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Projekt Integration nach dem "Marburger Modell"

Der empirische Befund zum Verbleib ehemaliger Teilnehmer/innen an den Lehrgängen von Arbeit und Bildung e.V. zur Integration Schwerbehinderter in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Eine Studie von Martin Bongards im Auftrag von Arbeit und Bildung e.V.
 
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Teilnehmer/innen und Arbeitsmarkt
1.1 Wie setzen sich die Teilnehmer/innen zusammen?
1.2 Welchen Nutzen haben die Kurse von Arbeit und Bildung e.V. zur Erlangung eines Arbeitsplatzes?
1.3 Wie entwickelte sich der berufliche
Werdegang der Teilnehmer/innen nach dem Kurs?
1.4 Wurde eine erneute Bewerbung versucht,
eine Anschlusstätigkeit gefunden?
1.5 Gibt es eine Geschlechterspezifik beim Verbleib?
1.6 Gibt es einen Unterschied zwischen ehemaligen WfB-Mitarbeitern und den anderen?
1.7 Wie wirkt sich der Psychosoziale Dienst (PSD) aus?
1.8 Welche Relevanz hat der Kurs zur Erlangung eines Arbeitsverhältnisses?
1.9 Wie entwickeln sich Lohn, Tätigkeiten und Position im Betriebsablauf?
1.10 Lohnen sich Kurswiederholungen?
1.11 Wo verbleiben die Abbrecher?
1.12 Gibt es zwischen den einzelnen Gruppen einen Unterschied in Art und Grad der Behinderung?
 
1.13 Gibt es Unterschiede bei den Kursen hinsichtlich ihres Erfolges?
1.14 Hat die Schulbildung Einfluss auf den Kurserfolg?
1.15 Wie lange dauert(e) das/die Beschäftigungsverhältnis(se)?
Sind Mitnahmeeffekte zu vermuten?

2. Die allgemeine Entwicklung der Teilnehmer/innen
2.1 Subjektive Kriterien:
2.2 Die gesundheitliche Entwicklung
2.3 Territorialer Aktionsraum
2.4 Sozialer Aktionsradius
2.5 Wohnortwechsel aus sozialer Perspektive
2.6 Der reale Familienstand
2.7 Mitgliedschaften in Vereinen etc.
2.8 Das Selbstbewusstsein
2.9 Der Kurs als Kontaktbörse
2.10 Freizeitgestaltung
2.11 Der Konsum
3. Allgemeine Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt für Schwerbehinderte
Zusammenfassung
Abkürzungsverzeichnis

 

 


0. Einleitung

In den Jahren 1986 bis 1994 wurden bei Arbeit und Bildung e.V. regelmäßig Lehrgänge zur Integration jüngerer schwerbehinderter Arbeitsloser in den allgemeinen Arbeitsmarkt durchgeführt. Im Einzelnen handelt es sich um J6- Grundausbildungslehrgänge für jugendliche und schwerbehinderte Arbeitslose, um Förderlehrgänge für schwerbehinderte jugendliche Arbeitslose und ehemalige Mitarbeiter/innen aus Werkstätten für Behinderte (ab jetzt WfB) und um einen Qualifizierungslehrgang (für Schwerbehinderte) für einfache Tätigkeiten in den Dienststellen des Landes Hessen. Die Lehrgänge wurden in Marburg, in Gladenbach, in Altenhaßlau (Main- Kinzig Kreis), und in Hanau jeweils in Zusammenarbeit mit den WfB Vorort durchgeführt.

Eine Dokumentation der Projekte aus den Jahren 1986 bis 1992 wurde durch Christa Perabo im Jahre 1992 vorgelegt. Hier finden sich Beschreibungen der einzelnen Lehrgänge, statistische Daten zu den Teilnehmergruppen und den beteiligten Praktikumsbetrieben, sowie auch eine Verbleibsforschung für die Kurse bis zum Erscheinungszeitpunkt der Dokumentation. Weiterhin enthält diese auch eine Wertung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und des Integrationsansatzes, wie er von Arbeit und Bildung e.V. entwickelt und praktiziert wurde. Beides gilt es zu überprüfen und fortzuschreiben. Weiterhin interessiert die Mitarbeiter/innen von Arbeit und Bildung e.V. und die der Werkstätten der allgemeine Werdegang der Kursteilnehmer/innen.

Diese Verbleibsforschung hat also drei Themen:

- Sie ist eine Maßnahme der permanenten Qualitätssicherung von Arbeit und Bildung e.V.. Dies erfolgt durch eine klare und aussagefähige Erfolgsstatistik an einem Raster harter Kriterien. Dies ist das Hauptinteresse dieser Untersuchung, die Wirksamkeit der Lehrgänge ihr vordringliches Thema

- Diese Verbleibsforschung interessiert aber auch der allgemeine Werdegang der Teilnehmer/innen. Deshalb fragt diese Studie auch, was die Lehrgänge den Teilnehmer/innen außerhalb des Arbeitslebens gebracht haben, denn ein Arbeitsverhältnis wird als Bestandteil und nicht als Endpunkt allgemeiner sozialer Integration aufgefasst.

- Zudem fragt diese Verbleibsforschung nach der Wertung des Kurserfolgs - insbesondere Arbeitsmarktintegration - im allgemeinen gesellschaftlichen Vergleich.

Dementsprechend ist diese Verbleibsforschung von Inhalt und Ablauf strukturiert und in drei Kapitel gegliedert:

1. Kapitel: Teilnehmer/innen und Arbeitsmarkt.

2. Kapitel: Die allgemeine Entwicklung der Teilnehmer/innen.

3. Kapitel: Allgemeine Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt für Schwerbehinderte.

1. Teilnehmer/innen und Arbeitsmarkt

Die Trennlinie zwischen allgemeinem Arbeitsmarkt und Sonderarbeitsmarkt für Behinderte wird wie folgt gesetzt: Außenarbeitsplätze der WfB gelten als Verlängerung derselben, alles andere (ABM, § 19 BSHG, etc.) wird zum allgemeinen Arbeitsmarkt gerechnet, da solche Maßnahmen auch für Nichtbehinderte eingerichtet werden. (Treten Übergangsformen auf, gelten nur die zum Schluss gültigen Konditionen.)

Die Außenarbeitsplätze zählen hier also ganz eindeutig zur WfB, werden aber gesondert erfasst, da ein Wechsel aus der Werkstatt heraus als eigenständige Qualität gesehen werden kann, auch wenn das eigentliche Lehrgangsziel (Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt) nicht erreicht wurde.

1.1 Wie setzen sich die Teilnehmer/innen zusammen?

Die 10 Kurse setzten sich wie folgt zusammen:

Anm.: Teilnehmer/innen, die so schnell wieder verschwanden, dass ihr Name gar nicht auf den Anwesenheitslisten geführt wurde, werden nicht einmal als Abbrecher gezählt, da offensichtlich gar kein Teilnahmewunsch vorlag. Zudem sind zwei Teilnehmer während der Kurse verstorben, sie wurden hier auch nicht mitgezählt.

14 Abbrecher, auf eigenen Wunsch, oder durch die Lehrgangsleitung.

79 reguläre Teilnahme, (davon 5 mit Verlängerung, davon 7 im siebenmonatigen Qualifizierungskurs).

7 Wiederholer, also doppelte Teilnahme.

100 TN

79% nahmen regulär teil

14% sind Abbrecher

7% wiederholten den Kurs

57% kamen aus der WfB

43% waren arbeitslos

63% sind Männer

37% sind Frauen

15,5% gingen zum PSD

Durchschnittliche Teilnahmedauer der Nichtabbrecher:

Qualifizierungsmaßnahme 7 Monate,

mit 7 Ausgangsteilnehmern = 49 Monate

Verlängerungsmaßnahme: 4 Monate, 5 TN = 20 Monate

72 TN mit regulär 10 Monaten = 720 Monate

7 TN mit 2 x 10 Monaten (nicht ganz genau) 140 Monate

929 Monate : 86 TN = 10,80 Monate durchschnittliche Teilnahmedauer.

(Ohne die kürzere Qualifizierungsmaßnahme, liegt die durchschnittliche Teilnahmedauer im Ausgang bei 880 Monate: 79 TN = 11,14 Monate, samt Doppelteilnahme und Verlängerungen.)

Bei 7% Wiederholern ist sichergestellt, dass hier nicht "Drehtürklientel" immer wieder die gleichen Kurse besuchte. Die Kurse sind also eine sehr kompakte Maßnahme.

Die Rückkehrer in die WfB waren zuerst beim Rücklauf unterrepräsentiert, dies wurde dadurch ausgeglichen, dass bei der WfB direkt nachgefragt wurde.

Generell ließ sich die Tendenz beobachten, dass die "Erfolglosen" weniger gern antworteten, dies wurde durch telefonische Nachfrage ausgeglichen.
 

Der Gesamtrücklauf bei den Informationen über Beschäftigungsverhältnisse lag somit bei 67% und ist für diese Gruppe repräsentativ.
 

1.2 Welchen Nutzen haben die Kurse von Arbeit und Bildung e.V. zur Erlangung eines Arbeitsplatzes?

Nach Ende der Kursen waren:

  • In Arbeit 68,97%
  • In Außenarbeitsplätzen 15,5%
  • Zurück in der WfB 6,9%
  • Immer Zuhause 8,6%
  • Anm.: Insgesamt wurden allerdings nur 62,1% von Arbeit und Bildung e.V. vermittelt, die anderen wurden von verschiedenen anderen Institutionen vermittelt.

    Von den 58 Antworten (Rücklauf ohne Abbrecher) waren 36, also 62,1% in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt worden.
     

    1.3 Wie entwickelte sich der berufliche Werdegang der Teilnehmer/innen vor und nach dem Kurs?

    Heute sind:
     

  • In Arbeit 55,2%
  • In Außenarbeitsplätzen 15,5%
  • Zurück in der WfB 6,9%
  • Immer Zuhause 8,6%
  • Arbeitslos bis heute 13,8%
  • 32 Teilnehmer/innen von 58 (Rücklauf) - also 55,2% - sind noch in Arbeit

    4 Teilnehmer/innen - also 6,9% von allen und 12,5% der noch arbeitenden - sind im 2. Beschäftigungsverhältnis, das nicht von Arbeit und Bildung e.V. vermittelt wurde und nicht der Praktikumsbetrieb war.

    4 Teilnehmer/innen - also 6,9% von allen und 12,5% der noch arbeitenden, die noch heute im ersten Beschäftigungsverhältnis stehen, wurden dorthin nicht von Arbeit und Bildung e.V. vermittelt.

    Somit sind logischerweise noch 25 - also 43,1% von allen und 78,1 der noch arbeitenden - TN im ersten, von Arbeit und Bildung e.V.

    vermittelten Praktikumsbetrieb beschäftigt.

    9 Teilnehmer/innen, also 15,5% von allen sind in Außenarbeitsplätze vermittelt worden, zwei Teilnehmer/innen davon waren Schulabgänger der Schule für praktisch Bildbare, alle anderen waren WfB Mitarbeiter, entweder direkt aus der Werkstatt, oder auf Außenarbeitsplätzen. Ein Teilnehmer davon ging 1995 in Rente.

    4 Teilnehmer/innen, also 6,9% von allen gingen nach Kursende zurück in die WfB aus der sie auch kamen.

    5 TN, also 8,6% von allen, waren seit Kursende ohne Beschäftigungsverhältnis und immer Zuhause, darunter eine Hausfrau mit 2 Kindern.

    8 TN - also 13,8% von allen - waren im Praktikumsbetrieb beschäftigt, der ihnen von Arbeit und Bildung e.V. vermittelt wurde, wurden aber wieder arbeitslos und haben bis jetzt (30. 9. 1997) keine neue Stelle gefunden.

    4 von diesen Teilnehmer/innen, also 50% der wieder arbeitslos gewordenen die keine neue Stelle gefunden haben, besuchten leider erfolglos eine Weiterbildungsmaßnahme bei einem anderen Träger.

    Wer nach dem Verlust des Arbeitsplatzes Weiterbildungsmaßnahmen anderer Träger besuchte, fand trotzdem keine neue Arbeit. Die Kurse von Arbeit und Bildung e.V. sind also besser als alle anderen auf diese Zielgruppe spezifiziert, denn nur diesen Kursen ist es gelungen, diese Klientel teilweise in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren.
     

    1.4 Wurde eine erneute Bewerbung versucht, eine Anschlusstätigkeit gefunden?

    Von den 12 Teilnehmer/innen, die arbeitslos wurden haben sich 75% neu beworben, haben dies also im Kurs erlernt.

    Aus diesen Zahlen ergibt sich, dass von den 12 Teilnehmer/innen, die zwischenzeitlich arbeitslos geworden sind, 4 also 1/3 ein erneutes Beschäftigungsverhältnis gefunden haben. Das schon vermutete Ergebnis ist hier also bestätigt worden: Schwerbehinderte haben weniger das Problem einen Arbeitsplatz zu halten, als vielmehr ihn zu erlangen. Gesetzliche Förderung und Handicap gleichen sich innerhalb des Arbeitsverhältnisses aus. Der erneute Eintritt in ein Arbeitsverhältnis scheitert oder ist mit erheblichen Problemen verbunden. Die Wiedereintrittsquote nach Arbeitslosigkeit beträgt also 33,3% und variiert stark geschlechtsspezifisch (siehe unten).
     

    1.5 Gibt es eine Geschlechterspezifik beim Verbleib?

    37% aller Teilnehmer/innen waren Frauen.

    Von den 32 TN, die noch in Arbeit sind, waren 12 TN, also 37,5% Frauen, die somit normal repräsentiert sind (37% von allen). Der Erfolg hat also keine Geschlechterspezifik.

    Unter den 8 TN, die wieder arbeitslos wurden und es blieben, war nur eine Frau, Frauen sind in dieser Gruppe mit 12,5% also unterrepräsentiert. Frauen halten den einmal erreichten Arbeitsplatz also besser als Männer.

    Von den 4 TN, die ein 2. Beschäftigungsverhältnis erreichten war niemand weiblich. Frauen haben also eine Wiedereintrittsquote von Null! Allerdings werden sie auch seltener arbeitslos, denn von allen die überhaupt arbeitslos wurden, war nur eine Frau.

    Von den 9 TN, die in Außenarbeitsplätze vermittelt wurden, waren 4 weiblich, Frauen sind hier also mit 44,4% überrepräsentiert.

    Von den 4 TN, die aus der WfB kamen und dorthin zurückgingen, waren 2 Frauen. Mit 50% sind die Frauen hier also überrepräsentiert.

    Von den 5 Teilnehmer/innen, die seither immer Zuhause waren ist nur eine weiblich. Frauen sind hier also mit 20% unterrepräsentiert.

    Fazit: Es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede was grundsätzlichen Erfolg oder Misserfolg der Kurse angeht. Im absehbaren Misserfolg des Kurses verhalten sich Frauen aber anders als Männer. Während Männer den Kurs häufiger abbrechen (siehe unten), führen Frauen ihn zu Ende und gehen danach zurück in einen Außenarbeitsplatz oder in die WfB. Zudem werden Frauen seltener arbeitslos, wenn sie ein Beschäftigungsverhältnis einmal erreicht haben.
     

    1.6 Gibt es einen Unterschied zwischen ehemaligen WfB- Mitarbeitern und solchen, die nie in einer WfB waren?

    57% aller Teilnehmer/innen kamen aus der WfB.

    Von denen, die Außenarbeitsplätze einnahmen oder (wieder) in die WfB gingen, kamen nur zwei direkt von der Schule für praktisch Bildbare, alle anderen waren vorher auch in der WfB.

    Von den 8 TN, die arbeitslos wurden und es blieben, kamen 2 aus der WfB und gingen nicht wieder dorthin zurück. Die ehemaligen WfB- Mitarbeiter sind hier mit 25% also unterrepräsentiert.

    Von den 5 TN, die seit Kursende Zuhause waren, kamen 2, also 40% aus der WfB. Sie sind hier also unterrepräsentiert.

    Von den 32 TN, die noch heute in Arbeit sind, kamen 17 aus der WfB. Hier sind die ehemaligen WfB- Mitarbeiter also mit 53,1% in etwa normal repräsentiert (57% von allen kamen aus der WfB) oder doch nur ganz leicht unterrepräsentiert.

    Von den 4 TN, die im zweiten Beschäftigungsverhältnis stehen, kamen 2 aus der WfB; die WfB- Mitarbeiter sind hier mit 50% in etwa normal (57% von allen) repräsentiert.

    Fazit: die WfB- Mitarbeiter sind im Schnitt ähnlich erfolgreich wie die anderen Teilnehmer/innen. Im Misserfolg der Maßnahme verhalten sie sich allerdings anders und gehen eben zurück in die WfB.

    Nur eine Teilnehmerin, die leider den Fragebogen nicht beantwortete, ging aus gesundheitlichen Gründen nach Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses in eine Reha- Werkstatt. Diese eine Teilnehmerin ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt: sonst ging niemand vom regulären Arbeitsmarkt zurück in die WfB. Mit diesen Kursen fällt also mit 99% Sicherheit eine endgültige Entscheidung: entweder Arbeitsmarkt oder zurück in die WfB.
     

    1.7 Wie wirkt sich der Psychosoziale Dienst (PSD) aus?

    Von 58 Teilnehmer/innen gehen 9, also 15,5%, zum PSD.

    Von den 32, die heute noch arbeiten, gehen 7 TN, also 21,9%, zum PSD.

    Von den 8 Teilnehmer/innen, die wieder arbeitslos wurden

    und es blieben, ging nur einer, also 12,5%, zum PSD.

    Es gibt also eine deutliche Korrelation zwischen Berufserfolg und Inanspruchnahme des PSD, wobei hier nicht geklärt werden kann, ob der PSD nun ausschlaggebend für den Bestand des Arbeitsverhältnisses ist, was aber als wahrscheinlich gelten kann.
     

    1.8 Welche Relevanz hat der Kurs zur Erlangung eines Arbeitsverhältnisses? Welcher Teil der Kurse (Praktikum etc.) war besonders hilfreich?

    In diesem Abschnitt geht es um die Einschätzung des Kurses durch die Teilnehmer/innen. Aus Gründer der Übersichtlichkeit werden hier nur Teilnehmer/innen herangezogen, die noch Arbeit (sei es die erste oder die zweite) haben. Die Betrachtung der anderen Gruppen macht keinen Sinn, da es um den Erfolg bei der Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt geht.

    Für wichtig oder sehr wichtig hielten 85,7% die Kurse.

    "Weiß nicht so recht" antworteten 4,8%.

    Für unwichtig hielten 9,5% die Kurse.

    Für "unwichtig" hielten die Kurse vor allem jene TN, die ohne die Vermittlung von Arbeit und Bildung e.V. ein Arbeitsverhältnis gefunden hatten. Sie bringen ihren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt nicht mit dem Kurs in Verbindung. Diese Verbindung ist aber als gegeben anzusehen, denn ohne die Kurse hatten die Teilnehmer/innen keine Arbeit gefunden, und der Kurs wird sicherlich die Bewerbung gefördert haben.

    Bei der Relevanz einzelner Kursteile ergibt sich ein recht deutliches Bild:

    Das Praktikum für besonders wichtig hielten 76,2%.

    Den Unterricht für besonders wichtig hielten 33,3%.

    Die Ausflüge für besonders wichtig hielten 14,3%.

    Den Kontakt zu anderen TN für besonders wichtig hielten 28,6%.

    Die persönliche Beratung für besonders wichtig hielten 38,1%.
     

    1.9 Wie entwickeln sich Lohn, Tätigkeiten und Position im Betriebsablauf?

    Eine Veränderung der Position im Betriebsablauf, der Arbeitsaufgabe im konkreten Betriebsablauf, ist bei keinem der Teilnehmer/innen festzustellen. Der/die Schwerbehinderte ist in dieser Hinsicht als Arbeitnehmer/in immobil. Offensichtlich meidet er/sie die innerbetriebliche Konkurrenz oder ist gar nicht in diese eingebunden (Sonderstatus) und verbleibt auf seinem Einstellungsplatz. Damit erhöht sich zwangsläufig sein/ihr Kündigungsrisiko, da mit einer Umstrukturierung der Tätigkeiten sein/ihr Arbeitsplatz wegfallen kann.

    Die Angaben zu Lohn und Tätigkeit sind meistens unvollständig und statistisch nicht auszuwerten. Die Tendenz zeigt eine leider dauerhafte Eingliederung in die untersten Lohngruppen bei tariflicher Bezahlung. Diese ist auch deshalb von Dauer, weil sich die Position im Betriebsablauf nicht ändert.

    78,6% der Befragten - die Arbeit hatten oder haben - waren mit Lohn und Tätigkeit zufrieden; 21,4% waren dies nicht.
     

    1.10 Lohnen sich Kurswiederholungen?

    Die Wiederholer in gesonderter Betrachtung: Die Rücklaufquote war mit 57% niedriger als der Durchschnitt.

    57% der Wiederholer sind Männer,

    43%, also etwas mehr als der Teilnehmerdurchschnitt (37% von allen) sind Frauen.

    57% der Wiederholer kamen aus der WfB, die also hier normal (57% von allen) repräsentiert ist.

    75% der Wiederholer sind noch in Arbeit, also mehr als der Durchschnitt.

    25% waren in Arbeit und wurden "verhaltensbedingt" gekündigt. Die Wiederholer sind in allen weiteren Betrachtungen als normale TN mitgerechnet.

    Sie wurden hier nur gesondert aufgeführt, um zu zeigen, dass sich die Wiederholungen gelohnt haben.

    1.11 Wo verbleiben die Abbrecher?

    Die 14 Abbrecher kehren in genau jene soziale Situation zurück, in der sie auch vor dem Kurs lebten.

    Dies ist besonders deutlich zu sehen bei den 9 Abbrechern, die aus der WfB kamen; sie sind dorthin zurückgekehrt.

    Wer vor dem Kurs von der Sozialhilfe lebte, bezieht auch nach dem Abbruch wieder dort seinen Lebensunterhalt.

    Mit 64,3% sind die ehemaligen (und wieder) WfB- Mitarbeiter bei den Abbrechern leicht überrepräsentiert.

    Elf Abbrecher sind Männer, die hier also mit 78,6% deutlich überrepräsentiert sind.

    Die höchste Abbruchwahrscheinlichkeit liegt also bei Männern, die aus der WfB kommen.

    Die Abbrecher sind bei allen weiteren Betrachtungen ausgeschlossen; ihr "Schicksal" ist hiermit geklärt, der Verein Arbeit und Bildung e.V. kann keine Verantwortung für den Werdegang von Abbrechern übernehmen.
     

    1.12 Gibt es zwischen den einzelnen Ergebnisgruppen einen Unterschied in Art und Grad der Behinderung?

    Bei der Art der Behinderung lässt sich eine gewisse Verteilung beobachten, ohne dass diese hier empirisch ausgeführt ist. Darauf wurde verzichtet, weil sehr viele Teilnehmer/innen Mehrfachbehinderungen haben, das würde zu unübersichtlich. Zudem stimmten die Antworten auf dem Fragebogen häufig nicht mit den vorher schon bekannten Informationen überein. Der durchschnittliche Grad der Behinderung kann hingegen sehr exakt berechnet werden.

    Der Einfachheit halber wurde er nur für ausgewählte Gruppen berechnet:

    Die Abbrecher haben einen durchschnittlichen GdB von 85,7%.

    Die Rückkehrer in die WfB und

    Außenarbeiter haben einen durchschnittlichen GdB von 84,5%.

    Die noch heute in Arbeit befindlichen haben

    einen durchschnittlichen GdB von 74,6%.

    Dies bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.
     

    1.13 Gibt es Unterschiede bei den Kursen hinsichtlich ihres Erfolges?

    Ja, einen erheblichen.

    Bei der

    QUALIFIZIERUNG VON SCHWERBEHINDERTEN FÜR EINFACHE TÄTIGKEITEN IN DIENSTSTELLEN DES LANDES HESSEN. DURCHGEFÜHRT IM AUFTRAG DES ARBEITSAMTES MARBURG VOM 2.4.90 BIS ZUM 30.10.90.

    sind 75% der TN noch in Arbeit, die Abbrecherquote lag unterdurchschnittlich bei 12,5%.

    Bei dem

    LEHRGANG ZUR INTEGRATION SCHWERBEHINDERTER AUS WERKSTÄTTEN FÜR BEHINDERTE IN DEN ALLGEMEINEN ARBEITSMARKT. DURCHGEFÜHRT VOM 18.10.1993 BIS 19.8.1994 (MIT VERLÄNGERUNGSMASSNAHME).

    sind 33% der TN noch in Arbeit. Die Abbrecherquote lag überdurchschnittlich bei 30,8%.

    Die Korrelation ist eindeutig: Je höher die Abbrecherquote, desto geringer der Kurserfolg. Wie sich hier Ursache und Wirkung verhalten, kann nur in Zusammenarbeit mit den Pädagogen geklärt werden. Es scheint aber, als würde sich der (Miss)Erfolg schon im Kurs abzeichnen, denn die Abbrecherquote verhält sich umgekehrt proportional zur Vermittlungsquote. Ein weiterer Vergleich der Kurse ist wegen der großen Zeitspanne ihrer Durchführung nicht sinnvoll; die äußeren Bedingungen (Arbeitsmarktsituation) haben sich doch zu sehr gewandelt.

    In der weiten Betrachtung werden die einzelnen Kurse hinsichtlich ihrer Vermittlungsquote in den allgemeinen Arbeitsmarkt betrachtet, unabhängig davon, ob die Arbeitsverhältnisse noch bestehen und unabhängig davon, wer dieses Arbeitsverhältnis tatsächlich vermittelte. Die Abbrecher bleiben dabei wieder außen vor.

    I. Grundausbildungslehrgang J 6 - Für arbeitslose Schwerbehinderte Jugendliche vom 13. Oktober 1986 bis 7. August 1987 75%

    II. Grundausbildungslehrgang J 6 - für arbeitslose Schwerbehinderte Jugendliche vom 5. Oktober 1987 bis zum 29. Juli 1988 66,67%

    III. DIE MODELLMASSNAHME: FÖRDERLEHRGANG ZUR INTEGRATION SCHWERBEHINDERTER JUGENDLICHER IN DEN ALLGEMEINEN ARBEITSMARKT VOM 5. APRIL 1988 BIS 3. FEBRUAR 1989 83,33%

    IV. J 6 - Grundausbildungslehrgang für jugendliche arbeitslose Schwerbehinderte. Durchgeführt im Auftrag des Arbeitsamtes Marburg und des Landeswohlfahrtsverbands Hessen vom 17.April 1989 bis zum 16.Februar 1990 71,43%

    V. Qualifizierung von schwerbehinderten für einfache Tätigkeiten in Dienststellen des Landes Hessen. Durchgeführt im Auftrag Arbeitsamtes Marburg vom 2.4.1990 bis zum 30.10.1990. 85,71%

    VI. Förderlehrgang für schwerbehinderte arbeitslose Jugendliche und ehemalige MitarbeiterInnen der Werkstat für Behinderte in Altenhasslau (Main-Kinzig-KREIS) DURCHGEFÜHRT IN HANAU IM AUFTRAG DES ARBEITSAMTES HANAU UND DES LANDESWOHLFAHRSTVERBANDES HESSEN VOM 21. MAI 1990 BIS 22. MÄRZ 1991 Rücklauf zu gering.

    VII. FÖRDERLEHRGANG FÜR SCHWERBEHINDERTE ARBEITLOSE JUGENDLICHE J6 LEHRGANG HANAU II IN HANAU UND GELNHAUSEN VOM 5.NOVEMBER 1990 BIS ZUM 6.SEPTEMBER 1991 54,54%

    VIII. J6 - Grundausbildungslehrgang für Jugendliche arbeitslose schwerbehinderte. Durchgeführt im Auftrag des Arbeitsamtes Marburg vom 1. JULI 1991 bis zum 30. APRIL 1992 88,89%

    IX: LEHRGANG ZUR INTEGRATION SCHWERBEHINDERTER AUS WERKSTÄTTEN FÜR BEHINDERTE IN DEN ALLGEMEINEN ARBEITSMARKT. DURCHGEFÜHRT VOM 18. OKTOBER 1993 BIS 19. AUGUST 1994 (MIT VERLÄNGERUNGSMASSNAHME) 33,33%

    Insgesamt wurden demnach 68,96% in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Ohne den eine "Ausrutscher" - der letzte Kurs - beträgt die Vermittlungsquote 72,54%.

    Die Schwankungen sind dabei unabhängig von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und lassen keine grundsätzliche Tendenz erkennen.

    1.14 Hat die Schulbildung Einfluss auf den Kurserfolg?

    Die Gruppe der Sonderschüler ist unter den Teinehmer/innen die größte Gruppe. Wegen der besseren Übersicht wird diese Gruppe hier als Messinstanz verwendet. Die anderen Teilnehmer/innen verteilen sich auf "ohne", "Hauptschule" und "mittlere Reife". Von 51 TN die dazu Angaben gemacht haben (ohne Abbrecher), hatten 25 die Sonderschule besucht, das sind 49%.

    Von diesen Antwortern sind 29 noch in Arbeit, davon haben 14 die Sonderschule besucht, das sind 48,3%.

    Eine Korrelation zwischen Schulbildung und Kurserfolg ist (bei den TN abzüglich der Abbrecher) also nicht zu beobachten. Lediglich im Misserfolg gibt es Verhaltensunterschiede: Teilnehmer/innen mit abgeschlossener normaler Schulbildung gehen nicht in die WfB.

    Nach Kursende haben zwei Teilnehmer/innen eine Ausbildung im Praktikumsbetrieb gemacht; eine Teilnehmerin wurde in einem damit in Zusammenhang stehenden Betrieb (kirchlich) übernommen.

    Ein weiterer Teilnehmer aus der Qualifizierungsmaßnahme arbeitet noch heute im vorher schon erlernten Beruf.
     

    1.15 Wie lange dauert(e) das/die Beschäftigungsverhältnis(se)?

    Sind Mitnahmeeffekte zu vermuten?
     

    Jeder Arbeitsplatz hat nur eine bestimmte physikalische Lebensdauer, die kann man berechnen.

    Hinter oft nur geringen Veränderungen der Gesamtbeschäftigung (Nettobeschäftigungsentwicklung), wie wir sie aus der medialen Aufbereitung der Arbeitslosenstatistik kennen, finden oft erhebliche Umschichtungen statt. In jeder Region gibt es neue, schließende, expandierende und schrumpfende Betriebe. Dahinter können sich Konkurrenzerscheinungen, Konjunkturschwankungen oder strukturelle Veränderungen verbergen.

    Um die verborgenen Umschichtungen zu analysieren, sammelt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung - das ist die Forschungsabteilung der Bundesanstalt für Arbeit - Jahr für Jahr die Einzeldaten der Arbeitsämter (wie praktisch) und rechnet für jeden Bezirk nach folgenden Parametern: wie viele Beschäftigte in bestehenden Betrieben neu eingestellt wurden (Expansionsrate), - wie viele Beschäftigte in neuen Betrieben einen Job gefunden haben (Gründungsrate) wie viele Beschäftigte aus bestehenden Betrieben entlassen wurden (Schrumpfungsrate), - wie viele Beschäftigte bei Betriebsschließungen entlassen wurden (Schließungsrate).

    Halbiert man die Gesamtsumme der Parameter, dann erhält man die Job- Turnover- Rate und damit den realen Stellenumschlag. Der Reziprokwert dieser Umschlagsziffer ist dann logischerweise die Verweildauer, also die mittlere Dauer der Arbeitsverhältnisse.

    Von 1977 bis 1990 schwankte die durchschnittliche Gesamtumschlagsrate in der Bundesrepublik um die 8% und einer Schwankungsbreite von höchstens 1,2%, d.h. pro Jahr werden etwa 8% aller Stellen erneuert, die Verweildauer eines Arbeitsplatzes beträgt also ca. 12,5 Jahre.

    Dabei ist auffällig, dass die Gesamtumschlagsrate eher konjunkturunabhängig und immer um ein vielfaches größer als die Nettobeschäftigungsentwicklung ist. Interessant ist nun die sektorale Differenzierung nach Betriebsgrößen und Branchen.

    Dabei zeigt sich, dass die Lebensdauer eines Arbeitsplatzes mit der Betriebsgröße steigt und im sekundären Sektor höher ist als im tertiären (mit Branchendifferenzierung). Im Bergbau hält ein Arbeitsplatz ca. 20 Jahre, im Reinigungsbetrieb keine acht. (Cramer/ Koller 1988, S.361ff) Dabei ist zu beachten, dass mit der Job- Turnover- Rate nur die physikalische Haltbarkeit und nicht die individuelle Fluktuation sichtbar gemacht wird.

    Aus dem Vergleich der Gesamtumschlagsrate und der individuellen Beschäftigungsdauer kann dann ein Rückschluss auf das Verhalten des TN und ihrer Arbeitgeber gezogen werden: liegt die Beschäftigungsdauer deutlich unter der physikalischen Haltbarkeit, dann können Mitnahmeeffekte vermutet werden, wenn die Beschäftigungsdauer deutlich länger ist als das Praktikum der/die Teilnehmer/in also gut in den Betrieb integriert war. Als Mitnahmeeffekt wird dabei ein Verhalten angesehen, welches die hohe Förderung am Anfang des Beschäftigungsverhältnis "mitnimmt" und den/die Teilnehmer/in nach Auslaufen dieser gezielten Förderung (oder nicht lange danach) wieder entlässt.

    Zuerst muss hier die Beschäftigungskurve errechnet werden. Dazu ist es notwendig die Kurse auf ein einheitliches Anfangsjahr zurückzurechnen, also so zu tun, als hätten alle Kurse 1986 begonnen. Wenig sinnvoll ist es hingegen, die Beschäftigungskurve "in Echtzeit" aufzuzeichnen; es würden nur die Unterschiede zwischen den Kursen sichtbar.

    Nach Lehrgangsende ist die Beschäftigungsquote der Teilnehmer/innen am höchsten und sinkt die nächsten Jahre nur geringfügig. Nach etwa fünf Jahren ändert sich diese Situation deutlich, die Beschäftigungsquote sinkt deutlich stärker als die Jahre zuvor.

    Nach dem sechsten Jahr macht sich die Wiedereintrittsquote von 33% bemerkbar und die Beschäftigungsquote erreicht ihren Dauerpegel bis heute. Nun ist zu untersuchen, warum die Beschäftigungsquote nach fünf Jahren so stark absinkt. Liegt es an der physikalischen Haltbarkeit der Arbeitsplätze dann konnten/ können die Lehrgänge von Arbeit und Bildung e.V. keinen Einfluss darauf nehmen, da es sich um ein grundsätzliches Funktionsmuster des Arbeitsmarktes handelt.

    Wegen der geringen Teilnehmerzahl ist hier eine Einzelanalyse bei den beendeten Beschäftigungsverhältnissen sinnvoll. Da Ausgangsdaten vorhanden sind, muss hier nur die Beschäftigungsdauer abgefragt werden um wirklich eine reelle Vergleichsmöglichkeit zu erarbeiten.

    Anm.: Alle Daten aus: Ulrich Cramer, Martin Koller: "Gewinne und Verluste von Arbeitsplätzen in Betrieben - der ‘Job- Turnover’- Ansatz", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 3/88, S361-378.

    T12 wird nach nicht einmal einem vollen Jahr in der Herstellung von Webrahmen schon wieder entlassen. Er ist Teil einer Entlassungswelle, die im Rahmen eines Liquidationsverfahrens von einer Bank erzwungen wurde. Danach findet T12 keine neue Arbeit. Dieser Werdegang liegt außerhalb der Einflussmöglichkeiten von Arbeit und Bildung e.V..

    T18 arbeitet bis zum Besitzerwechsel nach 2 Jahren in einem Restaurant und findet nach ihrer Entlassung direkt einen Job in einem Hotel. T18 ist gut in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert.

    T6 meistert die Herausforderungen souverän. Ein optimales Kursergebnis erbringt die vollständige Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

    T14 findet eine Anstellung im MRZ und wird 1997 wegen zu hoher Fehlzeiten entlassen. Ein Kommentar ist im Rahmen dieser Arbeit nicht sinnvoll.

    T21 arbeitet in einer Schreinerei, also im Bereich Dienstleistungen für privat (11,49 Jahre) und wird nach 2 Jahren in die dauerhafte Arbeitslosigkeit entlassen. Hier muss ein wichtiger individueller Kündigungsgrund vorgelegen haben, der Teilnehmer hat Schwierigkeiten mit Kollegen, Mitnahmeeffekte sind allerdings nicht auszuschließen.

    T23 arbeitet ein Jahr im einem kunststoffverarbeitenden Betrieb, schafft den Akkord nicht und wird entlassen. Ein brauchbares Kursergebnis wurde nicht erreicht, der Teilnehmer hat Schwierigkeiten mit Kollegen. Mitnahmeeffekte sind auszuschließen.

    T3 arbeitet 6 ½ Jahre im Landschaftsgartenbau, also bei den Dienstleistungen überwiegend nicht für private Haushalte. Die J-T- Rate beträgt 13,0%, ein Arbeitsplatz hält durchschnittlich 7,6 Jahre. T3 hat also fast die physikalische Haltbarkeit erreicht, wird gekündigt und findet einen neuen Job in der gleichen Branche. T3 meistert die Herausforderungen souverän und schafft sogar den Wiedereintritt. Ein optimales Kursergebnis erbringt die vollständige Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

    T6 arbeitet 7 Jahre im Bereich Dienstleitungen für privat, die J-T- Rate beträgt 11,49 Jahre. T6 kündigt selber wegen zu geringen Lohnes vor dem Ende der physikalischen Haltbarkeit und findet selbst einen neuen Job, wieder bei Dienstleistungen für privat.

    T20 arbeitet 4 Jahre im Bereich Dienstleistungen nicht für privat, wird arbeitslos bevor die physikalische Haltbarkeit erreicht sein dürfte und findet nach 1 ½ Jahren eine neue Stelle in der gleichen Branche. Auch wenn er recht früh (individuell begründet) gekündigt wurde, so ist der Teilnehmer doch gut in den Arbeitsmarkt integriert. Hier können Mitnahmeeffekte vermutet werden.

    T7 wird während der Praktika nicht übernommen und verlässt den Kurs in die Arbeitslosigkeit. Nach drei Jahren findet er eine Arbeit im Bereich Dienstleitungen für privat, wird aber schon nach weiteren 2 Jahren wieder gekündigt. T7 ist nicht in den Arbeitsmarkt integriert, er zieht häufig um und meldet sich gelegentlich arbeitslos. Das endgültige Kursergebnis war schon bei Kursende sichtbar und geht zu Lasten von Arbeit und Bildung, denn der Kandidat hat Potential, sonst hätte er keinen Job gefunden. Mitnahmeeffekte können vermutet werden.

    T61 wird nach dem Praktikum in eine Ausbildung übernommen, danach allerdings gekündigt. Hier können Mitnahmeeffekte vermutet werden.

    T62 wird nach 4 Jahren bei den Dienstleistungen nicht für privat (7,6 Jahre) gekündigt und ist seither arbeitslos. Hier können Mitnahmeeffekte vermutet werden, denn der Betrieb existiert nachweislich noch in gleicher Form.

    W6 wird nach 4 Jahren, also lange vor der physikalischen Haltbarkeit von 16,9 Jahren, in einem metallverarbeitenden Betrieb gekündigt, erkrankt dann schwer und ist nicht mehr arbeitsfähig. Auch hier können Mitnahmeeffekte vermutet werden.

    Alle der gekündigten TN erreichten nicht die physikalische Haltbarkeit oder kamen (bis auf einen) auch nur in die Nähe dieser. Bei sechs Kündigungen besteht der Verdacht auf Mitnahmeeffekte. (Die Prognose des Autors aus dem Konzept ist also widerlegt.) Auf diese Mitnahmeeffekte deuten auch noch andere Tatsachen:

    Keiner der Entlassenen arbeitete vorher im öffentliche Dienst (wofür keine J-T- Raten vorliegen). Alle in den öffentlichen Dienst (Kirchen dazugezählt) Vermittelten arbeiten noch heute dort.

    56,25% von denen, die heute noch arbeiten, und sogar 64,3% derjenigen, die im ersten Beschäftigungsverhältnis stehen, arbeiten im öffentlichen Dienst. Alle Kündigungen und Wiedereinstellungen spielen sich völlig außerhalb dieser Gruppe ab. Hier ist die deutliche Trennlinie, die eine weitere Branchendifferenzierung unnötig macht. Folglich arbeiten heute noch 43,75% im privaten Sektor.

    Der Kurserfolg hängt somit auch wesentlich davon ab, an welchen Arbeitgeber der TN vermittelt wurde. 45% der TN gingen nach Kursende in den öffentlichen Dienst, aber 56,25% der heute noch Arbeitenden sind dort. Diese Zahlen sind eindeutig.

    Die 6 Kündigungen, bei denen Mitnahmeeffekte vermutet werden können müssen allerdings in Relation zur Arbeitsmarktintegration insgesamt gesehen werden. Zuerst einmal sind dies 50% der Gekündigten. Vor allem aber sind dies 10,34% der überhaupt eingegangenen Arbeitsverhältnisse auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Bei vollzogenen Kündigungen besteht also sehr häufig der Verdacht auf Mitnahmeeffekte; das Risiko diesem Effekt zum Opfer zu fallen ist aber sehr viel geringer.
     

    2. Die allgemeine Entwicklung der Teilnehmer/innen
     

    Die Randgruppenförderung auf dem Arbeitsmarkt ist immer geprägt von einer gewissen Ambivalenz. Sie eröffnet zwar den Betroffenen oft die einzigen Chancen persönlicher Entwicklung, die sie in dieser Gesellschaft haben; sie ist aber gleichzeitig auch ein Disziplinarmechanismus einzig für die Lohnarbeit, aus der sie doch bisher ausgegrenzt wurden. Gleichzeitig wird diese Lohnarbeit staatlich verbilligt.

    Auch "Behinderung" ist eine ausgrenzende gesellschaftliche Normalitätsabschätzung, denn der Behinderte wird in jeder Generation neu erfunden: Aus einer Unzahl verschiedener Kombinationen menschlicher Eigenschaften werden bestimmte Merkmalskombinationen als behindert ausgegrenzt. Zugrunde gelegt werden dabei reale oder vermeintliche Erfordernisse der jeweiligen Produktion und andere gesellschaftliche Normen. Dabei macht der Schwerbehindertenausweis keinen Unterschied, ob eine Behinderung seit der Geburt attestiert wird oder später erworben wurde.

    "Als schwerbehindert gelten Personen, die aufgrund ihrer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung nicht nur vorübergehend funktionsbeeinträchtigt und infolgedessen zu mindestens 50 Grad sozial beeinträchtigt sind. Unerheblich für die Behinderung ist dabei, ob sie auf Krankheit oder Unfall beruht oder ob sie angeboren ist. Es kommt allein auf die Funktionsbeeinträchtigung an. Den Schwerbehinderten gleichgestellt werden können Personen mit einem Grad der Behinderung von weniger als 50, aber mindestens 30, wenn diese infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung keinen geeigneten Arbeitsplatz finden oder behalten können (vgl. Schwerbehindertengesetz, 1986)." (Henninges, 1997 S.1) Der Behinderte ist also eine "Erfindung" der Nichtbehinderten; die so Abgeschätzten sind mithin ganz und gar Produkt der Gesellschaft, ihre Ausgrenzung erstreckt sich dann aber auf die gesamte soziale Integration und schränkt die Verwirklichung allgemeiner Lebensbedürfnisse nachhaltig ein, wenn sie nicht teilweise sogar explizit ausgeschlossen werden. Das Interesse der Betroffenen ist also notwendigerweise die Überwindung der gesamten Ausgrenzung. Entweder man/frau übersieht dieses Interesse, dann ist die Förderung dieser Randgruppe (sie begann zu Zeiten annähernder Vollbeschäftigung) aus Arbeitsmarktgesichtspunkten heute obsolet, die Betreffenden werden als Arbeitskräfte schlichtweg nicht gebraucht. Oder man/frau übersieht die genannten Interessen nicht, dann kann es nicht alles sein, die Betreffenden in die Lohnarbeit einzuführen.

    In diesem Abschnitt wird also danach gefragt, was die Kurse und/oder die Beschäftigungsverhältnisse bei den Teilnehmer/innen in ihrer persönlichen Lebensgestaltung verändert haben. Neben der unmittelbaren Erzählung und der subjektiven Einschätzung werden - der Teilnehmergruppe angepasste - Kriterien für eine objektivierte Analyse samt empirischer Erfassung entwickelt.
     

    2.1. Subjektive Kriterien:

    Unmittelbare Erzählung, Einschätzung des Kurses, seiner Bestandteile, des Arbeitsverhältnisses (in seiner Wirkung außerhalb seiner selbst, Selbstbewusstsein, Lohntüte, Wunschberuf) durch die Teilnehmer/innen. Hier war eine deutliche Koppelung der subjektiven Einschätzung mit dem Kurserfolg zu beobachten. Diese unmittelbare Koppelung wurde nur bei einem TN durchbrochen: dieser Teilnehmer aus der Qualifizierungsmaßnahme wurde von Arbeit und Bildung e.V. nicht vermittelt, hat aber selber einen Arbeitsplatz gefunden. Die subjektive Einschätzung der Kurse orientiert sich also fast immer am objektiven Erfolg, die Teilnehmer/innen sind hier Realisten.

    2.2 Die gesundheitliche Entwicklung

    Zwei TN wurden offiziell wegen zu hoher krankheitsbedingter Fehlzeiten gekündigt, (dies war der offizielle Kündigungsgrund!) bei allen anderen veränderte sich der Gesundheitszustand nicht oder blieb für das Arbeitsverhältnis folgenlos. Teilnehmer/innen, die während des Kurses ernstlich erkrankten, wurden nicht in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Diese beiden krankheitsbedingten Kündigungen müssen vor dem Hintergrund der speziellen Problematik der Teilnehmer/innen gesehen werden. Diese beiden sind die Ausnahmen die eine einfache Regel bestätigt: wer den Kurs gesundheitlich durchhält, steht auch die Arbeit gesundheitlich durch.
     

    2.3 Territorialer Aktionsraum

    Darunter versteht man den Bewegungsradius einer Person in unterschiedlichen Zeitabschnitten. Hier wurde mit 3 Kriterien gemessen. Einmal die Verkehrsträgerbenutzung zum Erreichen der Arbeit, dann die Urlaubsreisen und der Wohnortwechsel zur Arbeitsaufnahme.

    Nach Auskunft der Lahnwerkstätten (Telefonat) werden durchschnittlich 84% der Mitarbeiter vom Fahrdienst abgeholt und nur 14% erreichen die WfB eigenständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

    Dies hat sich bei den Kursteilnehmer/innen grundsätzlich gewandelt: Nur ein Teilnehmer (3,12% der noch Arbeitenden) wird von Angehörigen gebracht. Alle anderen (96,88%) erreichen den Arbeitsplatz selbständig. Ein TN fährt mit dem eigenen Auto, alle anderen benutzen öffentliche Verkehrsmittel für die durchschnittlich 5,8 Km zum Arbeitsplatz.

    Hier wird deutlich, dass sich nicht der Radius in Kilometern verändert hat, sondern die Veränderung in qualitativer Hinsicht eingetreten ist. Die Teilnehmer/innen durchmessen ihren Aktionsraum selbständig; sie gewinnen überhaupt erst an Mobilität. Hier wird deutlich, dass sich die Gestaltungsmöglichkeiten doch deutlich erhöht haben.

    Von allen Teilnehmer/innen kennen 39,7% regelmäßige Urlaubsreisen. Bei den noch in Arbeit befindlichen sind es 43%, also etwas mehr, aber bei weitem nicht der Unterschied, der erwartet wurde. In der Qualität gibt es aber dann doch einen deutlicheren Unterschied: Die WfB- Mitarbeiter fahren häufiger zur Behindertenfreizeit, die noch in Arbeit befindlichen starten völlig durchschnittliche Urlaubsreisen; Mallorca war auch dabei.

    Nur ein Teilnehmer ist in die Nähe des Arbeitsplatzes gezogen, alle anderen suchten sich den Arbeitsplatz in der Nähe des Wohnortes. So mobil, dass sie sich unabhängig vom Wohnort nach Arbeit umsehen sind die TN nun doch wieder nicht.
     

    2.4. Sozialer Aktionsradius

    Darunter werden hier die sozialen Gestaltungsmöglichkeiten der Teilnehmer/innen verstanden. Mitgliedschaften (seit wann) in Parteien, Bürgerinitiativen (Behindertenbewegung), Kulturinitiativen (z.B. Café Trauma), Behindertensportvereinen und sonstigen Clubs sind nicht häufig, aber vorhanden und werden hier nachgefragt.

    Zudem wird das gesamte Freizeitverhalten auf Veränderungen durchforstet. Realer Familienstand und Veränderungen der Wohnsituation aus sozialer Perspektive (allein, WG, Eltern, Betreuung etc.) werden genauso nachgefragt wie Veränderungen im Konsumverhalten.
     

    2.5. Wohnortwechsel aus sozialer Perspektive

    Der Wohnortwechsel ist immer mit einem mehr an Selbstbestimmung verbunden. Keiner der TN vollzog beim Umzug einen "Abstieg" in dieser Hinsicht. Niemand ist aus der eigenen Wohnung in eine Wohngruppe oder daraus in ein Wohnheim gezogen, wohl aber war dies umgekehrt der Fall.

    Der Umzug zeigt also immer erhöhte Gestaltungsmöglichkeiten und wird zu diesem Zweck überhaupt erst vorgenommen. Denn zudem ist niemand umgezogen, weil die Eltern umgezogen sind und nur ein Teilnehmer ist in die Nähe des Arbeitsplatzes gezogen.

    Alle anderen Wohnortwechsel entfielen auf die Items "gefällt mir besser", "raus aus dem Wohnheim" und "sonstiges". Diese Antworten "sonstiges" wurden beim Wechsel des realen Familienstandes angekreuzt. Alle aufgeführten Items besitzen untereinander keine Trennschärfe, wohl aber gegenüber den Items "weil die Eltern umgezogen sind" und "in die Nähe...". Deshalb ist der Wohnortwechsel ganz allgemein ein Ausdruck für ein mehr an Selbstbestimmung auch ohne die Auflistung der einzelnen Begründungen.

    Von allen Teilnehmer/innen sind 34,5% umgezogen.

    Von denen die Arbeit haben oder hatten sind 37,5% umgezogen.

    Von allen anderen Teilnehmer/innen sind 27,8% umgezogen.

    Hier ist deutlich eine Tendenz ablesbar: das Arbeitsverhältnis ist ein wichtiges, vielleicht das wichtigste, aber nicht das einzige Mittel sozialer Integration.

    2.6 Der reale Familienstand

    Hier wird nach einem einzigen Parameter gemessen: dauerhafte Partnerschaft oder nicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Trauschein vorliegt oder nicht. Nur ein Teilnehmer aus der Qualifizierungsmaßnahme lebte während des Kurses in dauerhafter Partnerschaft, er war seit langem verheiratet. Dieser eine Teilnehmer wird einfach vernachlässigt. Auffallend war zudem, dass einige ihren Partner im Kurs kennengelernt haben, also die sonstigen Kontaktchancen sehr gering sind.

    Von allen Teilnehmer/innen leben 22,2% mit Partner.

    Von denen, die Arbeit haben oder hatten leben 25,9% mit Partner.

    Von den anderen Gruppen leben 17,5% mit Partner.

    Ein Arbeitsverhältnis ist einer dauerhaften Partnerschaft also förderlich, aber keineswegs Bedingung dieser sozialen Integration.
     

    2.7 Mitgliedschaften in Vereinen etc.

    Mitgliedschaften in Vereinen und Initiativen waren so selten, dass dabei kein Verteilungsmuster zu erkennen war. Dieses Messinstrument ist bei einer so kleinen Gruppe also ungeeignet.
     

    2.8 Das Selbstbewusstsein

    Eine vermutete Steigerung des Selbstbewusstseins wurde durch zwei Fragen "was hat Ihnen das Beschäftigungsverhältnis persönlich gebracht?" und "Fällt es Ihnen heute leichter...." ermittelt.

    Mehrfachankreuzungen waren ausdrücklich erwünscht. Dabei gab es zur Antwort folgende gleichgerichtete Items:

    "zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, neue Kontakte zu knüpfen, Ämter aufzusuchen, einen Brief zu schreiben, Fremden zu begegnen, nicht mehr Außenseiter sein, die Werkstatt für Behinderte verlassen können, neue Freunde/ Bekannte, neue Wohnung, sich persönliche Wünsche erfüllen zu können, endlich dazuzugehören

    selbständiger zu sein, sein eigenes Geld zu verdienen, sonstiges, bitte angeben."

    Daneben wurde ein Entgegengesetztes Item (mit hoher Trennschärfe) "nichts außer der Arbeit" zur Wahl gestellt. Die gleichgerichteten Items werden mit je einem Punkt in einer Skala gewertet, das Entgegengesetzte Item wird gesondert aufgeführt.

    Auf diese Fragen gab es nur 24 verwertbare Antworten, drei Teilnehmer/innen, also 12,5% antworteten mit "rein gar nichts", die 21 anderen Antworter, folglich 87,5% antworteten mit einer durchschnittlichen Punktzahl von 4,3 Punkten, also mit deutlicher Zustimmung.

    Das Arbeitsverhältnis stärkt also bei 87,5% das Selbstbewusstsein, aber eben nicht bei allen. Es gibt für die Teilnehmer/innen also für einige Teilnehmer/innen auch andere Quellen des Selbstwertgefühls.

    12,5% der Teilnehmer/innen haben zur Lohnarbeit ein Verhältnis, wie man es unter "normalen" Lohnarbeitern häufig findet: Lohnarbeit als schlichte Notwendigkeit.

    2.9 Der Kurs als Kontaktbörse

    Hier wurde gefragt, ob im Kurs neue Bekanntschaften geschlossen wurden und ob diese bis heute bestehen. Diese beiden Items hatten keine Trennschärfe: wer im Kurs neue Freunde fand, sieht diese auch bis heute.

    20,7% der Teilnehmer/innen fand neue Freunde im Kurs. Und nun kommt das erstaunliche: alle haben noch Arbeit.

    Entweder ist also die Öffnung im Kurs und die Kontaktfähigkeit entscheidend für den Kurserfolg und für den späteren Erfolg im Arbeitsleben, oder aber es ist so, dass wer keinen Erfolg auf dem Arbeitsmarkt hat, die anderen Kursteilnehmer meidet.
     

    2.10 Freizeitgestaltung

    Auf den Fragenkomplex nach der Freizeitgestaltung gab es keine verwertbaren Antworten. Diese Fragen sind für diese Teilnehmer/innen ungeeignet.

    2.11 Der Konsum

    Hier wurde wieder eine Anzahl gleichgerichteter Items mit einem deutlich gegenläufigen kombiniert:

    Welche materiellen Wünsche haben Sie sich erst durch Ihren Lohn erfüllen können?

    "gar keine (das gegenläufige), Auto, Mofa/Moped, bessere Kleidung, Fahrrad, neue Wohnung, Kino, Schallplatten, Zeitschriften etc., öfter ausgehen (Gaststätte, Restaurant), Konzertbesuche, Fernseher, Radio, Stereo, neue Möbel, mein Hobby, Urlaubsreisen, sonstiges, bitte angeben".

    Von denen, die Arbeit hatten oder haben, antwortete nur ein einziger mit "gar keine", alle anderen antworteten mit durchschnittlich vier Punkten, also mit deutlicher Zustimmung. Der eine "Ausrutscher" hat zudem eine neue Wohnung, bringt diese aber nicht mit seinem Lohn in Verbindung.

    Generell gilt, dass der Arbeitslohn überhaupt erst selbstständigen Konsum ermöglicht, dies zeigt die sehr deutliche Zustimmung. Weiterhin ist dies auch prägender Eindruck bei den TN.
     

    3. Allgemeine Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt für Schwerbehinderte

    Das Ziel dieser kleinen Studie ist nicht die Literaturrecherche, deshalb wird hier nur die aktuellste Veröffentlichung zum Thema beachtet:

    "Der hohe Beschäftigungsstand von Schwerbehinderten von 1984 konnte trotz der verstärkten Bemühungen des öffentlichen Dienstes .... insgesamt nur knapp gehalten werden (bis 1992 MB). Obwohl sich Wirtschaft und Beschäftigung bis 1992 günstig entwickelten, wurde es für arbeitslose Schwerbehinderte zunehmend schwieriger, aus der Arbeitslosigkeit heraus wieder in ein neues Beschäftigungsverhältnis zu gelangen. Dies betraf insbesondere ältere Schwerbehinderte und Frauen mehr als Männer. ... Nach 1989 wendete sich zudem auch die bis dahin positive Entwicklung bei den öffentlichen Arbeitgebern. Die Anzahl der beschäftigten Schwerbehinderten ging auch dort insgesamt gesehen zurück und die Beschäftigungsquote fiel wieder unter die 6% Marke"

    Die für die 80er Jahre festgestellte zahlenmäßige Zunahme der Anzahl der anerkannten Schwerbehinderten setzte sich in den 90er Jahren fort. In den alten Bundesländern stieg die Anzahl der Schwerbehinderten zwischen 1990 und 1995 um rund 420.000 Personen, in den neuen Bundesländern erhöhte sie sich auf rund 71.000. Erhöht hat sich insbesondere die Zahl der älteren Schwerbehinderten.

    "Die für den Arbeitsmarkt besonders relevante Gruppe der 15- bis unter 60jährigen erhöhte sich in den alten Bundesländern bis 1993, danach hat sie sich leicht verringert. In den neuen Bundesländern expandierte diese Gruppe durchweg. ..... Die Beschäftigung von Schwerbehinderten bei Arbeitgebern, die der Beschäftigungspflicht unterliegen, verringerte sich im Bundesgebiet zwischen 1991 und 1995 um 131.000 Plätze. Die Beschäftigungsquote ging von 4,4% auf 4,0%. In den alten Bundesländern verringerte sich die Beschäftigung vor allem bei den privaten Arbeitgebern. Die Beschäftigungsquote sank von 4,1% auf 3,8%. Moderater verlief die Entwicklung bei der Gesamtheit der öffentlichen Arbeitgeber. Sie konnten ihre Beschäftigungsquote von 5,6% halten."

    Exakt diese Entwicklung bildet sich auch in der vorgelegten Verbleibsforschung ab: 45% der TN wurden an öffentliche Arbeitgeber vermittelt und arbeiten noch heute dort. Beendete Arbeitsverhältnisse finden wir nur bei privaten Arbeitgebern, wo Arbeitsplätze eben eine deutlich kürzere physikalische Haltbarkeit haben. Die Tendenz zu kleinbetrieblichen Strukturen verstärkt dies noch mehr.

    Immer mehr beschäftigungspflichtige Arbeitgeber entziehen sich der Beschäftigung Schwerbehinderter.

    "1994 beschäftigten 37% von ihnen keine Schwerbehinderten mehr. 1991 waren es erst 32%. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich von 10,5% 1990 auf 15,5% 1995. ...

    Schwerbehinderte wurden in den neunziger Jahren nicht nur häufiger arbeitslos als Personen ohne gesundheitliche Einschränkung; sie hatten es auch schwerer, aus der Arbeitslosigkeit wieder in Arbeit zu gelangen. Ihre durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit ist nach wie vor länger als bei anderen Gruppen und ihre Wiedereingliederungsquote wesentlich niedriger. In den neunziger Jahren ist dies offensichtlich noch schwieriger geworden. Beendeten 1990 noch 42% der schwerbehinderten Männer und 33% der schwerbehinderten Frauen ihre Arbeitslosigkeit durch Wiederaufnahme einer neuen Arbeit, so gelang das 1996 nur noch 21% der Männer und 17% der Frauen - also halb so vielen."

    Dahinter verbirgt sich augenscheinlich die sehr viel härter gewordene Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Exakt vor diesem Hintergrund muss die Wiederaufnahmequote zwischenzeitlich arbeitslos gewordener Teilnehmer/innen unserer Kurse gesehen werden.

    Anm.: Die sehr viel härtere Konkurrenz auf dem heutigen Arbeitsmarkt führt auch dazu, dass immer mehr Schwerbehinderte - mehr als 1/5 - die Verrentung anstreben, vgl. Hasso von Henninges a.a.O. S41.
     

    33,3% der nach Kursende arbeitslos gewordenen TN gelang die Wiederaufnahme einer Arbeit. Die Kurse müssen vor diesem Hintergrund als Erfolg bewertet werden, denn sie haben eine allgemein negative Entwicklung verzögert.

    Nun soll auch der Versuch unternommen werden, eine etwaige Abschätzung des Bedarfs an neuen Kursen vorzunehmen Den aktuellen Bedarf kann einsichtigerweise nur das Marburger Arbeitsamt angeben. Hier sollen nur aufgrund einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeit aus dem Jahre 1992 einige grundsätzliche Anmerkungen zum Thema gemacht werden.

    "Die meisten der damals Befragten langzeitarbeitslosen Schwerbehinderten waren der Meinung, dass den Bemühungen einer Wiedereingliederung wohl nicht viel Erfolg beschieden sei. Knapp 2/3 hatten den Eindruck, dass das Arbeitsamt alles getan habe, ... gleichwohl der Handlungsspielraum infolge fehlender Stellen sehr gering sei." Dieser realistische Pessimismus drückt dabei auch die Motivation, dies muss bei zukünftigen Maßnahmen mit bedacht werden.

    Zusammenfassung

    Der Gesamtrücklauf bei den Informationen über Beschäftigungsverhältnisse lag bei 67% und kann als repräsentativ gelten.

    1.) Mit 57% stellen die ehemaligen Mitarbeiter der WfB die Mehrheit der

    2.) Mit 7% Wiederholern und einer durchschnittlichen Teilnahmedauer von 10,8 Monaten sind die Maßnahmen sehr kompakt. "Drehtürklientel" gibt es nicht.

    3.) Mit 62,1% ist die Vermittlungsquote in den allgemeinen Arbeitsmarkt als hoch anzusehen, denn diese Klientel war von anderen "schon aufgegeben" worden.

    Auch die Vermittlung in Außenarbeitsplätze (15,5%) kann als eigenständiger Erfolg gesehen werden.

    4.) Die 55,2% der Teilnehmer/innen, die noch in Arbeit sind müssen unter dem gleichen Blickwinkel gesehen werden.

    5.) Die 13,8% von allen, die wieder arbeitslos wurden, spiegeln eine allgemeine Tendenz auf dem Arbeitsmarkt.

    6.) Die Wiedereintrittsquote von konstant 33% kann als Erfolg von Arbeit und Bildung e.V. gewertet werden; im Bundesdurchschnitt ist diese Quote schon deutlich abgesackt (siehe Kapitel 3). Die Kurse trugen dazu bei, eine negative Entwicklung zumindest zu verzögern.

    7.) Es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede was grundsätzlichen Erfolg oder Misserfolg angeht. Frauen halten allerdings den einmal erreichten Arbeitsplatz besser als Männer. Im absehbaren Misserfolg verhalten sich Frauen anders als Männer. Während Männer den Kurs häufiger abbrechen, führen Frauen ihn zu Ende und gehen danach zurück in einen Außenarbeitsplatz oder in die WfB.

    8.) Die WfB- Mitarbeiter sind im Schnitt ähnlich erfolgreich wie die anderen Teilnehmer/innen. Im Misserfolg verhalten sie sich allerdings anders und gehen eben zurück in die WfB.

    9.)Nur eine Teilnehmerin ging aus gesundheitlichen Gründen in eine Reha- Werkstatt. Diese Ausnahme bestätigt die Regel: sonst ging niemand vom regulären Arbeitsmarkt zurück in die WfB. Mit diesen Kursen fällt also eine endgültige Entscheidung: entweder Arbeitsmarkt oder zurück in die WfB.

    10.) Der PSD ist mit hoher Wahrscheinlichkeit effektiv, auch wenn diese Untersuchung dies letztlich nicht klären kann.

    11.) Die Bestandteile des Kurses haben eine unterschiedliche Relevanz für den Erfolg, das Praktikum ist besonders wichtig. Die Einschätzung des Kurses als solchem hängt davon ab, ob er mit dem Erfolg auf dem Arbeitsmarkt in Verbindung gebracht wird.

    12.) Im Betrieb ändern sich Position und Tätigkeiten der TN nicht. Dies beinhaltet ein zusätzliches Kündigungsrisiko bei innerbetrieblichen Veränderungen.

    13.) Schwerbehinderte werden allgemein schlecht bezahlt, trotzdem ist die überwiegende Mehrheit damit zufrieden.

    14.) Kurswiederholungen lohnen sich auf jeden Fall.

    15.) Der Abbrecher geht in dieselbe soziale Situation zurück, aus der er in den Kurs kam.

    16.) Arbeitsmarktchancen fallen mit steigendem Grad der Behinderung.

    17.) Die Kurse haben eine unterschiedliche Ergebnisqualität; diese deutet sich schon im Kurs an: die Abbrecherquote verhält sich umgekehrt proportional zum Vermittlungsergebnis.

    18.) Die Schulbildung hat keinen Einfluss auf den Kurserfolg.

    19.) Die gekündigten Teilnehmer/innen erreichten nicht annähernd die durchschnittliche physikalische Haltbarkeit ihrer Arbeitsplätze. Mitnahmeeffekte können vermutet werden.

    20.) Darauf deutet auch die Tatsache, dass keiner aus dem öffentlichen Dienst herausgekündigt wurde. Der öffentliche Dienst bietet dieser Klientel die besten Chancen.

    21.) Die subjektive Einschätzung des Kurses hängt stark vom objektiven Erfolg ab; die Teilnehmer/innen sind Realisten.

    22.) Wer den Kurs gesundheitlich durchsteht, der schafft dies meist auch auf der Arbeit.

    23.) Der territoriale Aktionsradius nach dem Kurs bleibt von der Größe her gleich. Jedoch wird dieser Raum nun selbständig durchmessen. Hier findet also eine qualitative Entwicklung statt. Der Mobilitätsgewinn zeigt erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten.

    24.) Die erfolgreichen TN verreisen etwas häufiger und weiter.

    25.) Die TN bewerben sich nur im Umkreis ihres Wohnorts; so mobil, dass sie den Wohnort zur Arbeitsaufnahme wechseln, sind sie nun doch wieder nicht.

    26.) Ein Wohnortwechsel ist immer mit einem Mehr an Selbstbestimmung verbunden und zeigt erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten. Allerdings gibt es keine unabdingbare Koppelung an den Kurserfolg. Hier ist deutlich eine Tendenz ablesbar: Das Arbeitsverhältnis ist ein wichtiges, vielleicht das wichtigste, aber nicht das einzige Mittel sozialer Integration.

    27.) Ein Arbeitsverhältnis ist einer dauerhaften Partnerschaft förderlich, aber keineswegs Bedingung dieser sozialen Integration.

    28.) Das Arbeitsverhältnis stärkt also bei 87,5% das Selbstbewusstsein, aber eben nicht bei allen. Es gibt für die Teilnehmer/innen auch andere Quellen des Selbstwertgefühls.

    12,5% der Teilnehmer/innen haben zur Lohnarbeit ein Verhältnis, wie man es unter "normalen" Lohnarbeitern häufig findet: Lohnarbeit als schlichte Notwendigkeit.

    29.) 20,7% der Teilnehmer/innen fanden neue Freunde im Kurs, erstaunlicherweise sind alle noch in Arbeit. Entweder ist also die Öffnung im Kurs und die Kontaktfähigkeit entscheidend für den Kurserfolg, oder TN des Misserfolgs meiden die anderen Kursteilnehmer.

    30.) Der Arbeitslohn ermöglicht überhaupt erst selbstständigen Konsum, dies ist auch prägender Eindruck bei den TN.

    31.) Wer nach dem Verlust des Arbeitsplatzes Weiterbildungsmaßnahmen anderer Träger besuchte, fand trotzdem keine neue Arbeit. Die Kurse von Arbeit und Bildung e.V. sind also besser als alle anderen auf diese Zielgruppe spezifiziert.

    32.) Diese Studie bestätigt den allgemein negativen Trend auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn die Kurse von Arbeit und Bildung e.V. diese Entwicklung für die Teilnehmer/innen etwas verzögern konnten.

    Die Kurse erweitern also ganz erheblich die sozialen Gestaltungsmöglichkeiten, sind aber nicht der einzige Weg dazu.

    Abkürzungsverzeichnis

    TN = Teilnehmer/in(nen)

    WfB = Werkstatt für Behinderte

    J-T-Rate Job- Turnover- Rate