tauschvertrag unabhängiger Subjekte durch den erzwungenen Tausch abgelöst. Dazu Gustav Schlotterer, der sog. Neuordnungsfachmann im Reichswirtschaftsministerium auf einer Pressekonferenz seines Ministeriums vom 24. 07. 1940:

 "An lebenswichtigen Produkten muß so viel wie möglich in Deutschland und in dem von Deutschland beherrschten Wirtschaftsraum Europa erzeugt werden. ... Unser Ziel ist es, den Wirtschaftsverkehr und den Warenaustausch immer mehr auf Deutschland hinzulenken. Alle Waren müssen über den deutschen Markt laufen. Damit erhalten wir genaue Kontrolle. Im übrigen müssen auch die Wirtschaften unserer Handelspartner privatwirtschaftlich so mit den deutschen Interessen verflochten werden, daß diese Staaten, selbst wenn sie wollen, aus diesen Bindungen und Abhängigkeiten nicht mehr herauskommen. (...) Im einzelnen müssen wir in folgende Unternehmungen hineingehen: Im Südosten bei Getreide, in Norwegen und Jugoslawien bei Metallen, in Rumänien beim Öl (...)."

Schlotterer resümiert hier die schon stattgefundene Entwicklung und ihre Fortschreibungsmöglichkeiten angesichts einer sich abzeichnenden Besetzung Jugoslawiens; die früheren Absichtserklärungen sind allgemeiner gehalten.

Letztere lassen durchgehend eine Planungs- und Aneignungsabsicht, aber keine räumlich klar definierte Interessensphäre erkennen. Mal werden die "Donaustaaten" als "Ergänzungsraum", mal als "Übergangsraum" nach Vorderasien definiert. Zudem tauchen immer wieder die Schlagworte "Berlin- Bagdad" und "Wien- Saloniki" auf.3

Allen gemeinsam ist nur das Ziel einer von Deutschland diktierten Arbeitsteilung, die nach Produktivitätsgrad von Zentrum Deutschland aus gestaffelt werden soll.

Ideologisch gestützt von der Formel "Volk ohne Raum" versuchten insbesondere die Chemieindustrie, aber auch Krupp und andere - schon vor den Nazis - dieses kontinentalimperialistische Konzept in Südosteuropa (vor allem Rumänien,  Jugoslawien, Bulgarien und Ungarn) mit den klassischen Mitteln des  durchdringenden Kapitalexports und gesonderten Austauschkonditionen durchzusetzen. Angestrebt wurde auch hier eine vollständige Ausrichtung auf Deutschland mit der klaren Perspektive der Abhängigkeit, also des ungleichen Tausches.

Die radikalisierte ökonomische Umsetzung verdanken die Beteiligten der durch übermäßige Rüstungsausgaben hervorgerufenen Finanzkrise von 1934 und Hjalmar Schachts (Reichsbankpräsident) Einfällen zu ihrer Lösung 4. Wegen der für die Nazis zu dieser Zeit noch existenzgefährdenden Devisenknappheit wurden Auslandsverpflichtungen besonders gegenüber südosteuropäischen Staaten einfach nicht mehr beglichen und so die Gläubiger zu einer Zwangsanleihe an das Deutsche Reich gezwungen. Dies beinhaltete von vorneherein auch die Perspektive des Überfalls auf die militärisch wesentlich schwächeren Gläubiger; der Handel auf Clearing- Basis diente dann später auch zur Kriegsfinanzierung.5  Die zwangsweisen Gläubiger konfiszierten sofort deutsche Handelsüberschüsse und richteten Clearingzentralen ein. Dadurch wurde der Weltmarkt ruiniert und durch bilaterale Handelsbeziehungen ersetzt, in welchen Deutschland sein neues militärisches Gewicht vorteilhaft einsetzen konnte und welche für die weniger industrialisierten Länder ruinöse Folgen hatten, da Deutschland mit der Kontrolle ihres Exports auch fast die gesamte Investitionstätigkeit kontrollieren konnte, weil dafür jetzt wichtige Devisen fehlten.6

Im Zentrum steht also das Programm, die Industrialisierungstendenzen südosteuropäischer Länder abzufangen und sie in das Schema eines sog. Ergänzungsverkehrs zwischen deutschen Industrielieferungen und peripheren Agrar- und Rohstofflieferungen zu pressen. Allerdings gestaltete das Deutsche Reich die bilateralen Austauschkonditionen derart drastisch, daß der Werttransfer vor allem aus Südosteuropa schon 1936 nicht mehr zur Finanzierung des nazistischen Rüstungsprogramms ausreichte, da die betreffenden Länder jede Möglichkeit nutzten, diese Exportform zu umgehen, was das Deutsche Reich durch verschärften politischen Druck zu verhindern trachtete. Dies scheiterte - trotz des großen Einflusses der deutschen  Regierung in dieser Region -  am Unwillen der Betroffenen, vor allem aber an mangelnder Koordination im Sinne der Akteure, die eben ohne den Export staatlicher Machtmittel nicht zu haben ist.7  Das drückte sich vor allem in fortgesetzten vorteilhaften Wirtschaftsbeziehungen der Länder Südosteuropas zu den ökonomischen Konkurrenten England und Frankreich aus, die eben bezahlten und keine Zwangsanleihe zeichnen ließen.8  Deren Unterbindung und die weitere Anbindung an Deutschland wurde dann zu einem Kriegsziel; diese militärische Option wurde bereits 1934 verklausuliert vorangekündigt.9

Die Transformation von einer wirtschaftspolitisch orientierten Zielplanung zu einer militärischen Kriegszielplanung war dann Aufgabe der Vierjahresplanbehörde, von der noch zu reden sein wird, weil auch dort Raumplaner mitarbeiteten.

 "Unmittelbar vor Kriegsbeginn wurde in diesem Zusammenhang auch die Vierjahresplanbehörde aktiv."10

Diese Behörde erstellte dann die Studien über  mögliche Produktionsumstellungen im dargestellten Sinne, denen sie bereits im August 1939 folgendes Fazit anhängten:

 "Der Großwirtschaftsraum, bestehend aus Großdeutschland einschließlich Slowakei, Ungarn, Italien, Spanien sowie den Balkanländern außer Griechenland, kann die wehrwirtschaftliche Blockadesicherheit (...) ohne den wirtschaftlichen Anschluß an Rußland - nur in begrenztem Umfang erreichen."11

Die für uns interessante Frage, ob es sich bei diesen Konzepten schon um echte Raumplanung (und bei den Ausführenden um Raumplaner) nach heutigem Verständnis handelt, muß also verneint werden, wohl aber gehört dies zur Entstehungsgeschichte der neuen Wissenschaft, da Ökonomie, verschiedene Gesellschaften und geographische Bedingungen unter dem Aspekt der (auf Raub und Ausplünderung) zielgerichteten Planung gemeinsam untersucht und zur Grundlage späterer Raumplanungen wurden. Planerischer Gedanke und eingesetzte Mittel (Zwangsanleihe) fallen noch auseinander.

Die genaue geographische Abgrenzung bleibt dabei immer nebulös, während die Empirie des einzelnen Raumes ein erstaunliches Niveau erreicht und damit Kernstück einer viel später  (nach der Besetzung) einsetzenden Verwissenschaftlichung durch Raumplaner unterschiedlichster Institutionen wird, die in Kapitel 6 noch genauer aufgeschlüsselt werden. Die Ökonomen des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages wandten sich also den raumplanerischen Ideen als ihnen nützliche zu, ohne schon komplette Raumplanungen aufzustellen, lieferten aber zudem mit ihrer Empirie einen wesentlichen Beitrag für ebensolche Planungen. Die genaue geographische Abgrenzung erfolgt eben erst durch die Wehrmacht; das ist das Prinzip:

 "Durch die  Neugestaltung der Verhältnisse im Osten haben wir neue Siedlungsgebiete gewonnen, deren Gestaltung uns (...) die größten Aufgaben stellt."12


1Wolfgang Schumann: "Griff nach Südosteuropa", Berlin 1973, S. 52.
2 Götz Aly / Susanne Heim: "Vordenker der Vernichtung - Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung", Frankfurt a.M. 1991 / 1993, S. 335.
3 Vgl. Wolfgang Schumann a.a.O., S. 53.
4Anm.: Der folgende Abschnitt folgt wesentlich der Darstellung (Paraphe) von Karl Heinz Roth: "Vernichtung und Entwicklung - Die nazistische 'Neuordnung' und Bretton Woods", in: Mitteilungen der Dokumentationsstelle zur NS- Sozialpolitik, Juni 1985, S. 1 - S. 52.
5Vgl. Wolfgang Schumann a.a.O., S. 62ff.
6 Vgl. Gtz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 335.
7 Vgl. Ebd., S. 336f.:
"Die Wirtschaftsoffensive in Südosteuropa hatte jedoch nicht den gewünschten Erfolg. (...) So entstanden z.B. binnen kurzer Zeit Maschinenfriedhöfe."
8 Ebd., S. 337.
9 Vgl. Alfred Sohn- Rethel: "Ursprung und Bestimmung einer ständischen Handelspolitik", in: Der Deutsche Volkswirt vom 20. Juli 1934, S. 1885:
"Die Frage nach den Kräften und Möglichkeiten des internationalen Wirtschaftsausgleichs wird damit immer unmittelbarer zu einer Frage des politischen Existenzkampfes konkurrierender nationaler, imperialer oder regionaler Gruppen in der Welt. (...) In dieser Hinsicht kämpft Deutschland und kämpfen seine großen Investitionsindustrien heute einen Kampf auf Leben und Tod."
10Götz Aly/ Sudsanne Heim a.a.O., S. 337.
11Konzept der Reichsstelle für Wirtschaftsaufbau im Vierjahresplan vom August 1939, zitiert nach: Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 337.
12 Frank Glatzel: "Besiedlung der Ostgebiete durch bäuerliche Kolonisation aus dem Altreich", in: Raumforschung und Raumordnung, 3/ 1940, S. 147 - 149, S. 147f.
Anm: Frank Glatzel war der sog. Hauptschriftleiter (etwa: Chefredakteur) der Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung.