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3.2 Der Mob und seine spätere Bedeutung

Die Intelligenz begrüßte den Imperialismus als Allheilmittel gegen die dringenden gesellschaftlichen Probleme, denn sie hatten Gründe; und tatsächlich gewährte der Imperialismus "den europäischen Klassengesellschaften eine Gnadenfrist von fast einem halben Jahrhundert." (244) (Bis zu einem neuen Produktivkrafttypus, der eine Expansion in die Reproduktion hinein zuließ.) "Sie wussten, wie es um den Status quo der Nationalstaaten bestellt war, wussten, dass eine innere Zersetzung die Länder ergriffen hatte und dass sie in der alten Form nicht würden weiterexistieren können." (245)
"Der Mob setzt sich zusammen aus allen Deklassierten. Er ist das Volk in seiner Karikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt." (181) (Schreit nach dem starken Mann, kann nicht wählen, sondern nur akklamieren oder steinigen)
Hannah Arendt definiert den modernen Mob als nicht/organisierte Ansammlung der Abfallprodukte aller und insbesondere der nicht-proletarischen Klassen. Viele Beobachter der Zeit "bewunderten seine Vitalität und ursprüngliche Kraft, die sie im Volke und das hieß damals in der organisierten Arbeiterschaft so verächtlich vermissten." (189) "Der Zeit neu und überraschend war die Organisation des Mob und die Heldenverehrung, die seinen Führern von der guten Gesellschaft und der Elite gezollt wurde." (181) Der moderne Mob ist "das Bündnis schließlich aller Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung." (181) Der moderne Mob entsteht direkt aus dem ökonomischen Prozess: Er setzt sich zusammen aus all den verschiedenen ehemaligen Kleinbürgern, bourgeoisen Verlierern, ehemaligen Feudalen, wo diese sich bis in das 19.Jh hatten halten können, ehemaligen Staatsdienern aller Art und der zu diesen Gruppierungen gehörenden Intelligenz, denen alle gemeinsam ist, dass sie vom kapitalistischen Wirtschaftsprozess mittels Konkurrenz in ihren bisherigen Positionen für überflüssig erklärt wurden. Die Bedrohlichkeit dieses Mobs wurde allgemein wahrgenommen , neu jedoch war die gar nicht mehr heimliche Bewunderung, die ihm immer häufiger entgegengebracht wurde. "Der Unterschied (zum gewöhnlichen Outlaw, d.A.) lag nicht darin, dass sie unmoralischer waren als die, welche seit eh und je nicht innerhalb der Grenzen des Gesetzes leben können, sondern dass die Entscheidung, sich dem Gesindel zuzugesellen, nicht eigentlich von ihnen getroffen worden war." (310) Viele Zeitgenossen - der prominenteste in Deutschland ist wohl Spengler - haben die Entstehung des modernen Mob sorgsam registriert, allerdings fast alle den Fehler gemacht, ihn mit den unteren Schichten der Gesellschaft gleichzusetzen und damit seine Entstehung und sein Wesen völlig verkannt. "Sie hatten sich nicht aus eigener Initiative aus der bürgerlichen Gesellschaft hinausbegeben, weil diese ihnen zu eng war, sondern waren ausgespien worden. Es war nicht die Unternehmungslust, die sie über alle erlaubten Grenzen lockte, sondern die Überflüssigkeit ihrer Existenz und ihrer Arbeitskraft." (311) Typisch für den Mob ist nämlich nicht die Ablehnung bürgerlicher Wertvorstellungen (die die Betreffenden eben als Versager einstuft) und die Flucht in die Gegengesellschaft der Arbeiterbewegung, sondern ihre Affirmation gereinigt von aller Heuchelei. Typisch für den Mob ist, dass er "nicht einfach nur der Abfall der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch ihr Produkt ist, direkt von ihr erzeugt und daher nie ganz von ihr zu trennen." (257) "Was sie (Spengler und andere, d.A.) zu notieren vergießen, war die ständig wachsende Bewunderung der guten Gesellschaft für die Unterwelt ..." (258), just in dem Moment wo auch diese angeblich "gute Gesellschaft" um ihre Klassenposition fürchten musste, wie unsere Autorin diesmal vergisst, wobei sie aber eine gute Zeugin abgibt.
Die Deklassierten aus den nicht-proletarischen Klassen finden nicht zur Kritik des Kapitalismus (obschon sie aus eben dieser gerne Parolen adaptieren), sondern zum Ressentiment, zur Verschwörungstheorie, mit der sie dann ihre Situation zu erklären suchen, um sich selber in ihren eigenen Wertvorstellungen wieder positiv zu verorten.
"Die politische Weltanschauung der des Mobs, wie sie uns in so vielen zeitgenössischen imperialistische Ideologien entgegentritt, hat eine verblüffende Affinität mit der politischen Weltanschauung des bürgerlichen Gesellschaft, gereinigt von aller Heuchelei." (259) "Ohne die tiefgreifende Desillusionierung jedoch, welche die Bourgeoisie in dem Jahrzehnt der Wirtschaftskrisen, das dem Imperialismus voranging, durchmachen musste, wäre es vielleicht noch lange nicht dazu gekommen, dass die gute Gesellschaft offen die Revolutionierung aller abendländischen moralischen Standards, die Hobbes radikaler Realismus vorgeschlagen hatte, zugab und der Weltanschauung des Mobs und seiner Führer nachgab."(258)
Nachgab??? Diese Trennung von Mob und guter Gesellschaft ist einzig normativen Ursprungs, wie sich aus dem Verhalten von Krupp bis Krause jederzeit nachweisen lässt, sie ist dennoch nützlich, wenn man genau analysieren will, wie denn die bürgerliche Gesellschaft Jahrzehnte später aus sich selbst heraus zur Gangsterherrschaft überging.
Diese Beschreibung des Personals der imperialistischen Expansion ist, wenn auch über das ganze Buch verstreut, eine zentrale Leistung Hannah Arendts. Während Hilferding einfach nur vom Zeitgeist angewidert war, Lenin hin und wieder bezeichnenderweise vor dem Subproletariat warnte (und damit einfach die Verlumpten meinte), blieb es Hannah Arendt vorbehalten hier wesentliches zu leisten. Mob nach Arendtscher Definition hatte Europa über Jahrhunderte produziert und exportiert. Der raubte und siedelte ganz nach Belieben, ermöglichte erste Akkumulationen in Europa, organisierte, bis auf vereinzelte Ausnahmen abgesehen, aber keine geregelte, dauerhafte Ausbeutung und Unterdrückung auf dem Verwaltungswege. Letztere samt ihren schon beschriebenen Techniken (siehe Abs. 2.1.) wird erst durch das funktionale Bündnis von Kapital und Mob erreicht. Für dieses Bündnis und die dann einsetzenden Goldgräberstimmung bringt die Autorin anschauliche Beispiele, die wir mit Hobsbawms Schriften überprüft und verglichen haben (siehe wieder Abs. 2.1.) und wir hier nicht weiter ausführen wollen, da, wie wir hoffen die Funktionalität und neue Qualität dieses Bündnisses bereits einsichtig geworden ist. Die Attraktivität des imperialistischen Konzepts ergab sich aus der "Lösung", die es eben beiden  Produkten der fortschreitenden Industrialisierung bot.
"Die Eigentümer überflüssigen Kapitals waren die einzigen, welche die überflüssigen Arbeitskräfte gebrauchen konnten, die aus allen Teilen der alten Welt zusammenströmten." (251) Diese Überflüssigen waren also auch die wahren Repräsentanten Europas und seiner Verhältnisse, die wahren Vertreter des europäischen Geistes. Da gleichzeitig in den Kolonien eine irrsinnig große Reservearmee durch Zerstörung der traditionellen Produktionsweise gebildet wurde (was der Übernahme lokaler Unterdrückungsverhältnisse keineswegs widerspricht), war klar, dass einzig ein aggressiver Rassismus (in Ideologie und Praxis) des weißen Mobs Position sicherte. Und so fürchtete dieser Mob nichts mehr als die Angleichung der Profitraten, Ausbeutungs- und Lebensverhältnisse an die Mutterländer. Nicht enden wollend seine Klagen über die wenigen demokratischen Kritiker, welche diese Rassegesellschaften mildern wollten. Als bis in unsere Zeit verlängertes Beispiel können dafür die Apologeten des südafrikanischen Arpartheidsregimes dienen, die noch bis vor kurzem die "Unmöglichkeit" ihrer Kritiker Konzepte zu "beweisen" suchten.
Von der Prekarisierung betroffen waren auch große Teile der Staatsdiener des alten Nationalstaates, da sie durch die sich verschärfenden Klassenauseinandersetzungen in selbige hineingezogen wurden. Diese stellten dann das Rückrat der Kolonialverwaltungen, in denen dann staatlicher Souverän und Mehrproduktaneignung (über die Familienbande) faktisch zusammenfielen.
Deutschland, dass durch seine rasante nachholende Industrialisierung besonders viel Mob und überflüssiges Kapital produziert hatte, konnte beides nicht nach Übersee verfrachten (siehe Abs. 2.2.). Der in Deutschland besonders kleinbürgerliche Mob ist begeisterter Alldeutscher, begeisterter Kriegsteilnehmer, dann völkischer Nationalist und früh Nazi. Er radikalisiert sich mit seinem eigenen Misserfolg. Die arbeitslos gewordenen Militärs werden als Freikorps dann Kristallisationspunkt der Faschiisierung. Da beim Kolonisierungsversuch unterlegen, verschmelzen sie in ihrer imperialistischen Politik koloniale Despotie und Inlandspolitik zu einem einheitlichen Herrschaftskonzept.