• Inhalt • Impressum • Hannah Arendt • Raumplanung • Despotie • Newspapers • Verschiedenes
 
 

 
• Imperialismusanalyse
• Methode
• Sekundärliteratur
• Imperialismus
• Kontinentaler Imperialismus
• Rolle der Bourgeoisie
• Der Mob
• Arendts Ideologiebegriff
• Rassismus und Nationalismus
• Aktualität


Kontakt
• Mail

 

2. Imperialismus bei Hannah Arendt
2.1 Darstellung unter Einbeziehung klassischer Imperialismustheorien

"In Europa war die politische Emanzipation der Bourgeoisie, die bis dahin trotz wirtschaftlicher Vormachtstellung politische Herrschaft nicht einmal angestrebt hatten, das zentrale innenpolitische Ereignis der imperialistischen Epoche." (207)
Da sie herrschende Klasse war und das eben durch das neuartige Aneignungsprinzip
der Mehrwertaneignung/Kapitalakkumulation (Kern jeder damaligen Innovation), konnte diese Klasse lange Zeit eine erhebliche Distanz, ja Feindschaft zu Staat und internationaler Politik beibehalten. "Erst als sich erwies, dass der (ursprüngliche,MB) Nationalstaat unfähig war, den Rahmen für die der kapitalistische Wirtschaft notwendige Ausdehnung bereitzustellen, " (206) übernahm die Bourgeoisie den Staat zu ihren expansionistischen Zwecken. "Das nationale Prinzip konnte nur noch als provinzielle Beschränktheit erscheinen, und der Kampf gegen den Wahnsinn einer Politik, die sich nur halten konnte, wenn sie in ständiger Ausbreitungsbewegung begriffen blieb, war verloren." (208) Der Wahn begann also mit der endgültigen politische Emanzipation der Bourgeoisie.
Diese Wahnhaftigkeit erklärt die Autorin mit einem Exkurs in Thomas Hobbes "Leviathan": Durchdringt das ökonomische Konkurrenzprinzip den politischen Raum/Körper, führt dies unweigerlich zu nichts anderem als der klarsten Barbarei. Schon Hobbes beschrieb die Auflösung jeglicher, die Barbarei verhindernder/begrenzender Moral durch ihre Auflösung in "Werte", die in einer auf Besitz gegründeten Gesellschaft immer einen Tauschwert bekommen. Und nichts ist brüchiger als die Privatmoral, sobald die eigene Sekurität (vor allem die Klassenzugehörigkeit) in Gefahr gerät. Diese Analyse wendet HA sehr treffend auf die politischen Verhältnisse sowohl innerhalb eines Nationalstaates, als auch zwischen eben diesen an und weist die Unmöglichkeit des Privateigentums als friedfertiges politischen Prinzip nach.
Für Arendt liegt das Problem darin begründet, dass ein eigentlich gesellschaftliches Prinzip (Konkurrenz) den politischen Raum/Körper auf zweierlei Wegen durchdringt:
1. Die aus der ökonomischen Verfügungsgewalt erwachsende Macht.
2. Die Akkumulation großer Kapitale schafft gesellschaftliche Produktionsmittel (was nach HA beim kleinbürgerlichen Besitz nicht der Fall war. Die Autorin ist hier kleinbürgerliche Ideologin), und löst den Besitz damit aus seiner privaten Beschränkung, ohne seine private Bedingtheit aufzubrechen und trägt so das Element der Zerstörung in den politischen Körper. Denn die Krisenabsicherung ihrer Akkumulation führte die Bourgeoisie dann zwangsläufig zur politischen Machtergreifung (dazu kann man Hobbes heranziehen, kann man schon, drückt aber eine spezifische Abneigung aus.) Diese Durchdringung zerstört jeden Raum/Körper, oder schlimmer, formt ihn um zu einem Instrument im Konkurrenzkampf, wie mit dem Nationalstaat geschehen,  womit die Barbarisierung auf eine völlig neue, von Hobbes nicht geahnte Stufe gehoben wird. Denn "nur Gesetz und Polizei konnten verhindern, dass die Konkurrenten schließlich den Revolver zogen. Konkurrenz zwischen bis an die Zähne bewaffneten Riesenkonzernen, die sich alle das stolze Wort 'Imperium' zulegten, konnte schwerlich anders als im Kampf aller mit allen enden. Friedlich mit einander konkurrierende Imperien sind ein Unding, weil Konkurrenz so wenig wie Expansion ein politisches Prinzip enthält; beide bedürfen der politischen Macht, die sie dirigiert und kontrolliert und ohne die sie maßlos und zerstörerisch werden müssen."(211)
Die eigentliche Veranlassung der originär imperialistischen Expansion, die HA eben sehr genau von den früheren Stützpunktgründungen und Plünderungen  abzugrenzen weiß, sieht auch die Autorin im Export von anlagesuchendem Kapital und rezipiert dazu Hobson und Hilferding.
Die großen Wirtschaftskrisen der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts - "Als die Eisenbahnen fertig waren", wie die Zeitgenossen sagten - führten zur ersten großen Welle noch ungesicherter Auslandsinvestitionen, die fast allesamt in Schwindel und Bankrott endeten (Panamaskandal in Frankreich, Gründungsschwindel in Deutschland). Bei diesen Investitionen handelte es sich noch vorwiegend um aktienmäßig organisierte Leihkapitale. Die daran auch beteiligten kleineren (Spar)Kapitale wurden vernichtet; nur die großen Kapitale überstanden und insistierten auf Schutz wie im Inland.
In den Industriestaaten selber sehen wir die Herausbildung der mit den Großbanken verschwisterten Aktiengesellschaften als völlig neue Form der Kapitalzentralisation, welche erstmals in der Lage ist alle Kapitale jedweder Größe zusammenzufassen. Monopole, Kartelle und Schutzzölle verschärfen die Überproduktion und Überakkumulation. Dagegen gibt es zwei Strategien: Kapitalexport und/oder verstärkter Warenexport.
1.: Ausweitung des Warenexports kann durch Dumping erreicht werden, welches wiederum durch die Extraprofite bezahlt wird, die die Zölle ermöglichten. Diese Verstärkung des Warenexports, die einmal für Englands Industrialisierung entscheidend war, scheitert aber immer an der begrenzten Aufnahmekapazität rückständiger Länder und ist für die anstehenden Probleme zu dürftig.
2.: Wesentlich bedeutender ist der Kapitalexport, der unter anderem auch die Aufnahmefähigkeit für verstärkten Warenexport sofort erhöht. Vor allem aber ist die Profitrate in einem rückständigen Land höher, insbesondere dann, wenn ein solcher Produktionsstandort in die nationale Protektion des Profits als Kolonie mit einbezogen wird. "Diese Expansion entspringt der Grundtendenz des Kapitalismus. Aber diese Expansion führt zu ganz erheblichen Veränderungen der Produktions- und Verwertungsbedingungen des Kapitals und zieht nicht minder große Wandlungen in der Wirtschaftspolitik und der internationalen Politik der bürgerlichen Staaten Europas nach sich."  Die höhere Profitrate ergibt sich aus der geringeren organischen Zusammensetzung des Kapitals. Ernest Mandel definiert im Gegensatz zu Hilferding diese Differenz  bereits als "kolonialen Extraprofit" , da die Rate dem geschichtlichen Alter des eingesetzten Kapitals nicht mehr entspricht, weil normalerweise die organische Zusammensetzung mit dem geschichtlichen Alter des Kapitals steigt; das Kapital flüchtet sich also in seine eigene Vergangenheit. Die geringe Qualifikation der Arbeitskraft kann dabei durch überlange Arbeitszeiten kompensiert werde. Auch bei der Erzwingung einer höheren Mehrwertrate setzt das Kapital also auf bereits erprobte Methoden. Ein entscheidender Faktor für die Beibehaltung beschriebener Arbeitsverhältnisse und extrem niedriger Löhne war neben der Kolonialverwaltungen und ihren diesbezüglichen Einfällen zudem die Produktion einer extrem großen kapitalistischen Reservearmee durch Landraub, Vertreibung und erstmalig gezielter Umsiedlung wo nötig (z.B..: Tamilen nach Ceylon). Der Zerstörung der alten Produktionsweise folgt aber keineswegs eine normale kapitalistische Entwicklung, sondern eine Extraktionsökonomie, denn die räuberische Enteignung der autochthonen Bevölkerungen verbilligt zudem Rohstoffe und Böden extrem, was den Investitionen eine Zielrichtung gibt. Die unterlegenen peripheren Handwerker fanden keinen Ausweg in der Industrie; sie wurden nicht im (europäischen Sinne) proletarisiert. Die kapitalistische Großfabrik wurde eben nicht in die Kolonien verpflanzt, sondern nur eine Form des Kapitalismus, die in Europa bereits als überholt galt und in den Kolonien mittels Gewalt stabilisiert wird. "Während sich der Kapitalismus im weltweiten Maßstab ausbreitete, hat der Großteil der Welt nur die zersetzenden Einflüsse und nichts von seinen zivilisatorischen Auswirkungen zu spüren bekommen."  Auch Hilferding sieht durchaus, dass die so lohnenden Direktinvestitionen mit Raub und Plünderung vorbereitet werden: "Die Methoden der Arbeitserzwingung sind mannigfaltig. Hauptmittel ist die Expropriation der Eingeborenen, denen das Land und damit die Grundlage ihrer bisherigen Existenz genommen wird ... " , sieht in dieser Gewalt aber nur die der Herstellung kapitalistischer Verhältnisse. "Hier wird plötzlich nach den Methoden der ursprünglichen Akkumulation Reichtum in der Hand weniger Kapitalmagnaten geschaffen ... . "  "Die Sklaverei wird aufs neue ein ökonomisches Ideal und damit zugleich jener Geist der Bestialität, der sich aus den Kolonien auf die Träger der Kolonialinteressen der Heimat überträgt und hier seine widerlichen Orgien feiert."  (sieh an) Diese Bestialität hält Hilferding für vorübergehende Phänomene einer beginnenden (halbwegs normalen) kapitalistischen Entwicklung in den Kolonien. "Bedingung des Kapitalexports ist Verschiedenheit der Profitrate; der Kapitalexport ist das Mittel zur Ausgleichung nationaler Profitraten,"  was nach Hilferding auch zu einer Angleichung der Lebensverhältnisse (Ausbeutungsbedingungen) führen wird, auch wenn die Kolonien abhängig bleiben. Ein folgenschwerer Irrtum. Er beachtet weder das Personal der kolonialen Expansion, noch hält er eine Stabilisierung der beschriebenen Verhältnisse für wahrscheinlich, zudem kann er die Vorteile für die metropolitane Arbeiterklasse, die sich aus der Ansammlung der Bereiche hoher Produktivität, der allgemeinen Prosperität und nur zum kleinen Teil aus imperial finanzierten Sozialtransfers ergeben, wie die meisten seiner Zeitgenossen noch nicht erkennen, und sieht deshalb die Beschränkung der revolutionären Kräfte auf die nationale Innenpolitik noch nicht als ein zentrales Problem. "Der rasche Anstieg der Produktion lässt die Schäden der kapitalistischen Gesellschaft nicht zum Bewusstsein kommen und schafft eine optimistische Beurteilung ihrer Lebenskraft."  Während der Instinkt, der allgemein der Gosse zugeschrieben wird, obschon er doch gerade bei den Kleinbürgern zu Hause ist, bereits Morgenluft witterte und vom großen Landsitz, vom Gold, vom schnellen Reichtum eben, träumte, handelt Hilferding die Rückwirkungen der kolonialen Expansion in zitierten Sätzen ab oder versteigt sich zu der Einschätzung, dass "eine Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskraft die Gewerkschaften begünstigt,"  ohne den kompromittierenden Charakter zu erkennen.
Mandel sieht 1968, dass mit dem Kapitalexport und der damit einhergehenden Ausbeutungsform eine leider sehr stabile weltweite Arbeitsteilung durchgesetzt wurde, die die hohe Produktivität in den imperialistischen Ländern konzentrierte eben durch die Verlängerung der niedrigen organischen Zusammensetzung des Kapitals in den (ehemaligen) Kolonien. Er liefert auch eine von Arendts Analyse unabhängige Erklärung für die despotischen Methoden in den Kolonien: Durch die extreme Hegemonie der großen Kolonialgesellschaften fallen Mehrproduktaneignung und Souveränität (fast) zusammen (die großen Kolonialgesellschaften dirigierten ob ihrer ökonomischen Macht das Militär, oder hatten formale Souveränitätsrechte); eine klassische Ausgangsposition für despotische Herrschaft und zwar mit oder ohne Adaption lokaler Ausbeutungsverhältnisse samt entsprechender Eliten. Die Bestialisierung durch den Rassismus ist auch Mandel keine Erwähnung wert, was allerdings in einem wirtschaftstheoretischen Werk auch nicht wunder nimmt.
Hannah Arendt übernimmt von Hilferding die Analyse, dass der eigentliche Initial der kolonialen Expansion der Export von Kapital nach systemgefährdender Überakkumulation war.
In der Bewertung dieses Schrittes und vor allem in der Analyse der nachfolgenden politisch-ökonomischen Entwicklung weicht HA allerdings entscheidend von der klassischen marxistischen Analyse ab und formuliert ihre zentrale Kritik an eben dieser: "Die frühzeitige Entdeckung der rein ökonomischen Veranlassungen und Triebfedern des Imperialismus (durch die Marxisten, d.A.) ... hat die eigentliche politische Struktur, den Versuch nämlich, die Menschheit in Herren- und Sklavenrassen, in 'higher and lower breeds', in Schwarze und Weiße .... einzuteilen, eher verdeckt als aufgeklärt." (209) Die folgenreiche Unterschätzung des Imperialismus durch die Marxisten sieht HA im "Versagen" marxistischer Wirtschaftstheorie. "Denn für den Marxismus war das neue Bündnis zwischen Mob und Kapital so unnatürlich,"(252) dass die "Leistung" des Imperialismus, eben benannte Vereinigung auf Grundlage einer Gangsterideologie, gar nicht zur Kenntnis genommen wurde (Hannah Arendt beschreibt dies am Beispiel Südafrikas).
Von der Anmaßung abgesehen beschreibt dies zutreffend eine in seinen Prämissen liegende theoretische Blindheit des damaligen Marxismus. Von Marx nämlich stammt die Annahme, die kapitalistische Ausbeutung würde durch ihre Sachlichkeit, Universalität (Waren) und ihre Potenz (Produktivkraftentwicklung) alle früheren oder sonstigen Formen der Ausbeutung nach und nach verdrängen (die schon angesprochenen zivilisatorischen Auswirkungen). Die Marxisten hielten deshalb den Rassismus, das Abenteurertum und den imperialen Militarismus für die traurigen Residuen freundlicherweise vergehender Zeiten und somit für Durchsetzungstechniken für die kapitalistische Produktionsweise.
Ganz im Gegensatz zu den Imperialisten, die ihre Profitrate eben auch mit Raub und Rassegesellschaft zu verschönern wussten und diese "frühen" Methoden keineswegs aufzugeben bereit waren. "Kapitalexport und auswärtige Anlagen, die ursprünglich eine Nothilfe für überflüssiges Geld gewesen waren, wurden zu einer ständigen Einrichtung aller Wirtschaftssysteme, sobald sie von staatlichem Machtexport geschützt waren." (229) "Das ... imperialistisch geschützte Kapital verlangte nichts als die Sicherung seiner Profite und zeigte keine Neigung, eine rationale industrielle Produktion in Gang zu bringen." (332) Denn der Kapitalismus  verdrängt nur dann frühere Ausbeutungsformen, wenn die Kapitale mittels Konkurrenz unter Modernisierungsdruck stehen und dies nicht durch extremen Protektionismus fast ausgeschaltet wird. Ist zudem der Preis der Arbeitskraft mittels Militär, Adaption lokaler Unterdrückungsverhältnisse und vor allem durch die Produktion einer extrem großen Reservearmee mittels Raub und Vertreibung, problemlos niedrig zu halten, wie daraus folgend auch die organische Zusammensetzung des angewandten Kapitals, werden eben diese Verhältnisse konserviert und gleichzeitig in die Warenproduktion integriert (und durch die Konzentration hoher Produktivität in den imperialistischen Ländern verewigt). dazu notwendig ist eben die Ausschaltung eben jenes minimalen Schutzes der Arbeitskraft, welche die europäischen Verfassungen nach langen Kämpfen endlich festgeschrieben zu haben schienen; also eben eine Rassegesellschaft.
Eine gewöhnliche Industrialisierung konnte also von den beteiligten Kapitalen gar nicht angestrebt werden, da die organische Zusammensetzung sofort gestiegen wäre; dieses Interesse deckte sich mit dem des weißen imperialistischen Personals. Die Imperialisten wussten, "dass die Kontrolle der Nation und des Mutterlandes eine unerträgliche Last und Bedrohung ihrer Herrschaft darstellte. ... Das eigentliche Ziel imperialistischer Politik war die Ausdehnung des politischen Machtbereichs ohne eine entsprechende politische Neugründung." (224) Die Ausdehnung des politischen Körpers im Sinne der klassischen Imperien des Altertums war eben nicht Methode/Struktur der imperialen Expansion, sondern die geregelte Unterdrückung mittels der Militärverwaltung. " ... Und so kam es, dass zum ersten mal die politischen Machtmittel des Staates den Weg gingen, der ihnen vom Kapital vorgewiesen war,..." (225) Denn das exportierte Kapital insistierte auf seinem Schutz und drohte andernfalls die Nation zu ruinieren. Außerhalb der Landesgrenzen änderten diese staatlichen Machtmittel allerdings prinzipiell ihren Charakter: wurden sie im Herkunftsland kontrolliert und (fast) nur zur Absicherung der bestehenden Produktionsverhältnisse eingesetzt, besaßen sie in den Kolonien uneingeschränkte Macht, waren dort also nichts als Funktionäre ökonomisch motivierter, auf direkte Aneignung zielender blanker Gewalt, die niemandem Rechenschaft ablegen mussten, solange sie den Schutz der sog. Auslandsinvestitionen garantierten, was zwei Neuerungen in die europäische Politik und ihr Verständnis brachte:
1.: Die Expansion um ihrer selbst willen wurde zum zentralen Element imperialistischer Politik und eben nicht die Absicherung eines klar umgrenzten Nationalstaates (das ökonomische Prinzip okkupiert also das politische).
2.: "Macht (genaugenommen Machterweiterung statt Herrschaftssicherung, d.A.) wurde aus einem Element zum Wesen politischen Handelns und aus einem Problem zum Zentrum politischer Theorien, als sie von dem politischen Körper, in dem sie entstanden und funktioniert hatte, getrennt und als Gewalt exportiert wurde." (231) Die kolonialen Verwaltungsbeamten waren die ersten praktizierenden modernen reinen Machtanbeter, in dem Sinne, dass sie aus gutem Grunde die Etablierung eines neuen Gesetzes als weitere Expansion hinderlich ablehnten. "Denn Macht an sich kann immer nur mehr Macht erzeugen, und Gewalt, die um der Macht willen (und nicht um des Gesetzes willen) aufgewandt wird, entfesselt sofort einen Zerstörungsprozess, der zum Stillstand erst kommen kann, wenn nichts mehr übrig ist, das nicht vergewaltigt wäre." (229)
Die zentrale Differenz besteht also in der Einschätzung der despotischen Herrschaftsmethoden in den Kolonien.
Hilferdings sieht darin lediglich die Durchsetzungstechniken der kapitalistischen Wirtschaftsweise und prognostiziert eine Angleichung der Profitraten (und damit auch der Ausbeutungsformen).
Mandel sieht in der imperialen Expansion eine Flucht der Bourgeoisie in ihre eigene frühkapitalistische Vergangenheit. Die imperialistische Politik, die extrem großen Reservearmeen in den (ehemaligen) Kolonien, vor allem aber die Konzentration fast aller hoher Produktivität in den Metropolen, verlängern diese frühkapitalistische Phase auch über die formelle Unabhängigkeit voraus: "Indem der Imperialismus die Industrialisierung der unterentwickelten Länder blockiert, hält er nicht nur seine hohen Extraprofite aufrecht und wirkt so mit Erfolg dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegen; auf Grund seines Produktivitätsmonopols sichert er auch den Arbeitern der Mutterländer einen höheren Lebensstandart als denen der Kolonialländer."
"An die unveräußerlichen Rechte der Profitrate glaubten außer einigen älteren Herren der Hochfinanz nur noch Marxisten, nachdem z.B. in Südafrika selbst längst alle rationalen Profitberechnungen dem 'Rassefaktor' aufgeopfert waren." (252)
Arendt sieht also in der imperialen Despotie einen neuen Herrschaftstyp ('higher and lower breeds') und keine einfache Rückkehr zu frühkapitalistischen Methoden, auch wenn erstere aus letzteren entsteht. Einer Adaption marxistischer Theoriestücke steht dies nicht im Wege, sie wirft ihren Entwicklern nur Ökonomismus vor: "Erst als die Akkumulation des Kapitals die Grenzen des nationalen Territoriums und staatlich gesicherten Gebietes erreicht hatte und die Bourgeoisie den Prozess des Groß und Größer, der in der kapitalistischen Produktion selbst lag, weder unterbrechen konnte noch wollte, war man bereit zuzugeben, dass der gesamte Akkumulationsprozess eigentlich auf einem Machtprozess beruhte (sic) und nur durch diesen gesichert werden konnte." (240) Die dahinter stehende Prämisse ist die, dass es ihrer Ansicht nach "eine von der Politik schlechthin unabhängige, ihrem eigenen Gesetzen gehorchende kapitalistische Entwicklung nicht geben kann und nie gegeben hat." (246)
Die Marxisten sahen (sehen) im Imperialismus also eine spezielle Form ökonomischen Zwangs, während Hannah Arendt ein politisches System außerökonomischen Zwangs analysiert, auch wenn dieses seine Veranlassung in einer speziellen Krise des europäischen Kapitalismus und zudem gleichwohl in die Warenproduktion des Weltmarkts integriert ist.
Die Herausforderung für eine heutige Imperialismusanalyse ist die Frage nach dem außerökonomischen Zwang, bzw. ob die Unterscheidung in ökonomischen und außerökonomischen Zwang überhaupt noch ein geeignetes analytisches Instrument ist.
Denn als einfache begrenzte Durchsetzungstechnik für die kapitalistische Produktionsweise kann, wie Hilferding dies tat, die Gewalt imperialistischer Politik nun wirklich nicht mehr beschrieben werden.

Die heutige Forschung sieht in den Kapitalexporten nicht mehr die Haupttriebkraft imperialer Politik, da nur ein kleiner Teil der Kapitalexporte in die Kolonien floss. "Der größte Teil der britischen Auslandsinvestitionen wanderte in die sich rasch entwickelnden und im allgemeinen seit langem bestehenden weißen Siedlerkolonien, die bald als praktisch unabhängige `Dominions´ anerkannt werden sollten (Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika); ferner in Länder, die man als `Wahl-Dominions´ bezeichnen könnte, etwa Argentinien und Uruguay; ganz zu schweigen von den USA. Außerdem entfiel der Löwenanteil solcher Investitionen (1913: 76%) auf staatliche Kredite an Auslandsgesellschaften und öffentliche Versorgungsunternehmen, deren Renditen zwar wesentlich günstiger waren als die von britischen Staatsanleihen - fünf gegenüber drei Prozent -, aber immer noch unattraktiver als die Profite des Industriekapitals im eigenen Land, abgesehen natürlich vom Gewinn der geldgebenden Banken. Diese Investitionen erzielten Folglich keine hohen Renditen, aber Dafür galten sie als sicher."  Der wichtigste Grund imperialer Expansion war die Suche nach neuen Märkten. "Der Glaube, dass sich die `Überproduktion´ der Großen Depression durch eine breit angelegte Exportoffensive abbauen ließ, war weit verbreitet. Geschäftsleute, stets auf dem Sprung, in die weißen Flecken auf der Karte des Welthandels die Zahlen potentieller Käufermassen einzutragen, hatten zweifellos ein Interesse an derartigen unausgeschöpften Zonen." (ebd. 91) Weil nun aber alle entwickelten Industrienationen das Bedürfnis nach Exportmärkten hatten, eskalierte der Wettlauf um die herrenlosen Teile der Welt rasch. Hobsbawm wertet den Imperialismus somit als Fortführung des seit der Depression verschärften Protektionismus.

Hannah Arendt sieht im Imperialismus nicht eine einfache Ausweitung der kapitalistischen Produktionsweise unter Rückgriff auf frühkapitalistische Methoden (auch nicht in der durch Mandel modernisierten Fassung, wonach beschriebene Methoden und Abhängigkeiten verlängert, wenn nicht verewigt werden), sondern einen neuen Ausbeutungs- und Herrschaftstyp mit zwei, für das moderne Europa neuen Elementen: Rassismus und despotischen Bürokratismus, deren Zerstörungspotentiale erst später sichtbar werden.
"Die Rassegesellschaft, der Versuch, die europäischen Völker aus Nationen in Rassenhorden zu verwandeln, war die Antwort auf politische Erfahrungen, denen gegenüber die Traditionen nationalstaatlichen Denkens ganz und gar zu versagen schienen." (305) Den modernen Rassismus zeigt die Autorin als genuine Erfindung des Imperialismus und weist dies in einem gesonderten Kapitel zielsicher nach, indem sie ausführlich die frühen Rassismen Revue passieren lässt, sie einschätzt und zu dem Schluss kommt:
"Der Rasseidee als Thema geistesgeschichtlicher Untersuchungen kommt keine Relevanz irgendeiner Art zu. ... Das 19. Jahrhundert ist voll von absurden Weltanschauungen, die wir nahezu vergessen haben. ... Die imperialistische Politik andererseits würde eine Rasseideologie auch dann gebraucht und daher vermutlich auch gezeitigt haben, wenn nie jemand vor ihr das Wort Rasse in den Mund genommen hätte."  (302/303) (Siehe dazu auch Abs. 4.1.)
"Als der europäische Mob dahinter kam, dass, z.B.. in Südafrika, eine weiße Haut eine 'liebliche Tugend' sein konnte," (357) hießen nun 'lower breeds' diejenigen, die man noch kurz zuvor als werdende Nationen angesehen hatten.
"Bürokratie ist eine Herrschaftsform, in welcher Verwaltung an die Stelle der Regierung, die Verordnung an die Stelle des Gesetzes und die anonyme Verfügung eines Büros an die Stelle öffentlich- rechtlicher Entscheidungen tritt." (304) Die als blanke Gewalt exportierten staatlichen Machtmittel entwickelten eine Unterdrückung und Ausbeutung auf dem Verordnungswege (statt der früher so beliebten unregelmäßigen Dreieinigkeit von Raubkrieg, Handel und Piraterie), für die es laut Arendt, in Europa einige Ansätze aber keine echten Vorbilder gab. Staatliche Macht wird zur direkten Quelle ökonomisch motivierter Anordnungen und dient eben nicht der Durchsetzung verbindlicher Gesetze. Letztere sahen die kolonialen Verwaltungsbeamten - hier ganz Machtpolitiker geworden - als untaugliche Einschränkung ihrer Verfügungsgewalt. Die Die Machtausübung des bürgerlichen Staates hat immer zwei Seiten: Die zivilisierte Durchsetzung der Gesetze und die unvermittelte, uneingeschränkte Gewalt mittels Terror, wenn die Staatsraison dies erfordert. Letztere wird in Staaten mit demokratischer Tradition aus Einsicht heraus immer auf Notstandssituationen beschränkt. Dieselben Staaten aber wenden in ihren Kolonien dauerhaft uneingeschränkte Macht an und "legitimieren" dies rassistisch mit der angeblichen "Unfähigkeit" der Kolonisierten. Hier liegt der qualitative Schritt von einer bürokratischen Verwaltung zum despotischen Bürokratismus. Festgelegte Ausübungsprinzipien oder gar öffentliche Rechtfertigungen sind in einer Rassegesellschaft überflüssig und wird als funktionsgefährdende Beschränkung verstanden. "Das Gesetz erscheint dem Bürokraten in seiner ganzen Ohnmacht, weil es als solches prinzipiell von seiner Ausführung geschieden bleibt. Die Verordnung andererseits existiert überhaupt nur, insofern und solange sie unmittelbar exekutiert wird" (396); solche Gewalt ist immer anwendungsbezogen und kennt keine Prinzipien außer ihrer selbst.
Hannah Arendt liefert für despotische Bürokratismus viele (teils literarische) Beispiele mit hohem Wiedererkennungseffekt, ohne allerdings die eigentliche Ursache der Despotie in den Kolonien wirklich aufzuklären: Zwar ist richtig, dass die als blanke Gewalt exportierten staatlichen Machtmittel Herrschaft einer neuen politischen Qualität etablierten; warum allerdings die sonst so gesetzestreuen Beamten, Subalterne per Job, eigenständig eine auf dauernde Ausbeutung gerichtete Despotie errichteten, kann nur dadurch erklärt werden, dass Souveränität und Mehrproduktaneignung zusammenfielen (oft auch noch über Familienbande gestützt). Arendt liefert zu diesem Problem nur Folklore über den britische Kolonialdienst ("Die imperialistische Legende und der imperialistische Charakter", 335 - 358); ohne den direkten Bezug zum Aneignungsinteresse (die Form betreffend) ist die Etablierung einer despotischen Kolonialverwaltung nicht zu erklären.