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4.1 Hannah Arendts Ideologiebegriff

Arendt datiert die Entstehung des modernen Rassebegriffs ins 18. Jhd., er findet im 19. Jhd. allgemeine Verbreitung und formiert sich gegen Ende des Jahrhunderts als Ideologie.
Hinter dieser Beschreibung steht eine spezifische Anschauung, die zwischen Meinung und Weltanschauung einerseits und Ideologie andererseits unterscheidet. Als zentrales Unterscheidungsmerkmal dient die logische Struktur und die Kohärenz eines Denkens. Während bei Meinungen die verschiedenen Elemente durcheinander strudeln und keinen monolithischen Block bilden, ist die Stufe der Ideologie dann erreicht, wenn aus einer zentralen Behauptung ein ganzes Gedankengebäude deduziert wird. Der erste Schritt zur Bildung einer Ideologie, ist die Behauptung die Lösung der Welträtsel zu liefern, oder was auf das gleiche hinausläuft, die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft und der Natur erkannt zu haben. Des weiteren muss eine Ideologie sich in ihren Grundannahmen auf soviel empirisches Material stützen, dass sie den Menschen plausibel erscheint und Orientierung im Handeln ermöglicht.(268)
Der Konkurrenzkampf der Meinungen im 19. Jhd. brachte zwei Ideologien hervor, die die Massen mobilisierten und die in der Lage waren, sich zu staatlich protegierten Doktrinen zu entwickeln. Zum einen handelt es sich um die aus dem Marxismus stammende Lehre vom Klassenkampf und zum anderen um den rassistisch begründeten Sozialdarwinismus, der die Geschichte als ewigen Rassenkampf erklärt. Im Alltagsbewusstsein erlangten diese Ideologien soviel Plausibilität, dass sie nicht nur populäre Darstellungen beherrschten, sondern auch die Gebildeten in wissenschaftlichen Darstellungen auf die eine oder andere Ideologie zurückgriffen.
Die Überzeugungskraft von Ideologien lässt sich weder durch propagandistische Techniken oder durch bewusste Täuschung noch durch die Leichtgläubigkeit der Menschen erklären. Von entscheidender Bedeutung ist ihr Gebrauchswert in der politischen Auseinandersetzung. "Die den Ideologien innewohnende Kraft, Menschen zu überzeugen, ist niemals aus Propagandatricks oder bewussten Betrügereien derer zu erklären, die sich die Leichtgläubigkeit der modernen Menschen zunutze machen, die sich auf ihren gesunden Menschenverstand in keiner Hinsicht mehr verlassen können. Die Ideologien müssen in ihrem zentralen Gehalt immer irgendwelchen Erfahrungen und Wünschen entgegenkommen, sie müssen politische Bedürfnisse angemessen befriedigen."(269) Damit distanziert sich Arendt von den seit der Aufklärung grassierenden Theorien, wonach Weltanschauungen bewusst von der herrschenden Klasse erfunden werden, um das Volk zu täuschen (Priestertrugtheorie) aber auch von der zu ihrer Zeit gängigen Ideengeschichte, die Ideologien aus der Selbstbewegung des Denkens und seinen immanenten Gesetzen erklärt. Allerdings unterstellt Arendt den Ideologien eine gewisse Eigendynamik, so wird der Nationalsozialismus als der politische Versuch begriffen, eine Doktrin in die Wirklichkeit umzusetzen. Damit hat Ideologie keine durchgehend eigene Geschichte, kann aber in bestimmten politischen Konstellationen zur selbständigen Kraft werden, ja sich sogar vom politischen Gebrauchswert emanzipieren.
Jede Ideologie kann nur im Kontext politischer Machtgefüge und Bedürfnisse verstanden werden. Wenn Hannah Arendt die Geschichte des Rassebegriffs schreibt, unterstellt sie diesem keine ihm eigene Geschichte, sondern sie beschreibt die Wandlung des Begriffes innerhalb sich ablösender politischer Konstellationen. Insofern handelt es sich weniger um eine Geschichte des Rassismus, als um seine Genealogie. Diese Auffassung von Ideengeschichte ähnelt der gegenwärtigen strukturalen Diskursanalyse. Was sie von der Diskursanalyse unterscheidet, ist der normative Standpunkt von dem aus argumentiert und gewertet wird.
Dies wird z.B. in Arendts Analyse des völkischen Nationalismus deutlich. Sie geht von der Annahme aus, dass der einzig wahre Nationalismus der liberale Risorgimento- Nationalismus ist, der von der Gleichwertigkeit der Nationen ausgeht und dessen Souveränitätsanspruch an der Staatsgrenze endet. Völkischer Nationalismus, mit seinen über den Staat hinausgreifenden Ambitionen, mit seiner Fixierung auf das eigene, als höherwertig verstandene Volk, sei ein dem wirklichen Nationalismus entgegengesetztes Prinzip, da es den legalen Staat zerstört.(372/377) Ob der völkische Nationalismus aus diesem Grund kein echter Nationalismus ist, sei einmal dahingestellt, die begriffliche Unterscheidung der beiden Formen des Nationalismus ist in jedem Fall zutreffend. Problematisch wird die normativ motivierte Begriffsbildung, wenn Arendt noch zwischen dem westlichen integralen Nationalismus und dem völkischen Nationalismus Ostmitteleuropas unterscheidet. Letzterer zentriert sich um den rassisch definierten Begriff des Volkes und ist kein Nationalismus mehr, ersterer dagegen bezieht sich auf die historische Größe der Nation und stellt eine degenerierte Form des Nationalismus dar. Die Unterscheidung wird damit begründet, das die völkische Ideologie sich auf nichts reales mehr bezieht, sich also vollständig vom Territorium und von der Geschichte emanzipiert. Die völkische Ideologie bewirkt mit ihrer auf die Zukunft gerichteten völkischen Mission eine maßlose Destruktivität, während sich der integrale Nationalismus durch seine Bezugnahme auf Territorium und Geschichte Grenzen setzt.(364 f.)
Der integrale Nationalismus ist ebenso ein Produkt des Imperialismus, wie die völkische Ideologie. Wenn sich die westlichen Imperialisten eher auf die historische Größe und white man´s burden beriefen, hat dies genausowenig mit Realität zu tun, wie ein frei erfundener Auserwähltheitsanspruch den Panslavisten und Pangermanisten verkündeten. Arendts Argument, dass der Realitätsverlust den völkischen Nationalismus gefährlicher macht als westlichen Chauvinismus, könnte als Eurozentrischer Blick gewertet werden. Macht es denn einen wesentlichen Unterschied, ob der Imperialismus seine Massaker in Übersee oder mitten in Europa verübt?
Die wissenschaftliche Form von Ideologien erklärt Arendt zum einen mit der Wissenschaftsgläubigkeit des 19. Jhds., aber auch mit dem Bedürfnis von Wissenschaftlern ihre Alltagsmeinungen in wissenschaftlicher Form zu Papier zu bringen. Hierdurch wurde die seriöse Wissenschaft mit Ideologie durchsetzt, retrospektiv stellte sich die Mischung von Ideologie und Wissenschaft in den Augen der Historiker so dar, als ob die Naturwissenschaften selbst den Rassismus erzeugt hätten, als wäre letzterer ein Resultat seriöser Forschung. Die Autorin dagegen betont zu Recht die gesellschaftlich- politischen Ursachen für Ideologiebildung.