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Definition

Bei einer derart jungen Disziplin (knapp 80 Jahre) interessiert nicht die Selbsteinschätzung der damals Beteiligten, sondern die Einschätzung aus der Sicht der heute entwickelten Disziplin, daher wird als Raumplaner eingeschätzt, wer raumplanerisch argumentiert:

"Raumplanung ist die Gesamtheit aller zur Erarbeitung, Aufstellung und Durchsetzung der erstrebten strukturräumlichen Ordnung eingesetzten planerischen Mittel."

Die heute über sich selbst aufgeklärte Disziplin kennt auch ihren Bezug zur Politik:  "Das aufzustellende Zielsystem (der Raumplan, M.B.) wird davon auszugehen haben, daß Ordnung und Entwicklung des Raumes nicht Selbstzweck sind, sondern ein Mittel und untrennbarer Bestandteil der Gesellschaftspolitik."1 Raumplanung greift also über die Gestaltung (Siedlung, Arbeitsplatz, Bildungseinrichtungen, Erholungsmöglichkeiten etc.) immer in die alltägliche Ausformung der das menschliche Leben bestimmenden sozialen Beziehungen ein.

Daher kann "Raumplanung als wissenschaftliche Disziplin im Nationalsozialismus" nur sinnvoll durch die Darstellung ihrer Funktion und Wirkung beschrieben werden. Raumplaner ist, wer Gesellschaft (in all ihren Bereichen), Ökonomie, Ökologie, Siedlungsstruktur und Geographie - mit dem klar festgelegten Ziel der Planung - in ihrem funktionalen Zusammenhang untersucht, aus solchen Untersuchungen Strukturplanungen ableitet, oder diese durchsetzt.2

Dabei ist die Trennung von Raumforschung und Raumplanung artifiziell,

denn die Begriffe Raumforschung (als Vorstufe), Landesplanung, Regionalplanung, Generalsiedlungsplanung etc. bezeichnen Entwicklungsstufen hin zur heute umfassenden Disziplin, eben der Raumplanung.

 "Beim ersten Blick auf die Arbeiten der Planungswissenschaften könnte es fast scheinen, als ob hier nur die organisatorische Zusammenfassung von wissenschaftlichen Arbeiten vorgenommen wurde, und zwar von Arbeiten, die schon von je her durchgeführt worden sind. Diese Auffassung wäre richtig, wenn man ausschließlich den Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung für entscheidend halten würde.(...) Wenn nun jetzt die Planungswissenschaft mit der Forderung hervortritt, ein neues Arbeitsgebiet in Angriff zu nehmen, so ist der Gegenstand der Planungswissenschaft im allgemeinen nicht neu. Wohl aber sind neu die Fragestellung und die Ausrichtung, auch die Wahl des Ausgangspunktes und das Ziel der Forschung."3

Ihre Fragestellung, Ausrichtung und Zielsetzung bezog die frühe Raumplanung aus den unmittelbaren Notwendigkeiten und Problemen der fortschreitenden Industrialisierung, der damit einhergehenden Veränderungen in der ländlichen Besitz- und Produktionsstruktur und allen daraus resultierenden Problemen der räumlichen Verteilung. Generell ist die Entstehung der Raumplanung ein untrügerisches Zeichen für die räumlich vollständige Durchkapitalisierung einer Region.

2. Frühgeschichte der Raumplanung

2.1. Die Entstehung der Raumplanung in den USA

Die ersten überregionalen Untersuchungen und daraus abgeleiteten Planungen mit effektiven Siedlungsprojekten in ihrem Gefolge wurden in den USA in Angriff genommen. Aktueller Anlaß war dort die Agrarkrise von 1920/21 vor allem in den völlig verarmten Staaten des amerikanischen Südostens. Bereits zu Beginn der zwanziger Jahre wurde die systematische Erfassung sowohl inter- als auch intraregionaler Wanderungsbewegungen durchgeführt; durchgehende wasserwirtschaftliche Kartierung, Bodenschatzerfassung und Elektrifizierungsstatistik folgten.

Und schon 1925 wurde im Tennesseetal (Tennessee) an der Grenze zum Bundesstaat Alabahma - und unter Einschluß diesem zugehöriger Gebiete - eine erste Ansiedlungsmaßnahme für kleinere und mittlere Industriebetriebe geplant und später durchgeführt.4  Zeitgleich wurden die notwendigen gesetzlichen Regelungen erlassen.

 "So sehen wir heute allgemein in Europa erst Ansätze für die Gedanken, an deren Verwirklichung man in Deutschland schon intensiv arbeitet. Ungleich weiter fortgeschritten aber ist der Gedanke der Raumordnung bereits in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo er bereits eine Verwirklichung erfahren hat, die eine Gegenüberstellung mit den deutschen Verhältnissen durchaus ermöglicht. (...) Diese Tatsache wirkt bei der bekannten Geisteshaltung der Amerikaner in politischen Dingen vielleicht verblüffend, aber die wirtschaftlichen Gegenwartsgegebenheiten erzwingen hier Lösungen, die nur unter stärkster Einschaltung staatlicher Autorität (Gründung des National Ressources Board und Zusammenarbeit der State Planning Boards mit den Ministerialabteilungen der Bundesverwaltung.  M.B.) möglich waren, wenn auch die praktische Durchführung in einer Form erfolgte, die sich der liberalen Auffassungen des Amerikaners anpaßte (Bodenpreissubvention etc, Freiwilligkeitsprinzip, siehe unten  M.B.) und daher Wege gehen mußte, die von den deutschen Maßnahmen grundlegend abwichen. (...) Der Weg zu einer bundeseinheitlichen Raumplanung ging, wie überall auf der Welt, auch in den Vereinigten Staaten von der kommunalen Städtebauplanung über die zwischengemeindliche Planung und die einzelstaatliche Landesplanung."5

Die Raumplanung in den USA entwickelte sich also aus den gleichen Notwendigkeiten ("wirtschaftliche Gegenwartsgegebenheiten erzwingen" die Raumplanung) wie - was im nächsten Abschnitt noch gezeigt wird - hierzulande und fand sogar völlig unabhängig davon vergleichbare Organisationsformen wie für die frühe hiesige Raumplanung. Motor dieser Entwicklung waren in den USA - neben den lokalen und regionalen Verwaltungen - vor allem die Elektrizitätsunternehmen.6

Wurden neben den üblichen Verkehrswege- Flächen- und Versorgungstrassenplanungen auch Siedlungsmaßnahmen oder ähnliches projektiert, so bestanden die Methoden hauptsächlich im Landkauf, der verbilligten auflagengebundenen Abgabe desselben und punktuellen Subventionen insbesondere der Energiepreise.7

Mit der Wahl Roosevelts und der darauffolgenden Politik des New Deal wurde die Raumplanung in den USA Teil eben dieser Politik, bei der die oben genannten Organisationen mit den Koordinatoren der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Federal Emergency Administration of Public Works kooperierten.8

Die frühe Entwicklung der amerikanischen Raumplanung wird von den hiesigen Forschern nur rudimentär reflektiert, ihr Entwicklungsvorsprung ist in den Veröffentlichungen schlicht nicht zu finden.9 Dieser Abschnitt findet sich hier in der Arbeit, um im Vergleich zum Abs. 2.2. über die Entstehung der deutschen Raumplanung, zu zeigen, daß Raumplanung als wissenschaftliche Disziplin ihren Ursprung in den Problemen der räumlichen Verteilung bei fortschreitender Industrialisierung hat und nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt ist.
 

2.2. Die Entstehung der Raumplanung in Deutschland10

In dem Jahrzehnt von 1910 bis 1920 entstand in Deutschland die Idee einer "Generalsiedlungsplanung" aus der Notwendigkeit, in großen Industrieagglomerationen die schon seit der Gründerzeit entwickelte Stadtplanung mit ihren kommunal begrenzten Bebauungs- und Flächennutzungsplänen über die kommunalen Grenzen hinaus zu koordinieren.

Das Initial war dabei die Aufstellung eines Flächennutzungsplans für den Großraum Berlin (1912); ihm folgte 1920 der Generalsiedlungsplan des neugegründeten Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, in dem  erstmals die Gesamtheit aller ökonomischen und sozialen Funktionen in Bezug zur räumlichen Anordnung Ausgangspunkt der Planungen war. Dies war also der erste Raumplan in Deutschland im modernen Sinne.

 "Im Laufe der 20er Jahre entstanden dann zahlreiche weitere regionale Planungsstellen, die wie in einer Versuchsreihe unter den verschiedensten Vorraussetzungen, in Ballungsräumen und in ländlichen Gebieten, in grenzüberschreitenden Regionen und in den Grenzen von Verwaltungsbezirken die Möglichkeiten und die Erfordernisse der regionalen Planungen erkundeten und erprobten."11

Der wegen seines Planungsumfangs wichtigste war der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk. Dieser hatte als erster auch eine gesetzliche Grundlage und eine klar festgelegte Organisations- und Entscheidungsstruktur. In den Beschlußorganen des Verbandes stellten die Städte und Landkreise die Hälfte der Mitglieder. Die andere Hälfte teilten sich Kapital- und Gewerkschaftsfunktionäre. Die Planungen dieses Verbandes waren der verbindliche Rahmen für die beteiligten Gemeinden. Eingedenk des Einflusses insbesondere der Stahlindustrie und des Bergbaus auf die lokale Politik, hob also dieser Siedlungsverband die infrastrukturellen Wünsche der ansässigen Industrie auf ein ansatzweise wissenschaftliches planerisches Niveau unter Einbeziehung einiger sozialtechnokratischer Rücksichtnahmen zur Erhaltung der ortsansässigen Arbeitskraft. (Dies also ist der reale Zweck der Raumplanung.)

 "Die Abgrenzung des Verbandsgebietes erfolgte mit dem Ziel, einen durch gemeinsame Probleme und Interessen verbundenen Planungsraum zu schaffen. Er erstreckte sich über Teile von drei Regierungsbezirken und zwei Provinzen. Nach dem gleichen Grundsatz wurden auch die Planungsräume der meisten anderen Regionalplanungen in Ballungsgebieten (insbesondere für das oberschlesische Industriegebiet, M.B.) unabhängig von den Verwaltungsgrenzen festgelegt. Zugleich verbreitete sich die Regionalplanung auch außerhalb der Ballungsgebiete."12

Wurden die Planungen und die Entwicklung dieser Disziplin bisher von den Kommunalverwaltungen13  und von industrienahen Stiftungen und Brain- Trusts (insbesondere der Dr. Oetker Stiftung und verschiedenen Wirtschaftsförderungsvereinen) getragen und forciert, so ist seit Mitte der zwanziger Jahren ein deutlich zunehmendes staatliches Interesse zu erkennen, diese unterschiedlichen Planungsansätze in einer reichseinheitlichen Regelung zusammenzufassen.14

Die infrastrukturellen Wünsche insbesondere der Großindustrie korrespondierten hier mit dem staatlichen Ordnungswunsch, da der geschäftsführende Ausschuß (Staat) allgemeine Verbesserungen der Produktionsbedingungen anstreben muß.

Bis zu ihrer Koordination im Reichsstädtebaugesetz (das eigentlich einen falschen Namen trägt, da es flächendeckend regulieren sollte), dauerte es aber noch bis 1931. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten werden das Wohnsiedlungsgesetz (1933) und das Siedlungsordnungsgesetz (1934) erlassen, welche noch von den bisherigen Protagonisten (den regionalen Planungsverbänden und ihrer planenden Intelligenz) vorbereitet worden waren und bei den Nazis - insbesondere beim Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Walter Darré - auf zunehmendes Interesse stieß, weil (neben der allgemeinen Verbesserung der Produktionsbedingungen) der Landbedarf für die neue Wehrmacht, die Rüstungsindustrie und die Autobahnen mit den faschistischen Ordnungsvorstellungen koordiniert werden mußten und das alte preußische Verwaltungsmodell (da es zwar Verwaltung und Steuerung, aber eben nicht komplexe Planung ermöglichte) dazu nicht mehr in der Lage war.15

Nach einigem organisatorischem Chaos wurde per Erlaß 1935 die Reichsstelle für Raumordnung gegründet und direkt der Reichskanzlei unterstellt.16

Alle bisherigen Planungsorganisationen wurden nach staatlichen Verwaltungsgrenzen neu aufgeteilt und zur Vereinheitlichung der Reichsstelle untergeordnet. Raumplanung wurde Hoheitsfunktion. (Und die Gewerkschaftsvertreter waren auch verschwunden.)

Die Institutionalisierung der Raumplanung begann also mit der Gründung einzelner, an regionalen Problemen und regionalen Interessen orientierter Planungsverbände und der anschließenden Ausweitung dieses neuen Planungsprinzips durch die Vorbildwirkung dieser Verbände. Eben diese Vorbildwirkung im Lösungsansatz bei der Bewältigung aktueller Probleme war dann auch der Grund für die Gründung einer gesamtstaatlichen Institution, die die weitestgehende Auflösung der bisherigen Planungsverbände mit sich brachte.17

Die gesamtstaatliche Raumplanung mit der Reichstelle für Raumordnung hat also die gesamtstaatliche Kontrolle und dadurch die gesamtstaatliche Regulation infrastruktureller Interessen etabliert (deshalb das Interesse des Ministers Darré, deshalb die direkte Unterstellung unter die Reichskanzlei).

 "Aufgabe der (...) 1935 gegründeten Reichsstelle für Raumordnung war die Aufstellung eines Raum- und Flächenordnungsplans für das gesamte Reich, aus dem die Verteilung von Industriestätten und Siedlungsgebieten hervorgehen sollte."18

 Die technische und zivilisatorische Entwicklung des letzten Jahrhunderts, begleitet von einem ungeheuren Volkswachstum, hatte zur Folge, daß die Verteilung der Menschen im deutschen Raum einen unorganischen, gefahrdrohenden Verlauf nahm. (...) In den früh industrialisierten Gebieten wurde die ungeheure Gleichgewichtsverlagerung im deutschen Volkskörper am brennendsten fühlbar. So entstanden in diesen Gebieten die ersten Ansätze zu einer planvollen Lenkung der Raumnutzung, die infolge des Zusammenwachsens industrieller und ländlicher Gemeinden zu einer kommunalpolitischen Notwendigkeit geworden war.

Es handelte sich dabei um einen gewissen örtlichen Ausgleich, das Aufstellen von Fluchtlinien- und Bebauungsplänen, die Linienführung von Verkehrswegen, Erhaltung von Grünflächen, oft diktiert vom Abbauprogramm der Kohle usw. Diese Planungen gingen aber über  die Grenzen des Bezirks nicht hinaus (Falsch, sie gingen sogar über Provinzgrenzen hinaus. d. A.).

Im Ruhrkohlebezirk, im mitteldeutschen Revier, in Oberschlesien, in Hamburg entstanden in der Nachkriegszeit die ersten Landesplanungsverbände, an deren Arbeit neben den kommunalen Behörden auch schon verschiedene staatliche Stellen19 beteiligt waren . Wenngleich auch in diesen Planungsverbänden wertvolle Aufbauarbeit geleistet wurde, und es nicht an Stimmen fehlte, die, aus der Erkenntnis der Notwendigkeit des Abstimmens der einzelnen Gebietsplanung mit dem Ganzen, eine Reichsplanung forderten, so wurde von den Regierungen der Nachkriegszeit die Bedeutung dieser Ansätze für die Gesamtheit nicht erkannt.

Das änderte sich von dem Augenblick an, als die organische Staatsidee des Nationalsozialismus politische Wirklichkeit erhielt.20

Die Tatsache, daß die Hoheitsfunktion Raumplanung in Deutschland erst im Nationalsozialismus begann, hat manche Kritiker (insbesondere Münk und Rössler, siehe dazu auch Kap. 7) zu der Annahme veranlaßt, sie sei eine genuine Erfindung des Nationalsozialismus, oder doch zumindestens eine Disziplin, die nur unter solchen Bedingungen wirklich eingesetzt und angewandt werden konnte.21  Fakt aber ist und bleibt, daß die ersten funktionstüchtigen Planungsverbände von Industrie und Kommunalverwaltung in den Ballungszentren gegründet wurden.

Da liegt der Verdacht nahe, daß diese Kritiker Quellen wie die oben zitierte einfach überbewerten. Diese von NS- Funktionären gebetsmühlenartig wiederholten Formulierungen von der "organischen Volksentwicklung" sind eben als die völkische Variante der korporativen Staatsidee - eben als die aktuelle gesellschaftspolitische Zielvorstellung - zu werten und finden ihre Übersetzung in den entsprechenden Schlagworten ("der Planung des organischen Volksganzen") bei den Raumplanern. Nachdem der Etablierung der Raumplanung als Hoheitsfunktion (1935) wurde der Rahmen für die Einbindung der Raumplanung in den Nationalsozialismus abgesteckt:

 "Die politischen Ziele der Raumordnung müssen aus dem Wesen und der Weltanschauung des den Raum beherrschenden Volkes gefunden werden. Jedes Volk prägt dem in Besitz genommenen Raum seinen eignen Stempel auf. Zwar werden die natürlichen Gegebenheiten die Gestaltung der Landschaft beeinflussen, aber immer wird ein Volk nach Veranlagung und rassischer Haltung den Raum verschieden aufbauen. (...) (völkischer Nationalismus, M.B.)

Indes, nicht nur jede Rasse löst die Aufgabe der Verbindung von Natur und Menschenwerk verschieden, auch dasselbe Volk hat immer, je nach der bei ihm vorherrschenden Weltanschauung, eine andere Einstellung. In der liberalen Zeit war ausgeklügelt Zweckmäßigkeit und privater Vorteil allein ausschlaggebend; bolschewistische Menschen wollen unter Vernichtung überkommener Grundlagen nach einem zentral aufgestellten Plan alles neu aufbauen ohne Rücksichtnahme auf natürliche Vorbedingungen und völkische Interessen (politische Abgrenzung, M.B.). Nicht nur eine artgemäße Raumordnung wird deshalb der deutsche Staat als sein Ziel hinstellen, vielmehr wird er heute eine nationalsozialistische Ordnung des deutschen Raumes fordern. (...)

Der Nationalsozialismus wertet alle staatlichen Maßnahmen danach, ob sie dem deutschen Volk in seiner Lebenskraft und in seinem Bestand als Volkskörper Nutzen bringen. (....)

Die Völker befinden sich in einem dauernden Zustand des Messens ihrer Kräfte. Jedes Volk muß sich deshalb stets in bester Form zu halten versuchen, was für das deutsche Volk eine Berücksichtigung der Wehrkraft und Landesverteidigung bei allen planerischen Entschlüssen bedeutet. (Andeutung des kontinentalen Imperialismus, M.B.) Die Raumordnung will also durch Steigerung der räumlichen und menschlichen Kräfte die Freiheit des völkischen Lebens nach außen und die Mehrung der Volkskraft nach innen sichern."22

Hier wird nichts weiter deutlich, als daß die damaligen Raumplaner dem völkischen Nationalismus und dem kontinentalen Imperialismus dienlich sein sollten und wollten und kein aus ihrer Wissenschaft abgeleiteter Grundsatz sie daran hinderte, wenn der "Rasse" und dem "Volk" alles dienstbar gemacht wurde.

Eingedenk der Tatsache, daß nicht einmal mehr z.B. die Mediziner sich an ihre alten Grundsätze (und die hatten wenigstens schon altbekannte) gebunden fühlten, spiegelt sich darin also nur die damalige deutsche Normalität der deutschen Intelligenz. Kennzeichnend ist dabei doch vielmehr deren Dienstbarkeit überhaupt. Knapp ein Jahr nach der Gründung der Reichstelle für Raumordnung konnte dann ein Raumplaner über ein politisches Thema, das eigentlich gar nicht in den Bereich der für Raumplaner interessanten Themen fällt solches schreiben:

 "In welchem Umfang die deutsche Wissenschaft von artfremden Einflüssen überwuchert war und sich vom volksmäßigen entfernt hatte, ist erst nach dem 30. Januar 1933 in vollem Umfang bewußt geworden. Allein 600 Hochschullehrer mußten aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verabschiedet oder entlassen werden. Das ist jeder 8. bis 9. Dozent. Hieraus ergibt sich noch lange nicht das volle Ausmaß der früheren Verjudung unseres Wissenschaftsbetriebs. (...)

Die Richtung unserer Wissenschaft muß zum Volk hinführen. Wissenschaft soll wieder das Sinnesorgan des Volkes werden, da sie von der Unendlichkeit des Volkstums in seinem Werden und Wachsen lebt. (...)

Im Dienst am Volk und im Dienst an der eigenen Art dieses Volkes erfüllt sich der Lebenssinn der Wissenschaft. Daher kann es zukünftig keine selbständige eigene Wissenschaft mehr geben, sondern nur eine Gesamtwissenschaft vom völkischen Leben.23

Über jüdische Raumplaner (ob es überhaupt welche gab; wenn ja, was aus ihnen wurde) ist rein gar nichts bekannt. Im März 1936 beschrieb ein Raumplaner in einer für ihn zuständigen Fachzeitschrift24  eine rassistische Aggression, die mit seiner Disziplin nichts zu tun hat, eben die gewünschte und durch die "Entjudung" in Angriff genommene Inkorporation jeglicher Wissenschaft in den Nationalsozialismus. Dieser Autor zeigte also einen Formierungsprozeß der Gesellschaft, der so umfassend war, daß er bis in Spezialistenzeitschriften vordrang.


1 Gottfried Müller: "Raumplanung", in: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (HG): "Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung", Hannover 1970, S. 2542 - S. 2553, S. 2542f.
2 Vgl. Josef Umlauf: "Wesen und Organisation der Raumordnung", Essen 1958, S. 7ff.
3Wilhelm Bechtel: "Verfahrensweisen", in: Raumforschung und Raumordnung 1/1936 S. 25 - S. 27, S. 25.
4 Vgl. Bruno Wehner: "Der Stand der nordamerikanischen Planungen", in: Raumforschung und Raumordnung 1/1936, S. 36 - S. 44, S. 36ff.
Vgl. Günter Schmölders: "Probleme der Raumordnung in den USA" in: Raumforschung und Raumordnung 1/1936, S 29 - S. 36, S. 29ff., S. 34:
"Neben diesem Musterbeispiel der Raumordnung im Tennesseetal auf der Grundlage wissenschaftlicher Raumforschungsarbeit findet der Gedanke der Raumordnung und Landesplanung sowohl in den einzelnen Ressorts der Bundesregierung, wie auch innerhalb der regionalen Selbstverwaltungskörperschaften lebhaften Widerhall."
5 Bruno Wehner: "Der Stand der nordamerikanischen Planungen", in: Raumforschung und Raumordnung 1/1936, S. 36 - 44, S. 37f.
6Vgl. Günter Schmölders a.a.O., S. 29ff.
7 Vgl. Günter Schmölders a.a.O., S. 32.
Anm.: Der Autor erwähnt an dieser Stelle auch die sich hin und wieder ergebenden Konflikte zwischen Energiekonzernen und öffentlicher Hand.
8 Vgl. Günter Schmölders: "Deutsche und amerikanische Raumplanung - Ein Vergleich ihrer Vorraussetzungen und Methoden", in: Raumforschung und Raumordnung 8/1938 S. 371 - S. 374, S. 371f.
9 Anm.: Sowohl in den Veröffentlichungen des Duos Götz Aly/ Susanne Heim, als auch den Veröffentlichungen von Mechtild Rössler (bei deutschen Historikern sowieso) fehlt der Vergleich mit den amerikanischen Raumplanungen gänzlich. Siehe dazu auch Kap. 7.
10Vgl. Josef Umlauf: "Zur Entwicklungsgeschichte der Landesplanung und Raumordnung", Hannover 1986, S. 5ff.
Anm.: Dessen Darstellungen wurde für diesen Zeitabschnitt im wesentlichen übernommen, für die eigentliche nationalsozialistische Zeit ist er aber als Chronist völlig unbrauchbar (siehe dazu auch Kap. 7.). 11 Ebd., S. 1.
12 Ebd., S.5.
13 Anm.: Ein einheitliches Berufsbild gab es damals noch nicht. An der Raumplanung Interessierte kamen aus den Kommunalverwaltungen, den Wirtschaftswissenschaften, der Geographie, den Agrarwissenschaften und vielen weiteren Bereichen.
14Vgl. Josef Umlauf a.a.O., S. 4.
Vgl. Prof. Dr. Ekkehard Buchhofer: Einführungsvortrag im Sommersemester 1995 zum Oberseminar "Deutsche Raumordnungspolitik 1935 - 1965 am Fachbereich Geographie. Unveröffentlicht, Marburg 1995: Für den Ruhrkohlenbezirk waren die lokalen Wirtschaftsförderungsvereine (Rheinischer Wirtschaftsförderungsverein etc.) sehr wichtig. 15Josef Umlauf a.a.O., S. 4.
16Anm.: Gleichzeitig wurde eine kleine parteieigene Institution, die Akademie für Landesforschung und Reichsplanung, offensichtlich zur Kontrolle der Reichstelle durch die Partei gegründet. Vgl.Dieter Münk: "Die Organisation des Raumes im Nationalsozialismus - eine soziologische Untersuchung ideologisch fundierter Leitbilder in Architektur, Städtebau und Raumplanung", Bonn 1993, S. 414.
17Vgl. Josef Umlauf a.a.O., S. 7.
18Elke Pahl- Weber: "Die Reichsstelle für Raumordnung und die Ostplanung", in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (HG): "Der 'Generalplan Ost' - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik", Berlin 1993, S. 148 - S. 152, S. 148f.
19 Anm.: Zudem waren in diesen Planungsverbänden "paritätisch" Kapital- und Gewerkschaftsvertreter vertreten, was der Autor verschweigt.
20 W. H. Blöcker: "Raumordnung", in: Raumforschung und Raumordnung 1/1936, S 5 - S. 8, S. 5.
21Vgl. Dieter Münk a.a.O., S.14: "(...) nicht ohne Grund ist die Disziplin der Raumforschung und -planung schließlich erst im Kontext des Dritten Reiches entstanden." Dies ist - wie gezeigt - eindeutig falsch.
Vgl. Mechtild Rössler: "Die Institutionalisierung einer neuen Wissenschaft im Nationalsozialismus - Raumforschung und Raumordnung 1935 - 1945", in: Geographische Zeitschrift 75, 1987, S. 177 - S. 194.
22 Ernst Jarmer: "Politische Zielsetzung und weltanschauliche Abgrenzung der Raumordung" in: Raumforschung und Raumordnung 1/ 1936, S. 8 - S. 10, S. 8f.
23 Frank Glatzel: "Das Bauerntum als Stoßtrupp nationalsozialistischer Raumplanung", in: Raumforschung und Raumordnung 3/1936, S. 119 - S. 126, S. 122.
24Anm.: Siehe dazu Kap. 6. Dort wird die Entstehung dieser
Zeitschrift erläutert.