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Grundlegung: Der Nationalsozialismus und seine Entstehung

a. Allgemeine Fragen
Der Nationalsozialismus kann nicht als notwendige Konsequenz des Kapitalismus, des Nationalismus oder des Rassismus erklärt werden, da er nur in einem Land entstand und alle oben genannten Komponenten auch in anderen Ländern zusammen auftauchten. Zudem kann der Nationalsozialismus nicht als notwendige Konsequenz der Abwehr der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung von 1918 verstanden werden, denn die war längst geschlagen. Daraus ist zu folgern, daß die genannten Komponenten in ihrer spezifischen Konfiguration zum Entstehen des Nationalsozialismus' beigetragen haben, mithin einzeln zu den notwendigen, aber nicht hinreichenden Bedingungen gehören und ihre Genese somit für unsere Fragen unverzichtbar ist.
Zu deren Klärung ist es also notwendig den Rassismus, den Nationalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen und den Kapitalismus in seiner imperialistischen Variante - kurz: Imperialismus - vergleichend zu betrachten.
Dabei stützt sich diese Einführung hauptsächlich auf Rudolf Hilferding: "Das Finanzkapital", Berlin 1910/ 1947 die Veranlassungen der imperialistischen Expansion betreffend und auf Hannah Arendt: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" , Frankfurt a. M. 1955, die Rückwirkungen eben dieser Expansion auf die europäischen Länder klärend.1
Dargestellt werden hier nur die Hauptlinien der politisch- gesellschaftlichen Entwicklung soweit sie das Herrschaftssystem betreffen; aus Platzgründen geschieht dies in sehr abstrakter Form.

b. Rassismus


"Der Rasseidee als Thema geistesgeschichtlicher Untersuchungen kommt keine Relevanz irgendeiner Art zu. (...) Das 19. Jahrhundert ist voll von absurden Weltanschauungen, die wir nahezu vergessen haben. (...) Die imperialistische Politik andererseits würde eine Rasseideologie auch dann gebraucht und daher vermutlich auch gezeitigt haben, wenn nie jemand vor ihr das Wort Rasse in den Mund genommen hätte."2 Das Recht des Stärkeren als höchste Norm, die Ungleichheit der Menschen, schlicht die Ersetzung des Rechts durch die Gesetze des Dschungels, all diese Tendenzen  wurden im Imperialismus zur Legitimation herangezogen und entwickelten sich in unserem Jahrhundert zu nie geahnter Monstrosität.

c. Der westeuropäische Nationalismus


Im Westen beruhte der moderne Nationalstaat mit seinem Anspruch das ganze Volk zu repräsentieren, auf der Verschmelzung des Prinzips der nationalen Zugehörigkeit mit dem Prinzip des legalen Staates. Nationalstaaten entstanden immer nur dort, wo Völker - angeführt von aufstrebenden Klassen - sich als kulturelle und geschichtliche Einheiten verstanden (und nicht glaubten, gerade sie hätten den genial gewundenen Weg von der Affenhorde zum Parlamentarismus gefunden), die auf ein bestimmtes Siedlungsgebiet festgelegt sind. In solchen Fällen verweist die Landschaft auf die Arbeit und die historischen Taten der Vorfahren und das Schicksal der Nachfahren.

Das Problem des modernen Staates waren die sozialen Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft. Mit der Durchsetzung der Volkssouveränität wuchs die Gefahr einer Eskalation der Kämpfe um die Kontrolle des Staatsapparates (als Form der sozialen Kämpfe). Die ideologische Gegenstrategie des seine Souveränität schützenden Staates ist die Auflösung der sozialen Gruppen in Individuen (ein Prozeß, der in der ökonomischen Sphäre durch die Auflösung der Einheit von Produktion und Reproduktion seine Grundlage hat), forthin die Unterwerfung unter die staatliche Souveränität und die Anbindung der Atomisierten mittels nationaler Phrasen an den Zentralstaat. Hier hatte der Nationalismus  also die Aufgabe der Befriedung und Sicherung der bestehenden Verhältnisse, er war das einzige Band, das ein Gemeinsames symbolisierte, die Abstammung.

Das relevante Abstammungskriterium war die dauerhafte Ansässigkeit, also die gemeinsame Geschichte - nicht die Biologie. Wird der westliche Nationalismus in Krisen xenophob, richtet sich sein Anspruch auf Exklusivität gegen neue Zuwanderer, die vermeintlich nicht mehr - wie sonst üblich - integriert werden können.

Der westliche Nationalismus blieb in dieser Hinsicht immer dem Legalitätsprinzip (im Innern) treu, und die zersetzenden Wirkungen hielten sich in Grenzen. Anders der völkische Nationalismus Ost/Mitteleuropas.

d. Der völkische Nationalismus

In Ost/Mitteleuropa entstand der Nationalismus erst unter dem Eindruck der Machtentfaltung der westlichen Nationen, weshalb der völkische Nationalismus hier wesentlich in seiner Differenz zum westeuropäischen beschrieben werden soll. Er ist von vorne herein ein abgeleiteter Nationalismus, da er in keiner gemeinsamen Geschichte eine Grundlage hat. Das Nichtvorhandensein geschlossener Siedlungsgebiete und das Fehlen überlieferter Kultur und Geschichte führte dazu, daß "nationale Identität" als vom Territorium unabhängig und als persönliche Eigenschaft verstanden wurde. Die Zugehörigkeitsdefinition erfolgt häufig an Sprachgrenzen (Herder) und wuchert von dort aus ins Irrationale. Die Absurdität der jeweiligen Zugehörigkeitsdefinition wurde durch die Aggressivität ihrer Propagierung ausgeglichen.

Die in ethnischen Gemengelagen lebenden, nie zur Ruhe gekommenen Völker waren zum Staatspatriotismus unfähig, weil politische Verantwortung für ein nationales Territorium außerhalb ihrer Erfahrung lag. Nationalismus nimmt hier die Form eines erweiterten Stammesbewußtseins an, das durch die mangelnde gemeinsame, reale und reflektierte historische Erfahrung und ihren gewünschten Ersatz durch Mythologisierung genährt wird. Da diesen Nationalismen die sichtbare historische Leistung (schon gar die bürgerliche Revolution) gänzlich fehlt und auch ihr Siedlungsraum nicht wirklich auf sie und feststellbare historische Leistungen verweist, wird die eingebildete Nation ins Innere des Menschen verlegt, genauer gesagt ins Blut, dort wo sich nach völkischer Sichtweise Seele und Abstammung ein Stelldichein geben.

Gefährlich an dieser Form des Nationalismus ist die ideologische Abkopplung vom Gedanken des modernen Rechtsstaates; nationale Politik ist nicht an ein Territorium gebunden, sondern ist überall dort legitim, wo Splitter des jeweiligen Volkes leben.

Als besonders aggressive Variante des völkischen Nationalismus sind die europäischen Panbewegungen, insbesondere die deutsche, anzusehen. Während der westliche Imperialismus zur Legitimation seiner Expansion nach Übersee auf politisch begrenzte Überlegenheitstheorien zurückgriff, wie die Mission zur Zivilisierung der Wilden, sahen sich die Panbewegungen mit anderen gleichwertigen Nationalismen konfrontiert. Sie mußten sich daher zur Rechtfertigung ihrer Politik auf die Besonderheit ihres Volkes berufen. Die von ihnen formulierten Auserwähltheitsansprüche bekamen schnell ein pseudoreligiöses Gepräge.

Auserwähltheit ist dabei keine individuelle Eigenschaft, sondern eine Eigenschaft des Volkes als Organismus, welches als Vermittler zwischen Individuum und der "Vorsehung" steht. Konsequenterweise verliert damit jedes Individuum mit seiner "nationalen Identität" auch alle Rechte. Andererseits wird jedes Volk von seiner realen Geschichte und Kultur losgelöst und auf seine "göttliche Sendung" reduziert und an dieser wird die Realität gemessen. Das Amalgam aus Verachtung für das Individuum und Realitätsverlust macht die Destruktivität der völkischen Ideologie aus. Mit der Bedeutungslosigkeit des Individuums verschwinden die Unterschiede innerhalb des Volkes, "so daß es auf jene `Massenhaftigkeit´ vorbereitet wird, in welcher der einzelne sich wirklich nur als Exemplar einer Spezies fühlt."3  Egal ob Gott oder die Natur für die nationale Mission verantwortlich gemacht wird, letztlich werden Völker wie Spezies betrachtet und die Gesetze des Tierreichs werden auf die Politik übertragen.

Diese Pangermanisten wären womöglich auch völlig in Vergessenheit geraten, wenn sich ihre (ursprünglich aus der Zeit der Bildung des Nationalstaates stammende) Ideologie nicht in Deutschland mit einem imperialistischen Konzept hätte verbinden lassen. Erst aus der Verbindung von einem ganz spezifischen imperialistischen Konzept und dem völkischen Nationalismus erwuchs der Nazismus. Um diese Spezifik des deutschen zu erklären, muß der Imperialismus in seiner  Genese dargestellt werden.

e. Der Imperialismus


Als klassischer Imperialismus wird eine spezifische Form der Flächenexpansion bezeichnet, die sich von der vorangegangenen Gründung von Siedlungskolonien und der einfachen Beraubung deutlich unterscheidet. Er beginnt ca. 1870 und führt binnen weniger Jahrzehnte zur Ausdehnung  der europäischen Nationen über fast den ganzen Erdball.

Vorausgegangen war dem eine für die europäischen Nationen neuartige ökonomische Krise: Die im Land erwirtschafteten Gewinne konnten im Rahmen des damals bestehenden Produktivkrafttypus nicht mehr im Inland gewinnbringend angelegt werden, und diese Akkumulationskrise gefährdete die gesamte Nationalökonomie. Auslandsinvestitionen in nicht industrialisierten Teilen der Welt waren die Lösung. Die Förderung und Sicherung solcher Auslandsinvestitionen wurde somit zur Existenzfrage jeder europäischen Regierung.

 "Und so kam es, daß zum ersten Mal die politischen Machtmittel des Staates den Weg gingen, der ihnen vom Kapital vorgewiesen war."4

Denn das exportierte Kapital insistierte auf seinem Schutz und drohte andernfalls die gesamte Nation zu ruinieren. Gleichzeitig wuchs die Zahl derer, die vom fortschreitenden Industrialisierungsprozeß aus ihren traditionellen Wirtschaftspositionen hinauskatapultiert wurden. Solche "Überflüssigen" hatte Europa über Jahrhunderte produziert und exportiert; die raubten und siedelten ganz nach Belieben, schafften Gold nach Europa, waren jedoch nie integraler Bestandteil der Ökonomien ihrer Heimatländer. Dies änderte sich erst, als sie zusammen mit den Auslandsinvestitionen auswanderten.

Nun stellte sich sehr schnell heraus, daß dieser Notbehelf sich zu einer dauerhaften Einrichtung mauserte. Denn die Profite sind in einem rückständigen Land höher, insbesondere dann, wenn ein solcher Produktionsstandort in die nationale Protektion als Kolonie mit einbezogen wird. Die höheren Profite ergeben sich aus dem geringeren Investitionsvolumen und den niedrigeren Löhnen (geringe organische Zusammensetzung, das Kapital flüchtet sich also in seine eigene Vergangenheit). Die geringe Qualifikation der Arbeitskraft kann dabei durch überlange Arbeitszeiten kompensiert werden. Ein entscheidender Faktor für die Beibehaltung beschriebener Arbeitsverhältnisse und extrem niedriger Löhne war - neben den Kolonialverwaltungen und ihren diesbezüglichen Einfällen - die Produktion einer extrem großen industriellen Reservearmee durch Landraub, Vertreibung und erstmalig gezielter Umsiedlung wo nötig (z.B.: Tamilen nach Ceylon).

Der Zerstörung der alten Produktionsweise folgt aber keineswegs eine normale industrielle Entwicklung, sondern eine Extraktionsökonomie, auch wenn diese nicht eigentlich geplant wird, denn die räuberische Enteignung der autochthonen Bevölkerungen verbilligt Rohstoffe und Böden extrem, was den Investitionen eine Zielrichtung gibt: Typisch für imperiale Expansion war eben die Ausweitung der Rohstoffgewinnung (Preissenkung), der Grundstoffindustrien und der landwirtschaftlichen Produktion, die plantagenmäßig organisiert wurde.

Damit aber wurden die Auslandsinvestitionen von einem Notbehelf zu einem entscheidenden Faktor für den Wohlstand der konkurrierenden europäischen Länder und zu einer  dauerhaften Einrichtung derselben, die nun um die verbliebene "freie Fläche" konkurrierten. Und gerade in der plantagenmäßig organisierten landwirtschaftlichen Produktion spiegelt sich der Charakter der kolonialen Ausplünderung, denn die moderne Großfabrik wurde eben nicht in die Kolonien verpflanzt, sondern nur ein Produktivkrafttypus, der in Europa bereits als überholt galt und in den Kolonien mittels Gewalt stabilisiert wird.

 "Während sich der Kapitalismus im weltweiten Maßstab ausbreitete, hat der Großteil der Welt nur die zersetzenden Einflüsse und nichts von seinen zivilisatorischen Auswirkungen zu spüren bekommen."5

Auch der hier zitierte Rudolf Hilferding sieht durchaus, daß die so lohnenden Direktinvestitionen mit Raub und Plünderung vorbereitet wurden:

 "Die Methoden der Arbeitserzwingung sind mannigfaltig. Hauptmittel ist die Expropriation der Eingeborenen, denen das Land und damit die Grundlage ihrer bisherigen Existenz genommen wird (...)."6

Die imperiale Expansion entwickelt notwendig eine passende Geisteshaltung, die Hilferding so beschreibt:

 "Die Sklaverei wird aufs neue ein ökonomisches Ideal und damit zugleich jener Geist der Bestialität, der sich aus den Kolonien auf die Träger der Kolonialinteressen der Heimat überträgt und hier seine widerlichen Orgien feiert."7

Diese generelle Arroganz gegenüber den Kolonisierten, diese Ignoranz gegenüber ihren vitalen Überlebensinteressen hält Hilferding (und mit ihm fast die gesamte Linke) für vorübergehende Phänomene einer beginnenden (halbwegs normalen) industriellen Entwicklung in den Kolonien, was auch zu einer Angleichung der Lebensverhältnisse führen werde.

Er beachtet weder das Personal der kolonialen Expansion, noch hält er eine Stabilisierung der beschriebenen Verhältnisse für wahrscheinlich, zudem kann er die Vorteile für die Innenpolitik der imperialistischen Länder nicht erkennen, denn die Verteuerung der Arbeitskraft in Europa und die Auspressung derselben in den Kolonien gehen Hand in Hand. Auch Hannah Arendt folgt der Analyse Hilferdings die ökonomischen Veranlassungen betreffend, weicht allerdings in der Einschätzung der politischen Implikationen entscheidend davon ab:

 "Die frühzeitige Entdeckung der rein ökonomischen Veranlassungen und Triebfedern des Imperialismus (durch die Marxisten, M.B.) (...) hat die eigentliche politische Struktur, den Versuch nämlich, die Menschheit in Herren- und Sklavenrassen, in 'higher and lower breeds', in Schwarze und Weiße (....) einzuteilen, eher verdeckt als aufgeklärt."8

Während also Hilferding die Angleichung der Lebensverhältnisse prognostizierte, analysiert Hannah Arendt die Funktionsweise einer "Rassegesellschaft" am Beispiel Südafrikas, welches die Funktionsweise einer kolonialen Despotie zeigt. Letztere wurde dort im Apartheidregime bis in die 1990er Jahre konserviert und gibt einen guten Einblick in die Funktionsweise kolonialer  Ausplünderung. Dazu notwendig ist die Ausschaltung eben jenes minimalen Schutzes der Arbeitskraft, welche die europäischen Verfassungen nach langen Kämpfen endlich festgeschrieben zu haben schienen. Eine gewöhnliche Industrialisierung konnte also von den Imperialisten gar nicht angestrebt werden, die hohe Produktivität sollte dem Mutterland vorbehalten bleiben.

Außerhalb der Landesgrenzen änderten die exportierten staatlichen Machtmittel prinzipiell ihren Charakter: wurden sie im Herkunftsland kontrolliert - segensreich hier auch die Wirkung der Konkurrenz - und (fast) nur zur Absicherung der bestehenden Produktionsverhältnisse eingesetzt, besaßen sie in den Kolonien uneingeschränkte Macht, waren dort also nichts als Funktionäre ökonomisch motivierter, auf direkte Aneignung zielender, blanker Gewalt, die niemandem Rechenschaft ablegen mußten, solange sie den Schutz der Auslandsinvestitionen garantierten, was zwei Neuerungen in die europäische Politik und ihr Verständnis brachte:

1. Die ständige Expansion um des nationalen Wohlstands (billige Rohstoffe etc.) willen wurde zum zentralen Element imperialistischer Politik und eben nicht die Absicherung eines klar umgrenzten Nationalstaates.

2.  "Macht (genaugenommen Machterweiterung statt Herrschaftssicherung, M.B.) wurde aus einem Element zum Wesen politischen Handelns und aus einem Problem zum Zentrum politischer Theorien, als sie von dem politischen Körper, in dem sie entstanden und funktioniert hatte, getrennt und als Gewalt exportiert wurde."9

Die Staatsmacht sichert jetzt also nicht mehr eine Aneignungsform, sondern dient direkt der Akkumulation, daher die dem Imperialismus eingeschriebene Tendenz zur Despotie: Staatliche Souveränität und Mehrproduktaneignung (Mehrwertaneignung) rücken zusammen.10

Die kolonialen Verwaltungsbeamten waren die ersten praktizierenden modernen reinen Machtanbeter in dem Sinne, daß sie aus gutem Grunde die Etablierung eines neuen Gesetzes als der weiteren Expansion hinderlich ablehnten. An die Stelle einer Regierung tritt die Kolonialverwaltung, an die Stelle des Gesetzes die Verordnung.11  Die als blanke Gewalt exportierten staatlichen Machtmittel entwickelten eine Unterdrückung und Ausbeutung auf dem Verordnungswege (statt der früher so beliebten unregelmäßigen Dreieinigkeit von Raubkrieg, Handel und Piraterie), für die es in Europa einige Ansätze, aber keine echten Vorbilder gab. Staatliche Macht wird zur direkten Quelle ökonomisch motivierter Anordnungen und dient eben nicht der Durchsetzung verbindlicher Gesetze. Letztere sahen die kolonialen Verwaltungsbeamten - hier ganz Machtpolitiker geworden - als untaugliche Einschränkung ihrer Verfügungsgewalt.

Die Machtausübung des bürgerlichen Staates hat immer zwei Seiten: Die zivilisierte Durchsetzung der Gesetze und die unvermittelte, uneingeschränkte Gewalt mittels Terror, wenn die Staatsraison dies erfordert. Letztere wird in Staaten mit demokratischer Tradition aus Einsicht heraus immer auf Notstandssituationen beschränkt. Dieselben Staaten aber wenden in ihren Kolonien dauerhaft uneingeschränkte Macht an. Hier liegt der qualitative Schritt von einer bürokratischen Verwaltung zum despotischen Bürokratismus. Festgelegte Ausübungsprinzipien oder gar öffentliche Rechtfertigungen sind in den Kolonien überflüssig und werden als funktionsgefährdende Beschränkung verstanden.

f. Der kontinentale Imperialismus Deutschlands


Zur gleichen Zeit als die britische Kolonialverwaltung in Indien die Ausraubung eines Subkontinents organisierte, konnten Gewerkschaftsführer an der Speakers Corner in London ungestört ihre gesellschaftspolitischen und arbeitsrechtlichen Forderungen stellen und merkten meist nicht einmal, wie auch sie schon von der so hergestellten internationalen Arbeitsteilung profitierten.

Die (dauerhafte) uneingeschränkte Machtausübung wurde auf die Kolonien beschränkt; im Mutterland selbst unterschied man weiterhin fein säuberlich zwischen Gesetzesherrschaft und Notstandsregime. Notwendig für eine solche Trennung ist eine erhebliche räumliche Distanz; sie ist es, die die Bestialität auf die Kolonien "begrenzt", die die Verachtung von Legalität und Demokratie nicht (sofort) aufs Herkunftsland übergreifen läßt.

Deutschland ist trotz einiger Anstrengungen im Kampf um die Aufteilung der Erde unterlegen. Im Land setzt sich ein aggressiveres politisches Konzept (vertreten z.B. durch Bethmann- Hollweg) durch, das des kontinentalen Imperialismus, der Wunsch sich "seine" Kolonien in unmittelbarer Nachbarschaft einzurichten, für dessen Berechtigung ausgerechnet die Erfolge der westeuropäischen Konkurrenten herangezogen werden. Den ersten großangelegten Umsetzungsversuch kontinental- imperialistischer Konzepte sehen wir in den Kriegszielen des ersten Weltkrieges. Die radikalisierte Rekonstruktion betreiben dann die Nazis mit ihrem Wirtschafts- und Lebensraumkonzept, das sie eben völkisch legitimieren.12

Bei diesen Konzepten schlagen allerdings die imperialistischen Herrschaftsmethoden, also die notwendige Entwicklung hin zur Despotie, schon in der Vorbereitungsphase sofort auf das Mutterland zurück und werden zu einem einheitlichen Herrschaftskonzept verschmolzen. Die für die Einwohner Britanniens so segensreiche, heuchlerische Unterscheidung zwischen der Gesetzesherrschaft im Mutterland und der Begrenzung der uneingeschränkten Machtausübung auf die Kolonien kann hier nicht durchgeführt werden. Dementsprechend wird auch die rassistische Ausgrenzung aggressiver und zwangsläufig auch im Mutterland angewandt, um die Helotenstellung erst der Nachbarn und dann die eines Teils der eigenen Bevölkerung zu legitimieren. Anfangs verwendeten die Propagandisten des kontinentalen Imperialismus dazu noch die Sprache des Minderheitenschutzes - wie heute.

 "Aber die germanischen Völker außerhalb des Deutschen Reiches (...) lieferten nur die Vorwände 'nationaler Selbstbestimmung', um die ersten Sprungbretter weiterer Expansion zu gewinnen."13

Prägnanter läßt sich der Charakter deutscher Minderheitenpatronage nicht darstellen. Ideologische Grundlage ist in allen Fällen das "völkische", also blutsbezogene Denken des völkischen Nationalismus (siehe dazu Abs. d.) und der daraus abgeleitete Pangermanismus.

Beide benötigen den Antisemitismus als Folie ihres die Plünderungszwecke legitimierenden Auserwähltheitsanspruchs und werden erst im kontinentalen Imperialismus zu wirklich gefährlichen Ideologien. Erst mit dem kontinentalen Imperialismus erfährt der Antisemitismus in Deutschland seine extreme Radikalisierung.

 "Es war dem kontinentalen Imperialismus vorbehalten, die Rasseideologie unmittelbar in die Politik (um das und im eigenen Land, M.B.) umzusetzen und apodiktisch zu behaupten: 'Deutschlands Zukunft liegt im Blute' (Ernst Hasse)"14

Um allerdings diese völlige, mörderische Verantwortungslosigkeit der Ausführenden zu verstehen, muß die Entstehung dieses Personals beleuchtet werden, denn diese strukturelle Ähnlichkeit zwischen den Exekutoren kolonialer Unterdrückung (z.B. in Südafrika) und den Propagandisten des völkischen Wahns ist nun keineswegs zufällig.

Diese kolonialen Abenteurer entstanden direkt aus dem ökonomischen Prozeß: Sie setzten sich zusammen aus all den verschiedenen ehemaligen Kleinbürgern, bourgeoisen Verlierern, ehemaligen Feudalen, wo diese sich bis in das 19.Jahrhundert hatten halten können, ehemaligen Staatsdienern aller Art und der zu diesen Gruppierungen gehörenden Intelligenz, denen allen gemeinsam war, daß sie vom fortschreitenden Industrialisierungsprozeß mittels Konkurrenz in ihren bisherigen Positionen für überflüssig erklärt wurden. Und die sich lieber in politische oder koloniale Abenteuer stürzten, als sich Versager nennen zu lassen oder gar proletarisch zu werden.

 "Sie hatten sich nicht aus eigener Initiative aus der bürgerlichen Gesellschaft hinausbegeben, weil diese ihnen zu eng war, sondern waren ausgespieen worden. Es war nicht die Unternehmungslust, die sie über alle erlaubten Grenzen lockte, sondern die Überflüssigkeit ihrer Existenz und ihrer Arbeitskraft."15  Der koloniale Abenteurer und später der Naziaktivist sind daher "nicht einfach nur der Abfall der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch ihr Produkt, direkt von ihr erzeugt und daher nie ganz von ihr zu trennen."16

Deutschland, das durch seine rasante nachholende Industrialisierung besonders viele Überflüssige und überflüssiges Kapital produziert hatte, konnte beides nicht in ausreichendem Maße nach Übersee verfrachten. Der in Deutschland besonders kleinbürgerliche Mob ist begeisterter Alldeutscher, begeisterter Kriegsteilnehmer, dann völkischer Nationalist und früh Nazi. Er radikalisiert sich mit seinem eigenen Mißerfolg. Die arbeitslos gewordenen Militärs werden als Freikorps dann Kristallisationspunkt der Faschisierung. Da beim Kolonisierungsversuch unterlegen, verschmelzen sie in ihrer imperialistischen Politik koloniale Despotie17  und Inlandspolitik und adaptieren früh den völkischen Nationalismus.

Mit der vor allem auch die Kleinbürger nochmals prekarisierenden Weltwirtschaftskrise wird dieses Konzept dann mehrheitsfähig. Als in Deutschland die Grundlage kapitalistischen Handelns wirklich zur Disposition stand, suchte dieses Land sein Heil im Raubmord, und ließ sich dabei von Abenteurern führen, die schon vorher von der Bourgeoisie mit der Besitzstandswahrung beauftragt worden waren.

Das einzige was die Komplizen dabei verbindet ist die imaginäre Volksseele, und die nimmt dann durch die soziale Exklusion materielle Gestalt an. Dieses eigentümliche Verhältnis von Wahn und Ratio im Nationalsozialismus ergibt sich also an der Oberfläche aus der Kombination eines imperialistischen Konzepts mit dem völkischen Nationalismus. Seine tiefere Basis liegt in der Unmöglichkeit auf der bisherigen Grundlage die Verwertung des Werts fortzusetzen.

g. Das ökonomisch/ politische Konzept18


Das ökonomisch/ politische Herrschaftskonzept des Faschismus besteht in einem korporativen Staat, mittels dessen das imperialistisch gesinnte Großkapital im Bündnis mit Kleinbürgern (oder einer kleinbürgerlichen Bewegung) und verbliebenen Großagrariern eine direkte und unvermittelte Herrschaft ausüben und so eine regulierte kapitalistische Ökonomie (samt Zwangsarbeit) steuern, die in Kriegszeiten zu einer kapitalistischen Planwirtschaft ausgebaut wird.

Die direkte und unvermittelte Herrschaft wird dann immer als Notstandsregime zur Abwehr einer existentiellen Bedrohung ausgegeben. Im Innern gilt Positions- und Profitschutz für die Unterstützer bei Ausschaltung feindseliger und bedeutender ausländischer Fraktionen. Unter Ausschaltung des Konkurrenzprinzips soll also der gegenwärtige Entwicklungsstand konserviert (oder eine gerade stattgefundene Prekarisierung revidiert) werden, was auch besonders die vielen Kleinbürger und Bauern begeistert. Dazu notwendig ist ein verschärfter Klassenkampf von oben; erste Maßnahme eines faschistischen Regimes ist somit die offen terroristische Verfolgung jeder eigenständigen Arbeiterbewegung - mittels eines expandierenden Repressionsapparates - als Grundvoraussetzung des korporativen Prinzips. Das der normalen (= nichtfaschistischen) kapitalistischen Entwicklung widersprechende Bündnis von Kapital und Kleinbürgern verlangt notwendig nach einem gemeinsamen Ziel, einem gemeinsamen Nenner (auch innerhalb der Bündnisfraktionen), einer gemeinsamen Strategie zum Ausgleich der konkurrierenden Interessen; eben dem Imperialismus als dem eigentlichen Zweck des Faschismus.

Am italienischen Beispiel kann verdeutlicht werden, wie sich ein  aggressiver Nationalismus mit einem kolonialen Rassismus verbindet, dies jedoch nicht zur Selektion der Inlandsbevölkerung führt. Dieser Faschismus läßt "nur" seine erklärten Gegner umbringen.

Anders dagegen der deutsche Faschismus mit seiner völkisch "legitimierten" Selektion der Inlandsbevölkerung, dort erfolgt die Inkorporation dann auch nicht in einen Staat, sondern in eine völkische Bewegung. Keine "Deutsche Bauernschaft" wurde gegründet, sondern eine "NS- Bauernschaft", keine "Deutsche Frauenschaft", sondern eine "NS- Frauenschaft". So wird der Abschied von jeglichem Legalitätsprinzip und der radikale Ausschlußcharakter allen verdeutlicht und umfassende Komplizität (über die unmittelbaren Arisierungsgewinnler hinaus) hergestellt.

Im Nationalsozialismus kommt es also zu einer funktionalen Arbeitsteilung der ihn tragenden Bündnispartner:

Kleinbürgerliche Hoffnung ist die auf Beteiligung an Arisierungen. Die imperialistische Strategie wird von den konkurrierenden Fraktionen des Großkapitals (nichtöffentlich) in imperialistischen Bürokratien (vor allem die Vierjahresplanbehörde, siehe dazu Kap. 6 des Hauptteils) ausgehandelt. Die Entwicklung zur Despotie ist unaufhaltsam; Terror und Geltungsanspruch gehen Hand in Hand.

Der Nationalsozialismus wird in dieser Arbeit also als ein besonderer Faschismus, eben als ein neues, radikalisiertes, völkisches, kontinentalimperialistisches Konzept mit Massenbasis aufgefaßt.

 "Für uns, die wir noch die vielfältige Bezogenheit zwischen Rassewahn und Bürokratie in der Naziherrschaft vor Augen haben, ist es wichtig, zu sehen, daß sich in der eigentlich imperialistischen Periode diese beiden Prinzipien entwickeln."19

Und die Barbarei beginnt bereits, wenn in "higher and lower breeds" eingeteilt wird, ihren singulären nazistischen Wahn findet sie allerdings erst, wenn nicht einige imperialistische Abenteurer, sondern wirklich Massen aktiv an der Exekutierung einer solchen Politik beteiligt ist.


1Anm.: Dies ist bekanntermaßen kein theoretisch kohärentes Werk, der zentrale Gedanke über die Rückwirkungen (siehe dazu Abs. f) ist aber von derartiger Brillianz, daß darauf hier zurückgegriffen wurde. Den eigentümlich phänomenologischen Ansatz Arendts kann man nur unter Beachtung ihrer Biographie verstehen.
2 Hannah Arendt: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", Frankfurt a. M. 1955, S. 302f.
3Hannah Arendt a.a.O., S. 376.
4 Ebd., S. 225.
5 Rudolf Hilferding: "Das Finanzkapital", Berlin, 1910/1947 S. 452.
6Ebd., S. 435.
7 Ebd., S. 437.
8Hannah Arendt a.a.O., S. 209.
9 Ebd., S. 252.
10Anm.: Durch die extreme Hegemonie der großen Kolonialgesellschaften fielen Mehrproduktaneignung und Souveränität (fast) zusammen (die großen Kolonialgesellschaften dirigierten ob ihrer ökonomischen Macht das Militär, oder hatten formale Souveränitätsrechte); eine klassische Ausgangsposition für despotische Herrschaft und zwar mit oder ohne Adaption lokaler Ausbeutungsverhältnisse samt entsprechender Eliten.
Vgl. Ernest Mandel: "Marxistische Wirtschaftstheorie", Frankfurt, 1968, S 472ff.
11Vgl. Hannah Arendt a.a.O., S. 250ff.
12Anm.: Die Kontinuität kontinentalimperialistischer Ziele wird von Adolf Hitler selbst immer wieder hervorgehoben. So definiert er in der 1936er Ausgabe von "Mein Kampf" S. 151f die außenpolitischen Ziele als "Erwerbung von neuem Lande in Europa selber (...) als ausschließlichen Zweck" der Außenpolitik und bezieht sich dabei ausdrücklich auf eine Wertung der Politik von 1914.
13Hannah Arendt a.a.O., S. 366.
14Ebd., S. 362.
15Ebd., S. 311.
16Ebd., S. 251.
17Anm.: Die nationalsozialistischen Apparate sind somit als die Vollendung der despotischen imperialen Bürokratie zu sehen; sie werden je nach Aneignungs- und Herrschaftsinteressen ständig umorganisiert.
18Dieser Abschnitt beschreibt die Schlußfolgerungen aus dem Vergleich der phänomenologischen Darstellung Hannah Arendts mit mit moderneren (bündnistheoretischen) Faschismusanalysen.
Vgl. Reinhard Kühnl: "Faschismustheorien - Ein Leitfaden", Marburg 1990 (Neuauflage), S. 183 - S. 231. 19 Hannah Arendt a.a.O., S. 306.