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3.2 Der dynastische Zyklus als Krisenform

Da Eroberungen, Palastrevolutionen etc. nur die Bürokratie (teilweise) austauschen, können tatsächliche Krisen in einer solchen Gesellschaft nur das agrikole Fundament betreffen, enthalten dann aber die Möglichkeit einer völligen Desintegration der Gesellschaft. Je nach dem Stand der Produktivkräfte nehmen solche Krisen unterschiedliche Verläufe, führen aber nach Wittfogel nicht zur Entwicklung einer neuen Produktionsweise. Wittfogel beschreibt drei Formen einer Krise der APW:

1. Naturkatastrophen. (Überschwemmungen Dürrekatastrophen) erschüttern die einfachsten asiatischen Gesellschaften, etwa den sumerischen Stadtstaaten.

2. Einfacher dynastischer Zyklus. Die territoriale Ausdehnung führt quantitativen und funktionellen Wachstum der Bürokratie. Aufgrund eines niedrigen Standes der Transport- und Nachrichtentechnik kann die Zentralregierung eine relative Selbständigkeit ihrer territorialen Organe nicht verhindern. Bei steigenden Einnahmen aus der lokalen Grundsteuer wird ein steigender Anteil in den Händen der lokalen Bürokratie verbleiben. Dort akkumuliert sich die Macht, was steigernd auf die Intensität der lokalen Abschöpfung zurückwirkt. Das Einkommen der Zentralgewalt sinkt. Entweder diese erhöht die Steuern (bis sie auch einen Teil des notwendigen Produkts umfassen) oder vernachlässigt die Bewässerungsanlagen (bis die Produktion gestört wird). In beiden Fällen sinken irgendwann die Erträge und damit auch wieder die Steuereinnahmen. Die Zentralregierung wird mit weiteren Steuererhöhungen reagieren und absolut doch weniger erhalten und das solange, bis die gesamte Reproduktion zusammenbricht. Wenn benachbarte Nomaden (die mit chinesischen Mauern ferngehalten werden sollten) die Chance nutzen, bilden sie als Eroberer eine neue Dynastie. Ansonsten erfolgt der Zusammenbruch von innen heraus. Auslöser der Krise sind hier Verteilungskämpfe in der Bürokratie selbst, die aber ab einem bestimmten Punkt in Klassenkämpfe umschlagen, wen in einem großen Bauernkrieg die herrschende Bürokratie entmachtet wird. Die APW wird aber nicht in Frage gestellt, denn aus der siegreichen Bauernbewegung entsteht eine neue Bürokratie, die zunächst ihre Aufgaben im Sinn der Bauern erfüllt. Die Steuern sind mäßig und öffentliche Arbeiten werden durchgeführt. Nun beginnt der beschriebene Zyklus erneut.

3. Dynastischer Zyklus in entfalteten asiatischen Gesellschaften mit Großgrundbesitz und Handelskapital: Zu Beginn einer neuen Epoche (mit niedrigen Steuern) ist der öffentliche Sektor (freie Bauern) groß im Vergleich zum privaten Sektor ( Großgrund, Pächter, Handel). Mit zunehmenden Reichtum kann sich der private Sektor (das dynamische Element) zu Lasten des öffentlichen ausdehnen. Die Großgrundbesitzer und Kaufleute werden immer mächtiger, die Zentralgewalt immer schwächer. Die öffentlichen Anlagen verfallen, die landwirtschaftlichen Erträge sinken wieder, die Abgaben steigen. Die Bauern werden doppelt ausgepresst: der Steuerdruck wird immer höher, zugleich sind sie bei den Kaufleuten verschuldet oder haben ihr Land schon verkauft und arbeiten bei sinkenden Erträgen als Pächter. Die Reproduktion gerät in Gefahr. Teile der Bürokratie schlagen sich auf die Seite der Bauern und enteignen in einem Aufstand die neuen Klassen, deren Habe sie verteilen (sofern ihnen nicht Nomaden bereits zuvorgekommen sind). Eine neue Dynastie wird gebildet, Die Steuern sind niedrig, die Anlagen werden repariert.

Hier werden also die neuen Klassen periodisch enteignet, weil sie mit ihrem Erfolg die gesamte Reproduktion in Gefahr bringen. Deshalb ist der periodisch auftretende Großgrundbesitz (nach Wittfogel) auch kein Anzeichen für Feudalismus, weil er die Sozialordnung nicht stützt, sondern stört. Ähnlich ergeht es den Manufakturen in den Städten. Die Städte in der APW sind nicht Handwerks- und Handelszentren (mit relativer Selbständigkeit) wie in Europa, sondern "Nervenzentren" der agrarischen Produktion. Dort entwickelte sich also kein Kapitalismus, weil das Land und damit die gesamte Reproduktion unmittelbar von den Städten abhängig war (und umgekehrt) und deshalb jede große Krise unabhängige Entwicklungen wieder unterband.