• Inhalt Architekturnotizen Der II. Golfkrieg Bevölkerungspolitik Preis der Arbeitskraft
 
 

Texte
• Agenda 2010
• Nachprüfung
• Ein-Euro-Jobs
• Optionsmodell
• Marburger Modell
• Neue Naturreligion
• Strukturwandel
• Foucault
• Rechtssoziologie
• Nationalismus
• Jahrhundertmythos
• Wallerstein
• Post-/Fordismus
• Wirtschaftsgeographie
• Dokumentation
• TV-Formate


Kontakt
• Mail

Die Vergesellschaftung der Architektur am Beispiel des Wohnungsbaus

1. Abriss über die Architekturgeschichte des Wohnraums
Erster bürgerlicher Wohnraum mit nennenswerter Verbreitung und entsprechender Ideologie tauchte in der Renaissance in den städtischen Handelszentren auf. Erstmals wurde von einer neuen Klasse, dem Bürgertum, Wohnraum nach einer Idee außerhalb der absoluten Notwendigkeiten oder traditionellem Schmuck erstellt. Dies stellt eine Vergesellschaftung der Architektur durch die aufstrebende Bourgeoisie dar. Architektur war bis dahin dem Kirchenbau vorbehalten. Alle früheren Wohnhäuser waren prinzipiell Ackerbürgerhäuser (oder Uferhäuser), nach traditioneller Überlieferung gebaut und geschmückt. Sie sind in diesem Fall uninteressant, da es keine gesellschaftliche Reflexion des gebauten Wohnraums gab. Die palladianische Renaissance ordnete den Raum nach einer doppelten Symmetrie (offener Kreuzgang), als Zeichen für Glauben, aber zuerst eben für Weltoffenheit, Warentausch, etc.. Im darauf folgenden Barock wurde die Symmetrie auf die der Ansicht (also einfache) reduziert und so für den Städtebau tauglich gemacht. Es entstand eine symmetrische Quartierplanung mit zentralen Plätzen. Eine Symmetrie, die nun eine höhere christliche Ordnung und eine Hierarchie der Gebäude darstellen sollte, bildete die barocke Adaption der Renaissance durch den Absolutismus.

Der Klassizismus des 19. Jhd. bedeutete, abgesehen von den radikalen Entwürfen, eine geometrische(!), nicht- funktionale Rationalisierung der Wohngebäude.

2. Die Moderne
Die erste Moderne (z.B. Otto Wagner) brachte eine funktionale Rationalisierung bei Beibehaltung der traditionellen Bauweise - auch heute noch die beliebteste Wohnbauweise. Sie kennt keine ausgeprägte Raumhierarchie, die aus einer formalen Idee abgeleitet wäre. Die Raumaufteilung geht von der Kleinfamilienstruktur aus und ordnet die einzelnen Zimmer nach Maßgabe des Platzes und den Erschießungsmöglichkeiten (kurze Wege) zu. Während also früher (zb. Renaissance) die Aufteilung eines Hauses einer Ordnung unterlag die nicht einer baulichen Idee entsprang, sondern die Herrschaftsideologie unmittelbar darstellte, werden die heutigen Schachtelgrundrisse, in ihrer Logik (also ihrem Ursprung), aus Räumen zusammengesetzt, die wiederum Ableitungen einer auch in Planerkreisen weit verbreiteten gesellschaftlichen Ideologie sind. Namentlich ist hier die Vorstellung von der Kleinfamilie als ewige Grundlage der Gesellschaft gemeint. Dies führt zu völlig unsinnigen Wohnzimmern, Schlafzimmern etc..

Die klassische Moderne (Le Corbusier, Mies) übernahm diese Grundsätze weitestgehend. Sie revolutionierte die Bauweise durch Industrialisierung derselben, und übertrug ihre Rationalität auf den Städtebau (Trabantenstädte). Halböffentlicher Raum wurde als Verschwendung angesehen. Der moderne Solitär ist die logische Konsequenz der totalen Kleinfamilienstruktur, gänzlich ohne halböffentlichen oder kollektiven Raum. Der Grund liegt im Wunsch nach bedarfsgerechter Planung ohne Reflexion der Organisationsstruktur der Gesellschaft. Die Wohnungstür wird zur absoluten Trennlinie zwischen privatem und öffentlichen Raum, Anonymität entsteht. Die strenge Trennung zwischen privatem und öffentlichen Bereich, sowie die funktionale "Rationalisierung" (die zur Irrationalität führte) durch Aufgliederung der "Lebensfunktionen" entsprang dem philosophischen Positivismus der wirtschaftlich aufstrebenden parlamentarischen Demokratien. Durch die "Rationalität" (immer im Sinne der Moderne) des zur Verfügung gestellten Wohnraums sollten die Bewohnerlnnen zu rationaler Reproduktion (ordentliche Arbeiter/innen) angehalten werden. Die permanente Rationalisierung und Disziplinierung in der Industrieproduktion sollte auf die Reproduktion übertragen werden

Ein heute für uns abstruser Gedanke; die Architekten der Moderne sahen darin aber die Möglichkeit für Arbeiterlnnen, der Enge und der Armut der alten Quartiere zu entkommen. Unter kapitalistischen Bedingungen führte die Kritik an der Moderne (samt grün-alternativer Begleitmusik) in die Obdachlosigkeit, genannt:

3. Die " Postmoderne", oder: Die neue Freiheit, natürlich die des Architekten

Ziel der Architekten der so genannten Postmoderne ist die Wiedergewinnung einer städtebaulichen Ordnung, die Institution, ihrer Art entsprechend, repräsentieren sollte. Herausgekommen ist dabei logischerweise eine Repräsentation der Banken, also des Kapitals. Weiterhin sollte Akzeptanz der Architektur und das Wiedererkennen durch die Wiederaufarbeitung von Formalismen gesichert werden, entweder durch Wiedereinführung einer klassizistischen Raumhierarchie, oder durch historisierende Ornamentierung. Soziale Realitäten werden auf Regionalismen reduziert.

4 Zusammenfassung

Die Vergesellschaftung der Architektur des Wohnungsbaus verlief verzögert parallel zum Prozess der Politisierung. Es waren die aufstrebenden Eigner des Handelskapitals, die das Architekturmonopol der Kirche durchbrachen. Architektur hat keine gesellschaftlich umwälzende Funktion, die neuen Bauideen konnten von Feudalherren und Klerus adaptiert werden. Die Moderne, einst ausgezogen, die engen Arbeiterquartiere zu beseitigen, befindet sich heute in der Krise, in der sich die gesamte Industriegesellschaft befindet. Das, was heute "Postmoderne" genannt wird, ist lediglich ein zielloser Historismus, aber keine Alternative zu den Wohnsilos der Trabantenstädte.