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1.2. Die Methode

Die Autorin thematisiert die Problematik der modernen Geschichtsschreibung nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges. Eine Einbettung derselben in die verschiedenen Gesellschaftswissenschaften wird von der Autorin abgelehnt, da sie eben diese für die Ideologiebildung verantwortlich macht, die nach ihrer Ansicht so viel zur Katastrophe beigetragen haben. Da sie jeden Geschichtsdeterminismus ablehnt, ist ihr Ansatz ein eigentümlich phänomenologischer. Nach einigen Überlegungen, wie wir den methodischen Ansatz Hannah Arendts einschätzen sollen, sind wir zu dem Ergebnis gekommen, ihn einfach eklektisch - phänomenologisch zu nennen.

1. Ihr Ansatz ist kein materialistischer, denn sie setzt z.B. politische Systeme nicht in Bezug zu Produktivkraftentwicklung und Klassenauseinandersetzungen. Sehr schön zu sehen ist dies z.B. an ihrem unreflektierten Verhältnis zur liberalen Phase der Bourgeoisie und des Nationalstaats dieser Zeit (siehe dazu noch Abs. 4.2.).

2. Ihr Ansatz ist kein idealistischer. Sie schreibt eben keine Ereignisgeschichte nach nur allzubekannter Machart, sondern in ihrer Phänomenologie auch soziale Geschichte auf. Gleichzeitig werden sowohl sozialwissenschaftliche Theorien als auch literarische Darstellungen (zudem recht beliebig ) wie historische Phänomene behandelt.( Die Problematik dieser Methode ist die mangelnde Reflexion der eigenen Wahrnehmung.)

3. Ihr Ansatz ist auch keiner, der schon als strukturalistisch bezeichnet werden könnte. Ein solcher müsste erst einmal jegliches Werturteil über klassisch liberale und imperialistische Politik ignorieren und statt dessen Kontinuität und Verschiebung in der Herrschaftsform nach dem ihm eigenen (soziologischen) Kriterien untersuchen - eine dem Ansinnen der Autorin zutiefst widerstrebende Idee; sie hätte einen solchen Ansatz als modischen Nihilismus verworfen.

"Dass es eines Weltkriegs bedurfte, um mit Hitler fertig zu werden, ist gerade darum so beschämend, weil es auch komisch ist." (221) Diesen eigentümlichen phänomenologischen Ansatz der Autorin kann man nur unter Beachtung ihrer eigenen Biographie verstehen. Als sie sich selber als Flüchtling in New York wiederfand, der eigenen Vernichtung gerade entkommen, der Massenvernichtung gewahr wurde, deren Ungeheuerlichkeit (im Wortsinne) begriff, rieb sie sich die Augen: "Auch konnten wir uns schlecht eines gewissen Heimwehs erwehren nach diesem 'goldenen Zeitalter der Sicherheit' (Stefan Zweig), in welchem selbst Greuel und Grausamkeiten sich noch an gewisse Regeln hielten, bestimmte Grenzen nicht überschritten, und man im großen und ganzen bei der Beurteilung politischer Ereignisse noch mit dem gesunden Menschenverstand auskam." (206) Demgegenüber muss für das ausgehende 19 und 20 Jh. konstatiert werden, "dass so viele wichtige Ereignisse in der modernen Geschichte, wenn man sie im Sinne der klassischen Geschichtsschreibung in ihrem Kausalzusammenhang erklären will, sich ausnehmen, als hätten Fliegen Elefanten geboren." (220) So haben die Historiker "das kuriose Gemisch von Kapital- Export, Rassen-Wahnsinn und bürokratischer Verwaltungsmaschine, das sich selbst den großartigen Namen Imperialismus gab, verdeckt mit Vergleichen, in denen die Eroberungen von Alexander oder Cäsar oder die Reichsgründungen des Altertums heraufbeschworen werden." (221) "So möchte man in der Tat an der Geschichtsschreibung überhaupt verzweifeln. Denn die nächstliegende Ursache dieser Entwicklung war die Existenz einer kleinen Klasse von Kapitalisten, deren Reichtum die soziale Verfassung ihrer Länder sprengte und die daher mit gierigen Augen den Erdball absuchten nach profitablen Investierungen für überflüssiges Kapital; verglichen mit den Folgen war diese Ursache wahrlich eine Bagatelle." (220) "Die Historiker unserer Zeit haben ... immer wieder versucht, dieses Element des blutigen Narrenspiels zu verdecken und den Geschehnissen eine Größe zu verleihen die sie nicht haben, die sie aber menschlich erträglicher machen würden."
Nach den gewohnten Kriterien lässt sich dieses Werk nicht einschätzen.
Grundlage ihres Denkens ist dabei immer eine klassische, aus antiken Vorbildern abgeleitete, politische Philosophie mit dem dazugehörigen Normativismus (dazu mehr in Abs. 3.1.). Aus einer solchen leitet sich ihr Staatsverständnis und logischerweise ihr positiver Bezug zum liberalen Nationalstaat ab. Um dann allerdings herauszufinden, warum der deutsche Staat sie fast, und sechs Millionen so reibungslos umgebracht hat, dazu verlässt sie den Rahmen einer klassischen politischen Philosophie.
Das Werk ist also eine intellektuelle Selbstvergewisserung, die nicht ins gewohnte Raster der Methodenanalyse passt.