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Joachim Hirsch/Roland Roth: Das neue Gesicht des Kapitalismus

Erste und immer noch beste Analyse in deutscher Sprache zum Ende des fordistischen Akkumulationsmodells und der folgenden Entwicklung. Diesen Übergang zu untersuchen, wird zuerst die Regelmäßigkeit solcher Entwicklungen betont. Der historische Kapitalismus kannte eben sehr verschiedenen Phasen, mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, die als Abfolge von Akkumulationsmodellen beschrieben werden können. Neben kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen sind also "Lange Wellen" (siehe Kontradieff) zu analysieren.

Eine solche Lange Wellen hat bestimmte Charakteristika: Stabile Profitraten, die zwar durch die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals unter Druck geraten, diesen Druck aber z.B. durch eine spezifische Arbeitsorganisation abfangen können (siehe dazu auch das Kapital, Band 3, 14. Kapitel, Tendenzen, die dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegen wirken). Diese Arbeitsorganisation ist eben eine dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenwirkende Tendenz und damit Bestandteil des gesellschaftlichen Gefüges, eben der REGULATION. These der Autoren: Innovationsschübe, die diese Regulation in Frage stellen, wie eben die Mikroelektronik, sind nicht Ursache sondern Folge einer Krise des bestimmten Akkumulationsmodells. Also muss zuerst das Regulationsmodell des Fordismus untersucht werden.

FORDISMUS
Dieser ist gekennzeichnet durch Taylorismus (Intensivierung statt extensive Ausdehnung) und Massenproduktion, Durchkapitalisierung der Gesellschaft. Expansion nicht mehr in die Fläche, wie im vorhergehenden klassischen Imperialismus, sondern in den bisher durch die Subsistenz geprägten Reproduktionsbereich der Arbeiter. Dies bedeutet Wegfall der Hausindustrie, des städtische Bauerntums und des subalternen Kleinhandels. Dadurch ergibt sich eine verstärkte, vollständigere Subsumption unter das Kapitalverhältnis. Durchgreifende Erhöhung der Produktivität und gleichzeitig Enteignung der unmittelbaren Produzenten von ihren intellektuellen und handwerklichen Qualifikationen (Taylorismus). Die Erhöhung der relativen Mehrwertrate lässt auch Einkommenssteigerungen verkraften.

Dies führt zu einer spezifisch fordistischen Vergesellschaftung. Individualisierungsprozesse trotz Massenarbeiterdasein und Normierung lösen die alte proletarische Kultur auf. Auflösung auch traditioneller Milieus (Arbeitervereine aller Art). Lohnabhängigkeit wird ubiquitär, auch für Angestellte, neuer Mittelstand, ebenso die Risiken. Gleichzeitig findet eine Polarisierung nach Qualifikation statt. Die zentralisierte Massenkommunikation entsteht. Es kommt zu einer Familiarisierung des Arbeiters, die bürgerliche Kleinfamilie wird Sozialisierungsagentur und vermittelt Triebverzicht und Disziplin. Privatheit enthält jetzt keine Elemente der Subsistenz mehr. Produktion und Reproduktion treten räumlich klar auseinander, obwohl sie ökonomisch jetzt viel enger verflochten sind. Weil die Familie so wichtig wird als Arbeiterbrutstätte und Formungswerkstatt, muss sie staatlich kontrolliert und gestützt werden, denn sie ist der strukturell instabile Kern der fordistischen Vergesellschaftung. Die Durchstaatlichung beginnt.

Fordismus führt zu sehr spezifischen Subjektstrukturen: Vereinzelung, Individualisierung (trotz des Daseins als Massenarbeiter), Subjektivität, kompensatorischer Konsum, Konsum gleich Identität. Standardisierung und Normierung des Alltagslebens durch den stark erweiterten Konsum industrieller Produkte. Die Kommerzialisierung sozialer Beziehungen beginnt. Prägend ist auch der Widerspruch zwischen dem diszipliniertem Arbeiter und dem genussfähigem Konsumenten in einer Person. Psychologisch droht immer der Ich-Verlust, ein narzisstischer Charakter. Massenindividualismus erfordert staatliche Regulation.

POLITIK
Im Keynisianischen Korporatismus legen big-labour und big-government die Regeln fest und dulden nicht den geringsten Widerspruch von keiner Seite. Staatlich gestützte Modernisierung im internationalen Wettbewerb, besonders in den Bereichen Bildung, Technologie und Infrastruktur bestimmen die Wettbewerbsposition. Internationalisierung bedingt passive alternativlose Anpassungsstrategie der Politik und systematische Gesellschaftspolitik zur Krisenprävention. Staat wird schon im Fordismus zum Exekutor des Wertgesetzes, aber eben durch eine spezifische Regulation. Außendetermination und sozialstaatliche Regulierung bilden den entscheidenden Widerspruch staatlicher Politik. Der Sozialstaat sichert eine bestimmte Arbeitskräftereproduktion, die die Arbeitkraft für die intensive Ausbeutung fähig macht. Sozialstaat verfestigt Massenkonsum und wirk damit massenintegrativ. Individualisierung und Bürokratisierung sozialer Zusammenhänge gehören in dieser Regulation zusammen. Es entsteht ein erweiterter Staat. Im Fordismus gilt der Primat der Systemsteuerung im Gegensatz zur Profitratensanierung in der Krise des Fordismus. Kolonien werden als Absatzmärkte uninteressant, Handel floriert zwischen den Metropolen, oft Lieferungen innerhalb eines Konzerns.

DIE KRISE DES FORDISMUS
sehen die Autoren in der Tatsachen, dass eben diese Akkumulations- und Hegemonialstruktur zur Schranke für die Kapitalverwertung geworden ist. Demgegenüber ist die Annahme einer sinkenden Profitrate plausibler, die entgegenwirkenden Tendenzen wirken einfach nicht mehr. Der Taylorismus ist ausgeschöpft, Rationalisierungsinvestitionen verschieben die organische Zusammensetzung. Mit den Verwertungsbedingungen bricht auch der Regulationszusammenhang zusammen (die Autoren); die Kosten für den Sozialstaat erscheinen aus der Perspektive der Kapitalverwertung als nicht mehr notwendig, da ein Überfluss an hochproduktiven Arbeitskräften vorhanden ist und Gegenwehr niemand erwartet. Erste Gegenstrategie des Kapitals: Internationalisierung der Produktion, billige Arbeitskräfte, keine Umweltauflagen, Steuerflucht, worldwide sourcing.

Der außendeterminierte Prozess der Nachindustrialisierung einiger Schwellenländer unter Diktaturen (oft nur ausgelagerte Werkbänke), eben die Verlagerung der arbeitsintensiven Teile in gewerkschaftsfreie Regionen billiger Arbeit und rabiater Überausbeutung, verschärft die Arbeitslosigkeit in den Metropolen. Dort fallen weltmarktintegrierter Sektor und marginalisierte Regionen auseinander, desgleichen in der sozialen Zusammensetzung. Der keynesianische Staat zerbricht durch Verschuldung. Interne Disparitäten vergrößern sich und können (besser: sollen) nicht mehr abgefangen werden. Es entsteht der nationale Wettbewerbsstaat.

Als kapitalistischer Ausweg bietet sich auch die durchgreifende Verbilligung der Anlagennutzung als Veränderung der organischen Zusammensetzung an. Zu erwarten ist daher ein neuer Schub der Durchkapitalisierung und reellen Subsumption unter das Kapitalverhältnis (Arbeiter in Bereitschaft, 7-Tage- Produktion, Selbstdisziplinierung mittels Terrorinstrument Gruppenarbeit). Flexibilisierung von Mensch und Maschine. Ablösung der Hardware (großes Band für ein PKW-Modell) durch die Software (flexiblere Roboter). Mischung von tayloristischen und neuen Produktionsstrukturen (tayloristische, nachtayloristische und hypertayloristische Produktion). Vertiefte und vervielfältigte Spaltung und Segmentierung der Lohnarbeiter und der Angestellten. Es entsteht eine Hühnerleiter der Weltmarktintegration in der Metropole neben der alten imperialistischen Hühnerleiter. Wer zum exportorientierten Teil gehört lebt wie in den 70ern. Alle anderen werden durch die Mangel gedreht. Atomisierung, Spaltung, Hierarchisierung der Lohnabhängigen sind die Folge. Zurückbleibender Massenkonsum wird zur Schranke der Binnenkonjunktur. Hyperindustrialisierung und Deindustrialisierung gehen Hand in Hand. Organisatorische und technologische Dezentralisation der Produktion bei gleichzeitiger Zentralisation des Kapitals und der Steuerungsfunktionen ("Marketing").

MEDIEN - FORDISMUS - POSTFORDISMUS

Die öffentlich- rechtlichen Medien sind Kernbestandteil des fordistischen Regulationsmodus, alles verfolgt die Tarifverhandlungen am Fernsehschirm, und gleichzeitig Sprachrohr des dazugehörigen Hegemonialprojekts. Zudem sind die Massenmedien die zentralen Ideologieverteiler eben auf allen Ebenen: die Alleinerziehende schaut sich in der Seifenoper an wie eine Familie zu funktionieren und was sie zu leisten hat. Diese Medien sind in allen Bereichen Ausgeburt des Fordismus, so sind auch die Geräte erst als fordistische Konsumgüter für die Massen erschwinglich. Auflösung der traditionellen Milieus (Arbeitervereine) und Ersetzung durch diese Massenkommunikation ist ein irreversibler Vorgang. Staatliche Steuerung an der visuellen Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft verleiht diesen Medien eine ungeheure macht. Inklusion jener Arbeiterinteressen, die mit der Akkumulationsstrategie vereinbar sind; Exklusion der damit nicht zu vereinbarenden lähmen jede Diskussion. Gesamtgesellschaftliche Steuerung gilt als alltägliche Vernunft.

Abgelöst wird diese Modell durch eine neue (und vor allem: doppelte) Subsumption unter die Kapitalverwertung:
1. Privatisierung der Sender, betriebswirtschaftliche nicht volkswirtschaftliche Buchführung.
2. das alte Hegemonialprojekt entfällt.
Nicht mehr die gesamtgesellschaftliche Globalsteuerung mit staatlicher Hilfe wird propagiert, sondern die kapitalistische Verwertbarkeit aller Bereiche. Die politische Rationalität wird eine andere, Privatisierung und Deregulierung aller Bereiche und aller Infrastruktur mit den Medien als Vorbild. Gleichschaltung für die Interessen der Kapitalverwertung (samt Imperialismus) nicht mehr durch die Propagierung des alten Hegemonialprojekts sondern durch einfachen Aufkauf der Medien, direkte Kontrolle. Die Schere am Arbeitsvertrag statt der Schere im Kopf.

Notizen zu Gorz "Abschied vom Proletariat"

Nette Einleitung bis zum Machtdiskurs. Wo er, dem Strukturalismus folgend, "feststellt", dass funktionale Macht nie zu beseitigen sei und nicht zwischen militärischem Zwang und sachlicher Kooperation unterscheidet. So lässt er den Militarismus der Fabrik hinter ihrer Funktionalität verschwinden; hat also die Hoffnung schon aufgegeben.
Diese Art Analyse, nach der der Mensch immer Anhängsel der Maschine sein muss basiert vor allem auf der Unkenntnis industrieller Produktion; die Angst des Intellektuellen vor der Stempelkarte. So ist ihnen unbekannt, dass hohe Produktivität auch Spaß machen kann. Es ist die Unaufhörlichkeit, die Unabänderlichkeit, die diese Arbeiten so fürchterlich macht - und der Computer humanisiert sie.

Daran anschließend entwickelt er völlig bürgerliche Autonomievorstellungen um dann eben diese den Arbeitern als deren eigene unterzuschieben, als hätten diese ihre Kleinbürgerlichkeit bewusst durchdacht und nicht als spontanen, nachahmenden Reflex ausgebildet, eben als Flucht vor den Konsequenzen der Lohnarbeit. "Die industrielle Produktion lässt sich nicht steuern, sondern nur reduzieren. Das Reich der Freiheit beginnt außerhalb" -Die Entfremdung hat er völlig verinnerlicht. Die angebliche Nichtsteuerbarkeit ist Ideologie und sonst nichts. Richtig ist, dass noch keine alternative Ressourcenallokation entwickelt wurde. Die Fabrik ist die historische Form der heutigen industriellen Produktion, möglich geworden durch die technische Revolution. Das Reich der Notwendigkeiten lässt sich eben nicht kapitalistisch organisieren (Rundblick), da es sonst auf dem Verwertungsinteresse der konkurrierenden Kapitale und nicht auf "Strukturen" beruht. Diese Strukturen werden gerade durch eine gewöhnliche Krise aufgemischt. Ohne Ökonomische Todesdrohung funktioniert die heutige Produktion keine Woche. Rezipiert Stalinismus und Determinismus um beide mit Materialismus gleich zusetzen und diesen dann zu kritisieren; genauso wie den positivistischen Arbeitsbegriff der Arbeiterbewegung den er dann im Kern übernimmt.

Entwicklung der Arbeit/Arbeiterautonomie
Kapriziert sich auf Marx' Frühwerk: "Die Individuen müssen sich die Totalität der Produktivkräfte aneignen um ihre Existenz zu sichern" was nach Gorz außerhalb ihrer Fähigkeiten liegt. (Sie müssen sich natürlich nicht die gegebene, sondern die mögliche Totalität aneignen; die möglichen Produktivkraftentwicklungen zu ihrer Reproduktion.) Die Zerstörung der Arbeiterautonomie durch intellektuelle Enteignung, vollendet im Taylorismus, hat erst die völlige Industrialisierung möglich gemacht. Gleichzeitig vertiefte dieser Übergang die völlige Isolierung der Arbeiter in Gruppen (Ethnien), trotz ihrer gleichzeitigen Einbeziehung in die Weltwirtschaft, und schuf so die Abhängigkeit der Arbeiter von dem Wohl und Wehe der nationalen Wirtschaften und über die parallel entwickelten Wanderungsbeschränkungen, die im völligen Widerspruch zu den entsprechenden Bestimmungen der frühen Industrialisierung stehen.

Der Gesamtarbeiter bleibt dem Arbeiter äußerlich, weil (so Gorz) die funktionale Macht (der Apparate der Produktion) und die intellektuelle Enteignung eine Identifikation mit ihm verhindern. (Der Gesamtarbeiter bleibt dem Arbeiter äußerlich weil der Sinn der Produktion nicht erfassbar ist, denn es kann keinen seiner selbst bewussten Gesamtarbeiter geben, der sinnlose Produkte herstellt.) Falsche Herleitung aber richtige Schlussfolgerung (von den Operaisten geklaut): Die Arbeit selbst wird zum Herrschaftsinstrument gegen den Arbeiter und nicht die Macht in seiner Hand. Grund: Militarismus, den Gorz mit sachlicher Kooperation generell verwechselt, letztere generalisiert er zur "funktionalen Machtstruktur"! die seiner Meinung nach immer dieselben Folgen haben wird und immer bestehen wird. Dies ist aber seine eigene Denkblockade, die er schon in der Einleitung ausführt. Denn: Der Zugriff auf die äußere Natur ist immer durch die Form der soziale Organisation dieses Zugriffs determiniert. Diese Determination ist in der Entstehung einer neuen Produktionsform unbedeutend (im historischen Sinne) und setzt sich mit dem Alter des Systems immer mehr durch. Diese zunehmende Relevanz der sozialen Determination des Zugriffs auf die äußere Natur wird bedingt durch die Reichtumsakkumulation und die Sicherung eben diese Reichtums, ist also Folge und Zeichen der Akkumulation von Macht.

Gorz verwechselt Produktivkraftentwicklung mit ihrer Anwendung, der Technik und entwickelt daraus eine blödsinnige Gegenüberstellung:
Entwicklung der Produktivität (von was denn) um jeden Preis, oder Mensch gibt zu, dass die Produktionsmittel einer realen Kollektivaneignung im Wege stehen und begrenzt sie mit gesellschaftlicher Regulation. Diese soll durch eine Abkopplung "autonomer Bereiche" erreicht werden. Diese selbstverwalteten Bereiche sollen schmusepolitisch reguliert werden. Cafés, Kitas, alternative Medien etc., Autor verfällt ins Delirium. S 31 "Statt der Abschaffung der Lohnarbeit, fordert der Arbeiter die Abschaffung aller nicht entlohnter Arbeit (Hausarbeit)." Die Beschreibung des proletarischen Ressentiment führt ihn zum intellektuellen Ressentiment gegenüber den Arbeitern. Arbeiter als faule Masse mit überzogenen Ansprüchen.

Beschreibt nochmals die vollständige Enteignung:
Die Macht des Gesamtarbeiters hat es nie gegeben, sondern allenfalls die des organisierten Facharbeiters. Die Tätigkeit schließt keine Macht mehr ein. Der Arbeiter erkennt sich nicht als Schöpfer des Reichtums (weil die schöpferischen, nichtentfremdeten Arbeiten allesamt der Intelligenz vorbehalten sind, ein wichtiges Ziel der Enteignung). Arbeiterautonomie in einzelnen Betrieben führt allenfalls zu bornierten Sonderinteressen, weil keine Vermittlung der autonomen Arbeitergruppen eine vernünftige Ressourcenallokation gewährleisten kann. Die Facharbeiter wurden mit der Zeit durch Produktionsunteroffiziere ersetzt (oder sie wurden es selbst), abnehmende Fertigungstiefe verunmöglicht Aneignung eines Produkts, und schließt Arbeiterautonomie endgültig aus. Diese abnehmende Fertigungstiefe und die fortschreitende Verflechtung "entpersonalisieren die Macht" und lassen sie als Sachzwänge erscheinen (nix neues, Prinzip des Kapitalismus).

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Die Arbeitermacht über einen solchen Betrieb macht keinen Sinn; Arbeitermacht kann also nur noch Tarifmacht sein (innerhalb des Betriebs), die im Rahmen des gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses bleibt und nicht darüber hinaus geht (und was ist mit Arbeitszeitverkürzung?)

Arbeitermacht kann also, bis auf die Ausnahme der Zeitverkürzung, nur außerhalb der bestehenden Produktionsstrukturen erkämpft werden. Die Klassenzugehörigkeit wird als sinnlos erlebt, sie ist es auch, sie ist Lohnabhängigkeit! Das Neoproletariat nach Gorz: Die Ausgestoßenen, Unterbeschäftigten, Überzähligen (also die Reservearmee), in ihm sei die befreite Subjektivität zu finden. Das Neop. ist natürlich das Proletariat (Reserve). "Der Mensch der sich selbst als Zweck setzt ist zur Befreiung fähig" (Kalenderspruch). Kennzeichen des Proletariates ist die Lohnabhängigkeit, die auch während der Arbeitslosigkeit fortbesteht. Lediglich die Produktion kompensatorischer Bedürfnisse findet bei Arbeitslosen nicht statt, was sowieso eine Angelegenheit der Metropolen ist. In de hochmobilen unterbeschäftigten Jobbern die Negation des Proletariates zu sehen ist also blödsinnig. Wir sehen die altbekannte Spaltung des Proletariates (besonders nach Ethnien) in einer halbwegs neuen Form; der Club der Metropolengünstlinge (die mit dem richtigen Arbeitsethos, etc.) wird exklusiver.

Dem Autor sind die Maßstäbe durcheinander- geraten, allerdings liefert er als Strukturalist eine schöne Situationsbeschreibung. Danach beginnt der Autor wieder mit seinen seltsamen "Utopien" von den tollen selbstverwalteten Freiräumen. (S. 109) Die richtig beobachtete Obsoleszens moderner Produktionen verbleibt in einer gut zu lesenden Phänomenologie, ist für den Autor aber Anlass zu reaktionären Romantizismen (selbstverwaltet), die an den realen Gegebenheiten des Kapitalismus und an den realen Bedürfnissen der Arbeiter (Reproduktion) vorbeigehen. Beispiel: "Der Konsument steht im Dienst der Produktion" -Das trifft allenfalls für den Fordismus in den Metropolen zu und ist auch dort eine ungenaue Analyse, denn der Massenkonsum kann auch durch das Militär abgelöst werden. Gorz hinterfragt nie seinen Arbeitsbegriff, noch reflektiert er auf das Reproduktionsinteresse, obwohl er das hätte sehen können ("der sich selbst als Zweck setzende Mensch...") KM: "Arbeit ist die sozial organisierte Auseinandersetzung mit der äußeren Natur"

"Tatsächlich gründet sich der Marxismus auf einen Bedingungszusammenhang, von dem wir heute wissen, dass er sich in der Zukunft ebenso wenig herstellen wird, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Es handelt sich um folgenden Zusammenhang:"
1. Die Entwicklung der Produktivkräfte erzeugt die materielle Basis des Sozialismus;
2. die Entwicklung der Produktivkräfte bringt die gesellschaftliche Basis des Sozialismus hervor, dass heißt eine Arbeiterklasse, die imstande ist, die Gesamtheit der Produktivkräfte, deren Entwicklung sie ihr Entstehen verdankt, sich kollektiv anzueignen und zu verwalten.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus:
1. Die Entwicklung der Produktivkräfte ist funktional allein für die Logik und die Bedürfnisse des Kapitalismus. Weit davon entfernt, die materielle Basis des Sozialismus zu schaffen, behindert sie ihn. Die vom Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte sind in einem solchen Ausmaß von ihm geprägt, dass sie nach Kriterien einer sozialistische Rationalität weder geleitet noch betrieben werden können. Soll es Sozialismus geben, dann müssen sie umgestaltet, verwandelt werden. 
Aufgrund der vorhandenen Produktivkräfte denken, heißt verhindern, dass eine sozialistische Rationalität ausgebildet oder auch nur erkannt wird.
2. Die Entwicklung der Produktivkräfte des Kapitalismus erfolgte in einer Weise, die weder eine direkte Aneignung durch den Gesamtarbeiter, der sie in Gang setzt, noch eine kollektive Aneignung durch das Proletariat erlaubt. Tatsächlich hat die Geschichte des Kapitalismus eine Arbeiterklasse hervorgebracht, die in ihrer Mehrheit außerstande ist, die Produktionsmittel in Besitz zu nehmen, und deren unmittelbar bewusste Interessen mit einer sozialistischen Rationalität nicht übereinstimmen. An diesem Punkt sind wir heute angelangt. Der Kapitalismus hat eine Arbeiterklasse (allgemeiner: Lohnabhängige) entstehen lassen, deren Interessen, Fähigkeiten, Qualifikationen eine Funktion der Produktivkräfte sind, die ihrerseits funktional allein in Bezug auf die kapitalistische Rationalität wirken. Der Schritt über den Kapitalismus hinaus, seine Negation im Namen einer andersartigen Rationalität, kann daher nur von solche Schichten vollzogen werden, die die Auflösung aller Klassen, einschließlich der Arbeiterklasse, verkörpern oder ankündigen."