• Inhalt • Impressum • Hannah Arendt • Raumplanung • Despotie • Newspapers • Verschiedenes
 
 

 
• Imperialismusanalyse
• Methode
• Sekundärliteratur
• Imperialismus
• Kontinentaler Imperialismus
• Rolle der Bourgeoisie
• Der Mob
• Arendts Ideologiebegriff
• Rassismus und Nationalismus
• Aktualität


Kontakt
• Mail

 

2.2 Der kontinentale Imperialismus Deutschlands

Hannah Arendt beschreibt den kontinentalen Imperialismus am Beispiel Deutschlands, Österreichs und Russlands. Der russische hat sich 1917 erledigt, nachdem Russland eh immer in Gefahr war von einem imperialistischen Land zu einer Kolonie abzusinken und heute auch geworden ist. Dieser frühere Imperialismus Russlands wurde eben nicht von der KPDSU fortgesetzt, wie die Autorin behauptet. Den österreichischen Imperialismus rechnen wir, wie seine Protagonisten zum deutschen. Zeitlich definiert Hannah Arendt den kontinentalen Imperialismus Deutschlands bis zur Niederlage im zweiten Weltkrieg. In Ihrer Abhandlung über den kontinentalen Imperialismus flicht die Autorin erstmals die später so geschätzten obskuren Vergleiche mit dem Panslawismus ein, die dann später Grundlage ihrer Totalitarismustheorie werden, deren Funktionalisierung sie selber mit den Vergleich des Münchener und Jaltaer Abkommens mit vorbereitet hat. Diese Theorie ist wissenschaftlich und historisch widerlegt (nach Arendts Voraussage hätte die SU mit dem Tode Stalins zusammenbrechen müssen) und wird von uns nicht weiter beachtet. Wir konzentrieren uns statt dessen auf die Politik Deutschlands.
Zur gleichen Zeit, als die britische Kolonialverwaltung den Indern das Fell über die Ohren zog, konnten Gewerkschaftsführer an der Speakers Corner in London ungestört ihre Reden schwingen. Die (dauerhaft) uneingeschränkte Machtausübung wurde auf die Kolonien beschränkt; im Mutterland selbst unterschied man weiterhin fein säuberlich zwischen Gesetzesherrschaft und Notstandsregime. Notwendig für eine solche Trennung ist eine erhebliche räumliche Distanz; sie ist es, die die Bestialität auf die Kolonien "begrenzt", die die Verachtung von Legalität und Demokratie nicht (sofort) aufs Herkunftsland übergreifen lässt.
Deutschland ist trotz einiger Anstrengungen im Kampf um die Aufteilung der Erde unterlegen. Im Land entsteht entlang des Pangermanismus ein neues imperialistisches Konzept, das des kontinentalen Imperialismus, der Wunsch sich "seine" Kolonien in unmittelbarer Nachbarschaft einzurichten, für dessen Berechtigung ausgerechnet die Erfolge der westeuropäischen Konkurrenten herangezogen werden. Dieser nimmt sich aus wie der verzweifelte Versuch der "Zukurzgekommenen" und wird von den vielen Zeitgenossen erst als Randerscheinung angesehen, die diese Strategie mit den überseeischen Erfolgen vergleichen, denn "Erfolge und Fehlschläge des kontinentalen Imperialismus stehen im genauen Gegensatz zum überseeischen," (364) was bei Fortbestand der Krisensituation nicht zu seinem Ende, sondern zu einer permanenten Radikalisierung führt, bis die zu Kolonisierenden in einem Lebensraumkonzept als Untermenschen definiert werden. Den ersten Umsetzungsversuch kontinental-imperialistischer Konzepte sehen wir in den Kriegszielen des ersten Weltkrieges. Die radikalisierte Rekonstruktion betreiben dann die Nazis mit ihrem Wirtschafts- und Lebensraumkonzept. (Auf ausführliche Beschreibung der einzelnen Konzepte verzichten wir zugunsten einer Darstellung der Prämissen und Folgen.) Bei diesen Konzepten schlagen allerdings die imperialistischen Herrschaftsmethoden schon in der Vorbereitungsphase sofort auf das Mutterland zurück und werden zu einem einheitlichen Herrschaftskonzept verschmolzen. Die so segensreiche (für die Einwohner Britanniens) heuchlerische Unterscheidung zwischen der Gesetzesherrschaft im Mutterland und der Begrenzung der uneingeschränkten Machtausübung auf die Kolonien kann hier nicht durchgeführt werden. Dementsprechend wird auch die Rassegesellschaft aggressiver und zwangsläufig auch im Mutterland angewandt, um die Helotenstellung erst der Nachbarn und dann die eines Teils der eigenen Bevölkerung zu legitimieren. Anfangs verwendete die Propagandisten des kontinentalen Imperialismus dazu noch die Sprache des Minderheitenschutzes - wie heute. "Aber die germanischen Völker außerhalb des Deutschen Reiches ... lieferten nur die Vorwände 'nationaler Selbstbestimmung', um die ersten Sprungbretter weitere Expansion zu gewinnen." (366) Prägnanter hat wohl keine Autorin den Charakter deutscher Minderheitenpatronage dargestellt. Ideologische Grundlage ist in allen Fällen das "völkische", also blutsbezogenen Denken des völkischen Nationalismus (siehe 4.2.) und der daraus abgeleitete Pangermanismus. Beide benötigen den Antisemitismus als Folie ihres Plünderungszwecke legitimierenden Auserwähltheitsanspruchs und werden erst im Imperialismus zu wirklich gefährlichen Ideologien. "Es war dem kontinentalen Imperialismus vorbehalten, die Rasseideologie unmittelbar in die Politik (um und im eigenen Land, d.A.) um zusetzen und apodiktisch zu behaupten: 'Deutschlands Zukunft liegt im Blute' (Ernst Hasse)" (362)
Eine ähnliche Radikalisierung erfährt der despotische Bürokratismus durch die Rassifizierung auch der Inlandsbevölkerung von drei Seiten: 1. sog. nationale Minderheiten, 2. Zuwanderer und Flüchtlinge, 3. durch den Antisemitismus. Der Versuch einer nationalstaatlichen Gliederung des "ethnischen Flickenteppich" Osteuropas verschärft die dort schon schwelenden Konflikte, deren kriegstreibende Kraft die Deutsch- Österreicher waren, und die dann von der deutschen Regierung über den "Verband für das Deutschtum im Ausland") schon in den 20er Jahren angeheizt und konsequent ausgenutzt wurden.
Armutswanderer - Treibholz des Weltmarktes - und Kriegsflüchtlinge können nicht mehr normal in die krisengeschüttelten imperialistischen Nationalstaaten integriert werden, werden als beliebig zu entrechtende Verfügungsmasse und einem diesbezüglich uneingeschränkt befugten Polizeiregime übergeben, das hier erstmalig von der ihnen so wohlschmeckenden verbotenen Frucht der uneingeschränkten Gewalt kostet. Wesentliche Schritt der Entrechtung ist die Aberkennung der legalen Vertretung, also die Negation der juristischen Person. Sind Betreffende nicht mehr normal repatriierbar werden sie deportiert; ist auch dies nicht mehr möglich, erfolgt die Internierung. Die Aktualität ist unübersehbar; Roma (und solche die dafür gehalten werden) werden schon heute wieder ohne Staatsbürgerschaftsnachweis nach Rumänien verfrachtet und an allen großen Flughäfen gibt es "exterritoriale Räume" zur Negation der juristischen Person.  gerade die Behandlung der "Fremden" verankert die Despotie in Europa.
Im nazistischen Selektionskonzept mit seinen Nürnberger Rassegesetzen zeigt sich dann nur die letzte Konsequenz der Rassifizierungsstrategien.
"In dem Bündnis zwischen Mob und Kapital, das das imperialistische Zeitalter kennzeichnet, hatte die Initiative eindeutig bei den Vertretern des Kapitals gelegen." (365) So auch beim deutschen Flottenbauprogramm. Hannah Arendt behauptet nun, dass "In den Panbewegungen (des kontinentalen Imperialismus, d.A.) die Initiative Ausschließlich beim Mob" (365) gelegen hätte und die Bourgeoisie sich in einer extremen Krisensituation dieses Mobs bedient hätte, und nicht wissen konnte, das dieser Weg in die totalitäre Gesellschaft und in den Krieg führt, als sie diese kleinbürgerlich dominierte Bewegung mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragte.
Wir stimmen Hannah Arendt nur teilweise zu wenn sie feststellt: Der Imperialismus "lehrte den Mob, was der immer schon vage geahnt hatte, nämlich dass schiere Gewalt selbst ohne ökonomische Machtposition ausreicht, um nach Belieben rechtlose oder gar ausgebeutete Schichten in der Gesellschaft zu erzeugen, dass man für eine solche Umschichtung eine Revolution nicht braucht, sondern sich sogar von gewissen Schichten der herrschenden Klassen helfen lassen kann." (334)
Denn gegen die herrschenden Klassen ist ein solches Konzept bestimmt nicht durchsetzbar, statt von einiger Hilfe muss auch hier also von einem Bündnis gesprochen werden; und die Unterstützung großer Teile des Industriekapitals für die Nazis ist nun wirklich zu offensichtlich, als das die Aktivität alleine dem Mob zugeschrieben werden könnte. Hannah Arendt behauptet auf Seite 416/417 , dass das imperialistische Großkapital Hitler fälschlicherweise für einen Imperialisten alten Stils gehalten hätte; darin ist nichts als eine Beschönigung der imperialistischen Bourgeoisie zu sehen, wie Reinhard Opitz klar nachgewiesen hat.  Weiterhin analysiert Hannah Arendt in diesem Zusammenhang einen Zusammenbruch des imperialistischen Nationalstaates als auch der Klassengesellschaft (422 ff). beide Fehldeutungen entspringen dem immer noch rudimentär vorhandenen, aus der politischen Philosophie abgeleiteten, begrifflichen Formalismus.
Die letztendlichen Konsequenzen der Naziherrschaft konnten sie nicht ahnen, aber dass diese Politik auf Mord und Krieg hinausläuft, war nicht nur bekannt, sondern einkalkuliert. Die banale Erkenntnis ist, dass das Kapital fast jedes Bündnis eingeht, wenn seine Position in einer sehr ernsten Verwertungskrise (Stichwort "black friday") gefährdet ist und bevor sie der Zerschlagung ihrer Klassenposition zusehen, zerschlagen sie lieber einen ganzen Kontinent und versuchen sich dann in der Rekonstruktion.
Und daraus folgt eine sehr aktuelle Erkenntnis: Die Bourgeoisie rettet ihre Klassenposition über eine zusammenbruchsartige Verwertungskrise mit allen politischen Mitteln, auch wenn sie dabei viel verliert, was durch die Krise sowieso geschehen wäre. Sie bricht mit jeder noch vorhandenen Beschränkung (moralisch- ethischen Art sowieso, aber auch mit der Fixierung auf Produktion und Zirkulation)  das hat sie im Imperialismus gelernt; und der Krieg schreckt sie nicht.
Wir stimmen Hannah Arendt also nicht zu, wenn sie die Initiative zum kontinentalen Imperialismus ausschließlich beim Mob verortet. Es ist vielmehr anzunehmen, dass der Pangermanismus eine unbedeutende Mode geblieben wäre, wenn nur irgendwelche Abgehalfterten darin ihre Chance gesehen hätten. Dies schmälert aber kaum den Wert der Arendtschen Analyse, die (soweit uns bekannt) zum ersten Mal den Nazismus als neues, radikalisiertes imperialistisches Konzept mit Massenbasis darstellt und nachweist, dass darin kein Widerspruch besteht.
"Für uns, die wir noch die vielfältige Bezogenheit zwischen Rassewahn und Bürokratie in der Naziherrschaft vor Augen haben, ist es wichtig, zu sehen, dass sich  in der eigentlich imperialistischen Periode diese beiden Prinzipien entwickeln." (306)
Ohne den Abgrund zu übersehen, den eine Erschießung noch immer von der industriellen Massenvernichtung trennt, zeigt Hannah Arendt doch sehr genau, was auch Max Horkheimer 1941 formulierte: "Die gesellschaftliche Herrschaft geht aus ihrem eigenen ökonomischen Prinzip heraus in die Gangsterherrschaft über."  Wobei Arendt allerdings auf die Analyse der politische Vermittlung und des Personals sehr viel Wert legt.
Und die Barbarei beginnt bereits, wenn in "higher and lower breeds" eingeteilt wird, ihren nazistische Wahn findet sie, wenn nicht der Mob, sondern ein ganzes Volk aktiv an der Exekutierung einer solchen Politik beteiligt ist.