• Home • Inhaltsverzeichnis • Einleitung • Fazit • Nachschrift • Literaturliste
 
 

Texte
• Allgemein/Rassismus
• Westlicher Nationalismus
• Völkischer Nationalismus
• Imperialismus
• Kontinentaler Imperialismus
• Konzept
• Definition
• Frühgeschichte in den USA
• in Deutschland
• Ursprüngliche
• Autobahnen
• Dr. Helmuth-Plan
• Mitteleuropäischer Wirtschaftstag
• Beispiel Wien/Wohnraum
• Beispiel Wien/Gewerbe
• Kriegsvorbereitung
• Reichsstelle
• Vierjahresplan und RAG
• RKF Himmler
• polnisches Land
• polnische Stadt
• Sonstige
• Generalplan Ost
• Positionen
• Selbstdarstellung
• Strukturalistische Ansätze
• Soziologischer Ansatz
• "Vordenker der Vernichtung"?
• Kritische Historiker


Kontakt
• Mail

 

Einleitung

Die vorliegende Arbeit entstand aus der Beschäftigung mit der Geschichte des eigenen Studienfachs1 und seiner Vertreter. Das ist in diesem Fall die Geographie und darin die Teildisziplin Raumplanung.2

Das Berufsbild des Raumplaners ist das eines verbeamteten Wissenschaftlers, der zugleich Planer ist und sich bei seiner Amtstätigkeit in entsprechenden Behörden auf eine ausdifferenzierte gesetzliche Grundlage (heute: Bundesraumordnungsgesetz) stützt, oder solchen Planern und ihren Institutionen in wissenschaftlichen Instituten zuarbeitet.

Raumplaner koordinieren - oder versuchen dies zumindest - Industrieansiedlungen mit der politisch gewünschten Verteilung derselben und der dazu notwendigen Infrastruktur. Sie üben heutzutage teils beratende, teils regulierende Funktion bei der Erstellung von Flächennutzungsplänen, Bebauungsplänen, Flurbereinigungen, Straßenbauplänen und ähnlichem aus.

Einer der zu seiner Zeit bekanntesten Raumplaner Deutschlands, der aus den Agrarwissenschaften kommende Konrad Meyer, hatte allerdings, wie viele seiner Zeitgenossen, völlig andere Vorstellungen über die Aufgaben der Raumplanung.

Als Leiter der Planungshauptabteilung beim Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums erarbeitete er 1940 die "Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete". Diese enthalten ein detailliertes Konzept zur Kolonisation der gerade besetzten Teile Polens:

 "Das neue dem Reich angeschlossene Gebiet hat eine Gesamtfläche von 87.600 qkm. (...) Es wird im folgenden vorausgesetzt, daß die gesamte jüdische Bevölkerung dieses Gebiets von rund 560.000 bereits evakuiert ist bzw. noch im Laufe dieses Winters das Gebiet verläßt." 3

Dieses "evakuiert" ist ganz klar ein Euphemismus für Vertreibung - und Mord, und dieser Absatz ist Teil der Einleitung in die Planungsgrundlagen dafür.

Anschließend wird nicht nur eine genaue - räumlich gegliederte, versteht sich - Strukturanalyse der Bevölkerung nach Alter, "Volkszugehörigkeit", Bildungsstand und Berufszugehörigkeit geleistet, es wird nicht nur beschrieben, wie große Teile der gerade unterjochten Bevölkerung in Polen durch deutsche Kolonisatoren ersetzt werden können, wie viele Deutsche wo dazu angesiedelt werden müssen, wie viele Straßen, neue Dörfer und Höfe dazu gebaut werden müssen, es wird sogar der Baustoffbedarf nach Materialgruppen für all diese Maßnahmen genau berechnet und anschließend sofort die Frage beantwortet, ob die polnischen Produktionsanlagen bis auf die benötigten Produktionskapazitäten gebracht werden können - und all das selbstverständlich unter Beachtung geographischer Gegebenheiten.

Wenn in dieser Arbeit weiterhin von Planungen die Rede ist, dann sind solche empirisch und geographisch äußerst exakten Arbeiten gemeint, die keinen Vergleich mit der heute ungleich entwickelteren Disziplin zu scheuen brauchen.

Hinter den grobschlächtig wirkenden Parolen der Nazigrößen werden bei genauerem Hinsehen dann solche Ausführungspläne sichtbar, die in ihrer empirischen Grundlegung und ihrer Effizienz so gar nicht zu eben diesen Parolen zu passen scheinen.

Daß Geographen in Kriegszeiten als Kartographen sehr gefragt sind, ist nun keine Neuerung dieses Jahrhunderts. Außergewöhnlich allerdings ist ihre Einbindung in die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik. Eine Wissenschaft, die sich Jahrhunderte damit beschäftigt hat, die Entstehung von Landschaftsformen zu erklären, entwickelt und fördert eine Teildisziplin, die zu einer Schnittstelle zwischen mörderischen Vorhaben und ihrer Durchführung wird. Die mörderischen Vorhaben selbst sind nun nicht in den geographischen Instituten und Gesellschaften entwickelt worden, es war aber die Teildisziplin Raumplanung, die durch konzeptionelle Planung wesentlich die Umsetzung überhaupt ermöglichte.

Besonders beachtenswert erscheint dabei der Entwicklungssprung des Nationalsozialismus von einer auf den ersten Blick diffusen Großraumideologie (mit dem für die Nazis so typischen Gerede vom Raum, "Volk ohne Raum" etc.), hin zu den eben zitierten Planungsgrundlagen als solche für den Raubkrieg. Diese Arbeit beschäftigt sich deshalb hauptsächlich mit dem Vorabend des II. Weltkriegs und den ersten drei Kriegsjahren und eben nur am Rande mit dem später so bekannt gewordenen Generalplan Ost.

Die Bearbeitung dieses selbstgewählten Themas erwies sich wegen der schwierigen Quellenlage als problematisch. Die Frühzeit der Raumplanung/ Raumforschung ist einigermaßen gut dokumentiert; sowohl was den organisatorischen Rahmen angeht als auch die Arbeitsergebnisse. Dies ändert sich mit zunehmender Einbindung in die nazistische Politik und insbesondere mit Beginn der Kriegsvorbereitung. Zwar sind die entsprechenden Erlasse und Verordnungen bekannt, doch wird es zunehmend schwieriger, sie in ihrer Gesamtheit und vor allem in ihrer funktionalen Bedeutung richtig einzuschätzen. Hinzu kommt, daß im Rahmen einer solchen studentischen Arbeit Archivarbeit in Berlin (Berlin Document Center), Bonn (Politisches Archiv des Außenministeriums), Würzburg, Warschau, Wien und vielen weiteren Städten nicht zu leisten ist.

Daher stützt sich dieser Beitrag vor allem auf die Zeitschriften "Raumforschung und Raumordnung" und "Der Deutsche Volkswirt" (für das Kapitel über den Mitteleuropäischen Wirtschaftstag) als seine wesentlichen Quellen.4

Das ist insoweit unbefriedigend, als dort die eigentlichen Planungen meist nur angedeutet werden, sofern es sich um Planungen für besetzte Gebiete handelt und der Leser sich dort aus Tagungsberichten, politischen Ankündigungen und Lobhudeleien, verdeckten Kritiken und der Zielrichtung der Empirie den eigentlichen Gehalt der damaligen Raumplanungen herausinterpretieren muß.

Die Raumplanung (als wissenschaftliche Disziplin) im Nationalsozialismus wurde von Historikern noch nicht durchgehend untersucht, weder ihre Funktion noch ihre Bedeutung in diesem Zeitabschnitt sind bisher umfassend beschrieben worden. Daher geht kein Weg daran vorbei, sich mit einzelnen Tendenzen, Planungen, Institutionalisierungen und verwaltungstechnischen Anwendungen zu beschäftigen.

Diese Beschreibung bleibt notwendig fragmentarisch, denn eine systematische Untersuchung steht noch aus und ist ohne Archivarbeit nicht zu leisten.

Als relevant wurden folgende Bereiche erachtet:

Die Frühgeschichte der Raumplanung - sie sagt etwas aus über die Genese, ihre damalige Funktion und Bedeutung einer neuen Disziplin.

Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag - hier wurde zum ersten Mal ein kontinentalimperialistisches Konzept unter besonderer Beachtung räumlicher Abhängigkeiten formuliert.

Die "Entjudung" Wiens ab 1938 - hier wurde zum ersten Mal außerhalb der Reichsgrenzen die Beraubung unter (allerdings eher mäßiger) Beachtung raumplanerischer Gesichtspunkte durchgeführt.

Die erstaunliche Vermehrung der Raumplanungsinstitutionen in Vorbereitung und zu Beginn des Krieges unter besonderer Berücksichtigung der Planungsansätze im besetzten Polen (als dem ersten überfallenen Land) - am Wandel der Institutionalisierung ist eine generelle Entwicklung ablesbar.

Dabei richtet sich das Augenmerk nicht auf die Theoriegeschichte dieser Wissenschaft, sondern mehr auf die Stellung einer bestimmten Teildisziplin in der Feldzugs- und Vernichtungsplanung und ihrer Durchführung.

Bei der Betrachtung stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:

Wie entsteht diese extreme Gewalttätigkeit mitten in Europa?  Eine Frage, die im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus immer gestellt werden muß.

War die Raumplanung ein Instrument der Kriegsvorbereitung? Will meinen: waren die Kriegsziele raumplanerisch definiert?

Entstand die Expansionstendenz (auch) in der Raumplanung? War also die Wissenschaft Schnittpunkt/ Ausgangspunkt derartiger Interessen? Oder wurde die Expansionstendenz dort hineingetragen?

Welche Arbeitshypothesen können über die Stellung der Raumplanung im nationalsozialistischen Herrschaftskonzept (insbesondere in dessen Expansionstendenz) formuliert werden?

Als herausforderndes Objekt zwingt der Nationalsozialismus dazu auch kleinere Teilbereiche unmittelbar in ein umfassenderes theoretisches Konzept einzuordnen und zu werten. Um ständige Wiederholungen zu vermeiden, wird in einer kurzen Einführung ("Grundlegung...) das verwendete grundsätzliche Erklärungsmuster zum Verständnis des Nationalsozialismus als Arbeitsgrundlage festgelegt und soll anhand der Ergebnisse auch überprüft werden.

Nach dieser Einleitung gliedert sich diese Arbeit also in zwei Teile:

- "Grundlegung: Der Nationalsozialismus und seine Entstehung"

Dieser Teil hat sieben Abschnitte (a bis g, Seite 10 bis Seite 24) und legt das grundsätzliche Erklärungsmuster zum Verständnis des Nationalsozialismus dar.

- "Raumplanung als wissenschaftliche Disziplin im Nationalsozialismus"
Dieser Teil (ab Seite 25) hat acht numerisch aufgeführte Kapitel und eine Nachschrift.

Es werden aus den Quellen nur einige ausgesuchte Artikel zitiert, um dem/der interessierten Leser/in einen Einstieg zu ermöglichen. Jeder dieser ausgesuchten steht für eine Unzahl von fast gleichlautenden Artikeln mit den immergleichen Phrasen.


< 1 Anm.: Die Motivation bestimmt auch den Rahmen der Arbeit: Diese Arbeit beschäftigt sich mit einer konkreten Wissenschaft in einem bestimmten Zeitabschnitt, der eben durch einen extremen Rassismus geprägt ist. Da der Rassismus als Legitimation des Imperialismus angesehen wird, gilt das Augenmerk der Einbindung einer bestimmten Wissenschaft in den NS- Imperialismus.
2 Anm.: Definition und Frühgeschichte der Raumplanung folgen im ersten Kapitel des Hauptteils.
3 Hauptabteilung Planung und Boden beim Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums: "Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete", undatiert, nach Indizien nachdatiert auf ca. Mai 1940, zitiert nach: Karl Heinz Roth: "Vernichtung und Entwicklung - Die nazistische 'Neuordnung' und Bretton Woods", in: Mitteilungen der Dokumentationsstelle zur NS- Sozialpolitik, Juni 1985, S. 1 - S. 73, S. 54.
Anm.: Roth bezeichnet diese Planungsgrundlagen fälschlicherweise schon als ersten Generalplan Ost.
4 Anm.: Raumplaner veröffentlichten auch in verschiedenen Propagandablättern, die hier nicht herangezogen wurden, da sie klientelspezifisch ausgerichtet sind.