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4.2 Rassismus und Nationalismus

Arendts Analyse des Rassismus beginnt mit seinen vorimperialistischen Formen. Im politischen Kampf tauchen völkische und protorassistische Argumente erstmals zu Beginn des 18. Jhds. auf, sie dienen den im sozialen Abstieg begriffenen Adel als Legitimation ihrer Herrschaft über das Volk.(272 f.)
Comte de Boulainvilliers argumentierte, dass das Recht des französischen Adels auf Herrschaft aus der historischen Unterwerfung der keltischen Urbevölkerung durch germanische (fränkische) Eroberer herrührt. Boulainvilliers spricht nicht im modernen Sinn von Rassen, das Recht eines Volkes auf Herrschaft wird nicht aus physischen Merkmalen abgeleitet, sondern aus der historischen Eroberung. Allerdings setzt er die Vorstellung von Völkern, gefasst als Abstammungsgemeinschaften, der bürgerlichen Idee der politisch definierten Nation entgegen. Dies entsprach der Selbstsicht der Aristokratie, die sich als eine vom Volk abgesonderte Kaste begriff, die untereinander durch Blutsbande verknüpft ist und mehr Gemeinsamkeiten mit fremden Aristokratien hat, als mit dem beherrschten Volk.
Mit dem Ausbruch der Revolution radikalisierten sich die Anschauungen des Adels und es wurde die Solidarität des europäischen Adels germanischer Abstammung gegen das gallo-romanische Sklavenvolk propagiert.(275) Was für spätere Rassismen noch bedeutsam werden sollte war der Gedanke von der germanischen Überlegenheit, die Gobineau später zu einer geschlossenen Theorie ausformulierte.
Während sich die französische Aristokratie noch mit ihrer germanischen Überlegenheit über ihre Niederlage hinwegtröstete, entstand in Deutschland erstmals ein Nationalismus auf völkischer Grundlage. Der völkische Rassebegriff diente hier der Vereinheitlichung aller Deutschen und nicht primär der Legitimation von Klassenherrschaft. Seinen Ursprung und seine Verbreitung verdankte der völkische Nationalismus dem Kampf gegen die französische Hegemonie, so ergab sich die Verquickung des Völkischen mit dem Bestreben nach nationaler Souveränität.(277ff.) Träger des frühen deutschen Nationalismus waren die liberalen Patrioten. Der deutsche Nationalismus, zunächst sprachlich begründet (Herder), erhoffte unter dem Einfluss der Französischen Revolution die Schaffung eines bürgerlichen Nationalstaates. Nach dem Scheitern der deutschen Jakobiner und unter französischer Herrschaft griffen die Nationalisten auf Die Abstammungsgemeinschaft als Substrat der nationalen Identität zurück (Görres, Moritz, Jahn). Der Mangel an nationalem Bewusstsein wurde durch die Behauptung einer objektiven, naturgegebenen Existenz der deutschen Nation kompensiert.
Jedoch trägt dieser frühe völkische Nationalismus noch kaum chauvinistische Züge, er geht vom gleichen Recht aller Völker auf nationale und politische Emanzipation aus. Andererseits hatte der völkische Nationalismus die Funktion, die Nation nach außen zu sichern und bekommt von Anfang an jenen aggressiven Unterton, den sich später die Imperialisten zunutze machten.
Die Romantik ist nach Arendt nicht Ursache für die Entstehung der völkischen Ideologie, da sie politisch indifferent war und jeden beliebigen Gegenstand durch Mystifizierung romantisierte, dass auch der Begriff des Volkes romantisiert wurde ist insofern nichts besonderes.(280) Allerdings erfanden die Romantiker den Genie- bzw. Persönlichkeitskult. Genial galt in der Romantik der, der möglichst viele (beliebige) Einfälle produzieren konnte, somit ist die Romantik für den Intellektuellentypus der Moderne verantwortlich, der jede beliebige Meinung "wissenschaftlich" zu begründen vermag. Der Persönlichkeitskult erlaubte es dem deutschen Bürgertum die ihm versagte - besser abgelehnte - politische Emanzipation durch eine soziale und intellektuelle Emanzipation zu ersetzen.(282)
Die Folgen dieser Sonderentwicklung mussten u.a. die Juden tragen. Der Vorwurf des schnöden Geschäftemachens - vom Adel an das Bürgertum herangetragen - wurde von diesem an die Juden weitergegeben ebenso an das emanzipierte englische und französische Bürgertum. Das Bürgertum okkupierte damit die Selbstsicht des Adels und lieferte gleichzeitig die Rationalisierung seiner politischen Ohnmacht.
Die Entstehung des eigentlichen Rassismus kam durch die Amalgamierung von Geniekult und völkischem Nationalismus zustande. Sein Entstehungsort war Frankreich, der "Theoretiker" war der verkrachte Adlige Gobineau. Der um 1853 geschriebene "Essai sur l´Inegalite´ des Races Humaines" wurde erst um die Jahrhundertwende populär - im Zeitalter des Imperialismus. Im Zentrum der Schrift steht der Gedanke des Kampfes der Rassen und des immer wiederkehrenden Aufstiegs und Zerfalls großer Zivilisationen, dieser Zyklus gilt ebenso für die Menschheitsgeschichte insgesamt. Gobineau schätzte die Herrschaft des Menschen auf der Erde auf 12- 14000 Jahre, seiner Ansicht hatte der Niedergang der Menschheit bereits begonnen.
Die Subjekte der Geschichte sind Menschenrassen, von denen Gobineau drei Grundrassen unterscheidet, Weiße, Gelbe und Schwarze. Jede Rasse hat eigene unveränderliche Merkmale, die für die Kulturleistung und die Geschichte entscheidend sind. Die gelbe Rasse ist unkreativ, unfähig zu abstraktem Denken und orientiert sich nur am materiellen Wohlstand, sie bringt Handel und Handwerk hervor. Ihre Mentalität entspricht der Bourgeoisie, die nach Gobineau das aristokratische Frankreich zugrundegerichtet hatte. Die schwarze Rasse ist wenig intelligent und triebhaft, ihr entspricht sozial die Masse, der Mob, eben jene, die für die Revolution verantwortlich sind. Die Weißen, von denen die Arier die edelsten sind, stehen für Ehre, Tugend und Intellekt, sie sind die aristokratische Rasse und repräsentieren das alte Frankreich. Gobineau erklärte nicht nur die Weltgeschichte und die Verschiedenheit der Kulturen, sondern er interpretiert auch die sozialen Veränderungen seiner Zeit indem er die Eigenart der sozialen Klassen auf ein rassisches Substrat zurückführt.
Neu an Gobineau war, dass er den bürgerlichen Fortschrittsoptimismus  aus adliger Perspektive auf den Kopf stellte, während die Liberalen von der Auslese der Tüchtigsten ausgingen, vertrat Gobineau die Ansicht, dass es im Laufe der historischen Entwicklung von Zivilisationen notwendig zu Rassenmischung kommt und damit hochwertige Kulturträger degenerieren, weil sich die schlechten Merkmale durchsetzen.
Gobineau schlug als politische Maßnahme zur Verhinderung von Degeneration die Schaffung einer arischen Elite vor, die über die minderwertigen Massen herrschen sollte. Arier waren alle, die sich dafür hielten. "Dieser völlig willkürliche Rassebegriff, bei dem es wirklich jedem freistand, als Arier zu definieren wer einem gerade passte, machte es möglich, die romantisch `angeborene Persönlichkeit´ zu einer rassisch bestimmten, natürlichen Aristokratie weiterzuentwickeln, der von Natur das Recht auf Herrschaft zustand."(289)
Es bleibt noch zu erwähnen, dass auch diese Form des des Rassismus in Frankreich antinationalistisch und progermanisch war. Begriffe wie Nation und Vaterland lehnte Gobineau ab, da diese Begriffe den gallo-romanischen Unterschichten entstammen und bereits auf eine degenerierte Zivilisation verwiesen. So konnte die Lehre Gobineaus den Feinden der Dritten Republik als Instrument ihrer Politik dienen und als Rechtfertigung der Kollaboration mit gleichgesinnten Kräften im Ausland.(291) Die Verbreitung von Gobineaus Thesen blieb zunächst auf die französische Rechte beschränkt.
Auch England lieferte seinen Beitrag zu den europäischen Rasseideologien. Die Entstehung von Rassismen lässt sich auf die letzten Jahrzehnte des 18. Jhds. datieren, sie entstanden, ähnlich wie in Deutschland der völkische Nationalismus, als Reaktion auf die Revolution in Frankreich und Napoleon.
Soziale Ungleichheit war in der englischen Klassengesellschaft so selbstverständlich, dass die Ideale der Französischen Revolution von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit als absurde Provokation erschienen. Die herrschende Klasse Englands hielt die Engländer für ein überlegenes Volk, das seine Rechte aus dem Englischsein ableitete und nicht aus den allgemeinen Menschenrechten, Freiheit war ein dem Engländer eigenes Privileg.(293)
Wie in Deutschland erlaubte die englische Gesellschaft eine Assimilation von Teilen des Bürgertums mit dem Adel und damit letztlich das Durchsickern aristokratischer Vorstellungen von edlem und unedlem Blut in die ganze Nation. Aus diesem Grunde waren englische Rassetheorien mehr als anderswo von Begriffen des Erbgutes und der Züchtung beherrscht. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Eugenik sich zuerst in England entwickelte.(294)
In England führte die Leugnung der Menschenrechte, die ja den Rechten der Engländer unterlegen waren, in Verbindung mit der praktischen Notwendigkeit einen Modus des Umgangs zwischen Schwarzen und Weißen in den Kolonien festzulegen, zur Bildung antiegalitärer Rassetheorien. Hier konkurrierten zunächst zwei Strömungen.
Der Polygenismus ging von der Nichtverwandtschaft der Menschenrassen aus und folgerte daraus, dass ein gleichberechtigtes Zusammenleben der Rassen unmöglich ist. Diese Anschauung kam vor allem den Kolonialverwaltungen entgegen, die nichts mehr fürchteten als Rassenmischung.
Der Darwinismus dagegen ging von der Verwandtschaft aller Menschen aus. Die verschiedenen Arten und Rassen führen einen permanenten Konkurrenzkampf, der notwendig zur Höherentwicklung führt, der Erfolg einer Art im Kampf rechtfertigt sich aus sich selbst. Damit liefert der Darwinismus das wissenschaftliche Fundament aller Rassismen seit Boulainvilliers, wonach Macht gleich Recht ist.(297) Der Darwinismus legitimierte nicht nur die Herrschaft der Weißen über die Schwarzen, sondern auch die Klassenherrschaft der Bourgeoisie und des Adels in England.
Zunächst wurde der Darwinismus von den liberalen Progressisten aufgenommen, die von einer naturwüchsigen Höherentwicklung der Rassen ausgingen. Als sich die herrschende Klasse ihrer Überlegenheit nicht mehr so sicher war - ihrer Herrschaft erwuchs eine Bedrohung durch die proletarischen Schichten - setzte sich die Ansicht durch, dass der Höherentwicklung bisweilen durch Eugenik nachgeholfen werden müsse. Das erklärte Ziel war die Aristokratisierung der Nation durch Eugenik. Die englischen Eugeniker hatten allerdings andere Vorstellungen von der idealen Rasse als Gobineau. Gobineaus Theorie war der Reflex eines frustrierten Adligen auf die Zerstörung der alten Gesellschaft durch den Kapitalismus, deshalb stehen aristokratische Werte, wie Ehre im Zentrum, während im Mittelpunkt der englischen Eugenik typisch bürgerliche Tugenden stehen, wie etwa Fleiß. (Mosse, 97) Bürgerliche Wohlanständigkeit als Bestandteil rassistischer Stereotype ist für die spätere Entwicklung der Rassenideologie von Bedeutung, weil sie den Bedürfnissen der imperialistischen und faschistischen Bewegungen entsprach. Ähnlich wie der französische Rassebegriff konnte die Eugenik mit dem romantischen Persönlichkeits- und Geniekult verknüpft werden.
Arendt weist darauf hin, dass der Rassismus in England im Gegensatz zu Frankreich zunächst nationalen Interessen diente. Den Grund für die Verschmelzung von Nationalismus und Rassismus sieht sie in der Notwendigkeit in England einen Nationsbegriff zu kreieren, der nicht mehr territorial gebunden war, schließlich unterhielt England zahlreiche Siedlerkolonien.
Erst mit der Errichtung der bürokratischen Despotie in Indien, die einen Paradigmenwechsel in der Außenpolitik hin zum Imperialismus ausdrückt, wird die Nation zur Rasse umdefiniert, da nur der Rassismus die imperiale Herrschaft hinreichend legitimieren konnte.
Abschließend zu ihrer Genealogie des Rassismus betont die Autorin die Harmlosigkeit der vorimperialistischen Rassismen, die nur aus der Perspektive des 20. Jhds. überschätzt werden. Zurecht stellt sie fest, dass Rassetheorien ohne den Imperialismus in Vergessenheit geraten wären und der Imperialismus Rassetheorien erfunden hätte, wenn sie nicht schon dagewesen wären.
Der Rassismus hatte im 18./19. Jhd. alle ideologischen Tendenzen hervorgebracht, die sich die Imperialisten zunutze machen konnten: das Recht des Stärkeren als höchste Norm, die Ungleichheit der Menschen, schlicht die Ersetzung des Rechts durch die Gesetze des Dschungels. All diese Tendenzen entwickelten sich in unserem Jahrhundert zu nie geahnter Monstrosität.
In der Analyse der Rasseideologie und des Nationalismus im Zeitalter des Imperialismus geht Arendt auf die Unterschiede zwischen westeuropäischem und osteuropäischem Nationalismus ein. Hierbei rekurriert sie vorwiegend auf die sozialen und historischen Rahmenbedingungen.
Im Westen beruhte der moderne Nationalstaat mit seinem Anspruch, das ganze Volk zu repräsentieren, auf der Verschmelzung des Prinzips der nationalen Zugehörigkeit mit dem Prinzip des legalen Staates. Nationalstaaten entstanden immer nur dort, wo Völker sich als kulturelle und geschichtliche Einheiten verstanden, die auf ein bestimmtes Siedlungsgebiet festgelegt sind. In solchen Fällen verweist die Landschaft auf die Arbeit und die historischen Taten der Vorfahren und das Schicksal der Nachfahren. Betont wird die wichtige Rolle einer bodenständigen Bauernschaft als Agens der Nationalstaatsbildung, der Nationalstaat ist der politische Körper, der einer befreiten Bauernschaft entsprach. (369) Die Gründung moderner Staaten, die nach legalen Prinzipien funktionieren, ist allerdings älteren Ursprungs, er ist in den absolutistischen Monarchien zu suchen, die von bürgerlichen Republiken beerbt wurden.
Ein Problem des modernen Staates war die Klassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Durchsetzung der Volkssouveränität wuchs die Gefahr einer Eskalation der Klassenkämpfe um die Kontrolle des Staatsapparates. Hier hatte der Nationalismus die Aufgabe der Befriedung des Klassenkonfliktes, er war das einzige Band, dass ein Gemeinsames symbolisierte, die Abstammung.
Die Durchsetzung des nationalen Prinzips bewirkte allerdings die Unterhöhlung des legalen Prinzips, wonach jeder Einwohner des Staatsterritoriums, ob er zur Nation gehört oder nicht, gleiche Rechte hat. Der Staat wurde zum Instrument der Nation und diese ersetzte teilweise das Gesetz. Die Widersprüche zwischen Nation und Gesetz kamen vor allem darin zum Ausdruck, dass die Menschenrechte nur als spezifisch nationale Rechte zur Anwendung kamen. Der zur Seele der Nation verklärte Staat verlor damit mehr und mehr seinen Charakter als rationaler Rechtsstaat.(371)
Trotz all dieser Tendenzen blieb die Eroberung des Staates durch die Nation innerhalb eines Rahmens der die Erhaltung des legalen Prinzips gewährleistete. Nach dem liberalen Verständnis herrschte der Staat nicht über Klassen, sondern über Individuen, die sich seiner Souveränität unterordnen mussten. Der Staat repräsentierte die Nation insofern, als er die Individuen vor sich selbst schützte und die Erhaltung der gesellschaftlichen Zustände gegen zentrifugale Kräfte garantierte. Um diese Aufgabe zu erfüllen musste er seine Funktionen stark zentralisieren. Nationalismus war unter diesen Umständen das geeignete Bindeglied zwischen atomisierten Individuen und Zentralstaat. Der westliche Nationalismus blieb in dieser Hinsicht immer staatstreu und die zersetzenden Wirkungen hielten sich in Grenzen. Diese Form des Nationalismus nennt Arendt "echten Nationalismus", diesen grenzt sie von Formen des Nationalismus ab, die den Rechtsstaat zerstören, zu diesen gehört der völkische Nationalismus Ostmitteleuropas. (372)
In Osteuropa entstand der Nationalismus erst unter dem Eindruck der Machtentfaltung der westlichen Nationen. Das Nichtvorhandensein geschlossener Siedlungsgebiete und fehlender überlieferter Kultur und Geschichte führte dazu, dass nationale Identität als vom Territorium unabhängig und als persönliche Eigenschaft verstanden wurde. Die in ethnischen Gemengelagen, lebenden, nie zur Ruhe gekommenen Völker, waren zum Staatspatriotismus unfähig, weil politische Verantwortlichkeit für ein nationales Territorium außerhalb ihrer Erfahrung lag. Nationalismus nimmt hier die Form eines erweiterten Stammesbewusstseins an, das von der Boden- und Wurzellosigkeit der betreffenden Völker genährt wird.(373) Gefährlich an dieser Form des Nationalismus ist die ideologische Abkopplung vom Gedanken des modernen Rechtsstaates, nationale Politik ist auch nicht an ein Territorium gebunden sondern ist überall dort legitim, wo Splitter des jeweiligen Volkes leben. Der daraus folgende Expansionismus unterscheidet die völkischen Nationalismen Osteuropas von den irredentistischen Befreiungsbewegungen, die von Anfang an ein begrenztes Ziel haben.(374)
Als besonders aggressive Variante des völkischen Nationalismus sind die Panbewegungen anzusehen, ihre Besonderheit besteht darin, das die betreffenden Völker, Deutsche und Russen bereits durch einen Staat repräsentiert waren aber auch bedeutende Minderheiten außerhalb des Territoriums lebten. Während der westliche Imperialismus zur Legitimation seiner Expansion nach Übersee auf politisch begrenzte Überlegenheitstheorien zurückgriff, wie die Mission zur Zivilisierung der Wilden, sahen sich die Panbewegungen mit anderen gleichwertigen Nationalismen konfrontiert. Sie mussten sich daher zur Rechtfertigung ihrer Politik auf die Besonderheit ihres Volkes berufen. Die von ihnen formulierten Auserwähltheitsansprüche bekamen schnell ein pseudoreligiöses Gepräge.
Auserwähltheit ist keine individuelle Eigenschaft, sondern eine des Volkes als Organismus, dieses steht als Vermittler zwischen Individuum und der Vorsehung. Konsequenterweise verliert damit jedes Individuum mit seiner nationalen Identität auch alle Rechte. Andererseits wird jedes Volk von seiner realen Geschichte und Kultur losgelöst und auf seine göttliche Sendung reduziert und an dieser wird die Realität gemessen. Das Amalgam aus Verachtung für das Individuum und Realitätsverlust macht die Destruktivität der völkischen Ideologie aus. Mit der Bedeutungslosigkeit des Individuums verschwinden die Unterschiede innerhalb des Volkes, "so dass es auf jene `Massenhaftigkeit´ vorbereitet wird, in welcher der einzelne sich wirklich nur als Exemplar einer Spezies fühlt."(376) Der völkische Nationalismus ist nach Arendt die Pervertierung der Idee der Menschheit als einer Familie von Nationen. Sie wird in eine hierarchische Pluralität von Völkern verwandelt, deren Mission von Natur aus festgelegt ist. Egal ob Gott oder die Natur für die nationale Mission verantwortlich gemacht wird, letztlich werden Völker wie Spezies betrachtet und die Gesetze des Tierreichs werden auf Politik übertragen. Die Ersetzung einer individuell verstandenen Menschenwürde durch naturhaft organische Gemeinschaften entspricht den Bedürfnissen des atomisierten Menschen der Moderne und konnte sich deshalb als Massenideologie etablieren.(378)
Die Entstehung von Massenbewegungen mit völkischer Ideologie zuerst in Österreich-Ungarn und Russland ergab sich aus den dort existierenden Nationalitätenhierarchien, die dem Gedanken der Geschichte als Kampf zwischen Völkern einiges an Plausibilität gab. Die Idee des Volkes als Blutsgemeinschaft entsprach nicht nur der Situation wurzelloser Völker, sondern sie entsprach auch der Situation der atomisierten Großstadtmassen - die Arbeiterklasse Westeuropas ist hier nicht gemeint - und wurde deshalb zum integralen Bestandteil totalitärer Bewegungen. Nach Arendt trifft letzteres auch auf das stalinistische Regime zu, da sich die bolschewistische Propaganda den Rückgriff auf den Panslawismus vollzog, zur Rechtfertigung des außenpolitischen Isolationismus.(380) Hier ist wohl anzumerken, dass Bezugnahme auf reaktionäre Ideologien, wie Panslawismus und russischen Chauvinismus stets instrumenteller Natur waren, aber nie integraler Bestandteil stalinistischer Ideologie.
Die Panbewegungen waren nur in Österreich-Ungarn massenwirksam, während der Panslawismus in Russland nur in der Intelligenz verwurzelt war - der Zarismus unterdrückte alle Nationalitäten und hatte so eine geringer ausgeprägte Nationalitätenhierarchie hervorgebracht - konnten die Panbewegungen in der Habsburgermonarchie direkt an die Massen appellieren, der Nationalismus wurde durch die Hackordnung der Völker genährt: die Tschechen waren den Deutschen untergeordnet, die Slowaken den Ungarn und die Ruthenen den Polen. Was man hier die Menschen lehrte war, dass nationale Freiheit nur auf Kosten anderer zu verwirklichen ist und politische Emanzipation weniger wichtig ist, als eine Regierung, die dem eigenen Volk angehört.(380)
Was die Panbewegungen politisch von den liberalen Nationalismen unterscheidet, ist das Verhältnis zum Staat. In den Augen der Panbewegungen war der liberale Staat eine territorial bornierte Instanz, diese Borniertheit sollte beseitigt werden und der Staat sollte ein Instrument der Weltpolitik (vulgo: Imperialismus) werden, die nicht mehr an legalen Prinzipien, sondern an der völkischen Mission orientiert sein sollte. Ideologisch vollzogen die Pangermanisten als erste die Okkupation des Staates durch das völkische Prinzip und wurden später von den deutschen Faschisten beerbt.(381)