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Strukturwandel in der industriellen Organisation

  • 1. Zu Birch
  • 1.1.Darstellung
  • 1.2.Kritik der hiesigen Ökonomen und Sozialwissenschaftler
  • 2. Geburt und Tod vom Unternehmen
  • 2.1.Der empirische Befund
  • 2.2.Die Produktzyklustheorie
  • 2.3.Die organisatorische Komponente
  • 3. Weshalb sind kleinere Betriebe neuerdings so beliebt?
  • 3.1.Einige Beispiele aus Marburg
  • 3.1.1.Handel
  • 3.1.2. Transportgewerbe
  • 3.2.Sind Kleinbetriebe neuerdings ökonomisch effizienter?
  • 3.3.Die Job- Turnover- Analyse
  • 3.3.1.Methode
  • 3.3.2.Vergleich Region Trier/ Saarland
  • 3.3.3.Ausgewählte Darstellung landesweiter Ergebnisse
  • 4. Zusammenfassung Literaturliste
  • 5. Nachschrift
  • Einleitung

    Dieser Text entstand 1994

    Das Thema ergab sich aus eigenen Erfahrungen in der Arbeitswelt insbesondere bei einer Spedition. Untersucht wird eine Veränderung in der Organisation wirtschaftlicher Prozesse, der in den späten 70ern begann. Das spezielle Datenmaterial reicht in Deutschland nur bis ins Jahr 1990, danach standen für die Statistiker andere Themen im Vordergrund.
    Über viele Jahre hinweg wurde aller Orten das "Ende des Fordismus", die "Deregulierung", der "Toyotismus", Produktionsverlagerungen, oder allgemeiner, ein kaum definierter Strukturwandel zum tertiären Sektor analysiert, ohne dass diese Prozesse so einleuchtend und fundiert wie früher die Konzentrationen erklärt wurden.
    Dabei gibt es eine eindeutige Parallele zwischen den oben angeführten Änderungen im ökonomischen Gefüge und einer doch recht erstaunlichen empirisch feststellbaren Entwicklung der Betriebsgrößen: Seit Ende der 1970 Jahre nimmt die Anzahl der kleinen Betriebe in Deutschland nicht ab, sondern zu; die der großen nicht zu, sondern ab. Diese Entwicklung soll Ausgangspunkt dieser Arbeit sein, von dort aus soll untersucht werden, welche Auswirkungen dies für die Lohnabhängigen hat.
    Zu diesem Zweck werden diesmal bürgerliche Ökonomen herangezogen, insbesondere solche, die in Lobbyverbänden oder ihren Brain- Trusts aktiv sind; einfach um nachzusehen, ob es dort etwas zu entdecken gibt.
    Die Aufarbeitung dieses Themas in der Bundesrepublik Deutschland hat einen deutlich sichtbaren zeitlichen Rahmen von ca. 1982 bis recht genau 1990. Danach wenden sich die beteiligten Forscher den Problemen der Wirtschaftsumstellung in den fünf neuen Bundesländern zu.
    Wegen der Rasanz und Unübersichtlichkeit der Prozesse sind eben diese Umstellungen nicht Thema dieser Arbeit; hier sollen vielmehr die langfristigen, von der Tagespolitik etwas unabhängigeren Veränderungen im Wirtschaftsgefüge untersucht werden.
    Der erste Autor, der die Auswirkungen von Betriebsneugründungen- und Schließungen der benannten Größenklassen, die Tendenz zu kleineren Betriebsgrößen, sowie deren Folgen für die allgemeine Prosperität und spezifischer für die Beschäftigung untersucht hat, war der Amerikaner D.L. Birch mit seiner Studie (und den nachfolgenden): "The Job Generation Process", Cambridge (MA), 1979
    Diese Arbeit kann als das eigentliche Initial für die Beschäftigung mit diesem Thema angesehen werden. Schlagen Sie eine x- beliebige Veröffentlichung eines bürgerlichen Ökonomen zum Thema auf, so finden sie in fast jedem Vorwort einen Hinweis auf diesen Autor, dessen Namen man sich einfach merken muss. Er war der erste, der den kleineren und mittleren Betrieben eine ökonomische Stärke und Zukunft bescheinigte, die so ganz und gar von den Prognosen der damals noch vorherrschenden Schulen abwich. Es lohnt also, einen kurzen Blick darauf zu werfen.

    1. Zu Birch

    1.1. Darstellung


    Aufgrund des Datenmaterials von Kreditauskunftsdateien erstellte Birch erstmals 1979 eine Übersicht über die Beschäftigungszahlen im Zusammenhang mit Neugründungs- und Schließungsraten sowie Betriebsgrößen und -alter. Er zog den Schluss, dass kleine und junge Unternehmen weit überproportional zur Entstehung neuer Arbeitsplätze beitragen und folglich hier der Schlüssel zum Ersatz abgebauter und zur Entwicklung neuer Arbeitsplätze zu suchen sei.
    In der politischen Arena erfreuten sich seine Thesen einer euphorischen Rezeption, da sie nur zu gut zur damals aufkommenden neoliberalen Wirtschaftspolitik passten.
    Auf der angegebenen Grundlage errechnete Birch, dass für den Zeitraum von 1969 - 1976 2/3 aller neuen Arbeitsplätze in Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten und 81,5% in solchen mit weniger als 100 Beschäftigten entstanden. Seine Datenbasis führte ihn auch zu dem Schluss, dass
    1. die Schließungsraten in (death- rate) allen Regionen der USA etwa gleich hoch sind,
    2. während die eigentliche Triebfeder der ökonomischen Entwicklung die Gründungsrate (birth- rate) ist, die zudem nicht in ursächlichem Zusammenhang zur Schließungsrate bei älteren Unternehmen steht.
    3. Nach Birch ist vordringlich die Hebung der Gründungsrate die eigentliche Aufgabe der Wirtschaftspolitik - und nicht etwa der Erhalt von Arbeitsplätzen.
    4. Die Verschiebung zum tertiären Sektor unaufhaltsam ist - wobei sich Birch hier völlig unkritisch verhält und die Auslagerung von Betriebsteilen nicht reflektiert.
    Birchs Thesen widersprechen im Kern also der Annahme einer zyklischen Beschäftigungsentwicklung nach bekannten Vorbildern.

    1.2. Die Kritik der hiesigen Ökonomen und Sozialwissenschaftler

    Sowohl die politischen Empfehlungen, die Studie und ihre Datenbasis, als auch die Übertragbarkeit auf europäische Verhältnisse wurden zwar nicht von der Politik, dafür aber auch von bürgerlichen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern heftig bezweifelt.
    Das Datenmaterial ist kein Querschnittsmaterial sondern ein Sample mit spezifischen Verzerrungen. Birch unterscheidet nicht sicher zwischen gewöhnlicher Arbeitsplatzregeneration (Job- Turnover) und Nettobeschäftigungszuwachs. Er kann aufgrund seiner Basis Auslagerungen und finanztechnische Umorganisationen nicht von echten Neugründungen unterscheiden und eventuelle Zulieferposition zu größeren Betrieben nicht sicher feststellen. Trotzdem kann für die USA ein überproportionaler Anteil kleinerer und mittlerer Betriebe (!) am Nettobeschäftigungswachstum konstatiert werden, ohne dass allerdings eine Quantifizierung möglich ist. "Es lässt sich bisher allenfalls als Hypothese vertreten, dass es neben den unabhängigen Kleinunternehmern die mittleren und großen Mehrbetriebsunternehmen sind, die über die Gründung zusätzlicher kleiner Zweigbetriebe besonders stark zur Erzeugung von Arbeitsplätzen beitragen."
    Unbestreitbar auch eine - ebenfalls nicht analysierte und schon gar nicht quantifizierbare - Tendenz zum tertiären zu Lasten des sekundären Sektors. Hier könnte einer der Gründe für die Tendenz zu kleineren Betriebs(nicht Unternehmens)größen liegen: Dienstleistungsbetriebe haben eine kleinere Optimalgröße.
    "Schließlich ist Skepsis hinsichtlich industrie- und beschäftigungspolitischer Empfehlungen angebracht, die nunmehr die kleinen (jungen) Unternehmen zur vorrangigen Zielgruppe erklären. Wenn sich - wie zu vermuten - bestätigt, dass viele der jungen und kleinen Unternehmen insbesondere die produktionsorientierten Dienstleistungen, Vor- und Zulieferfunktion für andere, insbesondere größere Industrieunternehmen erbringen und mithin ihr Entstehen bzw. Wachstum eher durch einen Strukturwandel in der industriellen Organisation zu erklären ist, dann kann der Sektor der kleinen Unternehmen schwerlich als autonomer Arbeitsplatzgenerator angesehen werden." Diese Erkenntnis hat sich auch bis in die Politik herumgesprochen und findet ihre Konsequenz in der Subvention industrieller Kerne. Wie schon eingangs erwähnt ging die Beschäftigung mit D.L.Birch auf dessen Funktion in der öffentlichen Diskussion zurück, da sich seine Arbeit auf die USA bezieht, sollen diese Anmerkungen reichen.

    2. "Geburt und Tod von Unternehmen"

    Für die Untersuchung der hiesigen Verhältnisse beschränken wir uns aus schon genannten Gründen auf die alte Bundesrepublik und werden nach der ausgewählten Darstellung empirischen Materials die gängigen Erklärungsmodelle behandeln.

    2.1. Der empirische Befund

    in ausgewählter Darstellung. Auf die Verwendung von Einzeldaten nach Wirtschaftsgruppen wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit bewusst verzichtet. In großen Zeitintervallen werden in der Bundesrepublik Arbeitsstättenzählungen vorgenommen:
    Tabelle 1 zeigt die Zusammensetzung der Unternehmen in der alten Bundesrepublik Deutschland nach Größenklassen. Tabelle 1 Unternehmensgrößenklassen nach Beschäftigten

                   1961            1970            1987

    1-9         1 977 280    1 687 973      1 829 889

    10-49      176 516        171 627         226 941

    50-99       21 831         21 725            20 932

    100-499  17 250          18 137            16 731
    Deutlich zu sehen der auch international festgestellte und in der ökonomischen Theorie ausführlich erklärte Konzentrationsprozess bis 1970, sowie die Trendwende in der darauf folgenden Entwicklung. (Die räumliche Entwicklung wird in Abs. 3.2. im Zusammenhang mit der Beschäftigungsentwicklung dargestellt. Die Grafiken laufen bisher in der online-Version leider nicht)

    Deutlich zu sehen  ist ein sich rasant entwickelndes Gründungs- und Liquidationsgeschehens mit einem dagegen nur ganz leicht steigenden, aber immer positiven Saldo, dem so genannten Gründungsüberschuss, der durchschnittlich um 0,5% der Gesamtbetriebe pendelt. Man kann auch andersherum formulieren und die Liquidationskurve als "nachlaufend" bezeichnen, da sie etwas ausgeglichener die Entwicklung der Gründungen mit einer zeitlichen Verzögerung von 8- 13 Monaten nachzeichnet.

    Dahinter verbirgt unter anderem sich die auch von Birch festgestellte Fehlschlagsquote, also diejenigen Unternehmen, die ihr Produkt/ Dienstleitung auch nach Verbrauch der Startressourcen noch nicht am Markt platzieren konnten. Einen deutlichen Zusammenhang gibt es offensichtlich zwischen der Tendenz zu kleineren Betrieben und der rasant zunehmenden Gründungstätigkeit, was natürlich nicht verwunderlich ist, da Großbetriebe allenfalls umgegründet (umfirmiert) werden, und ansonsten Gründungen die von Kleinunternehmen sind. Dabei ist zu bedenken, dass Gründungen und Schließungen immer mit Einstellungen und Entlassungen verbunden sind (siehe dazu auch ABS. 3.3.). Ferner ist festzustellen, dass die Entwicklung des Gründungs- und Liquidationsgeschehens und die dazugehörige Entwicklung des Gründungsüberschusses immer weiter auseinander laufen.

    Offensichtlich hat die Gründungsrate keinen direkten Bezug (Tabelle 3) zum Bruttosozialprodukt, es handelt sich also um eine strukturelle Entwicklung. Insgesamt deutet das Gründungs- und Liquidationsgeschehen auf einen Umstrukturierungsprozess unter den Bedingungen einer sich verschärfender Konkurrenz. Interessant hingegen die Entwicklung der Zugangs und Abgangsintensität nach Wirtschaftshauptgruppen (Tabellen 4 + 5): Beim Handel sehen wir ein reges Gründungs- und Liquidationsgeschehen, aber auch ein ausgeglichenes Bestandssaldo, was auf eine verschärfte Konkurrenzsituation im Bereich der Privatkunden hindeutet.

    Dem fast gleichbleibenden Bestand im produzierenden Gewerbe steht eine rege Zugangs/ Abgangsintensität bei den Dienstleistungen mit einem positiven Saldo von 2% gegenüber.

    Der Zusammenhang zwischen der verstärkten Gründung von Dienstleistungsunternehmen und der vermehrten Anzahl von kleineren und mittleren Betrieben ist offensichtlich.

    Aber auch beim gleichbleibenden Bestand im produzierenden Gewerbe haben wir Zu- und Abgänge von ca. 8%; und auch hier sind echte Neugründungen bei den Klein- und Mittelbetrieben zu suchen. Deren Entstehung muss erklärt werden, hier handelt es sich offensichtlich um Produkt- oder Verfahrensinnovation (sonst könnten sie nicht konkurrieren).

    Auch bürgerliche Ökonomen definieren den Begriff der Innovation - im Gegensatz zu den schwärmerischen Ausführungen ihrer Nachbeter in der Politik - durchaus sachlich als die Veränderung, die effektive Konkurrenzvorteile gegenüber anderen Anbietern bringt, seien diese nun im Produkt, seiner Herstellung oder in den Rahmenbedingungen seiner Durchsetzung zu suchen.
     
     

    2.2.Die Produktzyklustheorie

    Über die Ursachen der Tendenz zu kleineren Betrieben gibt es auch bei den bürgerlichen Ökonomen weder wirklich umfassendes empirisches Material noch eine echte theoretische Fundierung (siehe dazu auch Abs. 1.2. und Kap. 3.).
    Ein ubiquitäres Deutungsmuster ist die Produktzyklustheorie. Dabei ist zu bedenken, dass der bürgerliche Ökonom die Bedingungen und Umstände einer Konkurrenzentscheidung aus der Perspektive einzelner Kapitale oder national abgegrenzter Kapitalgruppen untersucht. Die Produktzyklustheorie ist dabei das Steckenpferd der in den Mittelstandsvereinigungen organisierten kleineren Kapitale und wird in den nächsten beiden Abschnitten erst einmal unkommentiert wiedergegeben.
    Grundlage dieser Theorie ist die alte Beobachtung, dass Produkte nur eine begrenzte Lebensdauer bis zu ihrer Verdrängung durch einen Nachfolger haben.
    Mit einem neuen Produkt hofft der innovatorische Unternehmensgründer eine Marktnische zu besetzen, eine altes Produkt zu verdrängen oder ein neuartiges am Markt zu etablieren, oder durch eine Verfahrensinnovation Vorteile zu haben.
    "Nach der Einführung des neuen Produkts wächst die Stückzahl nur langsam, da die Information erst die Käufer erreichen muss und der hohe Einführungspreis potentielle Erwerber abhält.
    Hohe Gewinne, steigende Nachfrage und zunehmende Kenntnisse regen neue Hersteller an, die als Konkurrenten um den Markt kämpfen. Daraus resultieren niedrige Verkaufspreise und Gewinnspannen." In der innovativen Einführungsphase sind für eine erfolgreiche Gründung vor allem das technologische Wissen des Gründers, die Kommunikation zu seinen frühen Kunden und, als äußere Rahmenbedingung, die Verfügbarkeit hochqualifizierter Zulieferer und Dienstleister überlebenswichtig.
    Bei der dann folgenden Ausweitung des Absatzes benötigt das Neuunternehmen vor allem ein Management, welches genau diese schnell organisiert. Beim standardisierten Massenprodukt müssen vor allem die Produktionskosten ständig gesenkt werden.
    Gleichzeitig versuchen die Konkurrenten nun ihrerseits mit neuen Produkten diese Tendenz zu sinkenden Gewinnen und der daraus folgenden Unternehmenskonzentration zu durchbrechen und eine neues Produkt am Markt zu etablieren. Also auch unter der Voraussetzung, dass unser Gründer nicht an der notwendigen Produktionsstandardieserung scheitert, muss er nun die Methoden fürchten, mit denen er wurde, was er ist.

    Schaubild 1 zeigt die verschiedenen Phasen des Produktzyklus (auch die Grafik läuft in der online-Version bisher leider nicht)
    Beschriebener innovatorischer Unternehmensgründer muss also beobachten, dass die Einnahmen- und Ausgabenströme, die sein Produkt bewirkt, nicht parallel laufen und er Gefahr läuft als Einproduktunternehmen zu scheitern.
    Will das Unternehmen als solches überleben, muss es offenbar selbst ein Nachfolgeprodukt anbieten und dies rechtzeitig. Die Entwicklung eines neuen Produkts erfordert Ausgaben für die Marktbeobachtung und für Forschung und Entwicklung, die tendenziell nicht einfach mehr aus der alltäglichen Beobachtung des Unternehmensgründers und der daraus entwickelten Ideen stammen.

    2.3.Die organisatorische Komponente

    Diese Fähigkeit entscheidet also (nach dieser Theorie, versteht sich) über das Schicksal des Unternehmens.
    Für die Abschätzung der weiteren Unternehmensentwicklung gibt es nun 2 Denkschulen:
    1. Der Versuch, für die Entwicklung von Unternehmen anhand chaostheoretischer, spieltheoretischer oder neoklassischer Theorien Entwicklungsszenarien zu erstellen, die für uns hier uninteressant sind.
    2. Allgemeinere, letztlich auf die Organisationssoziologie zurückgehende, Annahmen über die Vorteile kleinerer und mittlerer Betriebe (der eigentliche Bodensatz der neoliberalen Ideologiebildung). Dieser Bereich wird hier zusammenfassend dargestellt; gleiche Aussagen finden sich bei allen verwendeten Autoren, ohne das diese es für nötig erachten, ihre Erkenntnisse soziologisch abzusichern.
    - Die Unternehmensintelligenz ist motivierter da sie mit größerer Entscheidungskompetenz ausgestattet ist und ihr die Einbindung in größere Betriebsbürokratien erspart bleibt.
    - Daraus folgt zudem eine höhere Betriebseloquenz: Die Entscheidungsträger sind näher am Kunden. Gerade die Marktmacht der Großunternehmen engt dann deren Umstellungsfähigkeit ein.
    - Marktbeobachtung und Forschung sind heute als Einzeldienstleistung käuflich, womit ein früher bedeutendes Hemmnis entfällt.
    - Produktionsabläufe sind schneller und damit kostengünstiger umzuorganisieren (in der Literatur als Bologna- Typus bezeichnet).
    - Durch den hohen Spezialisierungsgrad und die Nischenexistenz sind kleinere und mittlere Betriebe heute nicht mehr so konjunkturanfällig.
    - Die Kommunikations- und Automatisierungstechniken fördern kleinere Unternehmen, die sich zu ständigen Neuerungen deutlich affirmativ verhalten. Die Produktionsanlagen werden flexibler; die Kostenvorteile der Großserienproduktion werden geringer.
    - Die zunehmende Verlagerung der Massenproduktion in Billiglohnländer und die generelle Tendenz zum individualisierten Konsum begünstigen Entwicklerfirmen, sofern sie eine entsprechende Infrastruktur vorfinden.
    Beim letzten Punkt deutet sich eine Veränderung der internationalen Arbeitsteilung an, dies kann im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden. Die eigentlichen Vorteile kleinerer Betriebe sind Gegenstand des nächsten Kapitels.

    3. Weshalb sind kleinere Betriebe neuerdings so beliebt?

    Abseits der eben angeführten angeblichen organisatorischen Vorteile kleinerer Betriebe, die ohne eine vergleichbare theoretische Fundierung, die früher in allen ökonomischen Betrachtungen übliche Tendenz zu Großbetrieben als ungültig erscheinen lassen, soll dieses Kapitel das der Skepsis gegenüber der vermeintlichen Tendenz zum kleinen innovativen High- Tech- Unternehmen sein.

    3.1. Einige Beispiele aus Marburg

    "Schließlich sei zum Abschluss noch einmal auf die Bedeutung der Kapitalverflechtungen hingewiesen. Nicht jedes kleine Unternehmen kann automatisch zu der Gruppe der unabhängigen Unternehmen gezählt werden."  Die Produktzyklustheorie suggeriert eine stringente Erklärung für den Trend zu kleineren Unternehmen. Die Skepsis gegenüber dieser Theorie soll an einigen Beispielen aus der Umgebung verständlich gemacht werden.

    3.1.1 Handel
    Im Handel und bei den Dienstleistungen gibt es seit Anfang der 80er Jahre die Tendenz große Handels - und Dienstleistungsunternehmen in Franchisesysteme aufzulösen oder neue als solche zu gründen.  Ein Franchisenehmer ist ein mittelständisches oder kleines Unternehmen, welches (im Gegensatz zur Pacht) das komplette unternehmerische Risiko trägt, die komplette Geschäftstätigkeit (Einkauf, Verkaufsform, Werbung, etc.) aber als standardisiertes Paket übernimmt. Verschiedene Drogerieketten (z.B. IDEA-Drogerie in der Elisabethstr. im Gegensatz zu Schlecker), neuerdings auch Automobildienstleister ( Vermietung Schulz, Schützenstr als AVIS-Station), das Gaststättengewerbe (z.B. das neue Hotel) und viele andere arbeiten auf Franchisebasis.

    Die wohl bekannteste Franchisekette sind die Obi- Baumärkte. Der in Marburg gehört zum Unternehmen Felden- Kaiser- Roth, welches direkt nebenan die nicht über das System standardisierte Ware verkauft. Fünfhundert Meter weiter in der Industriestr. steht die mäßig getarnte Möbelfiliale der gleichen Kette und des gleichen Franchisenehmers: der Magnet- Möbelmarkt.  Alle drei - Stammhaus und Franchisefilialen - sind selbständige Unternehmen, die beiden Filialen sind Gründungen aus den 80er Jahren. Umwandlungstendenzen sind deutlich sichtbar bei z.B. Rewe, Photo- Porst, Karstadt und anderen. Wo liegen nun die Vorteile solcher Umstrukturierungen? Erst einmal wird das unternehmerische Risiko der einzelnen Filiale vom Stammhaus, vor allem vom Marketing abgekoppelt. Albach formuliert dies so: "Die Eigenschaft der sozialen Marktwirtschaft, auch größere Schocks (...) zu überwinden, beruht auf dem Prinzip der Dezentralisation des Risikos."  Die kleinere Betriebsgröße solcher Franchisenehmer senkt zudem das, was angeführten Autoren Marktzutrittsbarrieren nennen, also den Organisationsaufwand (vor allem zeitlich), eben weil aufwendige Entwicklungstätigkeiten (Werbung, Verkaufskonzept) zentral erstellt werden.

    Ein weitere "Nachteil" großer traditioneller Handelshäuser war vor einigen Monaten in der Presse zu begutachten: Die große Schlecker- Kette wurde auf die Gültigkeit des Betriebsverfassungsgesetzes hingewiesen und muss nun ihre Löhne nach oben korrigieren und Betriebsratswahlen zulassen. Mit einem Franchisesystem wäre das nicht passiert. Dort werden nämlich sowohl die Lohngestaltung als auch die Personalverwaltung von der Geschäftsplanung getrennt und den neuen Kleinunternehmen zur Bearbeitung überlassen, und die werden direkt als gewerkschaftsfreie Unternehmen gegründet. Kosten und Risiken werden also von der zentralen Geschäftsplanung abgekoppelt. Diese neue Kooperationsform von Kapitalen verschiedener Größe ist allerdings nur nach erfolgreicher Konzentration möglich, denn sonst würde der Franchisegeber seine eigenen Konkurrenten züchten. Statt einer Kapitalkonkurrenz bis zum Verschwinden einer Partei im Ruin, in der Kleinbürgerlichkeit oder im Aktiendepot (aber immer aus dem Gesichtsfeld, aus dem Geschäftsbereich), entsteht also eine Kooperation durch Subsumption im angestammten Geschäftsbereich.

    3.1.2.Transportgewerbe

    Früher war ein leistungsfähiger Spediteur (und damit mittelständischer Unternehmer), wer in verschiedenen Städten des Landes Niederlassungen (Güterböden) und zudem reichlich Lastkraftwagen besaß. Anfang/ Mitte der 80er Jahre setzte eine neue Konzentrationswelle ein.  Die landesweit und international arbeitende Spedition Scholz, Afföllerstr. wurde zuerst von der bereits aus Konzentrationsprozessen hervorgegangenen Alster- Gruppe (Hamburg) und später von der Union- Transport (Hannover) geschluckt. Diese Portion hatte dann genau die richtige Größe für den Transportkonzern Nedlloyd (Rotterdam), dem größten unter der Sonne.
    Dieser Konzern kaufte sich ein flächendeckendes Netz von Speditionen zusammen, standardisierte den Verkauf, den Umschlag, die Güterverwaltung und zentralisierte das Rechnungswesen. Heute funktioniert der Stückgutbereich mit seiner strikten Gebietsaufteilung genau wie ein Postsystem nach Postleitzahlen, nur eben für Briefe mit 500Kg. Nedlloyd hatte nicht nur die Speditionen, sondern vor allem auch die Kundenbeziehungen aufgekauft - ein großer Konzentrationsprozess schien abgeschlossen.

    Schien, denn jetzt kam die eigentliche Überraschung: das große Unternehmen wurde in viele kleine aufgeteilt. Zuerst wurden die Nahverkehrsfahrzeuge zu 90% als Subunternehmer organisiert. Diese Stadtwagen für den Verkehr von Tür zu Tür wurden unter Zuteilung der Touren an ehemalige Fahrer oder Außenstehende verkauft und zur Kreditsicherung für die Jungunternehmer vertraglich an den Spediteur gebunden. Gerade diese Kredite sind die effektivste Disziplinierung der Fahrer.

    Zwischen zwei Teilen der operativen Abwicklung eines Vorgangs wurde also ein Kundenverhältnis eingeführt.

    Diese Jungunternehmer besitzen dann im Schnitt 3- 4 Fahrzeuge und beschäftigen 2- 3 Fahrer zu wesentlich ungünstigeren Konditionen. Alsdann wurden die Fernverkehrtouren von Güterverteilzentrum zu Güterverteilzentrum umgestellt. Statt eigener Fahrzeuge wird nun Laderaum der vielen kleinen (neuen) selbständigen Fuhrunternehmer eingesetzt. Parallel wurde auch der Werkstattbereich abgebaut und sonstige Einrichtung per Leasing erneuert. In größeren Stationen wurde sogar die Güterverladung (das Lager) subunternehmerisch organisiert.  In der Frankfurter Station befinden sich gerade noch die Kugelschreiber und die Kalender im Eigentum der Nedlloyd, nicht einmal die tatsächlich neuartige Kommunikationstechnologie, die diese Firma für sich entwickeln ließ und einsetzt, gehört ihr - alles geleast. Erst hat die Nedlloyd also mit Hilfe der Banken ein enormes Anlagevermögen zusammengekauft; nun löst sie es wieder auf und saugt einem Staubsauger gleich liquide Mittel auf.

    Diese Umwandlung von Betriebsteilen in Einzelbetriebe die zueinander in einem Kundenverhältnis stehen, war auch hier nur nach den anfänglichen Konzentrationsprozessen möglich, denn sonst hätte die Nedlloyd sich selbst gefährdet.

    Auf dem Parkplatz der Marburger Station sind allein von 1987 bis 1991 7 neue junge Unternehmen entstanden - gleichzeitig sind über 40 Fahrer entlassen worden.  Der Vorteil solcher Betriebsaufgliederungen liegt also neben der Risikoaufteilung vor allem in der stärkeren Disziplinierung und besseren Steuerbarkeit solcher Teilbetriebe.  Die Lohnabhängigen werden von der zentralen Geschäftsplanung und der organisatorischen Planung abgekoppelt. Im Transportgewerbe fallen damit sofort sämtliche - hier auch gesetzlich fixierten - Beschränkungen, insbesondere die Fahrzeitbeschränkungen, die Subunternehmer fahren bis zum Umfallen.

    Wie gesehen, kann also ein Unternehmen eine Vielzahl von Betrieben haben, und gleichzeitig kann heute ein Betrieb in eine Vielzahl von Unternehmen aufgegliedert sein. Unternehmensgründungen können also Reorganisationsmaßnahmen von Großunternehmen sein (in der Literatur als Birmingham- Typus bezeichnet).  Das beschriebene Beispiel zeigt die Umwandlung eines Dienstleistungsbetriebes - eine ähnliche Entwicklung ist auf im produzierenden Gewerbe zu beobachten. Dort wird dann bis auf die zentrale Produktion abgespeckt und alles andere als Zulieferfunktion und produktionsorientierte Dienstleistung außer Haus gegeben; so kommt es zur abnehmenden Fertigungstiefe. Es beginnt meist mit der Auslagerung von Wartungs- und Reinigungsarbeiten und setzt sich dann von den Rändern her immer weiter in den Betrieb fort.

    So erledigte die beschriebene Spedition schon seit vielen Jahren die Stückgutbeförderung für den Marburger Kabelproduzenten Monette. Seit 2 Jahren hat diese Spedition nun den ganzen Versand übernommen und erledigt diesen auf dem Gelände ihres Kunden. Der Trend zum tertiären Sektor kann also auch als wesentlich durch eine neue industrielle Arbeitsteilung bedingt, beschrieben werden. Die Zuordnung zu diesem Sektor beschriebe dann eher eine Betriebsposition und ein Abhängigkeitsverhältnis im konkreten Wirtschaftsgeflecht als eine Wirtschaftsgruppenzuordnung.  Die Schwierigkeiten die Tendenz zu kleineren Unternehmen/ Betrieben flächendeckend zu untersuchen liegt in der Unkenntnis eben dieser Betriebsposition und des realen Betriebsziels.

    Allgemein wird der Anteil der produktionsorientierten Dienstleistungen auf 50% geschätzt, ohne das darüber ein genauer empirischer Befund vorliegt. Dieser Informationsmangel ist den beteiligten Forschern durchaus bekannt und wird allgemein bedauert. Er wird nicht zu beheben sein, da die gesuchten Informationen in den beschriebenen Betriebsgrößenklassen zu den geschützten gehören. Dennoch müssen - wie am Beispiel aus dem Transportgewerbe gezeigt - Konzentration und die Tendenz zu kleineren Betrieben/ Unternehmen immer zusammengedacht werden. So gibt der Nedlloyd- Konzern selber an, dass er 70% (beim Laderaum fast 90%) seiner Dienstleistungen selber einkauft. Die bleibende oder zunehmende Bedeutung der Monopolkapitale, mit der entsprechenden Globalisierungstendenz, stehen also nicht im Widerspruch zu vermehrt kleinbetrieblichen Strukturen.

    3.2.Sind Kleinbetriebe neuerdings ökonomisch effizienter?

    Der Ökonom Franz- Josef Bade nähert sich diesem Trend zu kleineren Betrieben mit den seiner Profession eigenen Mitteln:
    Er geht mittels Umsatzsteuerstatistik der Frage nach, ob die klassische Theorie - wonach großen Einheiten notwendig effektiver sind - als widerlegt gelten muss und kommt zu dem Ergebnis, dass "nur in den Verbrauchsgüterbranchen (...) die kleinen und ein Teil der mittleren Betriebe (mit weniger als 200 Beschäftigten) ihren Anteil geringfügig (von 18,1% auf 20,5 des Gesamtumsatzes innerhalb von 13 Jahren, d.A.) erhöhen konnten," die Umsatzentwicklung ansonsten keinen Trend zu kleineren Betrieben erkennen lässt. Um nun die häufig postulierte höhere Effizienz kleinerer Einheiten zu untersuchen, subtrahiert Bade - nach Größenklassen getrennt - vom Umsatz die eingekauften Vorleistungen (über den Vorsteuerabzug errechnet), dividiert durch die Anzahl der Beschäftigten und erhält so den Wertschöpfungsanteil pro Beschäftigten (Tabelle 6).
      Größenkl__Werts/Kopf Tsd. DM in 1983__Veränderung gegenüber 1977%

  • 20   49                       51,3                         + 36,8
  • 50   99                       54,2                         + 40,8
  • 100   199                   55,4                         + 32,9
  • 200   499                   60,7                         + 39,2
  • 500   999                   65,9                         + 39,3
  • 1000 + x                   76,8                         + 37,9

  • Quelle: Bade, F.J. a.a.O. S. 78

    Hier wird doch sehr deutlich, dass von einer neuen Effizienz kleiner Betriebe keine Rede sein kann und deren Vorteile allenfalls in ihrer so genannten Eloquenz am Markt und in der Risikoabwälzung zu sehen sind.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich der Lohnniveaus (Tabelle7, mittleres Einkommen pro Kalendertag):
      Größenklasse  1981          1985       Veränderung %

  • 20                   47               53            12,7
  • 20 - 49            55               64            16,6
  • 50 - 99            67               77            16,7
  • 100 - 199         71               84            18,3
  • 200 - 499        74               89            20,3
  • 500 - 999        78               94            20,5
  • 1000 + x         90               110           22,2

  • Quelle: Cramer, U.: "Klein- und Mittelbetriebe. Hoffnungsträger der Beschäftigungspolitik", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 1/87, S. 15-29, S. 27

    Deutlich zu sehen nicht nur das Einkommensgefälle mit abnehmender Betriebsgröße, sondern auch die tendenzielle Vergrößerung eben dieses Gefälles. Den Vorteil erwirtschaften sich kleinere Betriebe also auf Kosten ihrer Mitarbeiter.  Zieht man zudem in Betracht, dass mit sinkender Betriebsgröße auch das konstante Kapital überproportional sinkt, erinnert sich an die in Kap. 2. festgestellten Eigenheiten, dann wird die Eloquenz am Markt trotz geringerer Effizienz in der Produktion erklärlich. Ein Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit formulierte dies so:   "Der Trend zu kleineren Betrieben ist für die abhängig Beschäftigten nicht unbedingt vorteilhaft, wenn man an die augenfälligen Einkommensunterschiede denkt. Dazu kommt die geringere Sicherheit der Beschäftigungsverhältnisse(...)."  Die organische Zusammensetzung des Kapitals ist also geringer, die Löhn sind niedriger und können niedriger gehalten werden, zudem wird häufiger neugegründet und liquidiert, was im nächsten Abschnitt noch genauer untersucht wird.

    3.3.Die Job- Turnover- Analyse

    Hinter oft nur geringen Veränderungen der Gesamtbeschäftigung (Nettobeschäftigungsentwicklung), wie wir sie aus medialen Aufbereitung der Arbeitslosenstatistik kennen, finden oft erheblichen Umschichtungen statt.
    In jeder Region gibt es neue, schließende, expandierende und schrumpfende Betriebe. Dahinter können sich Konkurrenzerscheinungen, Konjunkturschwankungen oder strukturelle Veränderungen verbergen. Bis zu einem gewissen Grade werden diese Umschichtungen schon sichtbar, wenn die Beschäftigungsentwicklung regional (Süd- Nord- Gefälle) oder sektoral (zu den Dienstleistungen) differiert.

    3.3.1. Methode


    Um die verborgenen Umschichtungen zu analysieren, sammelt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung - das ist die Forschungsabteilung der Bundesanstalt für Arbeit - Jahr für Jahr die Einzeldaten der Arbeitsämter und rechnet für jeden Bezirk nach folgenden Parametern:
    - wie viele Beschäftigte in bestehenden Betrieben neu eingestellt wurden (Expansionsrate)
    - wie viele Beschäftigte in neuen Betrieben einen Job gefunden haben (Gründungsrate)
    - wie viele Beschäftigte aus bestehenden Betrieben entlassen wurde (Schrumpfungsrate)
    - wie viele Beschäftigte bei Betriebsschließungen entlassen wurden (Schließungsrate)
    Halbiert man die Gesamtsumme der Parameter, dann erhält man die Job- Turnover- Rate und damit den realen Stellenumschlag. Der Reziprokwert dieser Umschlagsziffer ist dann logischerweise die Verweildauer, also die mittlere Dauer der Arbeitsverhältnisse.

    Von 1977 bis 1990 schwankte die durchschnittliche Gesamtumschlagsrate in der Bundesrepublik um die 8% und einer Schwankungsbreite von höchstens 1,2%. d.h. pro Jahr werden etwa 8% aller Stellen erneuert, die Verweildauer eines Arbeitsplatzes beträgt also ca. 12,5 Jahre. Dabei ist auffällig, dass die Gesamtumschlagsrate eher konjunkturunabhängig und immer um ein vielfaches größer als die Nettobeschäftigungsentwicklung ist. Interessant ist nun die regionale und sektorale Differenzierung nach Betriebsgrößen.

    3.3.2.Vergleich Region Trier/ Saarland

    Als Einstieg in die empirische Betrachtung wählen wir einen Vergleich (Tabelle 8) zwischen der ländlich geprägten Region Trier (0,5 Mio. Einwohner, 95 Einw./ qkm, fast identisch mit dem Arbeitsamtsbezirk) und dem altindustrialisierten Verdichtungsraum Saarland (ca. 1 Mio. Einwohner, 407 Einw./qkm).  Tabelle 8 zeigt den Nettobschäftigungseffekt der Gesamtbeschäftigung nach Komponenten der Arbeitsplatzdynamik und Betriebegrößenklassen 1977- 1987
     

    Region Trier Expansion

    in %

    Neugründung Kontraktion Schließung Netto- Effekt JT- Rate
    1-19 9,6 14,0 4,7 10,3 8,6 19,3
    20-99 5,3 5,8 4,5 6,0 0,6 10,8
    100-499 4,4 2,2 3,5 1,4 1,7 5,75
    500 + 2,1 0,7 1,3 1,1 0,4 2,6
    Insgesamt 21,4 22,7 14,0 18,8 11,3  
    Saarland            
    1-19 5,7 11,8 3,1 9,4 5,3 15,0
    20-99 3,0 4,3 3,0 4,9 -0,6 7,6
    100-499 2,4 2,8 3,0 3,3 -1,1 5,85
    500 + 2,9 0,9 9,5!!!!! 0,8 -6,5!!! 7,05
    Insgesamt 14,0 19,8 18,6 18,1 -2,9  
    span class="lesen"

    Quelle: Bures, A./ Schmidt, V. : "Regionalwirtschaftliche Arbeitsplatzdynamik in ländlich geprägten und altindustialisierten Regionen - Fallstudien Trier und Saarland", in: Informationen zur Raumentwicklung 1/ 1990, S. 21-31, S.25

    An der Schrumpfungsrate der Großbetriebe (500 u. mehr) im Saarland ist die Problematik dieses Bundeslandes schon zu einem großen Teil abgebildet: Die Krise im Montanbereich und der Versuch, die Schließung von Großbetrieben politisch zu verhindern, was sein Abbild in der niedrigen Schließungsrate in diesem Bereich findet.  Abgesehen von dieser Ausnahme bei den Großbetrieben weist das Saarland im Vergleich insgesamt niedrigere Job- Turnover- Raten (ab jetzt JT- Rate) auf. Insgesamt sinkt die JT- Rate mit steigender Betriebsgröße, was auf eine erhebliche Fehlschlagsquote bei den Gründungen hinweist. Und trotz dieser vielen Fehlschläge gerade in den Bereichen größter Aktivität in der Region Trier, entsteht ein positiver Beschäftigungseffekt, während im Saarland die Stahlkrise auf die gesamte Regenration "ausstrahlt" und der positive Beschäftigungseffekt bei den Kleinbetrieben nicht nur kleiner ist, sondern auch "aufgefressen" wird.

    Leider ist für die Region Trier keine Distanzermittlung zum Oberzentrum erhältlich, dessen Bedeutung wird aber ersichtlich, wenn die Qualifikation als Parameter hinzugenommen wird; Qualifikation ist dabei als politischer Begriff zusehen. Qualifikation bedeutet Ausrichtung auf eine bestimmte Wirtschaftsstruktur. So war und ist es in allen Montanregionen üblich, die Jugend möglichst früh in die Produktion einzubeziehen und sie betrieblich zu schulen. Neben einer längeren Lebensarbeitszeit schuf dies vor allem eine zusätzliche Abhängigkeit von einem Arbeitgeber, die in Zeiten der Prosperität niemanden störte, das rächt sich jetzt.  Insgesamt zeigt sich in beiden Regionen bei den expandierenden Betrieben ein höheres außerbetriebliches Qualifikationsniveau und bei den schrumpfenden ein niedrigeres, als im Gesamtdurchschnitt, was schon einmal auf eine generell steigende Bedeutung diese Faktors hinweist.

    In beiden Regionen zeigte sich zudem, dass der Anteil der Qualifizierten mit der Betriebsgröße abnimmt, oder anders formuliert, dass die großen Betriebe betriebsspezifisch schulten, während die heutigen ihre Ausbildungskosten stärker zu vergesellschaften trachten. Hier zeigt sich ein Problem aller alten industriellen Agglomerationsräume: ihre Arbeitskräfte sind nur schwer in Umstrukturierungen einzubeziehen; die Ausrichtung der gesamten Arbeitskraft auf eine bestimmte Produktion ist nicht bei der gleichen Generation zu revidieren.
    Für die Region Trier kann eine zunehmende Bedeutung des Oberzentrums als Ausbildungszentrum angenommen werden. Leider liefern die Autoren des Regionenvergleichs keinen verknüpften Datensatz zu den Betriebsgrößenveränderungen und denen des Umsatzes; es wird aber doch schon die Bedeutung der Job- Turnover- Analyse als Instrument der Wirtschaftsgeographie deutlich, ihre Anwendung auf große Wirtschaftsgebiete (hier die alte BRD) soll im Folgenden angerissen werden:

    3.3.3.Ausgewählte Darstellung landesweiter Ergebnisse

    Für die großräumliche Darstellung werden allgemein die Einzelraten dargestellt, die Regionalentwicklung ergibt sich dann aus dem Vergleich. Karte 1 zeigt zusammengefasst die Expansions- bzw. Kontraktionssrate. Bei der Interpretation ist immer zu beachten, dass es sich um prozentuale Angaben handelt, mithin die absolute Größe von Arbeitsplatzverlusten- und -gewinnen (samt Saldo) nicht abgebildet wird.

    Karte 1 (Expansion und Kontraktion, läuft auch noch nicht) zeigt die starken Arbeitsplatzverluste in den klassischen Montanbereichen und bei den Werften und zugleich einen enormen Beschäftigungszuwachs rund um die Standorte von BMW und Audi, sowie einen mäßigen Arbeitsplatzgewinn z.B. in den Hochtechnologiebereichen Süddeutschlands und einen mäßigen Arbeitsplatzverlust z.B. um Flensburg.  Diese Karte zeigt also nichts anderes als das bekannte Nord- Süd- Gefälle.
    Interessant wird sie erst im Zusammenhang mit der Karte 2 (Neugründungen und Schließungen). Dort sind dann für die Region Flensburg nicht nur hohe Schließungsraten, sondern auch hohe Gründungsraten zu sehen.

    Und für die prosperierenden Regionen des Süddeutschlands ergibt sich ein in wesentlichen Teilen ähnliches Bild: Eine sehr hohe Gründungsrate, aber auch Bereiche mit höheren Schließungsraten. Offensichtlich sind die Gründungs- und Schließungsraten nicht an die Wertschöpfung gekoppelt (die im Süden wesentlich höher ist).  Weiterhin zeichnet sich ab, dass die meisten Regionen mit hohen Gründungsraten (auch des Westens) auch erhebliche Schließungsraten zu verzeichnen haben und zwar eher unabhängig davon, welche Branchen das Bild einer Region bestimmen.  Da aber im Kap. 2 festgestellt wurde, dass die Gründungs- und Liquidationstätigkeit von Konjunkturverlauf eher unabhängig ist, gibt s nur eine Schlussfolgerung:

    Die deutlich zunehmende Gründungs- und Liquidationstätigkeit ist, wie schon vermutet, Ergebnis einer sich wandelnden industriellen Organisation.

    Denn wäre die Gründungs- und Liquidationstätigkeit einfach Begleiterscheinung eines bestimmten prosperierenden Wirtschaftszweigs, dann dürften nicht so unterschiedliche Regionen ein in weiten Teilen ähnliches Erscheinungsbild bieten.  Um diesen vermuteten organisatorischen Wandel genauer zur untersuchen, soll als nächstes sektoral differenziert werden.   Dabei ist zu beachten, dass hinter der Zurechnung zu tertiären Sektor viel weniger ein bestimmtes Betätigungsfeld, als vielmehr eine bestimmte Betriebsposition anzunehmen ist.  Sektoral aufgegliedert - hier 2 extrem gegensätzliche Beispiele - ergibt sich für die alte Bundesrepublik folgendes Bild:
    Tabelle 9 zeigt die Job- Turnover- Komponenten bei Dienstleistungen im Vergleich zu Energie, Bergbau und Grundstoffindustrie
     

    Dienstleist 77/ 78 78/ 79 79/ 80 80/ 81 81/ 82 82/ 83 83/ 84 84/ 85 85/ 86 86/ 87
    Expansion 10,1 10,5 10,0 8,9 9,5 7,3 8,6 10,0 10,1 11,2
    Gründung 4,5 4,2 4,1 3,8 3,8 3,4 3,9 4,1 4,6 4,9
    Kontraktion (-)7,4 6,9 6,8 8,2 9,1 8,4 7,2 7,1 7,7 6,9
    Schließungen (-)2,4 2,1 2,2 2,2 3,0 2,8 2,6 2,7 3,1 2,9
    Nettoveränd. 4,8 5,7 5,1 2,3 1,2 -0,5 2,7 4,3 3,9 6,3
    JT-Rate 12,2 11,9 11,6 11,6 12,7 11,0 11,2 12,0 12,8 13,0

    Energie, Bergbau Grundstoffe
     

    Expansion 4,6 4,1 3,1 3,0 3,3 3,5 4,3 4,8 4,3
    Gründung 0,7 0,7 0,8 1,2 0,9 0,7 0,9 0,8 0,8 0,8
    Kontraktion (-)5,6 4,3 5,6 6,3 5,5 4,9 4,1 4,1 4,2
    Schließungen (-)0,5 0,5 0,5 0,5 0,7 0,6 0,6 0,6 0,7 0,8
    Nettoveränd -1,7 0,5 0,7 -1,8 -3,1 -2,1 -1,1 0,4 0,8 0,1
    JT- Rate 5,3 5,1 4,5 5,3 5,5 5,1 4,5 4,9 5,2 5,1
     

    Quelle: Cramer, U./ Koller, M.: "Gewinne und Verluste von Arbeitsplätzen", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 3/1988, S. 316-377, S. 366ff

    Die Branchen, die zu den Dienstleistungen gezählt werden, ohne dass derartige Statistiken Angaben über Betriebsposition und Betriebsziel machen, haben also einen konstant hohen Stellenumschlag und eine durchschnittliche Arbeitsplatzlebensdauer von 8 Jahren. (Immer muss mitbedacht werden, dass das durchschnittliche Beschäftigungsverhältnis noch kürzer ist, da nur ein Teil der Kündigungsgründe erfasst wird.)  Demgegenüber beträgt die durchschnittliche Arbeitsplatzlebensdauer im Bereich Bergbau, Energie, Grundstoffe etwa 20 Jahre.
    Die Tendenz zum kleinbetrieblich strukturierten Dienstleistungssektor ist also mit erheblichen Nachteilen für die Lohnabhängigen verbunden, da sich diese bei geringeren Verweilzeiten immer neu orientieren müssen.

    4. Zusammenfassung

    Aufgrund mangelnder Empirie ist auch hier nur die Beschreibung einer generellen Tendenz und leider keine Quantifizierung möglich.
    Das vermehrte Auftreten von Kleinbetrieben und die Tendenz zum tertiären Sektor sind wesentlich Ausdruck einer sich wandelnden industriellen Organisation und nicht an bestimmte Produktionen, den Konjunkturverlauf oder Regionen gebunden. Die Zuordnung zum tertiären Sektor beschreibt demnach vornehmlich ein Abhängigkeitsverhältnis.  Die oft zu beobachtende abnehmende Fertigungstiefe wird durch eine verstärkte Aufgliederung ein und desselben operativen Vorgangs in unterschiedliche Unternehmen bewerkstelligt, die nicht einfach nur verschiedene Rechnungseinheiten sind, sondern in ein Kundenverhältnis zueinander gesetzt werden.  Dies ist nur nach abgeschlossenen Konzentrationsprozessen möglich und führt mitunter zu einer durchaus neuen Kooperation vorher konkurrierender Kapitale. Leider war es dem Autor nicht möglich, Informationen über die sicherlich notwendige Steuerung dieser Kapitalkooperation zu erhalten. Das Beispiel der Nedlloyd zeigt aber, dass die Aufgliederung in Einzelunternehmen mit der oft beschriebenen Globalisierungstendenz nicht im Widerspruch steht, sondern ihr eine spezifische Form gibt.

    Trotz ihres vermehrten Auftretens, haben die kleineren Betriebe ihren Wertschöpfungsanteil nicht nennenswert ausweiten können; ihre Attraktivität entsteht durch die geringere organische Zusammensetzung des Kapitals im Verbund mit niedrigeren Löhnen. Die Löhne können durch die Betriebsgröße und die kurzen Verweilzeiten niedrig gehalten werden. Dies wirkt dem Fall der Profitrate entgegen.  Tendenziell lässt sich sagen, dass die Großbetriebe früher ihre Umstellungen des Personals innerhalb ihres Betriebs regelten, während heute die Arbeitskräfteallokation zunehmend über den Arbeitsmarkt geregelt und den Sozialkassen zur weiteren Bearbeitung übergeben wird.   Diese neue Form der Arbeitskräfteallokation geht eindeutig zu Lasten aller Lohnabhängigen, da sie diese eben über ihre Beiträge zur Arbeitslosenversicherung mindestens zu Hälfte finanzieren. Die hier auch schon häufiger angeführte Fehlschlagsquote gehört also zum Prinzip: Die Lohnabhängigen werden darüber, stärker als bisher, zur kostenfreien Verfügungsmasse von Produktionsumstellungen, die früher innerbetrieblich geregelt wurden. Besonders bedenklich sind in diesem Zusammenhang die von Kapitalseite geführten Angriffe auf die bisherige Finanzierung der Sozialkassen.  Hier zeichnet sich also tatsächlich ein neues Modell der gesellschaftlichen Regulation der Ausbeutungs- und Verwertungsbedingungen ab:  Gegen Entlassungen bei Großbetrieben wurde seitens der Gewerkschaften eine Strategie entwickelt, die zumindest abfederte, einschränkte und Lohnforderungen durchsetzen konnte. Durch die ständige Neugründung und Schließung von Kleinbetrieben wird auch diese Gegenmacht ausgehebelt.
     
     

    Literaturliste

    Albach, H. : "Geburt und Tod von Unternehmen", Bonn 1987

    Bade, F.J.: "Funktionale Arbeitsteilung und regionale Beschäftigungsentwicklung", in: Informationen zur Raumentwicklung, 9/10 /1986, S. 695-713, Geo + Wirt AD 19

    ders.: "Die wachstumspolitische Bedeutung kleinerer und mittlerer Betriebe", in: Fritsch, M./ Hull, C. (HG): "Arbeitsplatzdynamik und Regionalentwiclung. Beiträge zur beschäftigungspolitischen Bedeutung von Klein- und Großunternehmen", Berlin 1987, S. 71 - 100, Soz 25709 + Wirt V210 F6

    Boeri, T./ Cramer, U.: "Betriebliche Wachstumsprozesse: eine statistische Analyse der Beschäftigungsstatistik 1977-1987", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 1/1991, S. 70-80, Soz Z96

    Birch, D.L.: "The Job Generation Process", Cambridge (MA), 1979

    ders.: "Job Generation in Cities", Cambridge (MA), 1980

    ders.:" Who creates Jobs", in: The Public Interest Nr.:65 (1981) S 3-14

    Cramer, U.: "Klein- und Mittelbetriebe: Hoffnungsträger der Beschäftigungspolitik", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 1/1987, S. 15-29, Soz Z96

    ders.: "Dynamik der regionalen Arbeitsplatzentwicklung. Die Job-Turnover-Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung", in: Informationen zur Raumentwicklung, 1/1990, S. 1-6, geo + Wirt AD19

    ders./Koller, M.: "Gewinne und Verluste von Arbeitsplätzen", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 3/1988, S. 361-377, Soz Z96

    Dahremöller, A.: "Beschäftigungspolitische Bedeutung kleinerer und mittlerer Unternehmen", in: Raumforschung und Raumordnung, 2/3 1986, S. 71-74,geo

    Derenbach, R.: "Regionale Arbeitsplatzdynamik im Bundesgebiet. Ergebnisse der Job- Turnover- Analyse in regionaler Differenzierung", in: Informationen zur Raumentwicklung 1/1990, S. 7-20, geo

    Eckart, W./ Einem, E.v./ Stahl, K.: "Dynamik der Arbeitsplatzentwicklung: Eine kritische Betrachtung der empirischen Forschung in den Vereinigten Staaten", in: Fritsch, M./ Hull, C.J. (HG): "Arbeitsplatzdynamik und Regionalentwicklung. Beiträge zur beschäftigungspolitischen Bedeutung von Klein- und Großbetrieben", Berlin 1987, S. 21-48

    Fritsch, M./ Hull, C.J.: "Empirische Befunde zur Arbeitsplatzdynamik in großen und kleinen Unternehmen in der Bundesrepublik Deutschland - eine Zwischenbilanz", in: Fritsch, M./ Hull, C.J. (HG): "Arbeitsplatzdynamik und Regionalentwicklung. Beiträge zur beschäftigungspolitischen Bedeutung von Klein- und Großunternehmen", Berlin 1987, S. 149-172, soz 25709

    Grotz, R./ Brücher, W./ Pletsch, A. (HG): "Industriegeographie der Bundesrepublik Deutschlands und Frankreichs in den 1980er Jahren", Frankfurt/Main 1991

    Nuhn, H.: "Industriegeographie. Neurere Entwicklungen und Perspektiven für die Zukunft", in: Geographische Rundschau, 4/1985, S. 187-193, geo

    Spehl, H.: "Kleine und mittlere Betriebe in der Gemeinschaftsaufgabe 'Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur' ", in: Fritsch, M./ Hull, C.J. (HG): "Arbeitsplatzdynamik und Regionalentwicklung. Beiträge zur beschäftigungspolitischen Bedeutung von Klein- und Großunternehmen", Berlin 1987, S. 247-266, soz.25709

    Toll, G.: "Strukturpolitik und Wirtschaftsordnung", Köln 1972, pol.Va 770 t1
     
     
     
     

    Nachschrift: Die internationale Dimension der neuen ökonomischen Kooperation, oder was die sog. "Technologieförderung" damit zu tun hat

    Bereits in Abs 2.3. wurde auf die Folgen der Veränderungen in der Betriebsstruktur für die internationale Arbeitsteilung hingewiesen, darauf musste auch der Autor durch die verwendeten Autoren hingewiesen werden. So stellt, neben anderen, H. Nuhn ausdrücklich den Zusammenhang zwischen veränderter Betriebsstruktur und Export in den Vordergrund. Was wir heute so modisch  Technologieförderung" nennen, kann als selektive sektorale Strukturpolitik definiert und damit von der regionalen abgegrenzt werden. Diese sektorale Strukturpolitik hat eine lange Tradition: Zunftwesen, Zollpolitik, die Industrieförderung durch den Absolutismus können als frühe Formen der Technologieförderung angesehen werden.  Sektorale Strukturpolitik verfolgt immer das Ziel, in der eigenen Gemeinde, Region, Nation oder Nationenverbänden (EU) eine hohe Produktivität im internationalen Wettbewerb zu sichern.  Wie denn diese hohe Produktivität ursprünglich zustande kam und bis heute gesichert wird, ist nicht Thema der verwendeten Publikationen, ihr Thema ist stattdessen ein Schauplatz der innerimperialistische Konkurrenz

    Bis in die 70er Jahre wurde durchgehend die These vertreten, dass technologische Innovationsprozesse hauptsächlich von Großunternehmen ausgehen und die Leistung der kleineren eine zu vernachlässigende Größe sei. Begründet wurde diese Auffassung mit den ständig steigenden Forschungs- und Entwicklungskosten, die sogar als ein wesentlicher Grund für allgemeine Konzentrationsprozesse angesehen wurden. Bei genauerem Hinsehen zeigte diese Argumentation aber schon damals Risse: "Von den 25 wichtigsten Innovationen die beispielsweise von Dupont (ein Chemiekonzern) im Zeitraum im Zeitraum von 1920 bis 1950 realisiert worden sind, beruhten lediglich 10 auf Erfindungen die im Unternehmen selbst gemacht wurden, während 15 von kleinen Unternehmen oder Erfindern stammten." Möglich wird kleinen Unternehmen die Innovation dadurch, dass sie von den immer vorangehenden Forschungen und Entwicklungen, nur die Entwicklungen bezahlen und die extrem teure (Grundlagen)Forschung gespeichert in ihrem Personal aus den Hochschulen (oder anderen Bildungseinrichtungen) beziehen, womit gleichzeitig eine der wesentlichen Bedingungen für die Innovationstätigkeit kleiner Unternehmen angesprochen wurde. Kleinere Betriebe waren, wie das Beispiel Dupont zeigt, also nie ganz aus der Produktinnovation herausgedrängt. Mit der zunehmenden Bedeutung der Informationstechnologien und anderer neuer Schlüsseltechnologien wuchs ihr Gewicht, da diese Technologien viele spezifische Anwenderlösungen und wenig Grundlagenforschung erfordern. Diese Anwenderlösungen sind das ideale Feld für kleinere Innovationsunternehmen; gleichzeitig verschwinden auch hier die Großunternehmen keineswegs: "Es mischen sich großbetrieblich produzierende Weltkonzerne mit artenreichen Kulturen von Klein- und Mittelbetrieben in spezialisierter Entwicklung und Fertigung. Fast scheint es, als ob eine Symbiose zwischen Groß- und Kleinbetrieben gerade in diesem Bereich (Mikroelektronik d.A.) bestünde." Und tendenziell zu einer Arbeitsteilung ausgeweitet wird: Norbert Irsch hat beobachtet, "dass die durchschnittliche Innovationsrate der Unternehmen in hohem Maße (..) durch die im Produktlebenszyklus (siehe dazu Abs. 2.1. d.A.) erreichte Phase festgelegt wird. Sie bestimmt auch, ob mittelständische Unternehmen im Innovationsprozess über komparative Vorteile verfügen. Dies scheint vor allem in den frühen Phasen des Produktlebenszyklus der Fall zu sein, während die Innovationen großer Unternehmen in den späteren Phasen - also der Ausreifungs- und Stagnationsphase - vorherrschen." Durch die kürzeren Produkt- und Innovationsintervalle der modernen Schlüsselindustrien geraten die einzelnen Regional- oder Nationalökonomien, zumindest in diesem Bereich, erheblich unter Druck. So kam es zu einer Zielverschiebung bei der Wirtschaftsförderung: Nicht mehr die glücklich angesiedelte große Investition (der Bürgermeisterwettbwerb um das neue große Werk), sondern die Innovations- und Wandlungsfähigkeit (wozu auch das Humankapital zählt) der heimischen Wirtschaft werden Objekt der Sorge und Betreuung.

    Neu an der modernen Technologieförderung ist nun der Versuch im eigenen Wirtschaftsbereich vor allem Entwicklerfirmen anzusiedeln, die überwiegend die Phasen der Einführung und Durchsetzung (1+2) im Produktzyklus abdecken. Die standardisierte und hochproduktive Massenproduktion - die bis in die 70er Jahre als der eigentliche Garant des Wohlstands, weil das eigentliche Rückrat eines Industrielandes galt - wird zunehmend in periphere Länder abgedrängt. Neben der faktischen Arbeitsteilung zwischen kleineren und großen Innovationsunternehmen führt der Produktzyklus also zu internationaler Arbeitsteilung (sofern dies dem Entwickler glückt):

    Während der Einführungsphase ist zwingend ein Standort notwendig, an dem hochqualifizierte Zulieferer und Dienstleister jederzeit zur Verfügung stehen und das technologische Umfeld - darunter ist vor allem auch das sog. Humankapital zu verstehen - weitere Produkt- und Prozessinnovation zulässt. Alte Industrieländer versuchen hier ihren Entwicklungsvorsprung durch entsprechende Politik umzusetzen und auszubauen. Zudem hat die hiesige Nachfrage die nötige Kaufkraft für die noch hohen Preise. Während der Durchsetzungsphase (Phase 2) ist das neue Produkt der Exportschlager, bekommt aber mit zeitlicher Verzögerung immer stärkere Konkurrenz. Die standardisierte Massenproduktion wird dann in Billiglohnländer abgedrängt, da die Kosten zum entscheidenden Faktor für die Produktion werden und die standardisierte Produktion kein technologieorientiertes Umfeld mit dem entsprechenden Personal mehr erfordert. Das Innovationsland importiert dann seinen einstigen Exportschlager (Mexiko- Käfer als frühes Beispiel, die USA importieren heute ihre PCs, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen).

    Der Politik wird die Aufgabe zugewiesen, diesen internationalen Produktzyklus abzusichern, also nicht nur den Eigentumsschutz sondern tendenziell die gesamte und zudem in ihrer Organisation veränderte Verwertung auch außerhalb der Landesgrenzen abzusichern. Die Instrumente auf internationaler Ebene: 1.)  Kreditgewährung an bestimmte Billiglohnländer, die dann die Massenproduktion einer inländischen Entwicklung aufbauen (z.B.: VW- do Brasil)  2.)  Durchsetzung spezifischer technischer Standards, welche die eigene Innovation in die Durchsetzungsphase bringt (z.B.: der Versuch der US-Regierung für die Kommunikationstechnologie verbindliche Standards durchzusetzen).

    Die Instrumente auf regionaler/ nationaler Ebene:
    Gemäß der Erkenntnis, dass den kleineren und mittleren Innovationsunternehmen, in ihrer spezifischen Arbeitsteilung, ein verstärktes Gewicht bei der Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit zukommt, wird die Technologieförderung seit Anfang/ Mitte der 80er Jahre auf die Bedürfnisse dieser Unternehmen zugeschnitten. Als wichtigste Hilfe für diese Unternehmen wurde die Ausbildung eines entsprechenden Personals und die Öffnung der Universitäten zu den Betrieben erkannt, zentral sind also die High- Tech- Parks rund um die Hochschulstandorte.  Zudem werden vom Bundesministerium für Forschung und Technologie und vom Bundesministerium für Wirtschaft Forschungsgelder explizit für kleine und mittlere Unternehmen vergeben, mit dem Ziel, die Zusammenarbeit mit Hochschulen und die Kooperation mit anderen Unternehmen (Verbundforschung) auszubauen.

    Die zentrale Frage des Referats

    ist von Bade bereits im Wesentlichen formuliert worden: "Schließlich ist Skepsis hinsichtlich industrie- und beschäftigungspolitischer Empfehlungen angebracht, die nunmehr die kleinen (jungen) Unternehmen zur vorrangigen Zielgruppe erklären. Wenn sich - wie zu vermuten - bestätigt, dass viele der jungen und kleinen Unternehmen insbesondere die produktionsorientierten Dienstleistungen, Vor- und Zulieferfunktion für andere, insbesondere größere Industrieunternehmen erbringen und mithin ihr Entstehen bzw. Wachstum eher durch einen Strukturwandel in der industriellen Organisation (!!!) zu erklären ist, dann kann der Sektor der kleinen Unternehmen schwerlich als autonomer Arbeitsplatzgenerator (und Innovationsträger, MB) angesehen werden."  Zur Annäherung an diese Problematik wurden in Kap. 2 + 4 diejenigen Theorien kurz reflektiert, die die kleinen Unternehmen als eigenständige Innovationsträger sehen, das Kap. 3 beschrieb die Skepsis gegenüber dieser diesen Ansätzen. Beide Ansätze sollen hier noch einmal kurz und zusammenfassend dargestellt werden.

    Handelt es sich bei der Tendenz zu kleineren Betrieben um eine simple Umstrukturierung (wie in Kap. 3 dargestellt) des Beziehungsgeflechts der ökonomischen Subjekte untereinander nach Maßgabe des Kostenvorteils? Dafür spricht:
    - Zentrale Geschäftsplanungen werden zunehmend vom einzelnen geschäftlichen Risiko abgekoppelt (z.B. Franchisesysteme),  insbesondere wird die Kostenstruktur des Personals vom Marketing getrennt.
    - Verschiedene Teile ein und desselben operativen geschäftlichen Vorgangs werden  mittels des Prinzips der abhängigen Subunternehmer in ein Kundenverhältnis zueinander gebracht. Es gibt nichts disziplinierendes als den Markt. Das ist die Struktur der abnehmenden Fertigungstiefe.
    - Dies bringt einen Kostenvorteil durch objektive Lohnsenkung und Einschränkung von Arbeitnehmerrechten.
    - Dieses Erklärungsmuster trifft die Tendenz zu kleineren Betrieben bei gleichzeitiger Globalisierung.

    Dagegen steht die Annahme, dass die beschriebenen Tendenzen ihre Ursache in einem neuen Innovationszyklus und in einem neuen Innovationsverhalten (Kap. 2 + 4) haben:
    1. Die sich verkürzenden Produktzyklen moderner Schlüsseltechnologien bringen einen strukturellen Vorteil für kleinere Betriebe (siehe insbesondere Abs. 2.2).
    2. Zudem entsteht eine neue Form internationaler Arbeitsteilung innerhalb des Produktlebens, deren wesentliche Kennzeichen die Auslagerung der Massenproduktion in Billiglohnländer und der versuchte Ausbau der klassischen Industrieländer zu Innovationsschmieden (im Sinne einer Planung) sind.
    2a. Diese Entwicklung findet auch in der unmittelbaren Innovationssuche (Forschung und Entwicklung) ihr Abbild in einer neuen Arbeitsteilung zwischen kleinen und großen Betrieben (dazu besonders Kap. 4).

    Für diesen zweiten Theoriestrang sprechen:
    - Die Krisen in den Schlüsseltechnologien des klassischen Fordismus.
    - Das rege Gründungs- und Liquidationsgeschehen seit Anfang der 80er Jahre auch im verarbeitenden Gewerbe.
    - Für die internationale Arbeitsteilung innerhalb der Produktlebens lassen sich eine ganze Reihe erfolgreicher Beispiele finden (Computer, Foto, Phono, etc.).

    Beide Erklärungsansätze finden ihr Abbild in der Politik:
    Während der zweite Theoriestrang mit dem Neoliberalismus hegemonial wurde, ist der erste eine Minderheitenposition und taucht nur (leider) unreflektiert in der Gewerkschaftsforderung nach dem Erhalt von Arbeitsplätzen auf.. Dementsprechend ist die Wirtschaftspolitik strukturiert:
    - Steuerliche Regelungen und Existenzgründerhilfen (im Referat nicht behandelt) sollen die heimische Wirtschaft auf kürzere Produktzyklen einstellen. Es handelt sich dabei also um eine Steuersubvention für Kapitale zur Verbesserung ihrer Weltmarktposition.
    - Das zweite Bein dieser Wirtschaftspolitik ist die moderne Technologieförderung.
    -- Die Zusammenarbeit bei der Innovationssuche (Forschung und Entwicklung) zwischen kleinen und großen Betrieben mit anderen gleichgelagerten Ressourcen (Hochschulen) wird gefördert und institutionalisiert.
    -- Die internationale Arbeitsteilung innerhalb des Produktlebens wird durch zwei Politikelemente gestützt:
    1. Die Hilfe für Entwicklerfirmen durch Ansiedlungshilfen und Senkung der Marktzutrittsbarrieren (Parks, Kredite, die vielen neuen Fachmessen, etc.).
    2. Die Disziplinierung und Vorbereitung der zukünftigen Billiglohnländer (Diplomatie, Kredite) und die Durchsetzung verbindlicher Standards. Dieses konfliktreiche außenpolitische Element wird gern unterschlagen.