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8. Zusammenfassung und Fazit

Wie schon in der Einleitung angekündigt, ist die Liste der Planungen nicht wirklich vollständig, da aus Platzgründen immer nur das Gebiet der Hauptaktivitäten untersucht wurde. Ausgelassen wurden z.B. die Planungen im sog. Sudetengau und im sog. Protektorat Böhmen und Mähren.

Dort sind Planungsvorgaben zu analysieren,1 wie sie später vom Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums für das annektierte Westpolen ausdrücklich formuliert wurden, nur daß der Planungsumfang doch sehr viel geringer ist und statt der Vertreibung mit den Mitteln der Wehrmacht und der Einsatzgruppen eine "schleichende Germanisierung" angestrebt wurde.2 Im sog. Sudetengau steht die Landwirtschaft, ansonsten die tschechische Industrie im Vordergrund.

Die Niederlande wurden als zukünftiger Reichsteil betrachtet und sollten komplett eingedeutscht werden. Wegen ihrer sprachlichen Verwandtheit erschienen die Niederländer zudem als geeignete zusätzliche Kolonisten für den Osten.3

Für die skandinavischen Länder ist dieses Thema bisher noch nicht untersucht.

Ihre Fragestellung, Ausrichtung und Zielsetzung bezog die frühe Raumplanung überall aus den unmittelbaren Notwendigkeiten und Problemen der fortschreitenden Industrialisierung, der damit einher gehenden Veränderungen in der ländlichen Besitz- und Produktionsstruktur und allen daraus resultierenden Problemen der räumlichen Verteilung.

Die Raumplanung z.B. in den USA entwickelte sich aus den gleichen Notwendigkeiten wie hierzulande und fand sogar völlig unabhängig davon vergleichbare Organisationsformen wie die frühe hiesige Raumplanung. Wurden Strukturmaßnahmen projektiert, so bestanden die Methoden hauptsächlich im Landkauf, der verbilligten auflagengebundenen Abgabe desselben und punktuellen Subventionen insbesondere der Energiepreise. Raumplanung wurde Teil des New Deal. Die frühe Entwicklung der amerikanischen Raumplanung wird von den hiesigen Forschern nur rudimentär reflektiert, ihr Entwicklungsvorsprung ist in den Veröffentlichungen schlicht nicht zu finden.

Der neugegründete Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk stellt 1920 den Generalsiedlungsplan, den ersten deutschen Raumplan im modernen Sinne auf.

Eingedenk des Einflusses der dort vertretenen Großindustrien auf die lokale Politik hob also dieser Siedlungsverband deren infrastrukturelle Wünsche auf ein wissenschaftliches planerisches Niveau. Das Beispiel machte Schule.

Seit Mitte der zwanziger Jahren ist ein deutlich zunehmendes staatliches Interesse zu erkennen, diese unterschiedlichen Planungsansätze in einer reichseinheitlichen Regelung zusammenzufassen. Die infrastrukturellen Wünsche insbesondere der Großindustrie korrespondierten hier mit dem staatlichen Ordnungswunsch. Der Staat "entdeckte" die Raumplanung. Faßt man den Staat als geschäftsführenden Ausschuß der Bourgeoisie auf, konnten sich die Protagonisten der Raumplanung mit ihren neuen Ideen darin durchsetzen, weil Raumplanung das geeignete Instrument war, die allgemeinen Produktionsbedingungen zu verbessern.

Gesamtstaatliche Raumplanung kann dementsprechend auch als Fortsetzung einer Staatstätigkeit (Durchdringung des Territoriums und Gestaltung der Produktionsbedingungen) mit modernen Mitteln aufgefaßt werden.

1935 wurde Raumplanung mit der Reichsstelle für Raumordnung Hoheitsfunktion, Ziel war die Aufstellung eines reichsweiten Raumplans. Es begann die reale Inkorporation in den NS- Staat, was sich zuerst im Ton der Veröffentlichungen niederschlug. Hier wird nichts weiter deutlich, als daß die damaligen Raumplaner dem korporativen Staat völkischer Prägung und dem kontinentalen Imperialismus dienlich sein wollten.

Dienlich waren sie auch bei dem durch Lohnraub finanzierten Autobahnbau, wo den Planern der Reichsstelle allerdings nur die Mitarbeit (ab 1936, Erlasse 1937) bei der Ausführungsplanung zukam; auch räumlich war das Gesamtkonzept schon entwickelt. Die Autobahnplaner werden Raumplaner.

Mit dem Beginn der Maßnahmen (hauptsächlich 1938) des Dr. Helmuth- Plans beginnt dann eine neue qualitative Stufe der Raumplanung im Nationalsozialismus. Die "Lösung" einer durch die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik verschärften Krise sollte darin bestehen, die als "Übervölkerung" Definierten vor ihrer "Absiedlung" per Arbeitsdienst zum Ausbau der Infrastruktur und einer für die Verbliebenen besseren Wirtschaftsstruktur zu nutzen. Der Reichsarbeitsdienst wurde Instrument der Raumplanung. Der Dr. Helmuth- Plan kann also als ein Strukturhilfeprogramm unter der Bedingung und der Maßgabe eines korporativen Staates und der durch ihn gesteuerten, regulierten kapitalistischen Ökonomie verstanden werden. Die rassistische Selektion wurde Element und Vorbedingung der Raumplanung.

In Wien wird dieses Element dann zur tragenden Säule der Umverteilung, an der die Raumplaner (in nicht letztlich zu klärendem Umfang) beteiligt waren. Ihr Ziel  war also die Durchsetzung/ Festigung eben jenes strukturellen Vorteils für die Volksgemeinschaft, der überhaupt Antrieb für diese Politik war.

Die Beraubung einer Minderheit und die wirtschaftliche Sanierung sollten auch aus räumlicher Perspektive  bruchlos ineinandergreifen.

Dieselbe Großindustrie (z.B. Krupp), die schon in den Ballungszentren die Raumplanung als ein geeignetes Instrument zur Durchsetzung ihrer infrastrukturellen Interessen mit entwickelt hatte (ließ), formulierte dann auch in ihren imperialistischen Pressure Groups, vor allem im Mitteleuropäischen Wirtschaftstag, raumplanerische Gedanken, eben den Gedanken der Großraumwirtschaft mit dem Ziel einer von Deutschland diktierten Arbeitsteilung, die nach Produktivitätsgrad von Deutschland aus gestaffelt werden sollte. Was diesen Wunschvorstellungen noch fehlte, war die genaue geographische Abgrenzung. Dennoch ist diese angestrebte Verbindung von Geographie und Ökonomie mit der klaren Perspektive der Planung der funktionalen Beziehungen als eine für diese Zeit durchaus neue Form imperialistischer Expansion anzusehen.

Die Pressure Groups adaptierten die Raumplanung in ihre imperialistischen Konzepte, da dieselben sozialen Träger diese neue Disziplin vor ihrer eigenen Haustür (Produktionsbedingungen) als ihnen nützlich erkannt hatten.

Die Umsetzung in Kriegszielplanung (samt Produktionsumstellungen im Sinne der Pressure Groups) mußte dann von einer extra für solche Zwecke geschaffenen Agentur des Staates (ohne den Imperialismus also nicht zu haben ist) bewerkstelligt werden, eben der Vierjahresplanbehörde, in der wiederum Raumplaner mitarbeiteten.

Diese Staatsagentur ist ein gutes Beispiel für eine imperialistische Bürokratie. Zu ihrer Gründung ist die vorher schon existierende Reichsstelle für Raumordnung als Voraussetzung aufzufassen; ihre Existenz läßt sich aber im Gegensatz zur Reichsstelle nur aus dem Expansionsinteresse (also Aneignungsinteresse) und aus keiner der bisher üblichen Staatsaufgaben herleiten.

Dementsprechend verlor die auf das eigene Territorium fixierte und für Expansion ungeeignete Reichsstelle für Raumordnung (im Gegensatz zu ihren Technokraten) an Bedeutung. Dies zeigte sich dann in der Gründung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (1936) als der Brücke der Vierjahresplanbehörde zur forschenden und raumplanenden Intelligenz.

Raumplanung wurde ganz offiziell Teilfunktion in der Planung und Vorbereitung kriegerischer Expansion.

Parallel zur Raumplanung entstand in Deutschland die moderne Bevölkerungswissenschaft, deren zunehmende Relevanz eine Zielverschiebung innerhalb der imperialistischen Politik beschrieb. Orientierten sich die Ziele des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags anfangs noch stark am klassischen Kapitalexport, so trat jetzt der Export der "Überflüssigen" stärker in den Vordergrund.4 Der Abteilungschef der Forschungsabteilung der IG- Farben - Anton Reithinger - kombinierte dann auch erstmalig die Vorstellungen des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags (wo er ebenfalls mitarbeitete) mit dem "Bevölkerungsproblem" bei zwangsweise ausbleibender Industrialisierung.

Daher die bemerkenswerte Wandlung der politischen Konzeption in der Ausplünderung fremder Länder. Sollten die Länder Südosteuropas noch in einen Ergänzungsverkehr hineingepresst werden, aber ansonsten unverändert bleiben, so sollte im Gegensatz dazu Polen gänzlich vernichtet werden.

Notwendig für das gerade überfallene Polen war eine neue imperialistische Bürokratie; sie wurde gegründet, für die Raumplaner eben die Hauptabteilung Planung und Boden (C33), die alle bisherigen wissenschaftlichen Planungsinstitutionen als Unterbau nutzen konnte.

Die Einbindung der Raumplanung in den Raubkrieg erfolgte also über dieselbe in die imperialistische Bürokratie.

 

 "Ferner erübrigt es sich für den Soldaten, über die Struktur der durch die Wehrmacht erlösten und besetzten Gebiete zu berichten. Der fechtenden Truppe sind ja alsbald Planungsreferenten gefolgt, die den neuen Raum in Ost und West raumplanlich erkunden, auswerten und erobern."5

Wie am Beispiel Polens gezeigt wurde, begannen zwar die Planungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon vor dem Überfall, aber nicht vor der allgemeinen Feldzugsplanung, die entsprechenden Raumplanungen müssen also als Teil eben dieser Feldzugsplanungen aufgefaßt werden.

In den betreffenden Gebieten sollten die Juden und ein Teil der Polen verschwinden und durch deutsche Siedler ersetzt werden, gleichzeitig sollte die Bevölkerungsdichte gesenkt und so das Gebiet auf die deutschen Wirtschaftsinteressen ausgerichtet werden. Dazu gehörte auch die Vernichtung der polnischen städtischen Kultur und der Raub der auf komplementären Tausch angelegten Restindustrien.

Konrad Meyers Aufgabe (als Leiter der Hauptabteilung) war nun die weitestgehende Koordination all dieser Vorstellungen in einem Raumplan, mit dessen Hilfe sein Vorgesetzter Himmler innerhalb der zeittypischen Konkurrenzen die politische Initiative übernehmen konnte. Die Funktion der Raumplanung bestand hier also in der Koordination der schon von den Einsatzgruppen begonnenen Vertreibung an sich und mit allgemeinen Strukturplänen; Raumplanung wird zu einem entscheidenden politischen Vorteil.

Die dann folgende Ausweitung der Planungsstellen deutet auf einen zunehmenden Bedarf an neuen imperialistischen Bürokratien, deren Planungen dann in den an der jeweiligen militärischen Lage orientierten Generalplänen zusammengefaßt wurden.

Bleibt die zentrale Frage, warum in den USA Staudämme, Straßen und Betriebsansiedlungen mit friedlichen Mitteln und hier die Vernichtung von Millionen Menschen projektiert wurde. Selbstverständlich hat auch das US- Kapital seine Reproduktionsbasis imperialistisch ausgeweitet, aber keinen Generalplan Ost entwickeln lassen. Sie verfolgten eben zur Zeit der Entstehung der Raumplanung keine kontinentalimperialistische Strategie als wesentliches Kennzeichen ihrer Politik.

Die Einbindung der Raumplanung in den Vernichtungskrieg erfolgte also über die Einbindung in die imperialistischen Bürokratien mit der vorher schon stattgefundenen Einbindung in die allgemeine Staatstätigkeit als ihrer Voraussetzung. Der geschäftsführende Ausschuß leistete (leistet) also die zentrale Vermittlungsfunktion.

Der Nationalsozialismus hat sich also seine speziellen Raumplanungen geschaffen, so wie er sich seine speziellen Wirtschaftssteuerungstechniken geschaffen hat. Die Raumplanung lieferte die Verbindung der Einzelmaßnahmen zueinander. Während die Methoden der Reichsbank zumindest anfänglich an Vorbilder aus dem klassischen Imperialismus erinnerten, sind die Raumplanungen durch ihre Konzeption und genaue Raumanalyse ohne Vorbild in der Phase der imperialistischen Flächenexpansion.

Die Raumplanung sollte den ökonomischen Vorteil realisieren helfen, denn sie orientierte sich immer an den jeweils aktuellen imperialistischen Zielen. Sie sollte also den "Verzehr" der Beute ("größte Kolonisationsaufgabe unserer Zeit") sichern und weitere Raubzüge ermöglichen. Hinter den so nur auf den ersten Blick archaisch anmutenden Gewaltorgien der Wehrmacht, der SS und des SD stand also eine verwissenschaftlichte Planung, die sich in der Lage glaubte, diese imperialistischen Ziele tatsächlich umzusetzen. Allerdings kann, und dies ist eine leider notwendige Einschränkung, die Bedeutung der Raumplanung in beschriebenen imperialistischen Konzepten, also ihr realer Stellenwert bei der Ausraubung insbesondere in Osteuropa, im Rahmen dieser Arbeit nicht letztendlich bemessen werden. Dafür ist, wie auch die daran interessierten Historiker bestätigten, das Thema noch zu unerforscht.

Um den Kübelwagen zu bauen, wurden die Sparer bestohlen; um die Autobahnen zu bauen, wurden die Sozialversicherungen geplündert; um die deutschen Händler zu entlasten, wurden die jüdischen beraubt; um die Rüstungskonjunktur zu erhalten, wurden Handelspartner erpreßt und die Techniken dazu verfeinert; um deutschen Bauern größere Ackerstellen zu ermöglichen, wurden die Polen vertrieben, für Teile des verarbeitenden Gewerbes gilt ähnliches und überall waren Raumplaner daran beteiligt.

Keine Modernisierung im Nationalsozialismus ohne Raub. Und - das unterscheidet den Nationalsozialismus vom einfachen Raubzug - kein Raub ohne (allerdings nachfolgende!) Modernisierung. Darin liegt die Stabilitätssicherung des Nationalsozialismus, denn bei den Arisierungen wurde meistens liquidiert (zuerst nur das Geschäft) und dann rationalisiert und eben nicht einfach die ganze Beute verteilt. Das Initial lag immer beim Raub, wenn auch Pläne für die Modernisierungen schon in den Schubladen lagen, waren sie doch immer allgemein gehalten, wie gerade auch an der Entwicklung der Raumplanung zu sehen ist. Diese verwissenschaftlichte dann den begonnen Raub und führte ihn auf ein höheres Niveau. Die Geschichte der Raumplanung im Nationalsozialismus zeigt also die Inkorporation einer relativ neuen Wissenschaft in ein imperialistisches Konzept und die daraus resultierende "Effektivitätssteigerung" desselben.

Diese Arbeit soll der hoffentlich verständliche Versuch sein, die Inkorporation einer konkreten neuen Wissenschaft in ein konkretes Herrschaftskonzept zu beschreiben. Ein Vergleich mit abstrakter Wissenschafts- und Erkenntnistheorie wurde unterlassen, da er "aufgesetzt" wäre; will meinen: nicht aus dieser Arbeit selbst herausgeleitet wäre.

Insgesamt sehe ich meine im ersten Teil ("Grundlegung: Der Nationalsozialismus und seine Entstehung") vorgetragene Einschätzung des NS - als radikalisiertes kontinentalimperialistisches Konzept unter völkischem Vorzeichen - bestätigt, nur daß die Verwissenschaftlichung des Raubs - sowohl bei den ökonomischen Methoden der Reichsbank als auch bei den Raumplanungen - das Erwartete doch übertrifft.


1 Vgl. Götz Aly/ Susanne Heim a.a.O., S. 173ff.
2Vgl. Karl Heinz Roth a.a.O., S. 36.
3 Vgl.Koos Bosma: "Verbindungen zwischen Ost- und Westkolonisation", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S. 199 - S. 214.
4 Anm.: Der Imperialismus wird als durch den Kapitalexport initiiert aufgefaßt, damit wurde aber eben ein (!) Verwertungsproblem exportiert. Der Export der "Überflüssigen" muß eben als der Export eines anderen "Verwertungsproblems" aufgefaßt werden.
5Heinrich Dörr: "Bomben brechen die 'Haufen'- Stadt. Stadtplanerische Betrachtungen über den Luftkrieg", in: Raumforschung und Raumordnung 5/1941, S. 269 - S. 273, S. 269.