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3. Die sozialen Träger des Imperialismus
3.1 Die politische Rolle der Bourgeoisie

"In Europa war die politische Emanzipation der Bourgeoisie, die bis dahin trotz wirtschaftlicher Vormachtstellung politische Herrschaft nicht einmal angestrebt hatte, das zentrale politische Ereignis des imperialistischen Zeitalters. Die eigentümliche Bescheidenheit hatte aufs engste damit zusammengehangen, dass sie sich zusammen mit dem Nationalstaat entwickelt hatte, dessen Prinzip es war, jenseits von Klassen (und Parteien) zu stehen und sie zu regieren."(206)
Dieses Staatsverständnis und die dahinter stehende Auffassung des Politischen überhaupt, gilt es anhand der politischen Geschichte der Bourgeoisie zu überprüfen.
Ahrends Annahme, die Bourgeoisie im 19. Jhd. sei zwar herrschende Klasse gewesen, aber sie habe in der Politik kaum direkten Einfluss ausgeübt, kann so pauschal nicht zugestimmt werden. "Auf dem politischen Schauplatz war die Mannschaft des Bürgertums naturgemäß etwas anders besetzt, sei es auch nur aus dem Grund, weil Politik ein zeitraubende Spezialbeschäftigung ist, zu der sich nicht jedermann gleichermaßen hingezogen fühlt. Trotzdem bleibt es einigermaßen auffällig, in welch hohem Ausmaß die Politik des Bürgertums während der damaligen Epoche von aktiven (oder in den Ruhestand getretenen) Bourgeois gemacht wurde."  Sowohl auf höchster parlamentarischer Ebene als auch im kommunalpolitischen Bereich war die Bourgeoisie in einigen parlamentarisch verfassten Industriestaaten in einer Stärke von 10 bis 20 % vertreten, auf jeden Fall rekrutierten die Liberalen einen Teil ihrer Kader direkt aus der Bourgeoisie. Jedoch räumt Hobsbawm ein, dass die Herrschaft der Bourgeoisie nicht so sehr durch ihre personelle Präsenz in der Politik ausgeübt wurde, sondern weil eine Ablehnung bürgerlich orientierter Politik im Zeitalter des siegreichen Kapitalismus für keinen Staat mehr praktikabel war. Insofern ist der Arendtschen These im Kern zuzustimmen.
Hobsbawm charakterisiert die Herrschaft der Bourgeoisie im Sinne Gramscis als Hegemonie. "Die Bourgeoisie war eindeutig keine herrschende Klasse in dem Sinne, wie es etwa auf die Landbesitzer alten Stils zutraf, die aufgrund ihrer Stellung de iure oder de facto die staatliche Regierungsgewalt über die Bewohner ihres Territoriums ausübten. Der Bourgeois betrieb seine Geschäfte im Rahmen funktionierender staatlicher und behördlicher Macht, die - zumindest außerhalb seiner vier Wände (`my home is my castle´)- mit seiner eigenen nicht identisch war." (ebd, 310f.) Der adäquate Ausdruck dieser Herrschaft ist der politische Liberalismus mit seiner Betonung der privaten und ökonomischen Autonomie des Individuums und der geforderten Begrenzung des Staates auf Nachtwächterfuntionen, also Sicherung des Privateigentums.
Im späten 19. Jhd. verlor die Kleinbourgeoisie insgesamt an direkter politischer Macht. Der Grund liegt vornehmlich am politischen Aufstieg der Arbeiterbewegung, bedingt durch die Erhöhung des Wahlberechtigtenanteils, die zunehmend politisch autonom agierte und einen Zerfall der bis dahin paternalistischen Beziehungen zu den Kapitalisten bewirkte. (ebd. 213) Was das Bürgertum an direkter politischer Macht verlor, konnte auch durch informelle Beziehungen und Einflüsse nicht ausgeglichen werden, die Zahl derer, die zum Bürgertum zu rechnen waren hatte stark zugenommen, obendrein hatte die Wirtschaft ihre regionale Beschränktheit verloren, beides erschwerte die Organisierung des gesamten Bürgertums als Elite.
Die Großbourgeoisie bekam keine Schwierigkeiten sich als gesellschaftliche Elite zu organisieren, die Träger der Schwerindustrie und des Finanzkapitals bestanden aus einer übersichtlichen Anzahl von Personen, die sich in der Regel kannten und guten Kontakt zur Politik hatten. (ebd. 223) Die Großbourgeoisie lehnte sich mehr und mehr an den Staat an, der ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen durchsetzen sollten "Die stärkere Fraktion des Bürgertums der europäischen Länder lehnte sich zunehmend an das ancien regime an, nicht nur, weil sie Schutzzölle, Aufträge und öffentliche Ämter (für ihre Söhne) erhofften, sondern auch, weil sie auf diesem weg bewaffneten Schutz vor rebellierenden Arbeitern und nationalen Minderheiten im Inland sowie zur Niederhaltung rivalisierender Mächte und Kolonialvölker erwarten konnte." (Mayer, 274) Nicht nur die Symbiose mit den alten, reaktionären Kräften, die in den meisten europäischen Staaten noch Einfluss hatten, sondern auch die Spezifik der imperialistischen Interessen bewirkte einen Paradigmenwechsel in der politischen Weltanschauung. Der Liberalismus hatte nach der Depression als Bourgeoisideologie ausgedient, an seine Stelle trat der Sozialdarwinismus. "Mit der Renaissance des Etatismus verlagerte sich die Betonung innerhalb des sozialdarwinistischen Katechismus von der Heiligsprechung des ungezügelten Wettbewerbs in einer Wirtschaft und Politik des laisser-faire auf die Sanktionierung der staatlich kontrollierten Kämpfe einer nach außen und innen imperialistischen Gesellschaft." (Mayer, 279 f.)
Somit setzt im ausgehenden 19. Jhd. ein Prozess ein, in dem die Politik direkt kapitalistische Interessen exekutiert. Dieser Prozess lässt sich nur dann störungsfrei durchsetzen, wenn der politische Liberalismus liquidiert und durch autoritäre Politikformen ersetzt wird. Ideologisch vollzieht sich die Transformation als Ablösung des Risorgimento- Nationalismus durch rassistische und chauvinistische Nationalismen und als Ablösung des Individuums durch die Rasse und das mystifizerte Volk. Die Verschiebung der zentralen Bezugspunkte des politischen Denkens hatte fatale Folgen, der Sozialdarwinismus erklärt den Kampf der Rassen zum höchsten Prinzip menschlichen Daseins und etabliert damit den Gedanken, dass jedes Mittel des Rassenkampfes legitim ist und staatliche Institutionen den Zweck haben, durch Machtkonzentration die Überlegenheit der jeweiligen Völker und Rassen unter Beweis zu stellen. Von nun an gilt in der Politik das Faustrecht.
Aus Arendts Perspektive erscheint die Transformation des Politischen als Verfall der legal verfassten politischen Gemeinwesen Mitteleuropas. Das Hauptproblem des Imperialismus ist die Liquidierung der Trennung von kapitalistischer Akkumulation und Politik, Arendt erkennt in der kapitalistischen Akkumulation ein Prinzip, welches auf kurz oder lang einen Prozess destruktiver Expansion auslöst.
Sich akkumulierender Reichtum und wirtschaftliche Konkurrenz müssen durch Politik im legalen Rahmen gehalten werden. Mit der Konzentration wirtschaftlicher Macht und dem Hinausgreifen der Akkumulation über das nationale Territorium hinaus, erhält der Staat allmählich die Funktion, die Sicherheit des Kapitals auch jenseits seiner Grenzen zu sichern. Auf der anderen Seite instrumentalisiert die Bourgeoisie mehr und mehr den Staat und seine Machtapparate, als Bedingung ökonomischer Expansion und des erfolgreichen Konkurrenzkampfes. War die Staatsmacht bislang Garant legaler Prinzipien und der sittlichen Ordnung, dient er jetzt der Akkumulation von Macht und Reichtum seiner selbst willen. " Ist der imperialistische Prozess der Ausdehnung erst angelaufen, so können sich politische Gemeinschaften sich ihm nur als hinderlich erweisen und von ihm zerstört werden, und dies gilt für die Institutionen des Mutterlandes genauso, wie für die der Kolonialvölker. Denn jede politische Struktur und Organisation gleich welcher Art, entwickelt von sich her die Kraft des Beständigen, die es den Menschen erlaubt sich in ihnen einzurichten und die, unabhängig von den Gesinnungen der in ihr wohnenden Menschen, sich der ständigen Transformation alles Bestehenden in den Weg stellen muss. Daher müssen alle politischen Körper als zeitweilige und überwindbare Hindernisse erscheinen, wenn man sie eingebettet glaubt in einen ewigen Strom des immer größer werdenden Machtprozesses." (Arendt, 239)