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Nationen und Nationalismus

Der britische Historiker Eric J. Hobsbawm beschreibt die Entstehung und Entwicklung von Nationen und ihren Ideologien.

"... das Vergessen oder Missverstehen von Geschichte ist ein wesentliches Element bei der Herausbildung einer Nation." Ernest Renan in: Was ist eine Nation, Vorlesungen 1882

"Aus diesem Grund sind Nationen nach meinem Dafürhalten Doppelphänomene, im wesentlichen zwar von oben konstruiert, doch nicht richtig zu verstehen, wenn sie nicht auch von unten analysiert werden, d.h. vor dem Hintergrund der Annahmen, Hoffnungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interesse der kleinen Leute,..... Nationen existieren nicht nur als Funktionen einer bestimmten Form des Territorialstaates oder des Strebens nach seiner Verwirklichung, sondern auch im Kontext einer bestimmten Phase der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung."(S21) Eric J. Hobsbawm will auch den Blick von unten auf die Nation werfen.

Für diesen Blick von unten entwickelt er ein kritisches Prüfprogramm:

  • 1. Unabhängigkeit von offiziellen Nationalismen.
  • 2. Nationaldefinition ist auch historisch keine erschöpfende Identifikation/ Identifizierung
  • 3. Nationalidentifikation ist eine Variable.

  • Nationalbewusstsein entwickelt sich ungleichmäßig, sowohl regional als auch sozial. Proletarische Klassen werden als letztes nationalistisch. Die Geschichte der Nationalbewegungen lässt sich in 3 Stufen gliedern:

  • 1. Rein kulturelle, literarische, volkskundliche Aktivität.
  • 2. Militante Vorkämpfer/Wortführer, politische Werbung beginnt.
  • 3. Massenunterstützung



  • 1.Kapitel Von der Revolution zum Liberalismus

    Der Autor gibt einen historischen Überblick über die Definitionen und den Bedeutungswandel des Begriffs Nation. Darin wird gezeigt, dass dieser Begriff in seiner fundamentalen Bedeutung sehr jungen Datums ist. Der Exkurs in die Begriffsgeschichte führt den Autor dann zu den Protagonisten des Nationalitätsprinzips. "Die ursprüngliche Bedeutung von 'Nation' war politischer Natur. Sie identifizierte 'das Volk' mit dem Staat nach dem Vorbild der Amerikanischen und Französischen Revolution ... ." (S29) "In diesem Verständnis war eine 'Nation' eine Gemeinschaft von Staatsbürgern, deren kollektive Souveränität sie zu einem Staat ... machte."(S30) Erklärung der französischen Revolution 1795: Jedes Volk ist unabhängig und souverän... "Aber sie (die frühen Protagonisten der Nation) sagten kaum etwas darüber, was ein Volk ausmacht."(S30) Sowohl die Amerikanische als auch die Französische Revolution beweisen nun: Die Ethnie, die Abstammung war nicht das verbindende Kriterium, denn nach diesen Kriterien waren die frühen Nationalstaaten sehr heterogen. Auch die Sprache war nicht das verbindende Kriterium, sie wurde erst in den bestehenden Nationalstaaten überhaupt erst als Einheitssprache gebildet. "Wir können somit in die revolutionär verstandene 'Nation' nichts von der Art hineinlesen wie (z.B.) das spätere nationalistische Programm ... ."(S32)

    Wenn z.B. die Sprache für eine Nation identitätsstiftend war, dann als zu erwerbende Eigenschaft, oder besser Fähigkeit. Um als Franzose zu gelten musste man französisch lernen, egal wo man geboren war. Der Unwille sie zu lernen galt als Absage an die Nation, nicht die einfache Unkenntnis. Der deutsche Nationalismus versuchte später hingegen aus der Verbreitung der deutschen Sprache den Anspruch auf eine Nation derjenigen herauszulesen die selbige sprachen.

    Die Nation hat in der bürgerlich-liberalen Theorie vor allem die Sicherung des Eigentums und der Verwertungsbedingungen zu übernehmen. Die frühen liberalen Theoretiker haben, da sie den Freihandel durchsetzen wollten, immer den für die wirtschaftliche Entwicklung wichtigen Merkantilismus ausgeblendet. Die für die Entwicklung einer industriellen Produktion wichtige staatliche Förderung der heimischen Industrie mittels Protektionismus zugunsten des neuen Industriekapitals, forderte eine Nation auf einer bestimmten Größe, was den Kreis der Aspiranten auf diesen Status entschieden einschränkte. List definierte eine Nation dann zum ersten Mal von der Ökonomie her, die eben groß genug sein müsse - das Schwellenprinzip.

    Die Organisationsform 'Nation' wurde von den damaligen Liberalen als Zwischenstufe auf dem Weg vom 'Stamm' zur Weltgesellschaft verstanden. Aus der uneingestandenen Notwendigkeit einer Nationalökonomie folgte die nur von den damaligen Deutschen ausdrücklich formulierte, aber allbekannte Notwendigkeit, Nationalbestrebungen nur ab einer bestimmten Größe zu akzeptieren, da kleinere eben in einer nationalstaatlich organisierten Welt eben keine Überlebenschance hatten (die normative Kraft der schon faktischen Nationen).

    In der liberalen Phase bezog sich das 'Selbstbestimmungsrecht der Nationen' nur auf die größeren; es galt das Schwellenprinzip. Da Nationen als Zwischenschritt zur weiteren Vereinigung der Menschheit aufgefasst wurden, kam es niemand in den Sinn, diese Prinzip im Namen der kleineren Völker/ Ethnien zu kritisieren, Separatismus galt als illegitim und reaktionär, ethnische Nationalbewegungen gab es noch nicht. Das Absterben kleinerer Ethnien galt als Wohltat für diese, Vereinigung war angesagt. Die großen Nationen wurden ja auch von unterschiedlichen Ethnien gebildet. Wer in einer anderen Nation aufgehen muss, also eliminiert wird und wer demgegenüber eine Nation wird wurde allgemein an drei Kriterien festgemacht:

    1.Die betreffenden mussten schon einmal Staatlichkeit erlangt haben + Schwellenprinzip

    2.Existenz einer kulturellen Elite und Sprachlichkeit. (Darauf beziehen sich noch heute diejenigen, die einen neuen Anspruch durchsetzen wollen. Diese Sprachlichkeit, Lieblingsargument aller "verspäteten" ist immer eine Täuschung und wird meist nur von der Elite gesprochen)

    3.Kriegsfähigkeit.

    Alle anderen fielen hinten runter, auch wenn niemand ihnen das so deutlich sagen wollte, sie galten als überholt, etwa so wie die Einteilung der Menschen in Stämme. Die Nation wurde als evolutionäres Zwischenstadium zur Weltgesellschaft aufgefasst. Die Vorteile der Assimilation überwogen noch alles andere, sofern eben diese akzeptiert wurde.

    Nationalbestrebungen wurden demnach unter dem Blickwinkel betrachtet, ob sie "vorwärtsweisend" waren, also auch danach, ob die zu erwartende Ökonomie (Entwicklung) die zum Bestehen notwendige Größe haben würde.

    Regionale, ethnische Traditionen wurden nicht als Widerspruch zum Aufgehen in einer Nation gesehen. Nationalismus war damals noch kein relevantes innenpolitisches Problem. Pilsudski: Der Staat macht die Nation, nicht die Nation den Staat.

    II. Kapitel: Der volkstümliche Protonationalismus (PN)

    Zentrale Frage: Woher kommt denn der politische Nationalismus wenn er außerhalb der politischen Erfahrung der europäischen Massen lag? Um diese zu beantworten werden vornationale Formen des politischen Kollektivbewusstseins untersucht. Rein psychologische Deutungsmuster (In- Group) sind ungenügend, weil die Nationen - als Staat, oder als Gruppe die einen solchen bilden wollen - alle bisherigen menschlichen Gesellschaften sprengen. Nation ist in diesem Zusammenhang eine "vorgestellte Gemeinschaft" und tröstet sicherlich über den Verlust der realen. Das diese nicht sonderlich relevante emotionale Bedürfnis für den Nationalismus rekrutiert werden konnte (der Stellenwert ist bekannt gering) resultiert zum Teil an die Anknüpfungspunkte an historische Kontinuitäten, eben den sog. Protonationalismus. Die Protonationalismen sind vom Lokalpatriotismus abzugrenzen. Der PN entwickelte sich z.B. aus den Privilegien einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die dann generalisiert wurden (z.B. deutschsprachige Eliten im Baltikum) In Russland hatte der PN religiöse Gründe, die auch eine bestimmte Produktionsform widerspiegeln. Nur die Kriterien, auf die alle späteren Nationalisten so viel wert legten, Sprache und Ethnie, spielten so gut wie keine Rolle!

    Sprachen sind in diesem Zusammenhang "...das Gegenteil dessen, wofür die nationalistische Propaganda sie ausgibt." (68) EJH zitiert in diesem Zusammenhang Arno Borst: "Erst spätere Verallgemeinerung hält Menschen gleicher Sprache und Herkunft für Freunde, Fremde für Feinde." (71) "Tatsächlich ist die mystische Gleichsetzung von Nationalität und einer Art platonischer Idee der Sprache, ... , weit eher kennzeichnend für die ideologische Konstruktion nationalistischer Intellektueller mit Herder als ihrem Propheten denn für die wirklichen Benutzer der Sprache aus der einfachen Bevölkerung.(72) "... "Sprache war somit unmittelbar kein zentrales Element bei der Herausbildung des PN." (74) Elitesprachen können als Bildungs- und Verwaltungssprachen Element eines vornationalen Zusammenhalts nur werden wenn:

    1.Mit den Privilegien ihrer Benutzer auch ihre Sprache (im Gegensatz zu den alten Bildungssprachen) verallgemeinert werden, wenn z.B. mit den Privilegien freier Stadtbürger auch ihre Sprache Verallgemeinerung und Verbreitung findet.

    2.Die deshalb gemeinsame neue Sprache (fast immer sogar neu konstruiert) die des genauso neuen Buchdrucks ist.

    3.Sich mit dem allgemeinen Fortschritt die Schulen ausbreiten. Sprachen können also allenfalls den PN stützen, wenn sie emanzipativen Charakter haben, genau deshalb führen sie auch nie zum Nationalismus.

    Ethnien und ihre Bedeutung für den PN

    Der völkische Nationalismus vor allem der Deutschen ist blutsbezogen, definiert also ein Volk von der biologischen Abstammung. "Trotzdem ist Abstammung zur Begründung einer ethnischen Zugehörigkeit schlicht bedeutungslos, da das wesentliche Fundament einer Volksgruppe als einer Form gesellschaftlicher Organisation kultureller und nicht biologischer Art ist."(78) Alle großen (vorbildlichen) Nationen wurden eindeutig aus ethnisch heterogenen Bevölkerungen gebildet. Die heutigen Ethnizismen sind neu erfunden und meist rassistisch. Starke altbekannte ethnische Bindungen führen nicht, bzw. nicht notwendig zum Nationalismus. Religion ist oft der einzige Anhaltspunkt für den PN (gleichzeitig ist das friedliche und freundschaftliche Zusammenleben verschiedener Religionen Realität). Religion ist aber für den späteren Nationalismus kaum brauchbar (zum einen, weil mit ihr eine bestimmte politisch- soziale Ordnung verbunden ist, zum anderen, weil) die Loyalität dann nie ganz allein der Nation gilt. Stammes- und Regionalreligionen sind zu begrenzt, während die Weltreligionen zum Universalismus tendieren, da sie einen gemeinsame Menschheitsgeschichte postulieren und den Zugang zum Kreis der Erwählten durch Bekehrung jedem offen halten. Die Wahl einer bestimmten Religion kann sehr wohl von Abgrenzungswünschen durchsetzt sein, aber "trotzdem muss festgehalten werden, dass die Vorherrschaft übernationaler Religionen einer religiös ethnischer Identifizierungen Grenzen gesetzt hat," (84) insbesondere wenn diese Identifizierungen später auf die Bestimmung von Weitergehendem als eben der Abgrenzung von einem ganz bestimmten (nicht von allen) Nachbarn ausgedehnt werden sollte.

    "Während die Religion selbst noch kein notwendiges (sondern allenfalls förderliches MB) Merkmal von PN ist, ... , so sind es doch die heiligen Ikonen. Sie repräsentieren die Symbole und Rituale oder die kollektiven Bräuche, die allein einer ansonsten abstrakten Gemeinschaft eine greifbare Wirklichkeit verleihen. Es können gemeinsame Bilder (wie die Ikonen) oder Praktiken sein..." (87). Nicht alle Praktiken und Ikonen kommen dafür in Frage: "Die hierfür am besten geeigneten Ikonen sind offensichtlich solche, die in besonderer Weise mit einem - noch in der vornationalen Phase befindlichen - Staat verknüpft sind, ... , dessen Reich zufällig (???????) mit einer Nation in spe zusammenfällt."(88). "Das führt uns zum letzten und wohl entscheidenden Kriterium des PN, dem Bewusstsein nämlich, einem dauerhaften politischen Gemeinwesen anzugehören oder angehört zu haben,"(89) das gegenüber einem möglichen oder realen anderen für die betreffende Gruppe vorteilhaft war oder ist. Auch der PN hat also ökonomisch- politische Gründe.

    "Hier ist allerdings eine klare Unterscheidung zu treffen zwischen den unmittelbaren und den mittelbaren Auswirkungen einer nationalen Geschichtlichkeit."

    Mittelbar: Dieser politische PN ist zum überwiegenden teil Sache der Eliten, meist der Feudalen. Dieser PN der Eliten kann mit einigem Recht als Vorläufer des Nationalismus gelten, da hier zum ersten Mal die Einheit von Volk, Staat und Territorium zu mindestens im Ansatz (und nur bei einigen gesellschaftlichen Gruppen) vorhanden ist, auch wenn die nationalen Grenzen nachher völlig anders aussehen und der Aufstieg zu einer Nation gänzlich andere Ursachen hat.

    Unmittelbar Die Bauern hatten mit dieser Art PN wenig im Sinn; entstehen unter ihnen autonome Bewegungen, so waren diese eher religiös oder sozial bestimmt, auch wenn sie zur Abwehr von Eindringlingen gestartet wurden. Dieser Volkspatriotismus war nur in einigen sehr seltenen Fällen in einen Nationalpatriotismus zu überführen (Kosaken).

    Der unmittelbare PN der unteren Volksschichten war gering und wird nur von Nationalisten, die eine Legitimation für ihre politischen Ziele suchen, immer wieder angeführt. "Es besteht hier keinen wie auch immer geartete Kontinuität ..." (93) zwischen PN und Nationalismus. "Gelegentlich können wir sogar das Auseinanderfallen von PN und Nationalismus selbst dort beobachten, wo sie gleichzeitig nebeneinander und in Verbindung zueinander stehen."(93)

    "Aber selbst ohne die Kontinuitäten zeigt sich deutlich, dass ein bestehender PN einem späteren Nationalismus (der ganz andere Ursachen hatte MB), mochten die Unterschiede zwischen beiden noch so groß sein, die Aufgabe insofern erleichterte, als vorhandene Symbole und Gesinnungen einer vornationalen Gemeinschaft auch für eine moderne Sache oder einen modernen Staat mobilisiert werden konnten. ... Denn es liegt auf der Hand, dass ein PN allein nicht ausreicht, um Nationalitäten, Nationen oder gar Staaten zu bilden."(94) So ist der PN auch nicht notwendig für eine Nationalbewegung und induziert auch nicht eine solche und dies schon gar nicht aus eigenem Antrieb.

    "Eine Welt von Nationen kann nicht existieren, nur eine Welt, in der einige potentiell nationale Gruppen mit ihrem Anspruch auf diesen Status andere davon ausschließen, ähnliche Ansprüche vorzubringen,..."(95) Nationalbewegungen als Kampf um Vorherrschaft.

    III. Kapitel: Nationalismus von oben

    Der moderne Staat:

    Zentral bewachter Territorialstaat, jeder Einwohner wird in der Gesetzesherrschaft konfliktfähig, öffentliche Verwaltung des letzten Winkels. Unter dem Blickwinkel der Staaten, insbesondere der herrschenden Klassen entstehen 2 wesentliche Probleme: Das der öffentlichen Verwaltung mit standardisierter Sprache und eben Loyalitätsprobleme. Die extreme Lücke, die die ständische Ordnung hinterlässt wird zum wirklich existentiellen Problem, wenn die historisch neue Arbeiterklasse ihre eigene Bewegung aufbaut und die einzelnen Arbeiter eben dieser loyal gegenüberstehen. (Das Besitz- und Bildungsbürgertum sind von Anfang an in die politische Partizipation einbezogen, es ist nämlich ihr Staat). "Die Bereitschaft von Männern, in der Armee zu dienen, war nunmehr ein wesentlicher Faktor in den Überlegungen der Regierungen, ... ." (101) Die Frage der Loyalität des Staatsbürgers gegenüber "seiner" Nation stand also an der Spitze der politischen Tagesordnung. (Erst wenn diese gegeben war konnte Protektion und später imperiale Expansion durchgeführt werden, eine Nation ruft immer weitere hervor.)

    Nur die Nation kam als Ersatz für frühere Bezugspunkte in Frage, weil alle anderen Loyalitäten diskreditiert waren. "Die ursprünglich, revolutionär- volkstümliche Idee des Patriotismus war staatsorientiert und nicht nationalistisch, da sie sich auf das souveräne Volk bezog, das heißt auf einen Staat, der seine Macht in dessen Macht ausübte. Ethnische Zugehörigkeit oder andere Elemente einer geschichtlichen Kontinuität (in diesem Sinne) waren für die Nation in diesem Sinne irrelevant ... . Und LA PATRIE, der ihre Loyalität galt, war das Gegenteil von einer wesenhaft vorgegebenen, bereits bestehenden Einheit, sondern eine Nation, die durch ihre Mitglieder geschaffen war." (105) Also einzig ein politisches Prinzip und dessen Ergebnisse, Nationalität war gleich Staatsbürgerschaft. Der Staatsbürgerschaftspatriotismus führt nur zum Nationalismus, wenn aggressive Außenpolitik der Regierenden glaubhaft als Verteidigung der bürgerlichen Errungenschaften dargestellt werden können. Schon in frühen Territorialstreitigkeiten wurde die Nationalität von der Staatsbürgerschaft abgekoppelt und legitimatorisch für territoriale Ansprüche gewendet (Elsaß etc.). Eine so von der Staatsbürgerschaft abgelöste Nationalität wird zum politischen Instrument.

    "Und es gibt kein wirksameres Mittel, die zerstreuten Gruppen ruheloser Völker zusammenzuschließen, als sie gegen Außenstehende zu vereinen." (109) "Denn wie wir noch sehen werden hatte die gegen Ende des 19. Jh. aufkommende Form des Nationalismus keine grundlegende Ähnlichkeit mit dem Staatspatriotismus, selbst wenn er sich mit diesem verband. Die grundsätzliche Loyalität des neuen Nationalismus galt paradoxerweise nicht 'dem Land', sondern allein einer besonderen Auffassung von diesem Land - einer ideologischen Konstruktion." (111) Dies wird besonders daran deutlich, dass auf internationalen Konferenzen keine Einigung über feste Kriterien für Nationalität gefunden werden konnte (z.B. bei Volkszählungen), Nationalität also immer ein politischer Kampfbegriff ist. Das Streben nach einem nationalen Status pflanzt sich durch seine Eigendynamik fort und zwingt auch bisher davon unberührte zu einer ethnische Nationalitätsdefinition.

    "Die Erfordernisse des modernen Verwaltungsstaates tragen einmal mehr dazu bei, das Aufkommen des Nationalismus zu begünstigen (aber eben nur das), dessen Wandlungen wir im folgenden Kapitel untersuchen wollen." (118)

    IV. Kapitel: Die Wandlungen des Nationalismus 1870 - 1918

    Nationalismus des 19.JH:

    1. Betonung der Sprach- und Kulturgemeinschaft

    2. Nationalistische Bewegungen als Ursache, nicht als Wirkung von Staatsgründungen, Nationalismus ist politisches Instrument bestimmter politischer Gruppen und nicht mehr Produkt der Klassenkämpfe zwischen Feudalen und Bürgerlichen.

    3. Oder ein derartiger Nationalismus will auf Kosten anderer von einem Staat gänzlich Besitz ergreifen.

    Die 3 wesentlichen Unterschiede zum Staatsbürgerpatriotismus:

    1. Das Schwellenprinzip wird aufgegeben.

    2. In der Folge vermehren sich die potentiellen Nationen wie die Kaninchen, meist ethnisch begründet und ohne weiteren emanzipatorische Gehalt werden Territorien gefordert.

    3. Die Idee der politischen Partizipation des Staatsbürgers verschwindet in einer sich polarisierenden Klassengesellschaft.

    Nationalismus ist jetzt Machtpolitik verschiedener Gruppen. Sprache ist im modernen Verwaltungsstaat Status und auch Machtposition, da sie den Zugang zu bestimmten Funktionen regelt. Man kann nun eine andere Sprache lernen, oder die eigene anderen aufzwingen. Kulturelle Gründe für sprachnationalistische Forderungen sind propagandistisch, die eigentlichen Ursachen für solche Forderungen sind ökonomisch/ politisch/ sozialer Natur:

    Die durch Proletarisierung existentiell gefährdeten Mittelschichten waren dann auch logischerweise die radikalsten Nationalisten (des späten Nationalismus), da ihr Schicksal von der Ausformung der Staatlichkeit abhing, denn für sie war die Sprachwahl zentral wenn sie z.B.. eine "Minderheitensprache" sprachen. Protektion ihrer sozialen Position. Nationalismus als Ideologie von Kleinbürgern und Mittelschichten, von denen einige in einem Separatstaat die Chance hätten, durch Verdrängung selber zur Bourgeoisie zu werden

    Der Nationalismus des späten 19. JH kennt 2 Ausformungen, auch wenn bei beiden die sozialen Träger zum Teil identisch sind:

    1. Den imperialen Chauvinismus

    2. Den Nationalismus kleiner geschichtsloser Völker

    "Dieselben Gesellschaftsschichten bilden den Kern des neuen politischen Antisemitismus."

    Hier konnte die Loyalität zur Nationalbewegung so gründlich Fuß fassen, da diese Mittelschichten ihre Stellung sowohl von der Arbeiterbewegung (Sozialismus) als auch vom liberalen Kapitalismus (durch Proletarisierung) gefährdet sahen und andere Konzepte (z.B. klerikale) nicht zur Verfügung standen. Diese Bewegungen radikalisierten sich mit den wirtschaftlichen Problemen ihrer Träger. Im Imperialismus, der eigentlich erst ein Notbehelf des Großkapitals gegen nationale Akkumulationsprobleme war, fand das Bürgertum, das Kleinbürgertum und teilweise die Arbeiterklasse (sie profitierte indirekt) eine gemeinsame Lösung ihrer Probleme. Der imperiale Nationalismus wird die zentrale Ideologie.

    Bei separatistischen Bewegungen konnten die Arbeiter gewonnen werden, wenn eine Verknüpfung von sozialer und nationaler Frage glaubwürdig erschien (Befreiungsnationalismus). Tatsächlich wurden dann nach dem ersten WK die lokalen Eliten die herrschenden staatstragenden Schichten der neuen Kleinstaaten.

    In den (ehemals) großen kriegführenden Verliererstaaten entstanden zur gleichen Zeit sozialrevolutionäre Sozialbewegungen (Räte).

    "Dort feierte der Nationalismus seine Wiederauferstehung nicht als schwächerer Ersatz für eine soziale Revolution (wie in den neuen Staaten und dort auch nicht für die Arbeiter), sondern als Mobilisierung von ehemaligen Offizieren und Zivilisten der mittleren und unteren Mittelschichten für die Gegenrevolution. Nun gab er den Nährboden ab für den Faschismus." (154)

    V. Kapitel: Nationalismus auf dem Höhepunkt 1918-1950

    Das Nationalitätsprinzip triumphiert nach dem 1. Weltkrieg obwohl dies nicht die Absicht, sondern das Resultat der sonstigen Politik der Sieger war:

    1. Zusammenbruch der Vielvölkerstaaten

    2. Russische Revolution

    Die Nationalisierung der Politik als Abwehr der sozialen Revolution, wobei ersterer letzterer das Wasser abgegraben hat. "Kurz, als die Weltwirtschaft von eisigen Stürmen heimgesucht wurde, zog sich der Weltkapitalismus in die Höhle seiner nationalstaatlichen Wirtschaft und der mit ihnen verbundenen Imperien zurück."(156) Der Versuch, die europäische Landkarte 1918 in Versailles nach nationalstaatlichen Kriterien neu zu ordnen ist gescheitert, weil der ethnische Nationalismus vollständig Fuß gefasst hatte und fast alle Kleinstaaten somit multiethnisch waren und die dann Minorifizierten ihren Nationalismus durch Unterstützung aus dem Land zu stärken suchten, in dem sie die Mehrheit waren. Dieser Angriff auf die staatliche Souveränität wurde mit Vertreibung und Vernichtung seitens der neuen Staatsvölker beantwortet, da die "Herkunftsländer" ihrer Minderheiten mit eben diesen Großmachtpolitik trieben (besonders Deutschland). Zudem sicherte die Unterdrückung der neuen Minderheiten allen anderen eine bessere Position in den eh prekären Ökonomien, wobei solche Positionen im Nachkriegsprotektionismus eine erhebliche Rolle spielten. "Jetzt zeigte sich, dass sich das Programm einer homogenen territorialen Nation nur von Barbaren oder zumindest mit eben solchen Mitteln verwirklichen ließ." (158) Dabei entpuppte sich der Nationalismus der Kleinstaaten als genauso brutal wie der der großen Chauvinisten. Mit dem Imperialismus der Nationalitäten vervielfältigte sich auch der Nationalismus durch seine Adaption durch die antiimperialistische Bewegungen. EJH meint, dies geschehe nur durch die Übernahme einer bestimmten Ideologie; er übersieht, dass die Nationalität (neben der Hautfarbe) in den Kolonien darüber entschied, ob man als Herr oder Sklave eingeordnet wurde. So konnte nach der kolonialen Erfahrung ein gewisser Staatsbürgerpatriotismus aus dem antiimperialistischen Kampf entwickelt werden (z.B. Algerien), wie der Autor selber zugesteht, dies aber als nicht ausreichend für eine neue nationalistische Bewegung ansieht (wahrscheinlich wollte eine Bourgeoisie in spe eine Nation durch eine gelungene ursprüngliche Akkumulation gründen). back to europe:

    "Hier beraubte die Neuordnung der Grenzen (in Versailles) nach nationalen Gesichtspunkten den Nationalismus (endgültig, denn es war ja schon der ethnische) seines befreienden und einigenden Inhalts ..." (163), und damit nahm die damalige europäische Lage in gewisser Hinsicht die jetzige der entkolonialisierten Welt vorweg.

    Im Antifaschismus adaptiert die Linke den Nationalismus.

    Ideologieproduktion funktionierte auch nach dem Muster "Goebbels". "Dennoch war eine gezielte Propaganda zweifellos weniger ausschlaggebend als die Fähigkeit der Massenmedien, letztlich nationale Symbole zu einem Bestandteil des Lebens eines jeden einzelnen zu machen ... "(167, und so eine Nationalisierung des Privaten und Lokalen zu bewerkstelligen. Militanter Nationalismus als Reflex auf die Verzweiflung besonders bei Kleinbürgern und subalternen Mittelschichten.

    "Ob es eine echte Aufwallung nationaler Gefühle bei den Linken gab, oder ob es sich nicht einfach so verhielt, dass dem traditionellen revolutionären Patriotismus jakobinischer Prägung erneut die Bühne freigemacht wurde, nachdem er vom offiziellen Antinationalismus und Antimilitarismus der Linken so lange hinter die Kulisse verbannt worden war, lässt sich schwer entscheiden."(172) Wahrscheinlich läuft man immer Gefahr zum Zuträger des Nationalismus zu werden, wenn man die bürgerliche Zivilisation gegen den Faschismus in Stellung bringen will (frz. Resistance). Gegen den Faschismus konnte die Linke den Nationalismus (England und Frankreich) mobilisieren, da die faschistischen Staaten aggressive Expansion anstrebten und die heimische Bourgeoisie angesichts der bolschewistischen Bedrohung, den Faschismus als Bollwerk eben dagegen begrüßte. "Auf diese Weise ging der Nationalismus während der Periode des Antifaschismus eine enge Verbindung mit der Linken ein, die in der Folgezeit durch die Erfahrung des antiimperialistischen Kampfes in Kolonialländern verstärkt wurde"(174) Diese 2-Schritt "-Theorie" - erst nationale dann soziale Revolution - ist eine Illusion, sie hat nichts übrig gelassen als den Nationalismus. Meist wird nur externe durch interne- periphere Klassenherrschaft abgelöst, oder nicht einmal das, wie in Namibia. Häufig bilden sich dann auch noch neue Nationalismen aus den ökonomischen Problemen oder durch die koloniale Grenzziehung. Die ideologische Konstruktion ist dann oft so dünn, dass die dahinter stehenden Tribalismen als Zerfallsprodukte einer eh schon prekären Ökonomie erkannt werden können. Das Master and Servant Spiel innerhalb einer peripheren Ökonomie ist besonders blutig und für die Metropolen besonders nützlich.

    Durch den Weltmarkt wird die "unvermischte Nation" zu einem (allerdings beliebten) Traum, der auch mit größtmöglicher Barbarei nur für einen Augenblick zu realisieren ist.

    In der nationalistisch definierten und ausgerichteten Koexistenz verschiedener Bevölkerungsgruppen, kommt es durch die Ethnisierung der politischen Auseinandersetzung zu einer Ethnisierung der Arbeitskraft. Dieser Ethnisierung können dann einzelne oder bestimmte Gruppen dann nicht entgehen, da der einzige Ausweg die Gosse ist; Ethnisierung wird dann meist durch Selbstethnisierung (häufig durch die Verlierer) ergänzt. Diese Ethnisierung ist Teil des politischen und zugleich ein informeller Prozess; so trifft man dann auf einen Befreiungsnationalismus mitten in amerikanischen Großstädten - Sozialrevolutionäre Positionen werden ausgeschaltet.

    VI. Kapitel: Nationalismus im ausgehenden 20.JH

    Zunächst ist ein Triumph der nationalistischen Ideologeme über alle Konkurrenten zu konstatieren. Der Appell an die vorgestellte Gemeinschaft der Nation zur Herstellung von Gruppeninteressen entfaltet mit voller Wucht seinen Zwang und seine Barbarei. trotzdem ist (nach ejh) der Nationalismus im ausgehenden 20JH nicht mehr die Haupttriebkraft der historischen Entwicklung. Bildung der europäischen Nationen und Entkolonialisierung waren zentrale historische Prozesse, der Nationalismus dazu die klassische Ideologie. (Staaten sind mit Ethnien nie in Einklang zu bringen, d.h. es gibt keine Lösung für Nationalitätenprobleme, da immer ein Aneignungswille dahinter steht (siehe Kroatien).)

    Die heutigen Nationalismen sind überwiegend solche in "multiethnischen" Ländern, welche Politik und Arbeitsmarkt ethnisieren und häufig bei größeren Bevölkerungsbewegungen oder ökonomischen Veränderungen radikal werden, weil sie einen Positionskampf in einer (prekären) Situation reflektieren (Quebec). Die prinzipielle Unbestimmtheit des heutigen Nationalismus ist sein Vorteil, da das Programm immer der Situation angepasst werden kann und kein emanzipatorischer oder moralischer Gedanke dabei stört; gleichzeitig ist eben dies die größte Schwäche der heutigen Nationalismen, da eben kein geschlossener Zukunftsentwurf mehr angeboten werden kann. Dieser Zukunftsentwurf fehlt den Nationalismen heute, da die Gründung eines neuen Nationalstaates heute ein absurdes Ziel ist. Daraus folgert der Autor eine prinzipielle Schwäche des heutigen Nationalismus, da dieser nicht mehr staatsorientiert sein kann. Hunderttausende ins Grab bringen kann er aber immer noch. Zudem erleben wir mit dem Nazismus die Renaissance einer auch schon totgeglaubten Raubideologie.

    Für die ehemalige SU:

    Der Nationalismus war Nutznießer, nicht Motor des Zusammenbruchs; er war vorher nicht relevant. (Das ist keine Versicherung gegen die Verbreitung einer Raub- und Vertreibungsideologie, wie im Baltikum zu sehen.) Protektionismus und nationale Ökonomien werden in ihrer Bedeutung abnehmen, dies wird auch den Nationalismus schwächen. (Keineswegs, denn die Ethnisierung der Arbeitskraft wird voranschreiten und eine Herausdrängung ganzer Bevölkerungen ist absehbar. Außerdem sehen wir die Renaissance alter imperialistischer Methoden.) Überstaatliche Organisationen gewinnen an Bedeutung und schwächen den Nationalismus. (Keineswegs, denn die genannten Organisationen dienen heute als Katalysator/Vermittler der Interessen der imperialen Nationen.) Transnationale Konzerne (Keineswegs, denn eben diese haben immer ein nationales Gesicht, können eines annehmen oder einen Nationalismus als Aktivposten in der Konkurrenz entdecken.) Die internationale Finanz entzieht sich nationalstaatlicher Kontrolle. (Richtig, vor allem der Besteuerung, sie kontrolliert aber ihrerseits die Nationalstaaten, einzeln und vermittelt über den IWF.)

    Die Explosion der Nationalismen im Osten führt noch einmal ihre Barbarei vor Augen und deutet die Konsequenzen einer erneuten Regulierung der Probleme nach nationalstaatlichen Prinzipien an.

    Nationalismus konstruiert ein vorpolitisches (vorgesellschaftliches) Merkmal und politisiert dieses dann.

    Nach unzähligen Beispielen für den Irrationalismus:

    "Ich behaupte vielmehr, dass der Nationalismus trotz seines unbestreitbar großen Einflusses an historischer Bedeutung eingebüßt hat. ... Er ist bestenfalls ein erschwerender Faktor oder ein Katalysator für andere Entwicklungen."(219)

    Anhang: Hobsbawm In "Industrie + Empirie I"

    beschreibt der Autor die Industrialisierung Englands, die schon 1750 beginnt und der ein Jahrhundert Handelskapitalismus vorausgegangen war, welcher also nicht zwangsläufig zur Industrialisierung führt, was dann aber führt denn dazu?

    "Das Rätsel liegt in der Beziehung zwischen Profitlogik und technischer Neuerung". Um dieses zu lösen, werden die gängigen Erklärungen abgeklappert: Normaler Feudalbedarf führt nicht zur Industrialisierung. Nötig ist eine deutliche Steigerung kaufkräftiger Nachfrage, deren Entstehen also zur Industrialisierung führt, denn bei gleich bleibender Nachfrage werden die handelskapitalistischen Profite auch ohne Neuerungen gewährleistet. Wo oder weshalb entstand also die neue Nachfrage?

    1. Bevölkerungsentwicklungen spielen keine Rolle, sie sind die Folge nicht die Ursache ökonomischer Prozesse.

    2. Der Inlandsmarkt schuf die handelskapitalistischen Voraussetzungen für jeglichen Warenaustausch, gewöhnte die Konsumenten an Produkte fremder Länder, schuf die Kapitale für eine mögliche Industrialisierung und stabilisierte dadurch die Warenproduktion, revolutionierte sie aber nicht, war allenfalls Rückzugsgebiet in Krisen.

    3. Nur der mit Zwang durchgesetzte Export, also die Eroberung fremder Märkte durch Zerschlagung/ Zurückdrängung dortiger inländischer Produktion, schuf die für die Industrialisierung notwendige Nachfrage, die mit Rohstoffen bezahlt wurde, welche in England konsumiert werden konnten. Die Industrialisierung fand also auf Kosten anderer statt; sie ist durch SYSTEMATISCHE ökonomische Aggressivität gekennzeichnet. Die Initialzündung gab die Baumwolle. Der Krieg formte und schützte die Exportoffensive und schuf gleichzeitig die Basis für eine Fortsetzung der industriellen Revolution durch seinen Metallbedarf. Grundlagen der Industrialisierung Englands waren:

    1. Der Handelskapitalismus + die schon angelaufene Verstädterung

    2 .Exportoffensive mittels Herrschaft

    3. Billige Rohstofflieferanten, erst im Inland, dann im Latifundiensystem. "Das modernste Produktionszentrum perpetuierte und erweiterte die primitivste Form der Aus beutung, die Sklaverei".

    Die Exportoffensive forderte den Einsatz neuer Techniken, weil die "benötigten" Mengen und die geforderte kurzfristige Verfügbarkeit mit den alten Methoden nicht zu bewerkstelligen war. "Die frühe industrielle Revolution war vergleichsweise primitiv...weil im Großen und Ganzen die Anwendung einfacher Ideen und Mittel, die zum Teil seit Jahrhunderten bekannt waren, zu bisweilen überraschenden Ergebnissen führte. Das Neue lag nicht in den Neuerungen sondern in der Entschlossenheit....sie anzuwenden."

    1841/42 Erste Akkumulationskrise.
    Wertesystem und Lebensweise des alten Adels und der neuen Bürgerlichen blieben von der Industrialisierung unbeeindruckt. Nur verbliebene Kleinbauern, Handwerker (Weber, etc.) und die Landarmen mussten sich umstellen: sie wurden mit Gewalt proletarisiert. Beginnend um 1750, endend um 1840 war die erste Industrialisierungsphase, die Textilphase in England abgeschlossen. Das überflüssige Kapital wird in den Ausbau des Transportwesens, besonders in die Eisenbahn, gesteckt. Dieser Ausdehnung des Transportwesens liegt kein Industriebedürfnis sondern die Suche nach Kapitalanlagen zugrunde. Entsprechend hoch sind die Verluste (nicht überall, klar), ähnlich hoch wie die durch Anleihen an amerikanische Regierungen. Trotz der Kapitalverluste beim Eisenbahnbau ist eben dieser ein riesiges Konjunkturprogramm, die Krise wird gemeistert; die Wirtschaft auf Schwerindustrie umgestellt. Die nächste Akkumulationskrise größeren Umfangs steht 1879 an: "Als die Eisenbahnen fertig waren", wie man damals zutreffend feststellte. Die Lösung wird im staatlich vermittelten Kapitalexport gesucht (Imperialismus) und gefunden. Allerdings ist England jetzt schon nicht mehr die "Werkstatt der Welt", sondern befindet sich in Konkurrenz zu den anderen, bereits industrialisierten Nationen.