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5. Aktualität

Nach erfolgreicher Konzentration der hohen Produktivität mit den beschriebenen Methoden in den Metropolen, kann die Subordination der ehemaligen Kolonien auch durch eben diese Konzentration bewerkstelligt werden, die dann nur noch von Fall zu Fall durch politische Maßnahmen abgesichert werden muss.  Der dann entstehende, formal unabhängige Austausch (Rohstoffe  -- Fertigwaren) führt weiter zu Krisenexport in die ehemaligen Kolonien und Werttransfer in die Metropolen (weil die Produktivität dort immer schneller steigt) und zwar, solange er aufrecht erhalten wird. "Indem der Imperialismus die Industrialisierung der unterentwickelten Länder blockiert, hält er nicht nur seine hohen Extraprofite aufrecht und wirkt so mit Erfolg dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegen; auf Grund seines Produktivitätsmonopols sichert er den Arbeitern der Mutterländer einen höheren Lebensstandart als denen der Kolonialländer."
Der Übergang von der direkten zur indirekten Beherrschung (zu Erkennen an der neuen Vorliebe für den Freihandel) führt nur zu einer Umverteilung innerhalb der imperialistischen Bourgeoisie und zu einer Auslagerung einiger Produktionen der Leicht- und Halbfertigwaren. Konkret wird wenn, überhaupt, dann diejenige Industriestruktur in die ehemaligen Kolonialländer exportiert, die durch die industrielle Entwicklung in den Metropolen gerade ausrangiert wurde (z.B. Südkorea). Selbst diese Art nachgeordneter Industrialisierung ist politisch gesteuert, d.h. vom Wohlverhalten abhängig, was unter monopolkapitalistischen Verhältnissen auch unabdingbar ist.
Ein derart industrialisiertes Land erhält dann befristet den Status eines Schwellenlandes; befristet, weil alle ehemaligen Schwellenländer durch deindustrialisierende Auswirkungen gewöhnlicher Krisen weit hinter den schon erreichten Stand zurückgefallen sind. So geschehen mit Argentinien, Brasilien, Mexico und anderen, wobei letzteres gerade einen erneuten Industrialisierungsversuch auf Kosten der ländlichen Bevölkerung unternimmt. Ob es den neuen asiatischen Schwellenländern anders ergehen wird, bleibt abzuwarten. In der nächsten Verwertungskrise betreiben sie dann immer noch eine voll weltmarktorientierte Produktion, die jederzeit durch eine gleichgelagerte mit höherer Produktivität in den Metropolen substituiert werden kann. (Eine nochmals verschärfte Ausbeutung wird ihnen wegen der geringeren Produktivität nicht helfen und im Zweifelsfall durch Protektion abgeblockt werden, für Umstellungen fehlt ihnen das Kapital.) Die immer stärkere Konzentration der Produktivität drückt sich in Preisen gerechnet als angeblich abnehmende Relevanz der Peripherien aus. Dies gilt aber nur für die Handelsbilanz nicht für die Betroffenen, denn diese Entwicklung ist Ergebnis der sich verschlechternden terms of trades und der zunehmenden internationalen Massenarbeitslosigkeit.
Im letzten Abschnitt haben wir versucht, die Entwicklung bis etwa Mitte/Ende der achtziger Jahre kurz zu skizzieren, soweit sie unser Thema betrifft. Die Beschreibung muss hier äußerst dürftig bleiben, da sie sonst den Rahmen dieser Arbeit sofort sprengen würde. Festzuhalten für diese Zeit bleibt, dass die Metropolen ihre hegemoniale Position durch Absicherung der Konzentration hoher Produktivität zu schützen suchen; der Kapitalexport steigt nicht proportional zu ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, ihre Volkswirtschaften expandieren weiter und vollständig in die Reproduktion ("Totalisierung"). Typisch für diese Zeit sind vollmundige Bekenntnisse zum neuen Freihandel, klammheimlicher Protektionismus und Leihkapitale in Form von Einkaufsgutscheinen.  Kapital- und Profitschutz werden über IWF und Weltbank (die freundlicherweise auch noch die Infrastruktur für die weiterhin extraktionsorientierten Ökonomien finanziert) institutionalisiert; militärische Gewalt wird nach Möglichkeit nur gegen neue Entwicklungsprotektionismen (z.B. Nicaragua) und Enteignungsversuche angewandt (z.B. Chile). Die Zurichtung für den Weltmarkt wird nach Möglichkeit einer Compadoren-Bourgeoisie überlassen. Dieser Entwicklungsstand schien der Produktivkraftentwicklung nicht nur zu entsprechen, sondern daraus geradezu zu folgern; war aber doch wesentlich politisch motiviert.
Es war die Oktoberrevolution und nachfolgend die Sowjetunion, welche die westlichen Industrienationen zur politischen Koordination ihrer innerimperialistischen Konflikte in der NATO zwang und von häufiger direkter militärischer Gewalt Abstand nehmen ließ. Im radikalen Entwicklungsprotektionismus - die eigentliche Attraktivität der SU in der sog 3. Welt; nicht so sehr ihr lautstark propagiertes gesellschaftliches Ziel - erkannten sie ihre eigenen frühen Versuche und vor allem die eigentliche Gefahr für ihre hegemoniale Position.
Seit dem Zusammenbruch der SU wird die politische Koordination innerimperialistischer Konflikte zu einem Austragungsforum für eben diese umstrukturiert, aber keineswegs aufgegeben.
Die Kontrahenten haben durchaus aus beiden Weltkriegen gelernt, ihre Konflikte nicht mehr mit militärischen Mitteln untereinander auszutragen, sondern sie im Norden politisch zu koordinieren und im Süden reglementiert auszutragen.
Diese Koordination wird über die NATO, WEU und UNO abgewickelt, wobei letztere zunehmend als allumfassende Kolonialbehörde auftritt.
 Als Beispiel mag der II. Golfkrieg dienen, der zum letzten mal unter der Vormachtstellung der USA geführt wurde. Diese konnte in einem durch europäisches Kapital dominierten Raum:

1. Sehr hohe Kapitalexporte in die betreffenden Gebiete ermöglichen
2. Rohstoffquellen sichern, und sei es nur um sie anderen vorzuenthalten
3. den Warenexport dorthin verstärken

Nach dem Zusammenbruch der SU versuchen die Kontrahenten der Triade wieder Zonen mit verstärktem Einfluss zu gewinnen oder zu rekonstruieren, um dort nach eigentlich sehr frühen imperialistischen Methoden ihre Verwertungsprobleme zu lösen.
Neu daran ist die zwiespältige Zusammenarbeit ökonomischer Kontrahenten im Bündnis gegen einen regionalen Potentaten, angetrieben durch die ökonomische Konkurrenz und zusammengehalten durch die Furcht vor den politischen Folgen eben dieser. Erkennbar widerstreitend sind ihre imperialen Ambitionen - gemeinsam ist den Kontrahenten die sichere Abwehr von Entwicklungsprotektionismen, antiimperialistischen Aufständen und die Sicherung der kolonialen Grenzziehung wo nützlich .
Neben der Renaissance einiger frühkapitalistischer Umgangsformen selbst in reichen Industrienationen, sehen wir desgleichen eine einiger frühimperialistischer Methoden, die wir noch nicht genau einschätzen können. Allerdings ist die populäre Vorstellung, es könne bald zu völlig überraschenden gefährlichen klassischen Konflikten innerhalb der Triade kommen, halten wir für genauso verfehlt wie die Vorstellung, Länder der ehemaligen sog. 3. Welt, also ehemalige (Halb)Kolonien könnten aus der Konkurrenzsituation einen entscheidenden Nutzen ziehen. Wie lange allerdings beides durch die politische Koordination abgeblockt wird, vermögen auch wir nicht zu sagen.
Und wie verhält es sich nun mit der Aktualität der Arendtschen Analyse?
Die lange Zeit überwiegende Delegation der notwendigen Bestialität an Compadoren-Bourgeoisien schützte zumindest uns - grausam, aber Europa, bzw. Deutschland ist das Thema der Autorin - vor den Rückwirkungen der Brutalisierung. Die BRD war im Windschatten der USA in einem typisch überseeischen Imperialismus der Juniorpartner. Hannah Arendts Erkenntnisse betrafen also bis Ende der 80er Jahre die Geschichte Deutschlands und weitergehend die Grundlagen des Reichtums der imperialistischen Nationen. Ihr Buch zeigte die Konsequenzen der Einteilung der Menschheit in "higher and lower breeds".
 Wirklich aktuell war es aber nicht.
Dies ändert sich erst mit der bis dahin vernünftigerweise von den ehemaligen Alliierten verhinderten Rekonstruktion des deutschen Nationalstaates und der Öffnung der ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas für deutsches Kapital.
1992 warfen nicht wenige Einwohner Rostocks Steine und Brandsätze auf völlig wehrlose Vietnamesen, Roma und sonstiges Treibholz des erweiterten Weltmarkts. Was den bürgerlichen Kommentatoren so unverständlich blieb waren die doch so banale Gründe für diesen gar nicht überraschenden Ausbruch rassistischer Gewalt:
1. Dass internationale Arbeitskraft heute so gut wie nichts mehr wert ist, wurde dem zuschauenden Mob durch die staatliche Behandlung derselben deutlichst vor Augen geführt.
2. Dass das einzige, was einen Rostocker von einem Zuwanderungswilligen trennt, ihn also vor solcher Verarmung und entsprechender Behandlung schützt, der deutsche Pass ist.
Ungeachtet aller Aufschwungspropaganda hatte der anwesende Mob aufs Prinzip durchgeblickt. Diejenigen, die gerade erst Einwohner eines imperialistischen Landes geworden waren, bestanden mit brutaler Gewalt auf der Trennung zwischen "higher and lower breeds". Und da die Deutschen nun einmal keine positive historische Leistung vorzuweisen haben, besteht dieser gerade erst eingemeindete Mob auf einem originär völkischen Nationalismus  und ergötzt sich mit wachsender Begeisterung an rassistischer Folklore. Diejenigen, die von einer Existenz als Handwerker , von einem Job bei einer der ersten Industrieadressen geträumt hatten, sich nun ausgerechnet betrogen fühlten, bestanden instinktsicher auf einer stärkeren Exklusivität des Zugangs zur Wohlstandsinsel. Ihre Parolen sind und waren ihr Programm. Und wie wir in Abs. 2.2. in Differenz zu Hannah Arendt festgestellt haben, bringt es diese Art Aggression nicht zu materiellen Erfolgen, solange dieses Konzept nicht von einer imperialistische Bourgeoisie aufgegriffen wird. Diese sah ihre Chancen bisher bei der international vermittelten Erweiterung/Neustrukturierung des dominierten Weltmarktes, benutzte den aggressiven Rassismus bisher ganz klassisch als Ventil und für Ausgrenzungszwecke innerhalb dieses Konzepts - eben zur Regulierung der Zuwanderung per Polizeiregime.
Imperialismus und mit ihm Rassismus werden heute über ihre früheren Erfolge reproduziert; und der deutsche ist durch die Rekonstruktion des deutschen Nationalstaates als europäische Hegemonialmacht auf Umwegen erfolgreich gewesen.   Diese Aggressivität ist also nicht Antrieb, sondern Begleiterscheinung eines durchaus seltsamen neuen kontinentalen Imperialismus Deutschlands, der sich an seiner eigenen "Erfolglosigkeit" ständig radikalisiert. So wird zur Zeit z.B. die Rekonstruktion einer originär pangermanistischen Politik  betrieben, alles unter dem Deckmantel der Minderheitenpatronage. Ideologisch zudem bestens begleitet durch die ewigen Schlagworte "Zentral- Europa", "Mittler- Rolle", "Neuordnung Europas" , etc., muss diese neue imperialistische Politik Deutschlands im Zusammenhang mit den rekonstruierten/neuen Nationalismen in Osteuropa beschrieben werden.
Seit der Zusammenbruch der SU absehbar geworden war, rufen sogenannte lokale Eliten, meist abgehalfterte Intellektuelle, Möchtegern-Bourgeoise aller Arten, Provinzfürsten mit und ohne vorrevolutionärer Tradition, kurz soziale Hyänen aller Couleur, eine autonome Republik nach der anderen aus. Ihre verdächtige Nähe zur Bandenkriminalität ist daher nicht Rückständigkeit und Makel, sondern kündet von der Zukunft ihrer und ihrer Protektoren Länder. Diese völlige Rücksichtslosigkeit auch gegenüber der eigenen Bevölkerung ist ihr Befähigungsnachweis. Während westliche Kommentatoren sich noch mühen, ihren Zöglingen demokratische Spielregeln beizubringen stecken die bereits ihre Reviere ab. Während die westlichen Medien immer noch von marktwirtschaftlicher Transformation schwafeln, wenn die Liebsten zu Besuch sind, haben diese längst tiefer geblickt und suchen bei solchen Anlässen Protektion für ihre wenigen verbliebenen Industriezweige, die in monopolkapitalistischen Verhältnissen allein in der Lage ist ihren Bestand zu garantieren. Während einige von ihnen noch immer vom Aufstieg, also vom Beitritt zur EU träumen, haben die Realisten unter den neuen Führern sich auch mit einer nachgeordneten (halb)kolonialen Position abgefunden, solange sie überhaupt nur minimal in die Kaufkraft hinein exportieren dürfen und von dort Kapital fließt, wenigstens soviel, dass sie sich überhaupt halten können. Diese neuen (Möchtegern)Bourgeoisien sind Compadoren von Geburt, denn sie konnten ihre Position überhaupt nur mit Hilfe westlicher - insbesondere deutscher - Protektion aufbauen. So war gerade Deutschland federführend bei der Zerschlagung der SU und Jugoslawiens (also bei zwei Vernunftstaaten die sich seinen Interessen schon immer widersetzt haben, bzw. zu diesem Zweck gegründet wurden), findet mit traumwandlerischer Sicherheit seine neuen Quislinge und treibt sie nötigenfalls in den Krieg (Jugoslawien). Und gerade hier in Jugoslawien ist die internationale Koordination und Reglementierung innerimperialistischer Konflikte auch innerhalb ihrer realen Zielsetzung an die grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Die Militarisierung der deutschen Außenpolitik ist dabei nur das auffälligste Beispiel der neuen Aggressivität, viel wichtiger ist die schon lange begonnene Instruierung der Compadoren. der bisher geringe ökonomische Umfang des kontinentalen Imperialismus Deutschlands sollte niemanden über seine Relevanz hinwegtäuschen, denn seine Protagonisten antizipieren das Ergebnis krisenhafter ökonomischer Entwicklungen bereits in ihrer Ausgangsrechnung und werden bei Misserfolg allenfalls aggressiver.

 

Literaturverzeichnis

 

Hannah Arendt: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", New York, 1955

Delbert Barley: "Hannah Arendt - Einführung in ihr Werk", Freiburg/München, 1990

Wolfgang Heuer: "Hannah Arendt", Reinbeck, 1987

Rudolf Hilferding: "Das Finanzkapital", Berlin 1910/1947

Max Horkheimer: "Vernunft und Selbsterhaltung", New York, 1941

Ernest Mandel: "Marxistische Wirtschaftstheorie", Frankfurt, 1968